Tesla-Files: Wie der Insider Krupski vom Helden zu Musks Feind wurde
Als er auf Missstände bei Tesla hinwies, lernte Krupski die Schattenseiten des Wachstumskonzerns kennen.
Foto: Michael Englert für Handelsblatt- Tesla feierte Lukasz Krupski einst als Helden, heute verfolgt der Konzern ihn mit aller Härte. Der Grund: Der Techniker gab geheime Dokumente an das Handelsblatt weiter.
- Nun nennt der Insider erstmals seinen Namen und erzählt seine ganze Geschichte. Sie zeugt davon, wer den Preis für Teslas ungeheures Wachstum zahlt.
- Handelsblatt-Recherchen zeigen, dass der Fall exemplarisch ist. Weltweit leiden Mitarbeiter unter Teslas Führungskultur, schlechten Arbeitsbedingungen und Musks ständigem Misstrauen.
Berlin, Düsseldorf. Lukasz Krupski ist noch in der Probezeit, als er sein Leben für Tesla riskiert. Es ist Samstag, der 30. März 2019, im norwegischen Lilleström. Tesla präsentiert das neue Model 3. Um 14.30 Uhr, so wird es der US-Elektroautobauer später in einem Protokoll festhalten, bricht in der Halle ein Feuer aus.
Krupski arbeitet nur wenige Meter entfernt. Er spürt die Hitze im Nacken, dann einen stechenden Geruch in der Nase. Als Krupski sich umdreht, sieht er Flammen aus einem Auto schlagen.
Tesla-Files: Insider Lukasz Krupski erst kaltgestellt, dann gefeuert
Das Model 3 steht vor einem Vorhang, hinter dem sich Besucher tummeln. Krupski hechtet hinüber, reißt ein brennendes Schnellladegerät aus dem Motorraum und schleudert es zur Seite – die Hand nur durch den Ärmel seines Hemds geschützt. Dann greift er ein zweites Mal ins Feuer, zieht brennende Kabel aus dem Auto, wirft sie ebenfalls auf den Boden. Seine Kollegen ersticken die Flammen mit Tüchern.
Krupski hat eine Katastrophe verhindert. Tesla verbaut in seinen Autos Lithium-Batterien, die selbst Feuerwehrleute nur mit Mühe löschen können. Zwei Tage später berichtet ein Servicemanager Konzernchef Elon Musk in einer Mail von Krupskis „heroischem Einsatz“. Der Techniker habe gehandelt, „bevor es zu spät war“.
Musk schreibt wenige Stunden später an Krupski: „Danke. Und herzlichen Glückwunsch zur Rettung des Tages!“
Es hätte der Beginn einer vielversprechenden Karriere sein können. Es wurde eine Tragödie. Krupskis Geschichte gewährt tiefe Einblick in das Unternehmen Tesla. Sie zeigt, wie der Milliardär und Ausnahmeunternehmer Musk den Konzern führt, welchen Risiken er seine Arbeiter aussetzt – und wie der Glanz des Tesla-Chefs zu verblassen beginnt.
Der blaue Tesla am Stoffvorhang wird am 30. März 2019 Feuer fangen, weil ein Mitarbeiter einen Schnelllader manipulierte.
Foto: HandelsblattEigentlich ist Krupskis Einsatz zunächst genau das, was Elon Musk von seinen Mitarbeitern fordert: totale Hingabe zum Job. Ohne diese Maxime, so sieht es zumindest der Tesla-Chef, gehe es nicht.
Sein Unternehmen ist der wertvollste Autokonzern der Welt – trotz seiner jungen Geschichte. Konkurrenten wie Ford oder General Motors waren schon 100 Jahre alt, als Tesla 2003 gegründet wurde. Musk stieg 2004 als Investor ein, übernahm 2008 die Führung und brachte Tesla 2010 an die Börse. Es folgte ein Wachstum, wie es die Autobranche noch nie gesehen hatte.
Drei Jahre nach dem Börsengang hatte Tesla seinen Umsatz von 117 Millionen auf zwei Milliarden Dollar getrieben. 2018 erwirtschafteten 48.000 Mitarbeiter 21 Milliarden Dollar Umsatz. Unter dem Strich freilich gab es trotz des Aufwands bis 2020 nur Verluste.
„Es ist absurd, dass Tesla noch existiert. Absurd!“, sagte Musk dazu mal in einem Interview. Nur „quälenden Anstrengungen“ und „Hundert-Stunden-Wochen für alle“ sei es zu verdanken, dass die Firma überlebt habe. Tesla dürfe „nicht sterben“. Es gehe schließlich um „die Zukunft des nachhaltigen Verkehrs“.
Auch Krupski glaubte an diese Mission. Er griff für Musk ins Feuer, riskierte für Tesla seine Gesundheit. Doch Krupskis Geschichte ist kein Arbeitermärchen. Als er auf Missstände im Unternehmen hinwies, lernte er die Schattenseiten des Wachstumskonzerns kennen. Dass Sicherheit im System Musk nur Nebensache ist – und Widerspruch, selbst wenn er sich durch konstruktive Kritik äußert, nicht vorgesehen. Tesla stellte Krupski erst kalt, dann wurde er gefeuert.
Heute werfen Tesla-Anwälte Krupski vor, geheime Dokumente aus dem Unternehmen geschleust zu haben. Musk hat eine ehemalige CIA-Agentin auf ihn angesetzt. Norwegische Behörden durchsuchten auf Drängen des US-Konzerns Krupskis Wohnung, beschlagnahmten seinen Computer, sein Telefon, seine Datenträger.
Hintergrund sind die „Tesla-Files“. Das Handelsblatt wertete die Daten des Whistleblowers aus, enthüllte Probleme bei Teslas wichtigstem Projekt, dem Autopiloten. Die Redaktion berichtete über Konstruktionsschwierigkeiten beim neuen Cybertruck und darüber, wie nachlässig Tesla mit den Daten seiner Kunden und Mitarbeiter umgeht, darunter Gehälter, medizinische Angaben und Sozialversicherungsnummern.
