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Die neuen Gründer – ChronextEin Hauch von Luxus

Ein Start-up aus Köln will zum größten Handelsplatz für Luxusuhren werden. Das klingt nicht besonders revolutionär. Aber der Markt hat seine eigenen Gesetze – und die Jungunternehmer nehmen es mit dem „Uhrenkartell“ auf.Miriam Schröder 05.11.2015 - 14:04 Uhr Quelle: Handelsblatt ePaperArtikel anhören

Gründer Philipp Man (l.) und Ludwig Wurlitzer.

Foto: PR

Köln. Man könnte diese Geschichte mit Großvater Mosche beginnen, der ein Juwelier war. Weitermachen mit Vater Genadi, der einen Softwarekonzern erschuf. Philipp Man, so könnte man erzählen, führt die Familientradition fort und revolutioniert den Uhrenmarkt mit seinem Start-up Chronext. Aber so glatt läuft es selten im Leben, erst recht nicht, wenn man Unternehmer ist.

Mosche Man schmiedete Gold, das ist richtig. Richtig erfolgreich war er nicht. Genadi Man gründete die Telesens AG und brachte sie an die Börse. Das Unternehmen überlebte die New-Economy-Krise nicht. Philipp Man hat gerade eine Finanzierungsrunde über fünf Millionen Dollar abgeschlossen, mit namhaften Investoren wie Partech Ventures, Capnamic oder der Familie Adenauer. Aber bis dahin war es ein steiniger Weg.

Und er ist noch lange nicht am Ziel. Das Ziel heißt: Der weltweit größte Handelsplatz für Luxusuhren werden.

Milliardenmarkt Uhren
Seit 2012 stagniert der weltweite Jahresumsatz – wenn auch auf einem hohen Niveau von 35 Milliarden Euro. Größter Exporteur von Luxusuhren ist die Schweiz. Bis Ende Juli dieses Jahres gingen die Exporte der Eidgenossen insgesamt um 1,3 Prozent zurück. Schuld ist vor allem die sinkende Nachfrage in Asien.
Die größte Plattform für den Internethandel mit Uhren ist Ebay. Ein großer Spieler vor allem im Luxussegment ist auch Chrono24. Das Unternehmen aus Karlsruhe konnte kürzlich eine Finanzierungsrunde über 21 Millionen Euro abschließen. Ähnlich wie Chronext arbeitet zudem das Berliner Start-up Montredo.

Uhrmacher überprüfen jede Uhr

Tick, Tack, Tick, Tack, so gleichmäßig läuft nicht mal ein Schweizer Uhrwerk. Für den korrekten Gang einer Uhr sei die Unruh verantwortlich, erklärt Man, eine kleine Spiralfeder, die im Inneren hin und her schwingt. Eine Abweichung von 0,3 sei schon ziemlich perfekt. Vor ihm liegt, in ihre Einzelteile zerlegt, eine Tag Heuer Carrera. Wert: um die 4000 Euro. Im Kölner Büro von Chronext arbeiten vier Uhrmacher. Sie überprüfen jede Uhr, bevor sie das Haus verlässt. Die Käufer erhalten ein Echtheitszertifikat und eine Garantie. Im Angebot sind viele Sammlerstücke, eine alte Schiffsuhr von Glashütte oder der Bundeswehr-Chronograph.

Andere Uhren sind ganz neu. 85 Prozent der Ware, die bei Chronext angeboten wird, stammen nicht von Privatleuten, sondern von professionellen Händlern – oder den Herstellern selbst, sagt Man. Auf den ersten Blick scheint das Konzept nicht gerade revolutionär. Onlineportale, auf denen Uhren verkauft werden, gibt es schon lange. Das größte heißt Ebay. Seit zehn Jahren ist Chrono24 am Markt. Beides sind Vermittlungsplattformen, auf denen praktisch jeder handeln kann. Wer bei Chronext kauft, schließt den Vertrag mit Chronext. Um zu verstehen, was daran so besonders ist, muss man wissen, wie der Markt für Luxusuhren funktioniert.

Philipp Man sagt, er habe schon immer ein Faible für teure Uhren gehabt. Nach dem Abitur jobbte er bei einem Juwelier. Dort sah er, was die Händler machen, wenn Luxusware im Lager liegen bleibt: Sie verkaufen sie unter dem Ladentisch oder über Ebay, mit Preisnachlässen von bis zu 40 Prozent.

Sammlerstück aus den siebziger Jahren.

