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PharmabrancheMilliarden-Börsengang geplant: Novartis will Generika-Sparte Sandoz abspalten

Die Pharmabranche sortiert sich weiter neu. Novartis-Chef Narasimhan muss eingestehen, dass er keine Synergien mit der weniger rentablen Sparte mehr sieht.Jakob Blume und Siegfried Hofmann 25.08.2022 - 12:02 Uhr aktualisiert Artikel anhören

„Wir glauben, das ist die beste Entscheidung für unsere Aktionäre.“

Foto: imago images/IP3press

Zürich, Frankfurt. Der Schweizer Pharmakonzern Novartis will sein Geschäft mit Nachahmermedikamenten abspalten. Die eigenständige Generikasparte Sandoz soll ihren Sitz in der Schweiz haben und dort auch an der Börse gelistet werden, teilte der Arzneimittelhersteller aus Basel am Donnerstag mit.

Dadurch entsteht der größte eigenständige Generikahersteller in Europa. Sandoz erzielte im ersten Halbjahr einen nahezu stabilen Umsatz von knapp 4,7 Milliarden Dollar und ist damit weltweit die Nummer drei nach dem US-Konzern Viatris und der israelischen Teva.

Bereits im vergangenen Oktober hatte Novartis angekündigt, strategische Optionen für die Weiterentwicklung des Herstellers von Nachahmermedikamenten zu prüfen. Firmenchef Vasant Narasimhan hielt sich dabei alle Optionen offen – einen Verkauf ebenso wie einen Börsengang.

Narasimhan will Novartis noch stärker auf hochspezialisierte Medikamente fokussieren. Der Manager sagte am Donnerstag: „Wir glauben, das ist die beste Entscheidung für unsere Aktionäre.“ Der Schritt werde „den Weg von Novartis zu einem fokussierten Unternehmen für innovative Arzneimittel abschließen“.

Der Baseler Konzern will in den fünf Bereichen Hämatologie (Blutkrankheiten), Immunologie sowie bei der Therapie von Tumoren, Herz-Kreislauf- und Nervenkrankheiten führend werden. Mit etwa 42 Milliarden Dollar Jahresumsatz wird Novartis künftig nur noch die Nummer acht in der Pharmabranche sein.

Generikasparte Sandoz passt nicht mehr ins Konzept

Das weniger rentable Generikageschäft passte schlicht nicht mehr ins Konzept. In der Coronakrise trug die Sparte ebenfalls nicht zu einer Stabilisierung der Erträge bei. Weil weniger Menschen einen Arzt aufsuchten, wurde Novartis durch die Pandemie doppelt getroffen: Der Konzern musste bei den patentgeschützten Therapien und bei den Generika Umsatzeinbußen hinnehmen.

Der heimische Konkurrent Roche konnte dagegen mit seinem Diagnostikgeschäft, das bei Coronatests zu den Marktführern zählt, die Umsatzeinbußen im Pharmageschäft mehr als ausgleichen. Immerhin: Bei den Halbjahreszahlen konnte Novartis die Prognose für Sandoz leicht anheben.

Als eigenständige Unternehmen könnten sich Novartis und Sandoz jeweils darauf konzentrieren, die Wertschöpfung für ihre Aktionäre zu maximieren, so Narasimhan weiter. Die Managementteams der beiden Konzerne könnten zudem ihre Produktpipeline und den Kapitaleinsatz individuell festlegen.

Es ist das Eingeständnis, dass Narasimhan keine nennenswerten Synergieeffekte mit dem Generikageschäft sieht. Vontobel-Analyst Stefan Schneider sieht das ähnlich: „Die Abspaltung ergibt Sinn, da das Management beider Geschäfte in den vergangenen Jahren an Komplexität zugenommen hat.“

Mit der geplanten Abspaltung folgt der Schweizer Konzern einem generellen Branchentrend, der in den letzten Jahren bereits zu zahlreichen Desinvestments und Spin-offs in der Branche geführt hat. Unter anderem wurden dabei Aktivitäten wie Tierarzneiherstellung und die Consumer-Health-Sparten abgespalten, also die Geschäfte mit rezeptfreien Gesundheitsprodukten.