Nach dem Vorfall in Lilleström bedankte sich Tesla-Chef Musk höchstpersönlich bei Krupski.
Foto: ReutersAll diese Daten, sagt Krupski, lagen im IT-System von Tesla ungeschützt herum. Jeder Mitarbeiter hätte sie angeblich kopieren können, auch solche in Russland oder China. Tesla spricht von Datenklau, beantwortet aber bis heute keine Fragen zu Details. Dasselbe gilt für die zahlreichen Vorwürfe, mit denen das Handelsblatt das Unternehmen für diesen Artikel konfrontierte.
2018 nannte es Musk absurd, dass sein Unternehmen noch existiert. Heute ist Tesla der neue Polarstern der Branche. Ein Himmelszeichen, an dem sich alle orientieren. Nun zeigen Recherchen des Handelsblatts den Preis für Musks bedingungslosen Wachstumskurs. Und wer ihn zahlt.
So begann Lukas Krupski Karriere bei Tesla
Lukasz Krupski wird am 3. November 1985 in Warschau geboren. Er wächst auf einem Bauernhof in Zaby auf, einem Dorf, 180 Kilometer südwestlich der Hauptstadt gelegen.
Sein Vater sagt, Krupski sei ein ernster, introvertierter und verantwortungsbewusster Junge gewesen. Er habe viele Fragen gestellt, immer wieder und zu allem, was ihn interessierte. „Lukasz hat sich schon als Kind für motorisierte Fahrzeuge begeistert, etwa Traktoren und Mähdrescher. Später hat er Autos selbst auseinandergebaut und repariert.“
Krupski junior will kein Bauer werden. In der Schule faszinieren ihn Wissenschaften und Technologien, besonders die Luft- und Raumfahrt. 2004 beginnt er ein Physikstudium in Warschau, später wechselt er nach Breslau, wo er einen Abschluss in Business-Management macht. Dann bereist Krupski die Welt.
Er arbeitet als Elektriker in Dänemark, auf Baustellen in Australien. Für ein polnisches Unternehmen recherchiert er über elektrische Autos. Ein Foto von Oktober 2011 zeigt Krupski auf einer Messe in München. Er posiert neben einem orangen Tesla Roadster.
Krupski posiert im Oktober 2011 neben einem Tesla Roadster.
Foto: Handelsblatt2018 sieht Krupski ein Angebot von Tesla für eine Stelle in Norwegen. Die Möglichkeit, für Elon Musk zu arbeiten, begeistert ihn sofort. Am 2. Oktober unterschreibt Krupski den Vertrag. Als Servicetechniker verdient er 430.000 norwegische Kronen im Jahr, damals 45.000 Euro – deutlich weniger als bei früheren Jobs.
Auch viele andere Angestellte berichteten dem Handelsblatt, dass sie Nachteile in Kauf nahmen, um bei Tesla zu arbeiten. Die meisten sagen, ihr Antrieb sei ein Bedürfnis nach Sinnhaftigkeit, dem Wunsch, die Welt zu verbessern. Teslas Führungskräfte nähren diese Erwartung, sprechen von „unserer Mission“ und „Elons Masterplan“.
„Ich wurde im Bewerbungsgespräch nicht gefragt, was ich kann. Sie wollten nur wissen, ob ich Bock habe auf Tesla und auf den Job“, berichtet ein Mitarbeiter aus Grünheide. Er habe das Gefühl, dass es den Tesla-Recruitern nur darum ging, Bewerber auszusortieren, „die zu oft auf die Uhr schauen“.
Das bestätigt auch ein Ex-Vertriebler. In seinen Bewerbungsgesprächen sei es vor allem um „das richtige Mindset“ und seine Belastbarkeit gegangen. Die Personaler hätten etwa wissen wollen, ob er „gut mit dauerhaftem Stress umgehen“ könne. Ihm sei gesagt worden, er müsse bei Tesla „die Extrameile gehen“. Andernfalls sei er fehl am Platz.
Wer nachlässt, wird aussortiert. Tesla bewertet seine Mitarbeiter halbjährlich nach einer „Fünf-Punkte-Skala“. Sie reicht von „inakzeptabel / schlecht“ bis „außergewöhnlich / ausgezeichnet / sehr zufriedenstellend“. Vorgesetzte müssen beurteilen, ob ihre Mitarbeiter sich „Teslas Mission verpflichtet fühlen“ und „das Richtige tun, auch wenn es schwer ist“.
Tesla-Files: Die Hintergründe zum Datenleck
Auch die Führungskräfte selbst werden bewertet. Dem Handelsblatt liegen entsprechende Dokumente mit Spalten für Kategorien wie „motiviert“, „kollaborativ“ und „vertrauenswürdig“ vor. Eine dieser Tabellen hat Andrew Baglino für sein Team ausgefüllt, Teslas oberster Ingenieur für Antriebe und Energie.
Baglino lobt einen führenden Mitarbeiter dafür, dass er sein Team mit „aggressiven Zielen“ motiviert habe, einem anderen rät er: „Vermeide es, dich zu verteidigen.“ Und eine dritte Führungskraft fordert er auf, gelegentlich „einen harten Stoß zu demonstrieren, um das Gefühl der Dringlichkeit zu verstärken“.
Krupski leidet bei Tesla unter toxischen Kollegen
Als Lukasz Krupski sich am 1. November 2018 zum ersten Mal seinen Mitarbeiterausweis umhängt, geht für ihn ein Traum in Erfüllung. Der junge Mann ist stolz, bei Tesla anzufangen. Stolz darauf, für den fortschrittlichsten Autokonzern der Welt zu arbeiten. Krupski bezeichnet sich sogar selbst als „Tesla-Jünger“. Als Mitarbeiter Nummer 709279 will er Elon Musk helfen, die Welt zu verbessern.
Lukasz Krupski in Tesla-Arbeitskleidung am 18. März 2019 im norwegischen Drammen.
Foto: HandelsblattNoch bevor der erste Arbeitstag endet, zweifelt Krupski an seiner Entscheidung. Tesla hat keine Arbeitskleidung für ihn. Als er seinen Laptop abholt, hört er von erstaunten Kollegen, sie hätten ihren erst nach Monaten erhalten. Es fehlen Werkzeuge. Der ganze Betrieb wirkt auf Krupski schlecht organisiert.
