Architekt Ole Scheeren: Asiens Wolkenkratzer-Star
Das verschlungene CCTV-Gebäude in Peking (im Hintergrund) brachte den Durchbruch.
Foto: Katharina Hesse/laifIn Asiens Großstädten ist Ole Scheerens Arbeit kaum zu übersehen. In Peking schuf der Architekt aus Karlsruhe die ikonische Zentrale des Staatsfernsehens CCTV – in Form von zwei miteinander verschlungenen Türmen. In Singapur baute er eine Wohnanlage, die aussieht wie chaotisch aufeinandergestapelte Lego-Steine. Und über Bangkok thront sein Mahanakhon-Tower, der aus der Ferne wie ein verpixeltes Bild wirkt. Es solle so aussehen, als wäre der Turm nie ganz fertig, sagt Scheeren über das Projekt mit der löchrig wirkenden Fassade.
Das scheinbar endlose Streben nach oben passt zu dem 46-Jährigen, der für sein Architekturbüro um den Globus hetzt. „Ich arbeite sehr viel“, sagt er. „Man kann es immer schaffen, noch weiterzugehen.“ Körperlich habe ihm diese Einstellung in den vergangenen 20 Jahren nicht geschadet. Bei der Frage, wo er zu Hause sei, muss er aber einen Moment nachdenken. „Ich lebe zwischen vielen Orten“, antwortet er dann. Hongkong, Peking, Berlin, Los Angeles und New York listet Scheeren, der unverheiratet ist und keine Kinder hat, als seine aktuellen Lebensmittelpunkte auf.
Den größten Erfolg hat der Wolkenkratzerdesigner, der mit seinem Schritt nach China vor anderthalb Jahrzehnten den Durchbruch schaffte, aber nach wie vor in Asien: Gerade stellte er seine Pläne vor, mit denen er die Skyline einer weiteren Metropole prägen möchte. In Ho-Chi-Minh-Stadt in Vietnam arbeitet er an einem 333-Meter-Turm, aus dessen Mitte tropische Bäume herauswachsen sollen.
Scheerens Kreationen überraschen und irritieren – und führen vor, wie eintönig der überwiegende Rest der Hochhäuser ist. Es reiche nicht aus, als Architekt nur funktional zu denken, sagt Scheeren, dessen Vater ebenfalls Architekt war. „Wir müssen auch mit Fantasie arbeiten und neue Möglichkeiten ergründen.“ Der Aufbruch ins Ungewisse gefällt dem Weltenbummler, der in Karlsruhe, Lausanne und London studierte, offenbar auch im eigenen Leben: Als 20-Jähriger reiste er monatelang als Backpacker durch China, Ende der 90er-Jahre lebte er in Bangkok, bevor er dann Partner des niederländischen Stararchitekten Rem Koolhaas wurde und den Bau des CCTV-Kolosses in Peking verantwortete.
Projekt in Frankfurt
Dass er für den Sender, der als ein zentrales Propagandaorgan der chinesischen Regierung gilt, eine aufsehenerregende, neue Heimat schuf, brachte Scheeren auch negative Presse. „Die Kritik war verständlich“, sagt er heute. Damals hätten er und Koolhaas es aber als richtig empfunden. Ob er es heute nochmals machen würde? Das hänge vom Einzelfall ab.
Es ist eine ungewöhnliche Idee und wäre ein ambitioniertes Projekt: Das US-Architekturbüro oii Studio hat seine Pläne für „The Big Bend“ vorgestellt. Das Bauwerk würde die Skyline von New York allein schon aufgrund seiner Form verändern. In 600 Metern Höhe soll das Hochhaus nicht etwa enden, sondern einen Bogen machen. Wenn man vom Anfang bis zum Ende misst, wäre „Big Bend“ mit zweimal 600 Metern der „längste“ Wolkenkratzer der Welt. Designer Ioannis Oiaonomou will mit dem Bauwerk auch ein Zeichen setzen: Höhe ist nicht alles. Welche Wolkenkratzer momentan besonders hoch in den Himmel ragen.
