Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Schutzmaskenhersteller Diese Unternehmen wollen dabei helfen, den Shutdown zu beenden

Unternehmer haben innerhalb kürzester Zeit Möglichkeiten geschaffen, FFP2-Schutzmasken herzustellen. Das zeigt die Fähigkeiten des deutschen Mittelstands in Krisenzeiten.
13.04.2020 - 08:46 Uhr Kommentieren
Das Familienunternehmen Reifenhäuser ist Weltmarktführer im Maschinenbau für Vliesstoff-Herstellung.
Reifenhäuser

Das Familienunternehmen Reifenhäuser ist Weltmarktführer im Maschinenbau für Vliesstoff-Herstellung.

Düsseldorf Während viele Unternehmen sich darum sorgen, wie stark sie vom Shutdown betroffen sind, und wann dieser endet, gibt es auch solche, die sich dreierlei Gedanken machen. Erstens hängt der Erfolg des Kampfes gegen das Coronavirus davon ab, dass möglichst viele Menschen geschützt werden, vor allem solche die in Krankenhäusern und Pflegeheimen arbeiten.

Zweitens kann die Wirtschaft nur dann wieder anfahren, wenn möglichst viele Menschen die Möglichkeit erhalten, Schutzmasken tragen zu können. Drittens sollten Schutzmasken dort produziert werden, wo sie benötigt werden, um nicht in einen internationalen Preiskampf zu geraten.

Bernd Reifenhäuser zum Beispiel hat sich schon vor mehreren Wochen dazu viele Gedanken gemacht. Reifenhäuser ist Weltmarktführer im Maschinenbau für die Vliesstoff-Herstellung. Rund 75 Prozent der medizinischen Vliesstoffe würden auf Reifenhäuser-Maschinen hergestellt.

Dem Unternehmer, der die Firmengruppe in dritter Generation führt, sei klar gewesen, dass man auch in Europa Schutzmasken brauche, aber rund 90 Prozent der Masken in China hergestellt werden. China habe zunächst den Export von Schutzkleidung verboten, später und bis heute würden diese Produkte wenn überhaupt meist zu sehr hohen Preisen ausgeführt, so Reifenhäuser.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Das Familienunternehmen stellt daher auf den Vorführanlagen im eigenen Forschungs- und Entwicklungszentrum in Troisdorf selbst das Vlies her, 24 Stunden an sieben Tagen. Doch zunächst fand das Vlies keine Abnehmer hierzulande, die daraus Masken fertigen. Deshalb wurde es nach Vietnam exportiert.

    Das Unternehmen Reifenhäuser ist in die Schutzmaskenproduktion eingestiegen. Quelle: Reuters
    Bernd Reifenhäuser

    Das Unternehmen Reifenhäuser ist in die Schutzmaskenproduktion eingestiegen.

    (Foto: Reuters)

    Dabei hätte man schon vor einigen Wochen wissen können, dass es auch hierzulande eng wird. An den Ostertagen klagten einige Firmen, die erst durch die Krise in die Maskenproduktion eingestiegen sind, bereits über Engpässe und bei Reifenhäuser übersteigt die Nachfrage das Angebot.

    Derzeit liefert Reifenhäuser an das Konsortium „Fight – Covid 19“, das vor allem von dem Bandagen und Orthesen-Hersteller Sporlastic aus Nürtingen und dem Beratungsunternehmen Gherzi aus organisiert und von der Landesregierung Baden-Württemberg unterstützt wird – auch durch bereits zugesagte Abnahmemengen.

    Baden-Württemberg hilft bei der Maskenverteilung

    Reifenhäuser war es wichtig, eng mit einer öffentlichen Institution zusammenzuarbeiten. „So ist sichergestellt, dass unser Material zu Masken weiterverarbeitet wird, die dann auch an den richtigen Stellen landen, denn wir können nicht alle Abnehmer überprüfen.“

    Das Land Baden-Württemberg begleitet das Bündnis koordinierend, so wird der knappe Vliesstoff Meltblown zur Versorgung des Personals in Krankenhäuser, Arztpraxen und Pflegeeinrichtungen eingesetzt. In NRW gibt es eine vergleichbare Initiative.

    Meltblown ist ein Vliesstoff aus extrem feinen, schmelzgesponnenen Mikrofasern. Diese Fasern sind bis zu siebzig Mal dünner als ein menschliches Haar. Dank ihrer Struktur und einer zusätzlichen elektrostatischen Aufladung filtern Masken mit diesem Vlies auch kleinste Partikel, in denen sich zum Beispiel das Coronavirus befindet.

    Die Bundesregierung hat am vergangenen Montag im Corona-Kabinett einen Zuschuss von 30 Prozent für Investitionen in Meltblown-Anlagen am Standort Deutschland beschlossen.

