Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Sanierungschancen Insolvenzen: Immer neue Regeln sorgen für Verwirrung – selbst unter Sanierungsexperten

Die Antragspflicht, um Insolvenzen zu melden, wird noch einmal für drei Monate bis Ende April ausgesetzt. Was bedrohte Firmen tun können, um ihr Überleben zu sichern.
20.01.2021 Update: 20.01.2021 - 18:28 Uhr Kommentieren
Der Vorteil des Schutzschirm- oder Eigenverwaltungsverfahrens liegt darin, dass es den Unternehmern und Geschäftsführern ein Stück weit die Angst nimmt, die Zügel aus der Hand geben zu müssen Quelle: dpa
Adler Modemarkt in Leverkusen

Der Vorteil des Schutzschirm- oder Eigenverwaltungsverfahrens liegt darin, dass es den Unternehmern und Geschäftsführern ein Stück weit die Angst nimmt, die Zügel aus der Hand geben zu müssen

(Foto: dpa)

Düsseldorf Droht Deutschland angesichts des verlängerten Lockdowns eine Pleitewelle? Zumindest Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbands HDE, hatte zuletzt diese Befürchtung. Bis zu 50.000 Firmen droht seiner Meinung nach das Aus. Ganz so schnell wird ihr Ende aber wohl nicht kommen. Dafür sorgen immer neue Regeln und Ausnahmen.

Zwar müssen Unternehmen seit Januar wieder Insolvenz anmelden, wenn sie zahlungsunfähig oder überschuldet sind. Die bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie geltenden und zwischenzeitlich ausgesetzten Regeln sind also von 2021 an wieder in Kraft.

Firmen jedoch, die staatliche November- und Dezemberhilfen beantragt, diese aber noch nicht ausgezahlt bekommen haben, bleiben verschont. Zumindest dann, wenn man davon ausgehen kann, dass die staatlichen Hilfen eine Insolvenz abwenden können. Diese neue Ausnahmeregel war zunächst auf einen Monat begrenzt, soll aber jetzt nach dem Willen von Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) bis zum 30. April verlängert werden. Die Zustimmung des Bundestages gilt als sicher.

„Die Verlängerung der Aussetzung der Insolvenzantragspflichten über den 31. Januar hinaus ist ein wichtiger Baustein, um die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie abzufedern und Arbeitsplätze zu erhalten. Es ist gut, dass wir uns jetzt in der Koalition hierauf einigen konnten“, so Lambrecht.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Die erneute Verlängerung der Aussetzung der Antragspflicht ist an Bedingungen geknüpft. Voraussetzung ist grundsätzlich, dass die Anträge auf Hilfsleistungen im Zeitraum vom 1. November 2020 bis zum 28. Februar 2021 gestellt worden sind.

    Allerdings gibt es auch von dieser Regel wieder eine Ausnahme. Soweit nämlich in diesem Zeitraum aus rechtlichen, insbesondere beihilferechtlichen oder tatsächlichen, insbesondere IT-technischen Gründen noch keine Anträge gestellt werden konnten, soll die Insolvenzantragspflicht auch für Unternehmen ausgesetzt werden, welche nach den Bedingungen des Programms in den Kreis der Antragsberechtigten fallen.

    Seit knapp einem Jahr ändern sich die Regeln, wann Firmen den Gang zum Amtsrichter antreten müssen und wann nicht, fast im Monatsrhythmus. Das führt nicht nur bei den Unternehmen, sondern selbst unter erfahrenen Sanierungsexperten zunehmend zu Verwirrung.

    Die Sorge bei Experten ist groß, dass sich viele Firmen vom Gang zum Insolvenzrichter befreit fühlen und es im Nachhinein aber gar nicht sind, weil rechtliche Bestimmungen unklar sind oder nicht richtig verstanden wurden. Das birgt mit Blick auf die Zukunft immense Haftungsrisiken.

