Management: Scheitern Frauen in Dax-Vorständen häufiger als Männer?
Abgänge von Spitzenmanagerinnen sorgen immer wieder für Schlagzeilen.
Foto: dpa, PR (2)Düsseldorf. Als der Sportartikelriese Adidas in der vergangenen Woche bekanntgab, dass Personalchefin Amanda Rajkumar das Unternehmen nach nur zweieinhalb Jahren wieder verlässt, weckte das bei vielen Beobachtern Erinnerungen. Etwa an Martina Merz, die Ende April nach rund dreieinhalb Jahren als Vorstandschefin von Thyssen-Krupp abgelöst wurde. Oder an SAP-Arbeitsdirektorin Sabine Bendiek, die ihren Ende des Jahres auslaufenden Vertrag nicht verlängert.
Doch der Anschein, dass Frauen häufiger und früher wieder aus ihren Toppositionen ausscheiden als Männer, trügt. Seit dem 1. September 2022 bis zum 1. Juli verließen 14 der 99 weiblichen Mitglieder und 92 ihrer 599 männlichen Kollegen die Vorstände der in Dax, MDax und SDax notierten Konzerne wieder. Das entspricht 14,1 Prozent der Frauen und 15,4 Prozent der Männer.
Die Zahlen stammen aus einer exklusiven Auswertung durch die Allbright-Stiftung für das Handelsblatt. Die Organisation setzt sich für mehr Frauen und Diversität in Führungspositionen der Wirtschaft ein.
Auch wenn man einen längeren Zeitraum betrachtet, gingen Frauen nicht häufiger. So verließen zwischen 1. März 2018 und 1. März 2023 rund 15 Prozent der weiblichen Vorstandsmitglieder die Führungsriegen vor Ablauf von fünf Jahren wieder. Bei Männern waren es 22 Prozent.
Anders sieht es allerdings aus, wenn man die durchschnittliche Verweildauer anschaut. Die ist bei den Männern höher als bei den Frauen. Das liegt aber vor allem daran, dass Frauen erst in den vergangenen Jahren in größerer Zahl in die Führungsetagen gekommen sind. Vor 2018 gab es kaum Vorständinnen.
Chefinnen von SAP und FMC blieben nur wenige Monate
Schlagzeilenträchtige Abgänge verzerren die Debatte. So musste SAP-Co-Chefin Jennifer Morgan, die erste Vorstandsvorsitzende im Leitindex Dax, oder Carla Kriwet, Kurzeitchefin bei Fresenius Medical Care, nach jeweils nur wenigen Monaten abtreten.
Dabei gibt es Gegenbeispiele. Claudia Nemat etwa ist seit 2011 Vorständin der Deutschen Telekom und damit die mit Abstand dienstälteste Topmanagerin bei einem Dax-Konzern. Oder Bettina Orlopp, die 2017 die erste Frau im Vorstand der Commerzbank war und inzwischen Finanzvorständin und stellvertretende Vorstandsvorsitzende ist.
Die Managerin ist bereits seit 2011 im Vorstand der Deutschen Telekom.
Foto: imago images/Future ImageWiebke Ankersen, Geschäftsführerin der Allbright-Stiftung, sagt. „Die Rekrutierung von Frauen ist nicht riskanter als die von Männern, sondern verläuft meist sogar erfolgreicher für die Unternehmen.“ Im Verhältnis hätten weniger Frauen, die in den vergangenen fünf Jahren von außen geholt wurden, die Unternehmensführung bereits wieder verlassen.
Als mögliche Erklärungen nennt Ankersen, dass Frauen vor der Einstellung genauer durchleuchtet werden, anpassungsfähiger sind – oder die Konzerne sich mehr Mühe geben, sie nicht zu verlieren.
Ähnlich sieht es Kathleen Dunton, Partnerin bei der Personalberatung Boyden: „Frauen sind genauso erfolgreich wie Männer in Führungspositionen“, sagt sie. Bei Abgängen – egal ob von Männern oder Frauen – lohne es sich zudem immer, hinter die Kulissen zu schauen.
Die Deutsch-Amerikanerin, die Boyden als Chairwoman international führt, erklärt, dass meist nicht allein ein Kandidat oder eine Kandidatin an einer Aufgabe scheitere. Die Gremien oder die ganze Unternehmung stünden mit in der Verantwortung. „Es muss nicht nur die Frau funktionieren, sondern die Organisation muss auch wirklich wollen.“
Mehr Frauen denn je in der Führung
Das sich die Abgänge häufen, liegt auch daran, dass mehr Frauen denn je in den Führungsgremien der größten deutschen börsennotierten Gesellschaften vertreten sind. Wie eine aktuelle Studie der Initiative Fidar zeigt, ist ihr Anteil in den Aufsichtsräten der derzeit 180 im Dax, MDax und SDax sowie der im regulierten Markt notierten, paritätisch mitbestimmten Unternehmen auf 35,3 Prozent gestiegen. 2022 lag er bei noch 33,5 Prozent. Fidar setzt sich für mehr Frauen in den Kontrollgremien ein.
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In den Vorständen erreicht der Anteil mit 18,3 Prozent einen neuen Spitzenwert, nach 14,7 im vergangenen Jahr. Treiber dieser Entwicklung ist laut Fidar-Gründungspräsidentin Monica Schulz-Strelow das seit vergangenem August geltende Mindestbeteiligungsgebot von Frauen in Vorständen: „Der Erfolg zeigt, dass die massive Kritik an der Quote haltlos und übertrieben war. Feste Quoten sind notwendig, weil freiwillige Selbstverpflichtungen nicht funktioniert haben.“
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Allein seit Jahresbeginn wurden weitere 15 Frauen in die Vorstandsetagen der aktuell 62 betroffenen Konzerne berufen. Damit erreichen fast alle dieser Unternehmen, die nach der Regelung mindestens eine Frau im Vorstand haben müssen, das geforderte Quorum.
Nur vier Konzerne haben noch Handlungsbedarf: die Mittelstandsholding Indus, der Druckmaschinenhersteller Koenig & Bauer, der Autozulieferer Vitesco und der Versicherer Wüstenrot & Württembergische. Vitesco hat jedoch bereits die Bestellung von Sabine Nitzsche als Finanzchefin zum 1. November angekündigt.
Für Bundesfrauenministerin Lisa Paus (Grüne) ist damit klar: „Wir sind auf dem richtigen Weg. Die gesetzlichen Vorgaben haben Erfolg, die festen Quoten für Aufsichtsräte und Vorstände wirken.“ Die Politikerin will nun „das gesamte Management in den Blick nehmen“. Frauen würden mit ihrer hohen Qualifikation und starken Leistung maßgeblich zum Erfolg von Unternehmen beitragen. Das müsse sich auch in allen Führungsebenen abbilden.