Pharmaindustrie: Zulassungserfolg für Boehringer: Diabetesmittel könnte zusätzliche Milliardenumsätze bringen
Für den deutschen Pharmakonzern erweist sich das Mittel Jardiance mehr und mehr als bisher wertvollster Forschungserfolg und maßgeblicher Wachstumsträger.
Foto: Boehringer IngelheimFrankfurt. Im Schatten der Corona-Pandemie hat der Pharmakonzern Boehringer Ingelheim einen wichtigen Erfolg im Kampf gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbucht. Das Diabetesmedikament Jardiance hat vor wenigen Tagen sowohl von der US-Arzneimittelbehörde FDA als auch von der EU die Zulassung für die generelle Behandlung der chronischen Herzinsuffizienz erhalten.
Für Patienten mit dieser relativ häufigen und gefährlichen Erkrankung eröffnet sich damit eine neue Therapieoption, für Boehringer die Aussicht auf ein lukratives Zusatzgeschäft. Marktbeobachter kalkulieren, dass Jardiance dank der erweiterten Zulassung Spitzenumsätze von weit über fünf Milliarden Euro erreichen könnte. Es würde damit zum zweiterfolgreichsten Produkt der deutschen Pharmabranche aufsteigen, nach dem Covid-Impfstoff von Biontech.
Im Herz-Kreislaufbereich, so die Erwartung, dürfte Jardiance Marktanteile gegenüber Produkten wie dem Novartis-Mittel Entresto und auch gegenüber dem direkten Konkurrenzprodukt Farxiga von Astra-Zeneca gewinnen. Als Diabetesmedikament ist Jardiance bereits seit 2014 auf dem Markt und schon heute mit etwa drei Milliarden Euro Umsatz Spitzenprodukt des Konzerns. Boehringer vermarktet das Produkt in Kooperation mit dem US-Vertriebspartner Eli Lilly.
Das neue, zusätzliche Einsatzgebiet ist von erheblicher Bedeutung, weil der Wirkstoff damit für einen weiteren relativ großen Patientenkreis verfügbar wird. Weltweit wird die Zahl der Personen mit Herzschwäche auf rund 60 Millionen geschätzt, davon 15 Millionen in der EU und zehn Millionen in den USA.
Die Krankheit ist durch eine verminderte Pumpleistung des Herzens gekennzeichnet, was bei den Betroffenen unter anderem zu Leistungsminderung, Atemnot und Wassereinlagerung im Gewebe führt. In Deutschland geht man von bis zu vier Millionen Patienten aus. Herzinsuffizienz ist hierzulande für jährlich rund 400.000 Krankenhauseinweisungen und 40.000 Todesfälle verantwortlich.
Ärzte bewerten Resultate als wichtigen Fortschritt
Ein besonderer Erfolg besteht für Boehringer insbesondere darin, dass Jardiance von den Behörden nun für alle Arten der Herzerkrankung zugelassen wurde, also auch für die Herzinsuffizienz mit erhaltener Ejektionsfraktion, von der etwa 50 Prozent der Patienten betroffen sind. Für diese Variante der Erkrankung ist in Europa bisher kein Arzneimittel mit nachgewiesenem therapeutischen Vorteil zugelassen. Jardiance dürfte damit zumindest vorrübergehend eine gewisse Alleinstellung in diesem Markt haben und davon mit deutlich zweistelligen Umsatzsteigerungen profitieren.
Dabei wirken die klinischen Daten auf den ersten Blick keineswegs überragend: Bei zweijähriger Behandlungsdauer konnte das Mittel das relative Risiko für einen Krankenhausaufenthalt oder Tod um 21 Prozent senken. Von den knapp 3000 Herzpatienten, die im Rahmen einer Studie behandelt wurden, verstarben 14 Prozent oder mussten stationär behandelt werden, in der Vergleichsgruppe dagegen 17 Prozent.
Kardiologen bewerten die Resultate angesichts des bisherigen Mangels an Therapien gleichwohl als sehr wichtigen Fortschritt. Der texanische Herzspezialist Mark Dazner etwa sprach in der angesehenen Fachzeitschrift „New England Journal of Medicine“ von einem „bedeutenden Sieg“ über eine Erkrankung, die sich bisher als besonders schwierig erwiesen habe.
Ähnlich klingt das Urteil von Norman Stockbridge, dem Direktor der FDA-Abteilung für Kardiologie und Nierenheilkunde. „Auch wenn das Medikament nicht für alle Patienten effektiv ist, bedeutet die Zulassung einen wichtigen Schritt voran für die Patienten und das generelle Verständnis der Erkrankung“, erklärte Stockbridge.
Thomas Jensen, der bei Boehringer die Abteilung für metabolische Erkrankungen und Herzinsuffizienz leitet, geht davon aus, dass Jardiance „einen neuen Behandlungsstandard für Millionen von Menschen mit symptomatischer, chronischer Herzinsuffizienz setzen wird“.
Jardiance wird für Boehringer maßgeblicher Wachstumsträger
Der Zulassungserfolg von Boehringer unterstreicht damit die generell wachsende Rolle der sogenannten SGLT-2-Blocker als eine Art Allzweckwaffe gegen kardio-metabolische Erkrankungen. Die Medikamente entfalten ihre Wirkung vor allem dadurch, dass sie ein Trägerprotein hemmen, das in Nierenzellen die Glucose-Aufnahme reguliert. Sie sorgen dafür, dass Glucose verstärkt über den Harn ausgeschieden wird und so der Blutzuckerspiegel sinkt. Darüber hinaus zeigten sie aber auch eine senkende Wirkung auf Blutdruck und Gewicht sowie positive Effekte auf Herz- und Nierenfunktion.
Für Boehringer erweist sich Jardiance mehr und mehr als bisher wertvollster Forschungserfolg und maßgeblicher Wachstumsträger neben dem Fibrose- und Krebsmedikament Ovef und dem an Abbvie auslizenzierten Schuppenflechtemittel Skyrizi, mit dem der Konzern zwar keine eigenen Umsätze erzielt, aber sehr hohe Lizenzeinnahmen generiert. Insgesamt verbuchte das Unternehmen zuletzt einen Umsatz von knapp 20 Milliarden Euro, davon drei Viertel im Humanpharmabereich.