    „Ich glaube, manche Unternehmen haben den Überblick verloren, was die Anmeldepflichten zur Insolvenz angeht“, sagt Lucas Flöther, der sich unter anderem als Sachwalter von Condor und als Insolvenzverwalter von Air Berlin einen Namen machte.

    Der Sprecher des Gravenbrucher Kreises, in dem Deutschlands führende Insolvenzverwalter zusammengeschlossen sind, offenbart: „Selbst Sanierungsexperten fragen sich derzeit gegenseitig um Rat, unter welchen Voraussetzungen Unternehmen wann Insolvenz anmelden müssen.“

    Schutzschirm statt Insolvenz

    Dabei bedeutet eine Insolvenz keineswegs das Ende. Je früher der entsprechende Antrag gestellt wird, desto größer sind die Sanierungschancen. Das ist der Grund, warum zu Wochenbeginn die Fachhändler Arko, Eilles und Hussel beim Amtsgericht Norderstedt in Schleswig-Holstein eine vorläufige Insolvenz in Eigenregie beantragt haben.

    Der Geschäftsbetrieb der auf Süßwaren, Kaffee und Tee spezialisierten Handelsketten wird weitergeführt. Löhne und Gehälter für die Mitarbeiter in den 300 eigenen Filialen und den rund 4000 Verkaufsstellen im Lebensmitteleinzelhandel sind erst einmal über das Insolvenzgeld für drei Monate gesichert.

    Grafik

    Ähnliches gilt auch für das Modeunternehmen Adler mit seinem Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung, das beim Amtsgericht Aschaffenburg läuft. Ziel ist auch hier nicht die Abwicklung oder Zerschlagung der 171 Märkte, davon 142 in Deutschland, und die Entlassung der 3350 Mitarbeiter, sondern eine Fortführung des Geschäfts.

    Der Vorteil des Schutzschirm- oder Eigenverwaltungsverfahrens liegt darin, dass es den Unternehmern und Geschäftsführern ein Stück weit die Angst nimmt, die Zügel aus der Hand geben zu müssen. Beim Regelinsolvenzverfahren übernimmt der Insolvenzverwalter allein die Führung. Bei der Eigenverwaltung bestimmen hingegen die Geschäftsführungen den Kurs der Sanierung selbst – immer in enger Abstimmung mit den Gläubigern.

    Trotzdem stehen den Unternehmen weitgehend dieselben bewährten Sanierungsinstrumente zur Verfügung wie in einem Regelinsolvenzverfahren. So kann das insolvente Unternehmen unabhängig von seiner Größe alle sogenannten Dauerschuldverhältnisse wie Miet- und Leasingverträge, aber auch Arbeitsverhältnisse beenden. Nimmt man dann noch die Entlastung durch das Insolvenzgeld hinzu, dann erhält ein Unternehmen durch das Schutzschirm- oder Eigenverwaltungsverfahren eine reelle Chance zu einer nachhaltigen Restrukturierung.

    Ein Teil der Pleiten und Insolvenzen lässt sich so vermeiden. Darin sind sich Wirtschaftsprüfer, Unternehmensberater und Insolvenzverwalter einig. Voraussetzung ist, dass sich die bedrohten Firmen rechtzeitig den Risiken stellen und sich mit ihnen aktiv auseinandersetzen. Dabei helfen die folgenden Schritte:

    1. Bestandsaufnahme

    Um festzustellen, ob eine Firma Gefahr läuft, Insolvenz anmelden zu müssen oder nicht, ist als Erstes eine ehrliche Bestandsaufnahme nötig. Dabei helfen die folgenden Fragen: Wo sind meine fälligen Verbindlichkeiten, und wie viel Liquidität habe ich zur Verfügung? Auf Basis der Antworten gilt es, einen Plan zu erstellen. Daraus muss hervorgehen, wie sich die Liquidität und die Zahlungsmittel bei einem einigermaßen abschätzbaren Geschäftsverlauf entwickeln werden.