Seine Kollegen sind fast alle Fremde wie er. Sie kommen aus Polen, Litauen, kaum aus Norwegen. Der Umgangston ist rau. Die Männer fluchen viel, ziehen sich gegenseitig auf. Sie spielen Pornos auf ihren Smartphones ab und reichen sie herum. All das rückt in den Hintergrund, als in der Tesla-Halle in Lilleström ein Model 3 in Flammen steht. Krupski hängt noch heute der Geruch von brennendem Plastik in der Nase, wenn er sich an den 30. März 2019 erinnert.
Der Vorfall hätte Tesla zurückwerfen können. Das Unternehmen erwirtschaftet damals keinen Profit, im Jahr zuvor schrammte es an einer Insolvenz vorbei. Ein fabrikneues Auto, das plötzlich Feuer fängt, während ein paar Meter weiter Kunden stehen, hätte weitreichende Folgen haben können.
Dank Krupski bemerken die Kunden auf der anderen Seite des Vorhangs nichts von den Flammen. Seine Kollegen öffnen die Türen, um den Gestank aus der Halle zu lüften. Er selbst fährt ins Krankenhaus. Während ein Arzt Krupskis verbrannte Hand verbindet, macht Tesla weiter, als wäre nichts gewesen.
Als Musk zwei Tage später seinem Mitarbeiter in Norwegen dankt, wiegelt Krupski ab. Das Feuer zu ersticken, bevor es um sich greifen konnte, sei für ihn eine Selbstverständlichkeit gewesen, antwortet er dem Tesla-Chef. Musk hakt nach: „Können wir irgendetwas tun, um die Dinge in Zukunft besser zu machen?“
Er kann nicht ahnen, wie sehr sich Krupski über diese Frage freut. Der Pole hält seinen Arbeitsplatz bei Tesla für ein Dauerrisiko. Es gibt zu wenig Feuerlöscher. Weil die Autos so dicht beieinanderstehen, fliegen beim Schleifen Funken und geschmolzenes Metall auf andere Fahrzeuge und Mitarbeiter.
Tesla hat auch andernorts Probleme. Die erste Produktionsstätte im kalifornischen Fremont galt lange als gefährlichste Autofabrik der USA. Die amerikanische Behörde für Arbeitsschutz notierte für die Tesla-Standorte in Kalifornien, Nevada und Texas seit 2019 insgesamt 29 Verstöße – acht mehr als bei den Konkurrenten BMW, Ford, General Motors, Honda, Hyundai, Mercedes, Toyota und Volkswagen zusammen.
Die erste Tesla-Produktionsstätte im kalifornischen Fremont galt lange als gefährlichste Autofabrik der USA.
Foto: TeslaDer frühere US-Produktionsmitarbeiter Christopher Webber schilderte dem Handelsblatt nicht nur gefährliche Situationen am Arbeitsplatz, sondern auch rassistische Auswüchse wie Nazischmierereien auf der Toilette. Auch die Tesla-Files zeigen solche Fälle.
2021 kündigte Tesla einem Mitarbeiter, weil er Hakenkreuze auf Gussteile gesprayt hatte. Der Afroamerikaner Owen Diaz dagegen beschuldigte seine Vorgesetzten, eben nicht gegen Rassismus vorzugehen. Im April erhielt Diaz von einem Gericht wegen „seelischer Grausamkeit“ an seinem Arbeitsplatz 3,2 Millionen US-Dollar zugesprochen.
In Deutschland wirft die IG Metall Tesla vor, seine Mitarbeiter den Preis für das hohe Wachstumstempo zahlen zu lassen. Immer wieder gebe es Beschwerden ohne Folgen. Am 7. Juli 2023 kam eine davon bei der Berufsgenossenschaft an. Es habe Jahrzehnte gedauert, bis wir „einen ordentlichen Schutz für Arbeiter erkämpfen konnten“, klagte ein Tesla-Mitarbeiter. „Dies wird komplett seitens des Unternehmens torpediert.“
„Tesla-Files“: Der Autopilot
Er könne belegen, dass an „mindestens zwei unterschiedlichen Produktionslinien“ elektrische Anlagen mit einem falschen CE-Zeichen versehen seien. Entsprechende Fotos liegen dem Handelsblatt vor. Mit dem Sicherheitssiegel versichern Firmen, dass ihre Produkte die Anforderungen aller gültigen EU-Richtlinien bezüglich Sicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz erfüllen.
Tesla beantwortete dem Handelsblatt keine Fragen zu Sicherheitsthemen. Der Mitarbeiter ergänzte seine Mahnung um Mängel bei der Ausstattung. So gebe es trotz Lärm kaum Möglichkeiten, sein Gehör zu schützen. Nicht einmal die Toiletten seien ausreichend ausgestattet. Sein Fazit: „Wir dürfen keine amerikanischen Verhältnisse in Deutschland dulden!“
Elon Musks DNA
Lukasz Krupski erlebt diese Verhältnisse in Norwegen. Am 2. April 2019 schickt er eine Mail an Musk und erklärt das brennende Model 3 auf der Ausstellung in Lilleström. Ein Techniker habe den Schnelllader manipuliert, eine Sicherheitsvorrichtung entfernt und so das Feuer verursacht.
Musk wirkt dankbar. „OK, sag mir bitte Bescheid, wenn es noch etwas zu tun gibt“, antwortet er Krupski am 4. April 2019. Noch am selben Tag verschickt ein für Arbeitssicherheit zuständiger Tesla-Manager eine Mail an Führungskräfte in ganz Europa. Betreff: „SICHERHEITSWARNUNG – BITTE WEITERGEBEN“.
Es sei strengstens untersagt, Werkzeuge zu modifizieren, mahnt der Sicherheitsbeauftragte. „Das bringt Sie, Ihre Kollegen und das Unternehmen in große Gefahr“, wie das Feuer in Lilleström gezeigt habe. Es sei nur „dem schnellen Handeln unseres Technikers“ zu verdanken, dass größerer Schaden verhindert werden konnte.
