Coronakrise: Selbst solide Mittelständler geraten in Existenznot
Der Mittelständler ist eines von vielen gesunden Unternehmen, die durch die Pandemie unverschuldet in Not geraten sind.
Foto: dpaDüsseldorf. „Vor Corona war unsere Auftragslage sehr gut und unsere Produktion an allen Standorten gut ausgelastet“, sagt Mark Hiller, geschäftsführender Gesellschafter von Recaro Aircraft Seating aus Schwäbisch Hall. Der Weltmarktführer für Flugzeugsitze der Economy Class beschäftigt weltweit 2600 Mitarbeiter. Doch seit Ausbruch der Pandemie hängt Recaro in der Luft.
Fast der komplette Flugverkehr ruht. „Unsere Kunden Boeing und Airbus haben ihre Werke temporär geschlossen. Sie stornieren oder verschieben Aufträge“, sagt Hiller. „Das führt bei uns zu massiven Umsatzeinbußen und enormem Kostendruck.“ Mit Kurzarbeit, Gehaltsverzicht der Führungskräfte und anderen Sparmaßnahmen versucht Recaro, sich für die Zukunft abzusichern.
Der Mittelständler ist eines von vielen gesunden Unternehmen, die durch die Pandemie unverschuldet in Not geraten sind. „Die Coronakrise stellt alle bisherigen Krisen von Öl- bis Finanzkrise in den Schatten“, konstatiert Sebastian Theopold, Geschäftsführer der Mittelstandsberatung Munich Strategy. Den Mittelstand trifft das Virus besonders hart.
45 Prozent der mittelgroßen Firmen in Deutschland sind existenzbedroht. Schon vor der Pandemie gehörten 35 Prozent des Mittelstands zu den Low Performern. Denen raubt die Coronakrise nun die letzte Kraft. Durch die Schließungen kommen weitere zehn Prozent an Unternehmen hinzu, die bisher gesund waren und nun Existenzangst haben. Auch sie werden zu potenziellen Übernahmekandidaten. Das zeigt eine Studie von Munich Strategy, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt.
„Dem Mittelstand steht eine epochale Neuordnung bevor, die mit der umfassendsten Marktbereinigung seit der Weltwirtschaftskrise 1929 einhergeht“, warnt Studienleiter Theopold.
Munich Strategy hat in einem Stresstest mehr als 3500 mittelständische Firmen von zehn Millionen bis zwei Milliarden Euro Jahresumsatz aus allen Branchen analysiert. Basis bildet die Mittelstandsdatenbank, die mit veröffentlichten Leistungs- und Strategiedaten gespeist wird.
Vielfalt wird schwinden
Vor der Coronakrise war der gehobene Mittelstand dreigeteilt: Zu den Leuchttürmen zählt jedes zehnte Unternehmen. Diese Wachstumschampions haben im Schnitt der Jahre ab 2014 ein Umsatzplus von 13,5 Prozent und eine Ertragsquote (Ebitmarge) von 14,2 Prozent erreicht. Die Eigenkapitalquote lag zuletzt bei durchschnittlich 51 Prozent.
Leuchttürme streuen ihre Risiken – nach Produkten, Lieferanten, Kunden und Regionen. Bei Übernahmen hätten sie sich maßvoll verhalten, um ihre Finanzkraft zu schonen, so Theopold. Selbst in der Hochkonjunktur hätten sie regelmäßig ihre Effizienz verbessert.
Zu den Low Performern zählte bisher jeder dritte Mittelständler. Sie hatten schon vor Corona mit einem Umsatzschwund von im Schnitt 0,3 Prozent pro Jahr zu kämpfen, bei einer Ertragsquote von mageren drei Prozent. Die Eigenkapitalquote lag zuletzt bei 35 Prozent. Ihr Geschäftsmodell hat deutliche Defizite.
Die Low Performer mutieren durch die Pandemie zu Zombie-Firmen. „Die Coronakrise ist Auslöser und Verstärker, nicht aber die Ursache für ihre jetzige Existenznot“, betont Theopold. Viele dieser Mittelständler werden in den nächsten Monaten aus dem Markt ausscheiden, glaubt der Berater. Die Firmen wurden durch die lange gute Konjunktur, billiges Geld und die laxe Kreditvergabe künstlich am Leben gehalten.
55 Prozent der Mittelständler gehören zur Kompaktklasse. Sie haben eine solide Wachstums- sowie Ertragsquote von im Schnitt 6,5 Prozent in den letzten Jahren. Durch den Schock der Coronakrise werden zehn Prozent der Mittelständler zu „Wackelkandidaten“.
