Unternehmerinnen: Christina Diem-Puello – Netzwerkerin mit klarer Botschaft
Berlin. Der Verband der Unternehmerinnen (VdU) hat eine neue Präsidentin. Die Gründerin des Fahrrad-Leasinganbieters Deutsche Dienstrad wurde am Mittwoch mit 91,4 Prozent der Stimmen für die kommenden drei Jahre zur neuen Präsidentin gewählt.
Sie folgt auf Jasmin Arbabian-Vogel, die nach sechs Jahren das Ehrenamt an die mit 36 Jahren jüngste Präsidentin in der Geschichte des Verbandes übergibt.
Und Diem-Puello repräsentiert als Gründerin, Investorin und Business-Angel nicht nur andere Gründerinnen, sondern bringt auch Erfahrungen aus dem Familienunternehmertum mit. Sie stammt aus einer Fahrrad-Dynastie, die immer wieder aus Krisen heraus etwas Neues aufgebaut hat.
Die neue Präsidentin bringt aber noch etwas anderes mit in den Verband, der auf der Jahrestagung seinen 70. Geburtstag feiert: mehr als 24.000 Follower und Followerinnen auf LinkedIn und mehr als 9000 auf Instagram und in WhatsApp-Gruppen, die sie mit anderen Unternehmerinnen auf dem kleinen Dienstweg verbindet.
Diem-Puello gehört zu einer neuen Generation von Unternehmerinnen, die verstanden hat, dass Unternehmertum auch Sichtbarkeit braucht, also Präsenz in den sozialen Medien. Selbstverständlich sei das nicht gewesen, erzählt sie. „Ich komme aus einem Familienunternehmer-Haushalt, wir haben Fahrräder verkauft“ – sie selbst sogar in den USA, erklärte sie in dem Podcast „Mut zur Persönlichkeit“ im Herbst 2023. „Sichtbar werden, netzwerken, sich zur Schau stellen, sich für etwas stark machen, das gab es in meiner Welt nicht.“
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Mit Gründung der Plattform Deutsche Dienstrad habe sie erkannt, dass man sichtbar werden müsse, um das Unternehmen nach vorne zu bringen. „Meine Eltern waren meine größten Kritiker“, erinnert sie sich, als sie begann, in den sozialen Medien aktiver zu werden. Heute seien sie dankbar, „dass ich mir ein Netzwerk erschaffen habe und meine Stimme nutzen kann“.
Leistungsorientierung ist der neuen Präsidentin wichtig
Zu ihrem Netzwerk gehören auch Unternehmerinnen wie Anna Weber, die wie 500 andere Unternehmerinnen zur Jahrestagung des VdU gereist war. Die Co-Geschäftsführerin von Baby One sagt über die Netzwerkerin Diem-Puello: „Kaum jemand ist so leidenschaftlich, voller Energie und dabei so herzlich“, dabei verfolge sie ihre Ziele sehr klar.
Und Alicia Lindner, die wie Weber im Geschwistertandem gemeinsam mit ihrem Bruder auch ein Familienunternehmen, den Naturkosmetikhersteller Annemarie Börlind, führt, ergänzt: „Tina verbindet Menschen, aber nicht taktisch, und sie freut sich über jeden Erfolg auch anderer Frauen.“ Bei ihren Posts oder Podcasts betont Diem-Puello das Positive, verhehlt aber auch nicht, dass sie extrem leistungsorientiert und fokussiert vorgeht.
So hat sie innerhalb von vier Jahren gemeinsam mit ihrem Mann Maximilian Diem und 100 Mitarbeitenden die Leasingplattform Deutsche Dienstrad zu einer festen Größe im Fahrradleasing-Markt gemacht. In diesem Jahr will sie neben ihrem Ehrenamt als Verbandspräsidentin den Umsatz ihres Unternehmens von nach eigenen Angaben zuletzt 130 Millionen Euro verdoppeln.
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Amt und Ehrenamt könnten so im Gleichklang Erfolge bringen, denn Diem-Puello will nichts Geringeres, als Deutschland als Wirtschaftsstandort zu alter Kraft verhelfen und Frauen in der Wirtschaft stärken. Als Unternehmerin und Influencerin tut sie das bereits.