Krupski ist glücklich. Er steht zwar in der Hierarchie auf der untersten Ebene, doch seine Vorschläge finden ganz oben Gehör.
Das entspricht Musks Philosophie. Er stellte schon 2014 klar, dass er nichts von herkömmlichen Befehlsketten hält. Bei Tesla könne jeder ohne Erlaubnis mit jedem kommunizieren, versprach er seinen Mitarbeitern. Das gelte immer, ganz gleich, ob es um Manager einer anderen Abteilung gehe oder den Tesla-Chef höchstpersönlich. Musk: „Sie sollten sich sogar verpflichtet fühlen, das zu tun, bis das Richtige passiert.“
Was richtig ist, bestimmt Musk allein. Dem Handelsblatt liegt eine Präsentation für Mitarbeiter aus dem Jahr 2020 vor. Darin heißt es, dass Elon Musk sich durch seinen Ehrgeiz auszeichne und seine Energie nicht auf „Aufgaben mit geringem Nutzen“ verschwende. Mitarbeiter sollten sich ein Beispiel an ihm nehmen. Sie müssten lernen, die „DNA von Elon“ in ihrer täglichen Arbeit anzuwenden.
Tesla-Mitarbeiter sollen sich ein Vorbild an ihrem Chef nehmen.
Foto: HandelsblattViele Beschäftigte erzählten dem Handelsblatt, dass sie wie Krupski aus „Neigung zu Musk und seinen Projekten“ lange über die Zustände bei Tesla hinwegsahen. Der Musk-Kult innerhalb des Unternehmens gehe allerdings vielen zu weit.
Ein ehemaliger Mitarbeiter aus den USA berichtet, dass Musk seine Ingenieure mitunter auch um ein Uhr nachts am Wochenende zur Konferenz bestellt habe. Seine Kollegen am Standort Palo Alto hätten alle Mülleimer aus den Büros entfernen müssten. Der Grund: Musk habe ihren Anblick verabscheut.
Tesla wolle nur „Handlanger und dressierte Affen“, sagt ein Ex-Manager. Ein früherer Mitarbeiter aus Grünheide betont: „Das ist wie in einer Sekte: Alle orientieren sich am Chef wie an einer göttlichen Führungsfigur.“
Tesla überwacht Mitarbeiter mit Spähsoftware
Im Frühjahr 2019 zählt Krupski noch zu Musks Jüngern. Es gibt allerdings ein Problem. „Hi Elon“, schreibt er am 6. April. „Nach meiner letzten Mail an dich besteht mein Vorgesetzter darauf, meine Korrespondenz mit dir zu überprüfen „ – ob das für Musk okay sei. Krupski: „Für mich wird es jetzt heikel.“
Der Tesla-Chef allerdings ist nicht mehr zugänglich, sein Interesse an den Warnungen aus Norwegen verblasst. Am nächsten Tag antwortet er Krupski: „Ich kann keine E-Mails lesen, es sei denn, sie sind entscheidend für Tesla.“
Der ist perplex. Sollte es Musk nicht stören, wenn Hinweisgeber wie er zur Zielscheibe ihrer Vorgesetzten werden? Wenn Sicherheitsrisiken bei Tesla verschwiegen werden aus Angst vor negativen Konsequenzen? Krupski kann das nicht glauben. Musk selbst hat seine Mitarbeiter doch verpflichtet, hartnäckig zu bleiben.
Am 11. April organisiert Krupski eine Besprechung, an der mehrere Kollegen teilnehmen. Es geht unter anderem um Montagetische, die nicht für die Traglast eines Teslas geeignet seien. Das könne zu Sachschäden führen und sei auch für Mitarbeiter gefährlich.
Ein Manager versichert, die Hinweise würden „ernst genommen und professionell gehandhabt“. Kurz darauf bemerkt Krupski etwas Seltsames: Sein Arbeitsrechner funktioniert langsamer als bisher. Krupski glaubt, dass ein Programm schuld ist, das im Hintergrund läuft: Code42.
Krupski hat noch nie davon gehört, also googelt er. Auf der Website des Anbieters liest Krupski, dass Code42 Mitarbeiter identifiziere, die „eine Bedrohung“ für ihren Arbeitgeber darstellen. Die Firma wirbt mit „gezieltem Einblick“ in die Dateiaktivität solcher „Hochrisiko-Mitarbeiter“.
Tesla ist ein guter Kunde von Code42. Die Tesla-Files zeigen, dass der Autohersteller zwischen November 2020 und Mai 2021 insgesamt 31.000 Lizenzen für die Überwachungssoftware erwarb und dafür 826.000 Dollar zahlte. Inklusive Support und 4000 später nachgebuchten Lizenzen rechnete Code42 mehr als eine Million US-Dollar ab.
Geheime Dokumente und die Geschichte eines Technikers zeigen, wie Elon Musk den wertvollsten Autokonzern der Welt steuert.
Foto: Handelsblatt, Mona Eing & Michael MeissnerMusks Sicherheitsbedürfnis war damit aber offenbar noch nicht gedeckt. Tesla beschäftigte auch die Sicherheitsfirmen Gavin de Becker und Nisos. Sie sind bekannt dafür, ehemalige Agenten des FBI oder der CIA einzusetzen, auch frühere Soldaten der US-Marines.
Gavin de Becker arbeitet vor allem als Sicherheitsdienst für Musk und seine Familie. Im September 2014 reichte die „Abteilung für Bedrohungsanalyse und -management“ aber auch eine Rechnung für „Investigative Research“ und eine „verdeckte Operation“ in San Francisco ein.
Nisos stellte Tesla Mitte Juli 2018 knapp eine Million US-Dollar in Rechnung, unter anderem für die Unterstützung bei einer „Leak Investigation“ und die „Suche nach Bedrohungen und deren Zuordnung“. Kurz zuvor hatte Tesla seinen Ingenieur Martin Tripp verklagt. Er soll Reporter auf angebliche Verzögerungen bei der Produktion hingewiesen haben.