Munich Strategy definiert diese Firmen so: eine Eigenkapitalquote unter 40 Prozent gepaart mit einer Ertragslage, die sich durch Corona stark verschlechtert hat. Grund dafür kann die Zugehörigkeit zu einer konjunktursensitiven Branche wie Handel, Dienstleistungen oder Industriegüter sein. „Viele dieser Mittelständler haben es schwer, Kredite zu bekommen, um ihre akute Liquiditätsnot zu überbrücken“, sagt Theopold. Ohne frisches Kapital droht ihnen das Aus oder der Notverkauf.
Gestützt wird das Studienergebnis von einer Umfrage des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft (BVMW). Daran beteiligten sich 1812 Mitglieder, darunter kleinere Firmen. Demnach sieht sich jedes zweite Unternehmen vor dem Aus, sollte der Shutdown der Wirtschaft weitere vier Wochen andauern. Selbst wenn bereits Mitte 2020 eine Erholung einsetze, dürften die Aus- und Nachwirkungen brutal sein, erwartet Theopold.
Die Coronakrise erfasst alle Branchen. Besonders viele Wackelkandidaten gibt es bei Dienstleistern und im Handel: 29 Prozent. Dazu kommen 26 Prozent Zombies. Insgesamt gelten somit 55 Prozent der Händler und Dienstleister als akut gefährdet – das ist mehr als jeder zweite.
Restaurants trifft die Krise besonders. Denn durch die Zwangsschließungen brechen die Einnahmen weg. Die Ketten Vapiano und Maredo mussten innerhalb weniger Wochen Insolvenz anmelden. Beide waren bereits vor Corona Sanierungsfälle. Vapiano mit 2000 Mitarbeitern in Deutschland teilte mit: Es war keine Lösung für den „noch einmal signifikant gestiegenen Liquiditätsbedarf von zusätzlichen 36,7 Millionen Euro“ durch Corona zu finden.
Selbst Gastronomen, die bisher erfolgreich waren, sind durch Corona in Not. Die rund 6000 Mitarbeiter der Pizza- und Pastakette L’Osteria sind in Kurzarbeit. „Inzwischen ist es uns gelungen, durch den Außerhaus-Verkauf 20 Prozent des verlorenen Umsatzes wieder zurückzuholen“, berichtet L’Osteria-Chef Mirko Silz. Trotz dieser positiven Entwicklung seien die Hausbanken zögerlich, KfW-Mittel zu beantragen, ärgert sich Silz. Er gibt dafür der Verunsicherung durch die Politik die Schuld.
Baubranche und Nahrungsmittelhersteller schwächeln
Auch der Einzelhandel ist durch die Schließungen, die ab Montag teilweise gelockert werden, stark betroffen. Der traditionsreiche Damenmodefilialist Appelrath Cüpper meldete im April Insolvenz in Eigenverwaltung an. Der Kölner Mittelständler mit 1000 Mitarbeitern befand sich mitten in einer Restrukturierung. „Leider haben wir trotz eines Antrags keinen Zugriff auf KfW-Darlehen erhalten, sodass wir nur noch die Option hatten, eine Insolvenz in Eigenverwaltung anzustreben“, sagte Finanzchef Heinrich Ollendiek.
Auch die gerade erst gerettete Modefirma Hallhuber hat nach massiven Umsatzeinbußen seit Corona die Notbremse gezogen. Es läuft ein Schutzschirmverfahren in Eigenverwaltung.
Selbst in relativ krisenresistenten Branchen gibt es Corona-Geschädigte. Fünf Prozent der Technologie-Unternehmen sind Wackelkandidaten, 26 Prozent Zombies. Grundsätzlich bekommt die digitale Transformation aber durch Corona einen Schub. Davon profitieren Technologieanbieter.
Die Baubranche hat laut Munich Strategy nur fünf Prozent Wackelkandidaten, jedoch sind 38 Prozent der Firmen bereits schwer angeschlagen – trotz des jahrelangen Baubooms. Die Nahrungsmittelbranche, die als systemrelevant gilt, hat zwar nur zwei Prozent Wackelkandidaten. Doch 48 Prozent der Firmen schwächeln schon lange. Das gilt etwa für Wursthersteller. Hier wurde schon vor Corona eine drastische Marktkonsolidierung von rund 150 auf etwa 35 Firmen erwartet.
Stark von Corona betroffen sind Anbieter von Industriegütern: 29 Prozent von ihnen zählt Munich Strategy zu den Zombies, 18 Prozent zu den Wackelkandidaten. Das liegt vor allem an den notleidenden Autozulieferern. Die meisten Autobauer haben ihre Produktion wegen fehlender Nachfrage und unterbrochener Lieferketten weltweit gestoppt. Etliche Zulieferer sind deshalb in Kurzarbeit.
Erste Firmen mussten bereits Insolvenz beantragen. So wie Batteriehersteller Moll aus Oberfranken, der etwa VW und Audi beliefert. Der plötzliche, massive und dauerhafte Absatzrückgang durch die Coronakrise habe keine andere Wahl gelassen. „Das ist ein bitterer Tag“, sagte Gertrud Moll-Möhrstedt, geschäftsführende Gesellschafterin. Moll hatte zuletzt viel investiert etwa in innovative Lithium-Batterien.
