Deutsche Telekom prüft Fusion mit Sprint: Höttges greift in Amerika an
„Wir haben in den USA 45.000 Menschen in Lohn und Brot gebracht. Das ist sicher keine schlechte Botschaft im Sinne von ,America first‘.“
Foto: dpaDüsseldorf. Die Deutsche Telekom bereitet einen radikalen Strategieschwenk für den amerikanischen Markt vor. Statt wie bisher geplant die US-Tochter T-Mobile zu verkaufen, favorisiert der Bonner Dax-Konzern nun eine Fusion mit dem Wettbewerber Sprint, wie das Handelsblatt aus dem Umfeld des Vorstands und des Aufsichtsrats erfahren hat. Die unternehmerische Führung solle bei der Telekom liegen, heißt es in den Kreisen weiter. Der Zusammenschluss sei als sogenannter „Paperdeal“ geplant, bei dem nur Aktien getauscht werden, aber kein Bargeld fließt. Die Telekom wollte sich auf Anfrage nicht zum Thema äußern.
Ein offizieller Beschluss des Aufsichtsrats für den Plan liegt noch nicht vor, da die obligatorischen politischen Gespräche im Vorfeld eines derartigen Vorhabens noch nicht abgeschlossen sind. Vor drei Jahren war ein Zusammengehen noch von den Behörden abgelehnt worden. Damals wollte Sprint den Rivalen T-Mobile übernehmen. Nun aber glaubt das Telekom-Management offenbar, dass eine solche Fusion unter US-Präsident Donald Trump leichter durchsetzbar sein könnte. Konzernchef Tim Höttges sagte jüngst: „Wir haben in den USA 45.000 Menschen in Lohn und Brot gebracht. Das ist sicher keine schlechte Botschaft im Sinne von ,America first‘.“
Neben der Politik muss Höttges auch noch Masayoshi Son überzeugen, den Chef des Sprint-Mutterkonzerns Softbank. Die Japaner halten derzeit etwa 83 Prozent der Sprint-Aktien.
Im Westen viel Neues
Es passt zur Natur des sehr gern sehr selbstbewusst auftretenden Telekom-Chefs Timotheus Höttges, dass er nun endlich und bald auch öffentlich in die Rolle des Angreifers schlüpfen kann. In Ost- und Südeuropa ist das Geschäft der Deutschen Telekom unter Druck, im Heimatmarkt allenfalls stabil. Und die Geschäftskundensparte T-Systems meldet weiter hartnäckig rote Zahlen. Kurzum: Es fehlt im weitverzweigten Telekom-Reich eine stabile Wachstumsgeschichte, die den Konzern in eine rosarote Zukunft tragen könnte.
Das will Höttges jetzt ändern, und zwar ausgerechnet in den USA. Laut übereinstimmenden Informationen aus Vorstands- und Aufsichtsratskreisen der Telekom gibt es im Führungsgremium inzwischen einen Konsens darüber, nicht nur weiter in Amerika aktiv zu bleiben, sondern dort künftig die beiden Marktführer AT&T und Verizon noch kraftvoller als bisher zu attackieren.
Dazu will Höttges seine Tochtergesellschaft T-Mobile US, die Nummer drei in den USA, mit der Nummer vier, dem japanischen Anbieter Sprint, fusionieren. Was gleich zweierlei bedeuten würde: Verkaufspläne, wie sie die Telekom für die amerikanische Tochter T-Mobile über Jahre immer wieder durchgerechnet hatte, sind endgültig vom Tisch. Stattdessen schaltet der Konzern nun auf Angriff um.
Derzeit ist die Telekom nach Informationen des Handelsblatts aus dem Umfeld des Aufsichtsrats bemüht, mögliche politische Einwände gegen den Fusionsplan zu sondieren. Anschließend sollen umgehend die offiziellen Gespräche mit dem Sprint-Eigentümer Softbank beginnen.
Die Telekom besitzt nach etlichen Kapitalerhöhungen bei der investitionsintensiven und börsennotierten Tochter T-Mobile US noch knapp 65 Prozent der Aktien. Sprint gehört zu rund 83 Prozent dem japanischen Softbank-Konzern. Weil Sprint an der Börse aber deutlich geringer bewertet ist als T-Mobile US, würde Softbank bei einem Zusammenschluss entsprechend weniger Gewicht in ein fusioniertes Unternehmen einbringen. Außerdem ist Sprint deutlich höher verschuldet.