In Deutschland will Tesla sogar eigene Spione beschäftigen. Ende 2022 schaltete das Unternehmen eine Stellenanzeige für sein Werk in Grünheide. Tesla suchte einen „Security Intelligence Investigator“ mit Erfahrung bei der Polizei oder Geheimdiensten. Er sollte Informationen über Mitarbeiter sammeln. Dies gelte „sowohl innerhalb als auch außerhalb der Tesla-Mauern“.
Das verunsichert. „Viele Mitarbeiter denken, sie dürften nicht einmal mit ihrer Gewerkschaft über Arbeitsbedingungen oder Vorfälle in der Gigafactory sprechen“, berichtet die IG Metall. „Dabei steht ihnen dieses Recht sogar laut Grundgesetz zu.“
Tesla verbannt Lukas Krupski in den Keller
Wer entscheidet, welcher Mitarbeiter überwacht wird? Krupski vermutet, dass bei ihm sein Vorgesetzter dahinterstecken könnte. Der habe ihm am 23. April 2019 überraschend mitgeteilt, dass er für Krupski keine Zukunft mehr im Unternehmen sehe. Vom Handelsblatt danach gefragt, antwortete der Manager nicht.
Krupski sucht Hilfe bei Musk. „Die Umstände haben sich geändert“, schreibt er am 25. April. Er berichtet dem Tesla-Chef von dem Gespräch mit seinem Vorgesetzten. Dann erklärt Krupski: „Ich habe versucht, mich zu verteidigen. Aber seine Meinung stand bereits fest.“
Musk antwortet Krupski nicht mehr. Tesla weist dem Techniker einen neuen Arbeitsplatz zu: den Keller der Auslieferungsabteilung. Dort soll sich Krupski unter anderem um die Diagnose von Problemen bei der Autoelektronik kümmern. Meist arbeitet er allein.
Krupski sagt, er habe fortan nicht mehr mit seinen Kollegen aus dem Service sprechen dürfen. Ein Grund für die Versetzung in den Keller sei ihm nicht genannt worden.
Am 2. Mai beschwert sich Krupski bei der Personalabteilung. Er fühle sich diskriminiert und sei bereit, in einem Gespräch detailliert zu erklären, was aus seiner Sicht alles schieflaufe. Dabei gehe es nicht nur um die Schikanen seines Chefs, schreibt Krupski, sondern auch um „gefährliche Arbeitsbedingungen“.
Sechs Tage später zitiert Tesla Krupski zu einer Besprechung. Auch sein Vorgesetzter nimmt daran teil. Eine Mitarbeiterin aus der Personalabteilung eröffnet Krupski, das Unternehmen erwäge „die Beendigung des Arbeitsverhältnisses“. So hält es das Unternehmen sechs Wochen nach dem Feuer in Lilleström in einem Protokoll fest.
Lukasz Krupski sieht seine Mission bei Tesla noch nicht abgeschlossen, längst nicht alle Missstände aufgedeckt.
Foto: Michael Englert für HandelsblattKrupskis Vorgesetzter sagt, er habe Rückmeldungen erhalten, nach denen der Techniker „das Arbeitsumfeld negativ beeinflusst“. Krupski verwende zu viel Zeit darauf zu prüfen, „ob Dinge richtig sind oder nicht“, und er neige dazu, sie „übertrieben und falsch“ zu interpretieren. Zudem sei Krupskis Art, Vorfälle zu melden, „nicht der richtige Weg“.
Tesla schickt Krupski innerhalb weniger Tage zwei Abmahnungen. Zunächst wirft das Unternehmen ihm vor, dass seine Hinweise auf angebliche Missstände „untragbar“ geworden seien. Als Krupski sich eine Anwältin nimmt, rudert Tesla zurück. In der zweiten Abmahnung ist nur noch von „mangelhaftem Zeitmanagement und von unerlaubten Fotos vom Firmengelände“ die Rede.
Auch das allerdings gilt offenbar nicht für alle. Als Elon Musks Mutter Maye im Januar 2023 das Giga-Werk in Grünheide besuchte, postete sie anschließend Aufnahmen ihres „unglaublichen Besuchs“ in den sozialen Netzwerken. Auf Twitter schrieb Mutter Musk, ihre Managerin „habe viele Stunden damit verbracht, diese Videos zu bearbeiten“.
Das freute nicht alle. Besucher dürfen sich eigentlich nur zu Geschäftszwecken auf Teslas Firmengelände aufhalten. Zudem müssen sie eine Geheimhaltungsvereinbarung unterschreiben. Wer den Gast empfängt, ist für ihn verantwortlich und muss bei Verstößen gegen Teslas Regeln mit „disziplinarischen Maßnahmen rechnen“ – etwa wenn der Gast Fotos vom Werk macht.
Das Video von Mutter Musk löste unter Teslas Mitarbeitern deshalb Verwunderung aus. Der Clip zeige den originalen Statusbildschirm aus der Karosserieschweißerei. Es sei nicht ausgeschlossen, dass einer ihrer fast eine Million Follower damit mehr anfangen könne, als Tesla lieb sei. Ein Mitarbeiter: „Wer soll das nachvollziehen können?“
Lukas Krupski setzt sich gegen Tesla zur Wehr
Im norwegischen Werk Drammen versucht Krupski, das Beste aus der Situation zu machen. Doch der Ärger hält an und schlägt ihm schließlich auf seine Gesundheit. Krupski schläft kaum, ständig quält ihn ein Unwohlsein. Während der Arbeit überkommt ihn Übelkeit, ihm wird schwindelig.
Am 23. September 2020 bricht Krupski zusammen, muss in die Notaufnahme. Ein Arzt schreibt ihn krank. Erst für einige Tage, dann immer länger. Krupski beginnt eine Psychotherapie.
Hier hätte das Kapitel Tesla für ihn enden können. Krupski hätte Elon Musk den Rücken zukehren, sich auf seine Genesung konzentrieren können. Aber das passt nicht zu ihm. Sein Vater sagt, er sei schon als Kind „ungeheuer hartnäckig und stur“ gewesen. „Was Lukasz sich in den Kopf setzt, zieht er durch. Ohne Rücksicht auf Verluste.“
Lukasz Krupski war einst stolz, für Elon Musk arbeiten zu dürfen. Heute geht der Konzern gegen ihn vor.