Das ging auf Kosten der Liquidität. Es werde vielleicht Jahre dauern, bis die Automobilproduktion wieder ihr altes Niveau erreiche. „Moll fehlen hierbei die Finanzmittel, um einen derart langen Zeitraum überbrücken zu können“, sagt der Mittelständler resigniert.
„Die Marktbereinigung, die schon länger überfällig war, kommt durch Corona nun mit voller Wucht“, konstatiert Theopold. Mehrere Hunderttausend Arbeitsplätze seien in Gefahr. Eine Welle von Insolvenzen sowie Übernahmen steht nun an.
Mittelständler mit einem funktionierenden Geschäftsmodell, die unverschuldet in Not sind, brauchen nun dringend staatliche Hilfen, um zu überleben und eigenständig zu bleiben. So auch die Hörgerätekette Kind. „Vor Corona liefen unsere Geschäfte sehr gut. Wir waren bisher ein kerngesundes Unternehmen und haben stetig investiert“, erzählt Unternehmer Alexander Kind. 2020 sollte ein Rekordjahr werden. „Die Zwangsschließungen durch Corona treffen uns mit voller Wucht“, sagt Kind. Der Tagesumsatz ist nahe null, die meisten der 3500 Mitarbeiter sind in Kurzarbeit.
„Wir werden Kredite aufnehmen müssen, um den Umsatzeinbruch und die einhergehenden Verluste zu kompensieren. Unsere Situation ist dramatisch“, sagt der Familienunternehmer, der hofft, „mit zwei blauen Augen“ aus der Krise zu kommen.
Angst vor Ausverkauf
Unbürokratische und schnelle KfW-Darlehen für Mittelständler seien wichtig, betont der Berater Theopold. Doch klar ist auch: Irgendwann müssen die Kredite zurückgezahlt werden. Viele Mittelständler dürften Probleme haben, die hohe Schuldenlast durch Corona zu schultern. Deshalb sollten die Firmen schon jetzt zusätzlich nach Alternativen suchen, um ihr Eigenkapital zu stärken und einen Notverkauf zu verhindern. Theopold hält eine Beteiligung von strategischen Partnern und Finanzinvestoren oder privates Unternehmerkapital für sinnvoll.
So hat der in Kairo geborene Milliardär Samih Sawiris gerade seinen Anteil am Münchener Reiseunternehmen FTI von 33,7 auf 75,1 Prozent aufgestockt. Damit hat er das Familienunternehmen gerettet, das stark unter dem Einbruch des Tourismus leidet. „Das Corona-Finanzierungspaket wäre ohne das finanzielle Engagement unseres Partners Sawiris und der damit verbundenen Erhöhung des Eigenkapitals nicht möglich gewesen“, betont Firmengründer Dietmar Gunz, der mit seiner Frau in der Geschäftsführung bleibt.
Auch andere finanzkräftige Wettbewerber oder Investoren dürften sich die Kaufgelegenheiten im deutschen Mittelstand nicht entgehen lassen. Die Bundesregierung will einen Ausverkauf ans Ausland verhindern. Der geplante Wirtschaftsstabilisierungsfonds sieht vor, dass sich der Staat gerade in Zeiten von Corona vorübergehend an geschwächten Firmen beteiligt – auch um unerwünschte Investoren abzuwehren.
„Die deutsche Wirtschaft braucht jetzt auch den Schutz des Staates, damit nicht ausländische Finanzinvestoren die Coronakrise als Discount-Einstiegsmöglichkeit nutzen“, meint Jörn Weitzmann, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Insolvenzrecht und Sanierung im Deutschen Anwaltsverein. Sonst könne sehr viel Substanz verloren gehen.
Gegen ausländisches Kapital im Mittelstand hat Strategieexperte Theopold an sich nichts einzuwenden. Eine Staatsbeteiligung zur Rettung angeschlagener Unternehmen funktioniere vielleicht bei Konzernen, nicht aber bei unzähligen mittelständischen Firmen, glaubt er.
Es gibt aber auch Mittelständler, die gestärkt aus der Krise herauskommen werden. Die Leuchttürme werden Marktanteile gewinnen – weil Wettbewerber verschwinden oder weil sie in Not geratene Unternehmen übernehmen können.
Die Bereinigung des Marktes durch Corona birgt aber die Gefahr, dass die fruchtbare Vielfalt im deutschen Mittelstand verloren geht. In manchen Sektoren könnten nur noch drei bis fünf starke Spieler übrig bleiben von vorher 25, warnt Theopold. „Eine solche Konzentration im Mittelstand wäre langfristig schädlich für die gesamte Volkswirtschaft.“