Selbst wenn andere Kriterien als der Börsenwert und die Verschuldungshöhe zur Unternehmensbewertung angelegt würden, etwa das bereinigte Ergebnis vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen (Ebitda), würde die Telekom bei einem Zusammenschluss deutlich mehr als 50 Prozent erhalten.
Für den Bonner Konzern ist das wichtig: Denn nur wenn die Telekom die Mehrheit am neuen Gemeinschaftsunternehmen besitzt, kann Höttges das Geschäft in der eigenen Bilanz weiter konsolidieren. Was für das Zahlenwerk der Telekom wesentlich ist: Denn in den vergangenen Jahren hat sich der einstige Verlustbringer T-Mobile bestens entwickelt. Mittlerweile trägt die Tochtergesellschaft fast die Hälfte des gesamten Konzernumsatzes und des bereinigten Gewinns vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen bei. Das Amerika-Geschäft hat damit ähnliche Höhen erklommen wie die Zahlen aus dem deutschen Heimatmarkt. Das Geschäft in Deutschland ist zwar noch profitabler als jenes in den USA, aber es bringt seit Jahren kaum noch Wachstum.
Kaum Wachstumsfantasien in Europa
Konzernchef Höttges hatte in der Vergangenheit, als er immer wieder auch öffentlich erklärte, sich auf das Kerngeschäft in Europa fokussieren zu wollen, darauf gesetzt, dass der europäische Markt schnell zusammenwachsen würde. Eine politische Fehleinschätzung, wie der Telekom-Chef inzwischen weiß. Nationale Egoismen in etlichen EU-Staaten haben das bisher verhindert – Skaleneffekte über die heimische Landesgrenze hinaus sind deshalb bisher kaum zum Tragen gekommen.
Dabei sind Größeneffekte in der investitionsintensiven Telekommunikationsbranche für die Erzielung nachhaltiger Gewinne besonders wichtig: Um überhaupt in den verschiedenen Märkten eigene Dienstleistungen anbieten zu können, müssen die Unternehmen zunächst oft Milliarden in die Infrastruktur investieren: in Funktürme, Sendeanlagen, Leitungen, Frequenzen – und das alles muss meist vor Markteintritt bezahlt werden, also ehe das jeweilige Geschäft überhaupt Umsätze generiert. Dazu wiederum braucht es irgendwoher einen stabilen Cashflow, der diese Investitionen erst möglich macht.
Weil das politische Klima in Europa derzeit aber weiter kaum Wachstumsfantasien zulässt, hat sich Höttges zwar (noch) nicht aus einzelnen, besonders schwierigen Märkten wie Polen, den Niederlanden oder Rumänien verabschiedet. Doch mit Blick auf die Zukunft hat er sich inzwischen nach Westen gewendet.
Unglaubliche Aufholjagd.
Foto: BloombergDenn dort hat T-Mobile US unter dem Marketinggenie John Legere eine famose Aufholjagd hingelegt, die vor zwei, drei Jahren in Bonn kaum jemand für möglich gehalten hätte. Das Geschäft warf kaum Profit ab, es stagnierte, und es erforderte neue Investitionen ins Netz und für Frequenzen.
Doch Legere ließ sich nicht entmutigen, sorgte mit einer Art Guerillamarketing für stetig neue Kunden. Er erklärte T-Mobile US zum „Un-Carrier“, womit er sich von den verkrusteten Strukturen der etablierten Anbieter absetzte. So „befreite“ er seine Kunden von Datenbeschränkungen und erstattete die Gebühr beim Anbieterwechsel. Auch Kosten fürs Roaming im Ausland erließ er seinen Kunden.
Das trieb Legere neue Kunden in Scharen zu, die Einnahmen kletterten in ungeahnte Höhen, plötzlich war auch wieder Geld für kleinere Investitionen da. Vor allem aber gab der Marketingexperte T-Mobile US eine neue Perspektive.
Aus der Perspektive scheint nun eine Art Fundament geworden zu sein, so belastbar, dass die Bonner Zentrale offenbar daran denkt, einen wesentlichen Teil der künftigen Konzernstrategie darauf aufzubauen. Zwar drücken auch bei T-Mobile US weiter hohe Marketingaufwendungen für Kundenbindungsprogramme und Kosten für neue Frequenzen auf die Konzernbilanz. Aber das starke Wachstum der Amerikaner ist derzeit bei der Telekom das einzige Geschäftsfeld, das die Fantasie der Anleger treibt und die Bilanz der Telekom schmückt.