Foto: HandelsblattKrupski ahnt, dass seine Zeit bei Tesla abläuft. Nach allem, was er erlebt hat, fürchtet er ein Arbeitszeugnis, das ihm seine Zukunft verbaut. Krupski sucht nach Wegen, sich zu wehren.
Der Techniker liest Berichte über Auseinandersetzungen, die andere mit Tesla geführt haben. Er dokumentiert das fragwürdige Verhalten seiner Kollegen, sichert alte Chatnachrichten und Facebook-Posts. Und er knüpft in den sozialen Netzwerken Kontakte zu Kritikern Elon Musks.
So gerät Krupski auch an Aaron Greenspan. Der Amerikaner betreibt eine Website, auf der er Gerichtsakten zu Tesla und anderen Unternehmen veröffentlicht. Greenspan gilt als Feind von Musk. Auch weil er auf fallende Kurse von Tesla wettet. Musk hat Greenspan verklagt, sein Kurznachrichtendienst Twitter sperrte das Profil seines Kritikers.
Greenspan teilte auf Anfrage mit, dass er mit „vielen Whistleblowern“ spreche. Darüber hinaus wollte er keine Fragen zu seiner Beziehung zu Krupski beantworten. Er selbst, sagt Krupski über sich, habe nie auf einen fallenden Aktienkurs von Tesla gesetzt. Keine Informationen verkauft, sich nicht an den Mängeln des Unternehmens bereichert.
Am 2. November 2021 sitzt Krupski am Schreibtisch in seiner Wohnung, vor ihm der aufgeklappte Dienstlaptop. Er loggt sich in Teslas IT-System ein, klickt mal hier, mal dort. Dann stößt er auf eine Datei, die aus der Finanzabteilung Teslas zu stammen scheint. Er versucht, sie zu öffnen. Und sie öffnet sich.
Krupski kann kaum glauben, was passiert. Er schließt die Datei, sucht eine neue. Auch sie lässt sich öffnen. Warum? Krupski ist Wartungstechniker in Norwegen. Es gibt keinerlei Grund, weshalb er Zugang zu diesen Dokumenten haben sollte.
Er merkt kaum, wie es Mitternacht schlägt, sein 36. Geburtstag beginnt. Krupski klickt sich durch Rechnungen, kann sehen, welcher Geschäftspartner welche Preise aufruft. Das ganze Finanzwesen von Tesla scheint eine offene Bühne. Er sucht noch bis in die frühen Morgenstunden weiter.
Diesmal informiert er nicht das Unternehmen. Krupski sammelt so viele Daten, wie er nur kann. Er öffnet Baupläne von Batterien, Dokumente aus der Rechtsabteilung. Das System lehnt die Anfragen des Technikers selbst dann nicht ab, als er nach Spesenabrechnungen von Elon Musk und den Kosten für dessen Leibwächter sucht.
Am 12. November 2021 hat Krupski genug Informationen zusammengestellt, um gemeinsam mit Greenspan ein 21-seitiges Schreiben aufzusetzen. Adressat ist die amerikanische Börsenaufsicht SEC.
„Tesla-Files“: So lief die Recherche ab
Während er auf eine Reaktion wartet, fällt bei Tesla die Entscheidung, Krupski zu feuern. Das Unternehmen hat eigentlich genau geregelt, wie ein Kündigungsgespräch abläuft. In dem Leitfaden „Wie man herausfordernde Gespräche meistert“ gibt Tesla seinen Führungskräften eine Anleitung, um „negatives Feedback zu geben oder seinem Team eine schwere Unternehmensentscheidung mitzuteilen“.
Demnach führen Manager die Gespräche bestenfalls „in einem geeigneten Besprechungsraum (kein offener Raum oder Glaswände)“. Sie sollten „mitfühlend sein“, aber ihre „Botschaft nicht beschönigen“. Auch das Timing sei wichtig: „Führen Sie diese Gespräche lieber zu Beginn der Woche, spät am Tag und nicht an sensiblen Daten (z. B. Geburtstag).“
Krupski bekommt am 14. Dezember 2021 Post aus der Personalabteilung. Es gebe keinerlei Aussicht auf eine „Wiedereingliederung innerhalb eines angemessenen Zeitraums“. Tesla habe seinen Fall gründlich geprüft, schreibt eine Mitarbeiterin. Sie entschuldige die Unannehmlichkeiten, die sich für Krupski ergeben könnten. Aber: „Wir haben leider beschlossen, deine Stelle zu kündigen.“
Krupski fühlt sich bestätigt. Tesla will seine Warnungen nicht hören – will ihn nicht hören. Er informiert weitere Behörden in den USA und Europa, auch Journalisten. Einzelne Medienberichte streifen seine Erkenntnisse, aber der große Knall bleibt aus. Als Krupski sich im November beim Handelsblatt meldet, umfasst seine Datensammlung mehr als 100 Gigabyte.
Die Monate des Wartens haben ihn wieder vorsichtiger werden lassen. Krupski offenbart der Redaktion nicht, wie er heißt, kommuniziert nur über einen verschlüsselten Nachrichtendienst. Erst sechs Wochen und viele Chatnachrichten später ist er zu einem persönlichen Treffen bereit.
Das Handelsblatt recherchiert mit einem Dutzend Reportern an den Tesla-Files. Ab Februar 2023 kontaktiert die Redaktion mehr als 200 Kunden und Mitarbeiter, fragt nach Interna, die eigentlich kein Außenstehender kennen kann.
Manche melden sich darauf bei Tesla. Sie wollen wissen, woher die deutschen Journalisten ihre Privatadressen und Gehälter kennen.
Wie Tesla Jagd auf Lukas Krupski macht
Das scheucht die Zentrale auf. Am 9. März schaltet Tesla ein Team für „Security Intelligence Investigations“ ein, um den Verursacher des Datenlecks aufzuspüren. Die Untersuchung trägt die Fallnummer 23–0081, geführt in der Kategorie „Media Leaks“.‧ Ihr Titel: „Handelsblatt Outreach“.