    Das heißt konkret: Klarheit darüber schaffen, wie sich das Verhältnis von Liquidität zu fälligen Verbindlichkeiten verändern wird. „Dieser Schritt wird in den Unternehmen viel zu selten angegangen, insbesondere bei kleinen Unternehmen“, weiß Insolvenzverwalter Thomas Oberle aus jahrelanger Erfahrung als Eigenverwalter, Treuhänder und Unternehmensberater; erst als Partner bei der auf Insolvenzrecht spezialisierten Sozietät Wellensiek, jetzt bei Schilling, Zutt & Anschütz.

    Bleibt dieser erste Schritt aus oder wird er nicht schonungslos transparent durchgeführt, drohen anschließend Haftungsansprüche. Dann nämlich, wenn sich rausstellt, dass die finanziellen Schwierigkeiten schon lange bestehen und hätten früher erkannt werden müssen.

    2. Vorbeugen

    Im Gegensatz zur Zahlungsunfähigkeit, bei der Rechnungen nicht bezahlt werden können, tut Überschuldung niemandem weh, weil sie kaum jemand spürt. Doch gerade das macht diesen Tatbestand der Insolvenz so gefährlich, wenn er herausgezögert wird. Um gar nicht erst in diese Situation zu geraten, sollten Firmen auf ihrer Aktivseite in der Bilanz schauen, wie sie sich zusätzliche Liquidität beschaffen können. Die Alternative ist, auf der Bilanz-Passivseite, also der Verpflichtungsseite, nach Posten zu suchen, wo und wie sich fällige Verbindlichkeiten in nicht-fällige Verbindlichkeiten umwandeln lassen.

    Was auf den ersten Blick heikel erscheinen mag, ist in der Praxis oft gar nicht so schwierig. Vorausgesetzt, es gelingt, mit Gläubigern zu sprechen und Stundungsvereinbarungen sowie daraus folgende Abzahlungsvereinbarungen zu treffen. „So ist es möglich, eine finanzielle Durststrecke zu durchschreiten“, sagt Sanierungsexperte Oberle. Darüber hinaus gelte es, immer zu schauen, wann und wie die Geschäfte angekurbelt werden können.

    Vorbeugen und rechtzeitig gegensteuern wird angesichts des erneuten Lockdowns und monatelang geschlossener Geschäfte nicht in allen Fällen gelingen. Sanierungsexperten sind sich sicher, dass aktuell mehr Unternehmen Insolvenz anmelden müssen, als es in der Realität der Fall ist. Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, befürchtet eine Zunahme der Unternehmenspleiten, sobald die Insolvenzpflicht fällt.

    Das Potenzial dafür ist hoch, denn angesichts der ausgesetzten Antragspflicht hat sich im vergangenen Jahr trotz der wirtschaftlichen Talfahrt die Zahl der Unternehmensinsolvenzen gegenüber 2019 nach vorläufigen Zahlen der Wirtschaftsauskunftei Creditreform um 13,4 Prozent auf 16.300 Fälle verringert. Das sind nur noch halb so viele Fälle wie vor zehn Jahren, und es ist der niedrigste Stand seit 1993.

    Oft werden Insolvenzen nur aufgeschoben. Daraus droht eine Vertrauenskrise. „Jeder Vertragspartner muss sich fragen, ob er es noch mit einem zahlungsfähigen Partner zu tun hat“, warnt Insolvenzverwalter Oberle. Schon heute werde oft Vorkasse gefordert, ehe es zu einem Vertrag und zu eigenen Leistungen komme. Das führe zu Verunsicherung und am Ende zu weniger anstatt zu mehr Stabilität.

    Mehr: Insolvenzexperte Lucas Flöther: „Die Unternehmen erliegen der Verlockung des billigen Geldes“

    Startseite
    Mehr zu: Sanierungschancen - Insolvenzen: Immer neue Regeln sorgen für Verwirrung – selbst unter Sanierungsexperten
    0 Kommentare zu "Sanierungschancen: Insolvenzen: Immer neue Regeln sorgen für Verwirrung – selbst unter Sanierungsexperten"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%