Foto: oiio StudioDie Petronas Twin Towers in der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur messen je 452 Meter und teilen sich damit Platz neun. Sie wurden 1998 fertiggestellt und waren lange Jahre die höchsten Gebäude der Welt. Errichten ließ sie der Mineralölkonzern Petronas, der ihnen damit auch den Namen gab.
Foto: ReutersDas Gebäude übertraf bei seiner Fertigstellung 2010 das 412 Meter hohe Two International Finance Centre Gebäude auf der gegenüberliegenden Seite des Victoria Harbour um 72 Meter – und übernahm damit den Rang des höchsten Gebäudes in Hongkong.
Foto: ReutersIm August 2008 wurde das Shanghai World Financial Center eröffnet. Es misst 492 Meter und gilt damit als das achthöchste Gebäude der Welt und das zweithöchste Chinas. Es hat 101 Stockwerke. Gleich daneben findet sich der Jin Mao Tower, 421 Meter hoch, mit 88 Stockwerken.
Foto: PRBis 2010 galt das Taipei 101 in der Hauptstadt Taiwans, Taipeh, offiziell als die Nummer eins der Welt. Doch dann musste der Wolkenkratzer den Titel abgeben – und findet sich mittlerweile nur noch auf Rang sechs der Rangliste wieder. Den Namen trägt das Hochhaus wegen seiner 101 Stockwerke. Taipei 101 ist mehr als einen halben Kilometer hoch und wurde Silvester 2004 eröffnet. Es muss großen Belastungen, zum Beispiel Erdbeben und Taifunen, trotzen können.
Foto: ReutersDas Guangzhou CTF Finance Centre wurde erst 2016 eröffnet und ist damit das neueste Gebäude in den Top Ten. Mit einer Höhe von 530 Metern landet der Wolkenkratzer der chinesischen Millionenmetropole auf Platz fünf.
Foto: New World DevelopmentDas One World Trade Center wurde zwischen 2006 und 2014 auf dem Ground Zero errichtet, auf dem vor den Terroranschlägen am 11. September 2001 das World Trade Center stand. Der Wolkenkratzer ist 541,3 Meter hoch und hat 94 Stockwerke.
Foto: ReutersAuf Platz drei landet der Uhrenturm Makkah Royal in Mekka. Er ist 601 Meter hoch und der größte Uhrenturm der Welt. Architektonisch erinnert der Turm an Londons Big Ben.
Foto: dpaDer Shanghai Tower wurde 2015 eröffnet und ist 632 Meter hoch. In dem Gebäude befinden sich sowohl Büros als auch ein Hotel. Die Flurfläche beträgt satte 420.000 Quadratmeter.
Foto: AFPDer mit Abstand höchste Wolkenkratzer ist der Burj Khalifa in Dubai. 828 Meter misst das Hochhaus, das 2010 erbaut wurde. Mit 163 Stockwerken hat es auch die meisten Stockwerke der Welt. Europa kann da nicht mithalten...
Foto: dpaErst auf Platz 89 findet sich (mehrere Moskauer Hochhäuser einmal ausgenommen) der höchste Wolkenkratzer Europas. Londons neues Wahrzeichen The Shard kommt auf 306 Meter und wurde 2013 eröffnet.
Quelle für die Rangliste: Council on Tall Buildings and Urban Habitat
Mehr zum Projekt „The Big Bend“
Foto: AFPOhnehin versucht Scheeren, der sich 2010 selbstständig machte und inzwischen mehr als 70 Mitarbeiter beschäftigt, nun im politisch weniger brisanten Westen Fuß zu fassen. Vor zwei Jahren gründete er eine Niederlassung in Berlin – die vierte neben Peking, Hongkong und Bangkok – und stellte in diesem September eines seiner ersten größeren Deutschland-Projekte vor: Den Umbau des in die Jahre gekommenen Union-Investment-Hochhauses in Frankfurt zu einem modernen Wohngebäude.
Ganz so fantastisch wie in Asien ist die Sache aber noch nicht: „Natürlich hat Europa eine ganz andere Ausgangsbasis“, sagt Scheeren über die hiesige Architekturszene. „Ich glaube, dass man hier trotzdem viel vom Mut Asiens lernen kann.“