Das fünfköpfige Team besteht aus ehemaligen Geheimagenten, Ermittlern und Forensikern. Mit dabei ist eine frühere CIA-Offizierin, die einst Spione und Terroristen jagte. Auf ihrem LinkedIn-Profil wirbt sie mit Erfahrung „auf der höchsten Regierungsebene“ und ihrem „Wissen über Insider-Bedrohungen“.
Auch sie kann das Leck nicht mehr stopfen. Am 26. Mai 2023 veröffentlicht das Handelsblatt einen zehnseitigen Report: die Tesla-Files. Weltweit zitieren Medien, wie fahrlässig Tesla offenbar mit den Daten seiner Kunden und Mitarbeiter umgeht.
Jetzt ermitteln auch Behörden. Sollten sich die Vorwürfe erhärten, wäre „die Angelegenheit aus datenschutzrechtlicher Sicht auch wegen der großen Zahl der weltweit betroffenen Personen besonders schwerwiegend“, sagt Dagmar Hartge, die Datenschutzbeauftragte in Brandenburg. Dort liegt das deutsche Tesla-Werk.
Die europäische Zentrale von Tesla befindet sich in Amsterdam. Die Federführung bei der Aufklärung der Affäre übernehmen deshalb die niederländischen Datenschützer. Sie haben die Informationen zu den Tesla-Files über ein internes Meldesystem an ihre europäischen Kollegen weitergegeben. Nach Handelsblatt-Informationen haben sich inzwischen 20 Aufsichtsbehörden dem Verfahren angeschlossen.
Tesla weiß inzwischen, wie die Daten abflossen. Die internen Ermittler haben den Fragenkatalog des Handelsblatts Zeile für Zeile nachverfolgt. Sie ordnen jede Information einer oder mehreren Dateien zu. Mithilfe von Logdaten grenzen sie den Kreis derjenigen ein, die auf diese Dateien zugegriffen haben. Schließlich kommt nur eine Person infrage: Der Mitarbeiter mit dem Account „lkrupski“.
Am 1. Juni 2023 klingelt jemand um sieben Uhr morgens bei Krupski. Der ignoriert das Läuten, dann hämmert jemand gegen seine Tür. Krupski späht aus dem Fenster, sieht mehrere Personen in schwarzer Kleidung. Einige tragen schusssichere Westen.
Als Krupski öffnet, geben sich die Frauen und Männer als Mitarbeiter norwegischer Behörden zu erkennen. Sie bleiben drei Stunden, durchsuchen seine Zweizimmerwohnung Meter für Meter. Als sie abziehen, nehmen sie fast alle elektronischen Geräte mit. Krupskis Daten gelten nun als Beweismittel.
Tesla verzeichnet hohe Mitarbeiter-Fluktuation
Nicht nur Behörden können Schlüsse aus den Tesla-Files ziehen. Krupski ist heute mit der IG Metall in Kontakt, Anwälte aus Deutschland und den USA haben sich gemeldet. Viele derjenigen, die sich in Hoffnung auf eine Karriere aufrieben, haben längst die Flucht ergriffen – wenn Tesla sie nicht vorher wie Krupski aussortiert hat.
Das Handelsblatt kann nun erstmals genau beziffern, auf welchen Mitarbeiterverschleiß Musks Wachstumskurs angelegt ist. Die Fluktuation lag bei Tesla bis zu dreißigmal höher als bei vergleichbaren Unternehmen. Allein 2018 verließen rund 70 Prozent der Mitarbeiter den Elektroautohersteller. Im Jahr darauf lag die Fluktuation ähnlich hoch, danach ging sie zurück.
2021 musste Tesla aber noch immer 40 Prozent seiner Mannschaft ersetzen. Zum Vergleich: Der deutsche Autobauer Volkswagen kommt eigenen Angaben zufolge auf eine jährliche Fluktuation von einem Prozent.
Grundlage für die Rechnung ist Teslas „Termination Master Report“. Er listet die Namen von fast 200.000 Angestellten auf, die das Unternehmen zwischen 2007 und Anfang 2022 verlassen haben. Die Fluktuation bildet ab, wie viele Mitarbeiter das Unternehmen im Verhältnis zur gesamten Belegschaft während eines Jahres verlor.
Das Dokument nennt auch die Gründe, warum Arbeiter gingen – und ob dies freiwillig oder unfreiwillig geschah. Von den 44.000 Mitarbeitern, die den Konzern 2021 verlassen haben, ging ein Drittel unfreiwillig. Im Jahr zuvor waren es etwa 37.000 Kündigungen, von denen der Konzern mehr als 15.000 aussprach.
Die häufigsten Trennungsgründe seitens Tesla waren Restrukturierung (6800), mangelnde Anwesenheit (6200) und Performance (5900). Die Mitarbeiter verweisen bei Kündigungen häufig auf Unzufriedenheit mit der Führung und ihr niedriges Gehalt.
Seine Kollegen würden sich fragen, wofür sie noch „Vollgas geben“ sollen, sagt ein Mitarbeiter. Er sei überzeugt: Jeder Mittelständler, der „ein paar Euro mehr“ biete, könne sich mit einem Bus vor das Tesla-Werkstor in Brandenburg stellen „und reihenweise Techniker abwerben“.
Zumindest was die Führungskultur angeht, scheint sich Tesla des Problems bewusst zu sein. „Selbst wenn wir es gut meinen, setzen wir andere manchmal herab, ohne es zu merken“, heißt es in einem Leitfaden für Führungskräfte von 2021. Er soll Tesla-Managern helfen, ihren „inneren Arsch in die Schranken zu weisen“ und so „ihre Effektivität“ zu verbessern. Der Titel: „Der versehentliche Idiot“.