Fusion könnte sich auch für Anleger lohnen
Danach ist die Kundenzahl von T-Mobile US im vergangenen Jahr um fast 13 Prozent auf mehr als 71 Millionen gestiegen. Das hatte seinen Preis. Fast 20 Milliarden Dollar hat T-Mobile US in den vergangenen drei Jahren in das Wachstum investiert. Und ist als derzeitige Nummer drei im amerikanischen Markt aber immer noch 70 Millionen Kunden von der Nummer zwei, Verizon, entfernt. Würden nun allerdings bei T-Mobile US die fast 60 Millionen Sprint-Kunden hinzukommen, würde die Telekom Verizon beinahe einholen und den Abstand zum Marktführer AT&T (208 Millionen Kunden) deutlich verkürzen.
Eine Fusion, ohne dass einer der beiden Konzerne Bargeld investieren müsste, könnte sich auch für die Anleger lohnen. Dadurch könnten alte Schulden wahrscheinlich relativ schnell abgebaut werden, glaubt Paul Marsch, Analyst der Berenberg Bank, da die Fusion hohe Synergien verspricht. Und das könnte zum Beispiel mittelfristig dazu führen, dass höhere Dividenden bezahlt werden könnten. T-Mobile-Finanzchef Braxton Carter hatte erst Mitte Mai bei einer Investorenkonferenz erklärt, ein Zusammenschluss mit Sprint könnte Synergieeffekte von mehr als 30 Milliarden Dollar bringen.
Wie eine mögliche Fusion überhaupt zu vollziehen wäre, auch darüber gibt es im Telekom-Lager bereits länger klare Vorstellungen. Legere, der Begründer des magentafarbenen Auferstehungswunders, hatte schon zu Jahresbeginn kundgetan, dass man gerne mit einem Wettbewerber eng zusammenarbeite. Allerdings sähe er den eher hinten im Bus sitzen, während T-Mobile US am Steuer bleibe.
Bleibt vor allem die Frage, was Sprint-Eigner Softbank dazu bringen könnte, die von Legere skizzierte Juniorrolle zu akzeptieren. Tatsächlich würde das für die Japaner wirtschaftlich und vor allem strategisch womöglich Sinn machen. Denn bliebe Sprint in Amerika weiter ohne Partner, müsste Softbank die künftigen milliardenschweren Investitionen in den Netzausbau allein aufbringen. Und dafür könnten die finanziellen Mittel fehlen. Denn Eigentümer Softbank gilt, nach dem 2016 getätigten Zukauf des Chipherstellers ARM für 32 Milliarden Dollar, mit Verbindlichkeiten über 120 Milliarden Dollar als hoch verschuldet.
Außerdem scheint es, als hätte Konzernchef Masayoshi Son seinen strategischen Fokus verschoben. Über seinen Private-Equity-Fonds, einen der weltweit größten, will er bevorzugt in Zukunftstechnologien wie künstliche Intelligenz investieren. Ein Konzept, das schon namhafte Investoren wie die Weltkonzerne Apple, Qualcomm und Foxconn veranlasste, den Softbank-Fonds zu speisen. Inzwischen hat der Softbank Vision Fund ein Anlagevolumen von 93 Milliarden Dollar erreicht.
Bleibt die politische und regulatorische Komponente. Über eine Genehmigung für die angedachte Fusion entscheiden in Amerika zwei Behörden: das Telekommunikationsaufsichtsamt FCC und die Monopolkommission. Experten erwarten, dass die Behörden in Amerika für den Fall, dass sie die Fusion genehmigen, hohe Auflagen formulieren werden. So könnten die Behörden verlangen, dass T-Mobile und Sprint auch anderen Anbietern einen Zugang zu ihren Netzen gewähren müssten.
Es könnte sogar sein, dass T-Mobile-Chef Legere mit seinen aggressiven Preisnachlässen, die er den amerikanischen Kunden immer wieder gewährt hat, den Behörden das wichtigste Argument für eine Ablehnung der Fusion geliefert hat. Denn bei der Frage, ob der amerikanische Markt drei oder vier landesweite Mobilfunkanbieter braucht, wird vor allem der Punkt untersucht, ob das im Sinne der Konsumenten ist. Und es waren eben Legeres Marketingaktionen, die landesweit zu sinkenden Preisen für die Kunden geführt haben. Vor allem deshalb sieht Analyst William Power vom Research Institut R. W. Baird die Chancen für eine Genehmigung bei allenfalls 50 Prozent.
Höttges scheint sich davon nicht beirren zu lassen: „Wir investieren da, wo es sich lohnt. Der Rahmen in den USA stimmt. Die Regulierung auch.“ Darüber hinaus wollte sich die Telekom zum Thema USA nicht weiter äußern.