    „Die Exekutive hat ein offenes Ohr“, sagt Reifenhäuser. Es habe sich in den vergangenen Wochen enorm viel getan. Auf allen Ebenen gehe es ganz schnell und unbürokratisch. „Man hört uns in den Ministerien zu und bringt die richtigen Dinge auf den Weg.“

    Das Bundesgesundheitsministerium hat einen Rahmenvertrag über die Lieferung von Schutzausrüstungen zu einem festgelegten Preis bis Ende 2021 abgeschlossen. 50 Millionen Masken pro Woche würden abgenommen.

    Netzwerke und Konsortien, die schnell Masken produzieren, können sich dort bewerben. Doch Reifenhäuser ist klar, dass sich die Maschinen bis Ende 2021 nicht amortisieren werden. Doch viele Unternehmen, die sich jetzt auf die Maskenproduktion verlegen, wollen das auch dauerhaft tun.

    Maskenproduktion statt Kurzarbeit

    So wie der Autozulieferer Zender aus Osnabrück. Normalerweise fertigt das Unternehmen Carbon-Teile und Innenraumverkleidungen. Mehrheitseigner des Unternehmens ist Marco Dei Vecchi. Der Italiener hat in seiner Heimat erlebt, wie wichtig Schutzmasken sind und entschied, das Unternehmen solle lieber Masken herstellen. Es war klar, dass es so genannte FFP2-Masken sein müssen. Diese Masken verfügen über das Meltblown-Vlies und sind für den Einsatz in Krankenhäusern und für Pflegekräfte zugelassen.

    Bei Zender Germany heißt es nun Maskenproduktion statt Kurzarbeit. Quelle: Reuters
    Autozulieferer Zender

    Bei Zender Germany heißt es nun Maskenproduktion statt Kurzarbeit.

    (Foto: Reuters)

    „Wir haben uns auf unsere Kernkompetenz besonnen – wir können Industriestoffe verarbeiten und wir können Textilien cutten, nähen und schweißen“, sagt Norbert Borner, Geschäftsführer und Gesellschafter von Zender Germany. Als Zulieferer der Autohersteller, die doch ziemlich schnell ihre Produktionen ausgesetzt haben, hatte Zender auch Kapazitäten. Inzwischen fertigt das Unternehmen 60.000 Masken pro Tag, übernächste Woche sollen es 100.000 sein.

    Bei Zender Germany heißt es nun Maskenproduktion statt Kurzarbeit. Zwar müssen sich die Mitarbeiter nun umstellen, aber: „Die Maskenproduktion hat Arbeitsplätze gerettet“, sagt Ursula Stecker, die das Unternehmen in dem Prozess als Beraterin begleitet hat.

    Der Autozulieferer Zender aus Osnabrück fertigt nun auch Schutzmasken an. Quelle: U.S. Wirtschaftsberatung GmbH
    Marco Dei Vecchio (r.) und Norbert Borner (l.)

    Der Autozulieferer Zender aus Osnabrück fertigt nun auch Schutzmasken an.

    (Foto: U.S. Wirtschaftsberatung GmbH)

    Statt bisher rund 60, arbeiten fast 120 Mitarbeiter bei Zender in Osnabrück, auch weil nun die Mitarbeiter der Zeitarbeitsfirmen dort weiter arbeiten können und ebenfalls nicht in die Kurzarbeit gehen müssen. Die Vliesstoffe bekommt Zender derzeit vom Zulieferer Freudenberg und verhandelt auch mit weiteren Lieferanten.

    Die Masken müssen zertifiziert werden, bevor sie zum Einsatz kommen. Derzeit werden die Produkte von Zender von der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung geprüft. Die vollständige Zertifizierung wird gerade bei der Dekra vollzogen. Sie dauert allerdings zwei bis drei Wochen.

    Zender Germany will weiterhin Masken produzieren, zunächst nur für das Gesundheitswesen. „Es wäre schön, wenn wir eine dauerhafte Abnahmegarantie bekommen könnten, das Land will das befürworten“, sagt Stecker. An der Ausschreibung des Bundesgesundheitsministeriums hat Zender teilgenommen. Denn Zender ist wie Reifenhäuser wichtig, dass Masken und Vlies an den richtigen Stellen im Gesundheitswesen ankommen.

    Deutschland ist konkurrenzfähig zu China

    Der Bedarf jedenfalls ist da und noch längst nicht gedeckt. Bislang gehen die Masken oft durch halbautomatische Nähereien, daher ist die Produktionsmenge im Vergleich zum Bedarf noch gering, sagt der Maschinenbauer Reifenhäuser.

    „Würde man die Masken vollautomatisch produzieren, dann könnte man 500 Masken pro Minute fertigen, wissen wir von Maschinenbauern aus unserem Netzwerk. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir unter diesen Voraussetzungen in Europa mindestens so wirtschaftlich produzieren können wie in China“, so Reifenhäuser.

    Neben Reifenhäuser sitzt noch ein weiterer Vlieshersteller in Troisdorf. Innovatec fertigt seit 25 Jahren Vliese für Schutzmasken, auch mit dem Meltblown-Verfahren. Das Vlies wird überall hin verkauft und auch nachgefragt.