In ihrer Antrittsrede stellt sie fest, dass die Leistungsträgerinnen und Leistungsträger hierzulande „überproportional mehr als in der Vergangenheit“ arbeiteten. Und sie fügt hinzu: „Während die Gesellschaft und uns das Gefühl beschleicht, dass heutzutage Politik für Menschen betrieben wird, die überhaupt nicht an ihre Leistungsgrenze kommen möchten.“
Als Verbandspräsidentin startet sie mit einer klaren Aufforderung in ihr Ehrenamt: „Wenn wir das wirtschaftliche Potenzial von Frauen nicht heben und ältere Menschen frühzeitig vom Arbeitsmarkt ausschließen oder sie leichtfertig in die Rente ziehen lassen“, sagt sie, dann verliere man Unternehmensleistung, Talente, Fähigkeiten und schränke das Potenzial für Innovation und Fortschritt ein.
Sie spricht damit die Themen an, die alle Unternehmerinnen und Unternehmer hierzulande umtreiben: fehlende Diversität in der Führung sowie Fach- und Arbeitskräftemangel.
Die leidenschaftliche Radfahrerin und Langstreckenläuferin will mit der Politik ins Gespräch kommen: „unternehmen und machen, anstatt sich nur zu beklagen“, sagt sie. Sie befindet sich damit in guter Gesellschaft.
In ihrem Netzwerk gibt es mit Bonita Grupp, die den Textilhersteller Trigema gemeinsam mit ihrem Bruder Wolfgang führt, und Alicia Lindner von Börlind nun sogar schon zwei Unternehmerinnen, die sich neben ihren Engagements im Verband auch auf kommunaler Ebene in die Politik begeben. Beide kandidieren bei den Kommunalwahlen in Baden-Württemberg für Kreistag und Gemeinderat – für die CDU beziehungsweise die Freien Wähler.
Diem-Puello kann auch polarisieren
Unternehmerinnen und Mitarbeitende bräuchten Role-Models, an denen sie sich orientieren – und bei Bedarf auch reiben könnten, findet Diem-Puello. Sie weiß, dass sie auch polarisieren kann, sagte sie im Podcast. Wenn sie einen Raum betrete, wisse sie durchaus, dass die eine Hälfte sie nicht gut finde. Auch ihre stets gute Laune, so habe es ihr einmal eine Politikerin gesagt, erscheine hierzulande vielen verdächtig.
Menschen lernen von Menschen, das wissen immer mehr Unternehmerinnen. Diese Verbindung aber auch in die virtuelle Welt zu tragen, dafür steht Diem-Puello. Sie postet dann auch einmal eine Hommage an ihre Mutter, die ihr größtes Vorbild sei. Susanne Puello hatte in schwierigen Zeiten das Unternehmen übernommen, neben Christina noch drei Kinder großgezogen und sie auch mal auf dem Schreibtisch im Büro gewickelt.
Die öffentliche Präsenz auch außerhalb ihrer Heimat im fränkischen Schweinfurt hilft so nicht nur dem eigenen Unternehmen, sondern künftig auch dem Verband der Unternehmerinnen.
Als Verbandspräsidentin will sie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessern, den Wirtschaftsstandort Deutschland durch Digitalisierung und Entbürokratisierung attraktiver für Investitionen gestalten und Unternehmertum als Berufsoption für junge Menschen attraktiv machen.
Der Kanzler macht seine Aufwartung
Dafür braucht sie auch die Mitstreiterinnen aus dem VdU: „Wir werden zusammen aufstehen und laut werden!“, ruft sie ihnen in ihrer Antrittsrede zu. Während sich die Unternehmerinnen der ersten Stunde in der Bundesrepublik noch in einer männlich dominierten Unternehmerwelt durchsetzen mussten, kam im 70. Jubiläumsjahr der Kanzler zum VdU.
Olaf Scholz ( SPD) gratulierte dem ersten branchenübergreifenden Interessenverband von Unternehmerinnen, der 1954 im Kölner Domhotel gegründet wurde. Es war die Stahlunternehmerin Käte Ahlmann, die die ersten 30 Mitstreiterinnen zusammentrommelte. 1967 zählte der VdU bereits 1000 Unternehmerinnen, heute sind es mehr als 1800.
Rosely Schweizer, Vertreterin der dritten Generation der Oetkers, Ehrenpräsidentin des VdU und Enkelin der Verbandsgründerin Käte Ahlmann, hatte bei der Jahrestagung einen trockenen Hinweis an die Unternehmerinnen, der auch für die neue Präsidentin gelten kann: „Ich finde, alte Leute sollten sich mit Ratschlägen zurückhalten. Die nächste Generation wird es machen, und sie wird es gut machen.“