Der US-Pharmariese Pfizer und die britische GSK etwa fusionierten ihre Consumer-Sparten zur Firma Haleon und brachten diese vor wenigen Wochen als eigenständiges Unternehmen an die Börse. Pfizer hatte zuvor sein Geschäft mit patentfreien Altprodukten mit der US-Firma Mylan fusioniert, woraus der neue Generika-Branchenführer Viatris entstand. Merck & Co. spaltete sein Geschäft mit Altprodukten in die eigenständige Firma Organon ab.

Etliche Hersteller verkauften zudem auch einzelne ältere und patentfreie Medikamente an kleinere Pharmaspezialisten. Die Mehrzahl der großen Pharmakonzerne konzentriert sich daher inzwischen voll auf das Geschäft mit innovativen Medikamenten und die Entwicklung neuer Arzneien.

Ist die 20-Milliarden-Bewertung für Sandoz zu halten?

Diese Neuordnung schlägt sich mittlerweile auch in einem deutlichen Wachstumsgefälle innerhalb des Pharmasektors nieder. Während die fokussierten Big-Pharma-Konzerne ihre Erlöse trotz der starken Dollar-Aufwertung im ersten Halbjahr 2022 fast durchweg steigern konnten, verbuchten Firmen wie Sandoz, Organon, Viatris und Teva Stagnation oder weitere Einbußen.

Auch die Bewertungen des Generikasektors stehen seit mehreren Jahren bereits unter Druck. Viatris hat an der Börse binnen Jahresfrist rund 30 Prozent an Wert verloren. Inklusive Schulden wird das US-Unternehmen aktuell noch mit rund 32 Milliarden Dollar bewertet oder dem 1,9-Fachen des Umsatzes. Ähnlich sind die Verhältnisse bei Teva.

Für Sandoz errechnet sich auf dieser Basis ein Unternehmenswert von etwa 18 Milliarden Dollar. Im vergangenen Herbst stand noch eine Bewertung von bis zu 20 Milliarden Schweizer Franken im Raum, also knapp 21 Milliarden Dollar. Damals prüften nach Handelsblatt-Informationen auch Investoren wie die Familie Strüngmann und der Finanzinvestor EQT eine Übernahme von Sandoz.

Der Schweizer Pharmakonzern dürfte sich in Zukunft auf margenstarke neue Medikamente konzentrieren.

Foto: Reuters

Ob sich diese Bewertung halten lässt, ist jedoch fraglich: Der jüngste Anstieg der Zinsen hat dafür gesorgt, dass der Hunger vieler Private-Equity-Firmen nach schuldenfinanzierten Großübernahmen geringer geworden ist. Auch die schwierige Entwicklung im Generikamarkt dürfte potenzielle Käufer abgeschreckt haben.

Narasimhan bestätigte am Donnerstag, es habe Interessenten für die Übernahme von Sandoz gegeben, darunter auch Private-Equity-Firmen. Ein verbindliches Kaufangebot habe der Konzern jedoch nicht erhalten. Gleichzeitig ließ er eine Hintertür für einen Verkauf außerhalb der Börse offen: „Ich kann nicht ausschließen, dass wir, wenn jemand mit einem sehr, sehr attraktiven Angebot käme, es in Betracht ziehen müssten.“

Ein direkter Verkauf hätte für den Baseler Konzern den Vorteil geboten, dass er seine Finanzkraft durch weitere Cash-Zuflüsse hätte stärken können und damit noch mehr Flexibilität für zusätzliche Investitionen in Forschung und Entwicklung oder Akquisitionen im Biotech-Sektor gewonnen hätte. Mit dem nun geplanten Spin-off dagegen wird Novartis keine Finanzmittel generieren. Vielmehr werden die bisherigen Aktionäre zusätzlich Aktien der eigenständigen Sandoz erhalten.

Allerdings dürfte der Konzern die Gelegenheit nutzen, so seine Finanzverschuldung zu reduzieren, etwa indem Sandoz im Vorfeld des Spin-offs noch eine kreditfinanzierte Sonderausschüttung an die Konzernmutter Novartis zahlt. Ähnliche Manöver hatten zum Beispiel auch Pfizer und Sandoz bei ihren Abspaltungen vollzogen.

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Die Bilanzstruktur von Novartis ist dabei ohnehin schon solide, nachdem man im vergangenen Jahr die Beteiligung an Roche für 20,7 Milliarden Dollar verkauft hatte. Per Ende Juni verfügte der Baseler Konzern über liquide Mittel und Wertpapiere von zusammen knapp 20 Milliarden Dollar, bei Finanzschulden von rund 29 Milliarden Dollar.

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