    In Deutschland gab es aber bislang keine Produzenten. Die Vliese gingen nach Frankreich, in die Niederlande und vor allem nach Italien. Inzwischen beliefert Innovatec einige Betriebe in Deutschland, die ihre Produktion umgestellt haben und „Behelfs-Masken“ herstellen auf Anfrage mit Vlies in kleinerem Umfang.

    Nun hat Innovatec in drei neue Produktionsanlagen investiert, um künftig auch deutsche Kunden zu beliefern, die sich auf die Herstellung von Schutzmasken spezialisieren. Daniel Krumme, Geschäftsführer von Innovatec, will dazu beitragen, dass in sensiblen Bereichen, wie etwa der medizinischen Versorgung, in Deutschland wieder unabhängig und schnell produziert werden kann.

    Trigema-Chef Grupp: „Ich nutze die Situation nicht, um reich zu werden“

    Die Firma Sandler in Schwarzenbach/Saale fertigt Vlies, der grundsätzlich für FFP2 und FFP3-Masken geeignet ist. Die Nachfrage sei seit Wochen ungebrochen. Trotz der Produktion an sieben Tagen die Woche rund um die Uhr könnte das Unternehmen Neubestellungen von Atemmaskenherstellern erst wieder ab Juni annehmen, teilte Christian Heinrich Sandler, Vorstandsvorsitzender der 1879 gegründeten Sandler AG mit. „Andererseits nehmen wir auch die weiterhin herausfordernde Situation im Gesundheitsbereich wahr und haben daher in der letzten Woche beschlossen, in eine weitere Maschine für Maskenvlies am Standort Schwarzenbach in Oberfranken zu investieren.“ Zu den Kunden zählen industrielle Hersteller und regionale private Initiativen, inzwischen liefert Sandler auch an den Autozulieferer Zettl. Dieser fertigt daraus Masken, die allerdings erst auf dem Weg seien, die Anforderungen an die FFP2-Standard zu erreichen.

    Und: Nach einem Bericht des „Westfalen-Blatts“ produziert nun auch Melitta Schutzmasken für den medizinischen Einsatz. Bekannt ist das Familienunternehmen für Kaffee, Filtertüten und Staubsaugerbeutel. „Mit unseren Produktionskapazitäten sind wir in der Lage, in kürzester Zeit sehr hohe Mengen an Atemmasken herzustellen“, sagte Jero Bentz, Mitglied der Unternehmensleitung und persönlich haftender Gesellschafter der Melitta Group dem „Westfalen-Blatt“. Bis zu einer Million Masken pro Tag könnte das Unternehmen bald herstellen, teilte Melitta mit.

    Familienunternehmen schalten in den Krisenmodus

    Es ist offenbar kein Zufall, dass sich ausgerechnet viele Familienunternehmen bei dem Thema Schutzmasken engagieren. Viele dieser Generation alter Unternehmen schalteten schnell in den Krisenmodus.

    Tom Rüsen, Direktor des Wittener Instituts für Familienunternehmen, tagt derzeit regelmäßig virtuell mit Familienunternehmern. Diese erzählen ihm dann, wie sie konkret in der Krise wirtschaften – mit neuen Schichtmodellen, bei denen sich die Mitarbeiter nicht so oft begegnen, Krisenstäben mit Gesellschaftern und Betriebsräten und Ideen, wie man die Mitarbeiter im Unternehmen halten und weiterbilden kann.

    Eines hat sich bei den bisherigen digitalen Meetings schon herausgestellt: „Oft sind viele Familienunternehmer hierzulande nicht so gut wie ihre US-Kollegen bei der digitalen Selbstvermarktung ihrer Produkte, aber in so einer Stunde null können sie ihr ganzes Potenzial als Entscheidungsträger entfalten. Durch die meist langjährige Vertrauensbeziehung zu allen Stakeholdern können schnell und effektive Entscheidungen getroffen werden.“

    Klar ist: Wenn Deutschland und Europa sich in systemrelevanten Bereichen der Gesundheitsvorsorge nicht mehr so abhängig machen wollen von Herstellern im Ausland, dann müssen Politik und Wirtschaft auch langfristig umdenken, bestätigt auch Reifenhäuser.

    Ihm ist es wichtig, dass Wertschöpfung in systemrelevanten Bereichen nach Deutschland auch Europa zurückkommt. Man müsse europäisch denken, so Reifenhäuser. Mit dem Know-how und den Technologien hierzulande, habe eine „eigene Produktion sehr wohl eine Berechtigung und ist wettbewerbsfähig“. Aber, so mahnt er, „wir dürfen die Globalisierung der Wirtschaft auch nicht verteufeln. Sie ist die Stütze unseres Wohlstandes.“

    Mehr: Italienische Hersteller von Schutzmasken produzieren jetzt im 24-Stunden-Betrieb.

    Startseite
    Mehr zu: Schutzmaskenhersteller - Diese Unternehmen wollen dabei helfen, den Shutdown zu beenden
    0 Kommentare zu "Schutzmaskenhersteller: Diese Unternehmen wollen dabei helfen, den Shutdown zu beenden"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%