Siemens-Managerin Mariel von Schumann: „Mitarbeiter sind die loyalsten Eigentümer“
Die Managerin ist bei Siemens unter anderem für die Investor Relations und die globalen Mitarbeiter-Aktienprogramme verantwortlich.
Foto: SiemensMünchen. Seit Joe Kaeser den Vorstandsvorsitz bei Siemens übernommen hat, forderte er seine Mitarbeiter immer wieder auf: „Handle stets so, als wäre es dein eigenes Unternehmen.“ Um eine Eigentümerkultur zu etablieren, wollte er auch den Anteil der Mitarbeiter-Aktionäre steigern.
Inzwischen halten mehr als 300.000 der 377.000 Beschäftigten Aktien des eigenen Unternehmens, teilte Siemens am Donnerstag mit. Die hohe Zahl ist auch auf das Programm „Siemens Profit Sharing“ zurückzuführen, bei dem die Mitarbeiter nach besonders erfolgreichen Geschäftsjahren kostenlos Aktien bekommen. Mariel von Schumann ist als Chief of Staff unter anderem für die Investor Relations und die globalen Mitarbeiter-Aktienprogramme verantwortlich.
Frau von Schumann, können Mitarbeiter auch ein Ankeraktionär sein, um das Unternehmen zum Beispiel vor aktivistischen Aktionären oder Übernahmen zu schützen?
Das ist ein eher theoretisches Szenario. Grundsätzlich bin ich davon überzeugt, dass Mitarbeiter die verlässlichsten und loyalsten Eigentümer sind, die man sich vorstellen kann. Warum? Weil sie ein langfristiges Interesse am eigenen Unternehmen haben und weniger am schnellen Gewinn orientiert sind. Siemens tritt hierzu den Beweis an: 87 Prozent unserer Mitarbeiteraktionäre halten ihre Aktien deutlich länger als drei Jahre.
Wieviel Prozent der Siemens-Anteile halten die Beschäftigten denn inzwischen und wie viel Prozent könnten es noch werden?
Wir haben seit kurzem eine rekordverdächtige Anzahl an Mitarbeiteraktionären: 305.000 unserer 377.000 Mitarbeiter sind auch Aktionäre von Siemens – rund 80 Prozent der Belegschaft. Darauf sind wir sehr stolz. Denn wir erreichen damit eine völlig neue Basis für die Umsetzung der Eigentümerkultur bei Siemens.
Und wie groß ist das Gewicht der Mitarbeiter-Aktionäre nun insgesamt?
Zusammen halten unsere Mitarbeiteraktionäre einen Anteil von etwas mehr als drei Prozent aller Siemens-Aktien und sind derzeit der drittgrößte Siemens-Investor. Erreicht haben wir das durch eine Vielzahl von Aktienprogrammen für alle Mitarbeiter sämtlicher Hierarchieebenen weltweit, die wir seit Jahren anbieten, und kürzlich durch die Ausschüttung einer neu eingeführten Mitarbeiterbeteiligung, dem sogenannten Siemens Profit Sharing.
Dabei kann der Vorstand nach besonders erfolgreichen Geschäftsjahren entscheiden, einen Teil des Gewinns in den Profit Sharing Pool einzuzahlen. Seit 2015 haben sich dort 400 Millionen Euro angesammelt, die nun vorwiegend in Gratis-Aktien an die Mitarbeiter unterhalb des Managements ausgegeben wurden.
Mit diesem Beteiligungskonzept sind wir jetzt schon in mehr als 100 Ländern unterwegs. Wir arbeiten kontinuierlich daran, künftig noch mehr Regionen zu beteiligen. Das erfordert viel Vorbereitung, ist aber machbar.
Ist ein Investment in die Aktien eines Unternehmens, auch wenn es das eigene ist, für Mitarbeiter nicht ein Klumpenrisiko?
Vermögensbildung und Altersvorsorge sollten grundsätzlich auf mehreren Säulen beruhen. Mitarbeiterkapitalbeteiligung kann daher andere Vorsorgemodelle nicht ersetzen, ist aber eine sinnvolle Ergänzung zur privaten Altersvorsorge.
Siemens trägt insofern dazu bei, ein Klumpenrisiko vorzubeugen, als das Investment in Mitarbeiteraktien auf maximal fünf Prozent des Brutto-Jahresgrundgehalts begrenzt ist.
Wichtig ist auch eine fundierte Aufklärung über die Funktion des Kapitalmarkts. Denn Aktien bergen nicht nur Chancen, sondern auch Risiken. Deshalb informieren wir unsere Mitarbeiter bestmöglich auf verschiedenen Kanälen rund um das Thema Aktien.
Wie könnte die Mitarbeiterbeteiligung konkret steuerlich gefördert werden?
Deutschland ist absolutes Schlusslicht in Sachen Mitarbeiterbeteiligung. Mit einem Steuerfreibetrag von 360 Euro sind wir im europäischen Vergleich auf dem letzten Platz. Das muss sich ändern. Hier gibt es für den Gesetzgeber große Chancen, deutlich bessere Rahmenbedingungen und Anreize zu schaffen.
Um auf ein international übliches Niveau zu kommen, müsste der Steuerfreibetrag auf 3000 Euro erhöht werden. Dividenden und Zinserträge sollten außerdem nicht besteuert werden, sofern sie dem langfristigen Vermögensaufbau dienen. Ich finde es problematisch, wenn ein kurzfristig denkender Hedgefonds steuerlich genauso behandelt wird wie ein privater Anleger, der nachhaltig und langfristig in Aktien investiert, um damit seine Altersvorsorge aufzubessern.
Unsere Forderungen haben wir bereits Ende letzten Jahres im „Berliner Appell“ an die neue Bundesregierung gerichtet. 60 Vertreter namhafter Unternehmen, Hochschulen und weiterer Institutionen haben den Aufruf unterzeichnet. Es geht darum, dass die Deutschen nicht weiterhin vom wirtschaftlichen Erfolg abgekoppelt bleiben, sondern – gerade in Zeiten niedriger Zinsen – an der Unternehmensentwicklung teilhaben und damit ihre persönliche Vermögensbildung verbessern können.
Frau von Schumann, vielen Dank für das Interview.