Die Belegschaft allerdings zweifelt, ob das eigentliche Problem damit überhaupt erfasst wird. „Wachstum wird hier über alles gesetzt, über absolut alles“, erzählt ein Mitarbeiter aus Grünheide. „Der Kunde merkt das. Und wir merken es auch.“
Tesla stelle viel zu wenig Personal ein, gute Kräfte könne man nicht halten. Das ziehe sich „wie ein roter Faden“ durch alle Bereiche des Unternehmens“, sagt ein Mitarbeiter in Grünheide. „Wir sind überall hoffnungslos unterbesetzt. Customer-Facing, Backoffice. Alles. Du erreichst keinen.“
Tesla-Files: Wie es nach der Veröffentlichung weiterging
Krupskis letzter offizieller Arbeitstag bei Tesla war der 31. März 2022. Seine Enthüllungen beschäftigen Teslas Führung noch immer. Am 21. Juli 2023 erwähnt das Unternehmen die Tesla-Files in seinem Quartalsbericht. Das Datenleck steht dort in einer Reihe mit Ermittlungen der US-Börsenaufsicht SEC und des US-Justizministeriums gegen Tesla und Konzernchef Musk.
Tesla warnt in dem Bericht, dass eine „ungünstige Entwicklung“ in einem dieser Fälle zu einer „wesentlichen negativen Auswirkung“ führen könne – und zwar in Bezug auf die „Geschäftstätigkeit, unsere Betriebsergebnisse, unsere Aussichten, unseren Cashflow, unsere Finanzlage oder unsere Marke“.
Ungünstig auf Teslas Finanzlage könnten sich auch die Klagen ehemaliger Mitarbeiter auswirken. Sie wollen Tesla wegen der mutmaßlichen Datenschutzverstöße zur Rechenschaft ziehen. Mindestens zwei Sammelklagen sind bei Gerichten in Kalifornien und Pennsylvania anhängig. Es geht um mangelnden Schutz sensibler Informationen und Teslas späte Reaktion auf ihren Verlust.
Tatsächlich hat Tesla europäischen Behörden das Leck schon im Mai bestätigt, den Großteil der Belegschaft aber erst Monate später informiert. Am 18. August erhalten mehr als 75.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine Nachricht. Tesla wolle sicherstellen, dass sie bezüglich der Tesla-Files über die „ergriffenen Maßnahmen“ informiert seien.
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Eine Maßnahme ist, dass Tesla Betroffenen eine Mitgliedschaft bei einem Service für potenzielle Opfer von Identitätsdiebstahl anbietet. Hintergrund sind vor allem die Sozialversicherungsnummern, die Krupski in einer ungeschützten Excel-Tabelle fand. Für Kriminelle wären sie die idealen Werkzeuge, um großen Schaden anzurichten.
In den USA sind die Generalstaatsanwaltschaften für Datenschutzverstöße zuständig. Jeder der 50 Bundesstaaten kann ein eigenes Verfahren einleiten, wenn Einwohner von dem Leck betroffen sind.
Während Tesla an vielen Fronten kämpft, ist auch die Lage für Krupski unübersichtlich. Mit Tormod Tingstad von der Kanzlei Elden steht ihm ein Anwalt zur Seite, der viel Erfahrung im Umgang mit Whistleblowern mitbringt. Tingstad meint, Krupski sei der klassische Fall eines Hinweisgebers.
„Lukasz ist persönliche Risiken eingegangen, als er den Behörden seine Beobachtungen und Bedenken meldete“, sagt Tingstad. „Es ist jetzt wichtig, dass er auch offiziell als Whistleblower anerkannt wird. Das kann ihn vor zukünftigen rechtlichen Schritten seitens Tesla schützen.“
Bis vor Kurzem drohte Tesla Krupski mit allen juristischen Mitteln, die ein Großkonzern gegen einen Ex-Mitarbeiter aufbringen kann, und verwies auf die „signifikanten Kosten“, die dabei auf Krupski zukommen würden. Nun scheint sich etwas geändert zu haben.
Der Mann hinter den Tesla-Files
Am 16. Oktober schickte das Handelsblatt Tesla einen Fragenkatalog zu Krupski. Das Unternehmen antwortete nicht, stattdessen ging bei Krupskis Anwalt ein Schreiben ein. Tesla sei bereit, auf alle rechtlichen Ansprüche gegen ihn zu verzichten. Einzige Bedingung: Krupski solle die Tesla-Files löschen.
Krupski lehnte ab. Er sieht seine Mission bei Tesla noch nicht abgeschlossen, längst noch nicht alle Missstände aufgedeckt. Eigentlich, sagt Krupski, müsste ihm Elon Musk danken – so wie damals nach dem Feuer in Lilleström.
Ein Freund hat Krupski eine Nachricht weitergeleitet. Die Mitteilung vom 4. Juli 2023 stammt aus dem internen Kommunikationssystem seines ehemaligen Arbeitgebers. Ihr Betreff: „Jira bei Tesla“.
Gemeint ist das Projektmanagementsystem, dessen unbedarfte Handhabung Krupski als massives Sicherheitsrisiko identifizierte. Fast alle Dateien, die heute als Tesla-Files bekannt sind, lagen nach seinen Angaben ungeschützt bei Jira.
Auf Wunsch der Rechtsabteilung würden die Zugriffsrechte in Jira künftig stärker kontrolliert, schreibt Tesla an seine Mitarbeiter. Zudem sei es verboten, sensible Informationen wie Kundenadressen, Gehaltsangaben oder Sozialversicherungsnummern in dem System zu speichern.
Krupski muss schmunzeln, wenn er diese Worte liest. Es sind genau die Gefahren, vor denen er vor mehr als einem Jahr warnte. Niemand hörte ihm zu. Nun, da seine Enthüllungen in der Zeitung stehen, fordert Tesla seine Mitarbeiter in dem Schreiben auf: „Wenn Sie etwas sehen, sagen Sie etwas.“
Sönke Iwersen, Michael Verfürden, Vinzenz Neumaier, Lars-Marten Nagel, Felix Holtermann, Martin Murphy, Thomas Jahn, Katharina Kort, Astrid Dörner, René Bender, Volker Votsmeier, Roman Tyborski, Martin Müller, Martin Kölling, Stephan Scheuer
Erstpublikation: 03.11.2023, 04:00 Uhr.