Foto: Chronext

„Luxus ist ein sehr politisches Geschäft“

Illegal ist das nicht, den Herstellern aber missfällt es. Namen wie Rolex oder Omega dürfen nicht in den Ruf geraten, verramscht zu werden. Luxusproduzenten liefern ihre Ware nur an ausgewählte Händler. Sie verknappen das Angebot, um Preise und Image hoch zu halten. Chronext will Herstellern und Händlern eine Plattform bieten, auf der sie Uhren zwar preiswerter, aber nicht billig abgeben sollen.

Dass ein Hersteller tatsächlich mit einem Start-up zusammenarbeitet, kann René Weber gar nicht glauben. „Für eine Luxusmarke ist die Kontrolle über die Distribution entscheidend“, bemerkt der Uhrenexperte beim Schweizer Bankhaus Vontobel.

Philipp Man schätzt, dass über den Graumarkt fünf bis zehn Milliarden Euro umgesetzt werden. Und dass die Hersteller davon wissen – und es dulden, um ihren Absatz nicht zu gefährden. Er hat seine Abschlussarbeit am King’s College in London über das Phänomen geschrieben und mit Insidern gesprochen.

Offen reden möchte niemand. „Luxus ist ein sehr politisches Geschäft“, sagt Man. Ursprünglich wollte er Ölhändler werden. Die Geschichte des legendären Glencore-Gründers Marc Rich hatte es ihm angetan, der in den 70er-Jahren das große Ölkartell durchbrach. Doch dann beschlossen Man und sein Freund Ludwig Wurlitzer, dass sie es mit dem „Uhrenkartell“ aufnehmen wollten. Dies war im März 2013. Sie waren 22 und 23 Jahre alt.

„Wir sind Jungunternehmer“, sagt Man, kein „Start-up“, das käme in den Kreisen, in denen er verhandelt, nicht gut an. Eine Schweizer Luxusmarke antwortet nicht einfach auf eine Mail. Unvorstellbar, dass die Herren von Maurice Lacroix oder Patek Philippe zwei Jungs empfangen, die einen Kickertisch im Büro und die Toiletten nach Bill Gates und Sheryl Sandberg benannt haben.

Bereits die Pleite abgewendet

Der offizielle Hauptsitz von Chronext befindet sich im schweizerischen Zug, Philipp Man reist regelmäßig dorthin. Im Aufsichtsrat sitzt ein Schweizer Rechtsanwalt, der ihnen manchen Zugang verschafft hat. Hinter verschlossenen Türen, sagt Man, seien die Hersteller empfänglich für seine Argumente: Dass sie, wenn sie den Graumarkt schon tolerieren müssen, ihre Überbestände gleich an Chronext geben können oder ihren Händlern eine Zusammenarbeit empfehlen. Der Discount beträgt bei Chronext fünf bis zehn Prozent, „ein Preis, der für alle verträglich ist“, meint Man. Der Kunde kann dafür sichergehen, dass die Uhr echt ist. Einige große Hersteller haben die Werkstatt in Köln schon zertifiziert und liefern Ersatzteile. Die Urkunden hängen an der Wand. Aber Philipp Man möchte sie nicht in der Zeitung sehen. Er hat längst noch nicht alle überzeugt. Und er weiß gut, dass ein Deal auch wieder platzen kann.

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Ein gutes Jahr nach der Gründung stand die Firma kurz vor dem Aus. Monatelang hatten sie mit einem Dax-Konzern über dessen Einstieg verhandelt. In letzter Minute sagten die Geldgeber ab. Die Gründer hatten gar nichts mehr. „Wir tilgten Kreditkartenschulden mit anderen Kreditkarten“, erinnert sich Man. Nachts setzte er sich hin und schrieb so viele Investoren an, wie ihm Namen einfielen. Christian Weiß, Ex-Geschäftsführer von Rocket Internet und Chef des Inkubators Project A, stieg als Business Angel ein und überwies spontan Geld. Er habe Geschäftsmodell und Team überzeugend gefunden, sagt Weiß. Philipp Man sei einer, der nicht aufgibt.

Für die Präsentation auf der Webseite müssen die Uhren von allen Seiten fotografiert werden. 360-Grad-Fotografie ist teuer. Philipp Man wollte es billiger haben. Wurlitzer, der technische Kopf von Chronext, baute selbst eine Maschine.

Ende des Jahres will Man den Investoren einen achtstelligen Umsatz präsentieren. Sie arbeiten an der Expansion nach England, nächstes Jahr soll der US-Markt folgen. Großvater Mosche, der Juwelier, hat es nicht über Tel Aviv hinaus geschafft. Aber er schmiedete bis zuletzt in seinem Wohnzimmer Gold. Vater Genadi führt heute nach der Telesens AG das Unternehmen Man Oil Group, das Ölschlämme beseitigt. In einem Unternehmerleben läuft nicht immer alles gerade. Hauptsache ist, man bleibt dran.

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