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US-WahlSo reagiert Deutschlands Wirtschaft auf Trumps Sieg

Deutsche Unternehmen erwarten neue globale Konflikte, denen sich Deutschland und Europa vereint stellen müssten. Geschäftlich dürften viele aber von Trump auch profitieren. 06.11.2024 - 17:53 Uhr Artikel anhören
Trump-Anhänger in den USA: MAGA – Make America Great Again –, das Motto des neuen US-Präsidenten ist zugleich Drohung und Chance für die deutsche Wirtschaft. Foto: IMAGO/ZUMA Press Wire

Düsseldorf. Das Ergebnis der US-Präsidentschaftswahl fiel klarer aus als erwartet – entsprechend schnell reagierten auch Vertreter der deutschen Unternehmen und Wirtschaftsverbände auf die Wiederwahl Donald Trumps.

Darin zeigt sich: Die deutsche Wirtschaft erwartet eine weltpolitische Zeitenwende und fordert einen schnellen Plan, um Europa und Deutschland zu einen und zu stärken. Die Wahl habe gezeigt, dass wirtschaftliche Sorgen der Menschen entscheidend seien.

Für Deutschland könne dies nur bedeuten, den eigenen Standort zukunftssicher zu machen. Viele Unternehmer fürchten, dass der Klimaschutz nachlässt – andere warnen davor, sich von dem neuen US-Präsidenten nervös machen zu lassen.

Nikolas Stihl: „Weichen werden neu gestellt“

Nikolas Stihl, Aufsichts- und Beiratschef des gleichnamigen Motorsägenherstellers, gratulierte Donald Trump und würde es begrüßen, wenn dieser seine zweite Amtszeit als Chance verstehe, der Zerrissenheit im Land entgegenzuwirken. Er sagte dem Handelsblatt: „Die Weichen für die Globalisierung, den freien Handel und die Grundfesten der liberalen Demokratie werden neu gestellt.“

Für Stihl sind die USA der wichtigste Einzelmarkt. Der Unternehmer gibt sich zuversichtlich, dass Trumps Politik die Wettbewerbsfähigkeit der USA stärken und ein günstiges Investitionsklima schaffen werde.

Nikolas Stihl: Der Unternehmer erwartet eine aggressivere Handelspolitik Foto: Pressebild

Zugleich erwartet er, dass der Protektionismus zunehmen wird und Europa sich auf eine deutlich aggressivere Handelspolitik einstellen muss. Letztlich unterstreiche der Wahlsieg Trumps die „Dringlichkeit für Europa, enger zusammenzustehen, seine Kräfte zu vereinen und mit einer starken gemeinsamen Stimme gegenüber den Vereinigten Staaten aufzutreten“.

Nicola Leibinger-Kammüller: Zwiegespalten

Die Chefin des Laserspezialisten Trumpf zeigte sich am Wahlmorgen zwiegespalten: einerseits überrascht, dass „die Zuspitzung und Vulgarisierung der politischen Kultur durch Trump“ offenbar nicht abschreckend gewirkt habe. Doch wisse sie aus Gesprächen mit Kunden und Mitarbeitern in den USA, dass das Ergebnis nicht überraschend kam.

Die Probleme gerade des Mittelstands in den USA seien ähnliche wie in Europa: „Zunehmende Einmischung des Staates, Bürokratie, drohende Steueranhebungen für Unternehmen, gestiegene Zinsen.“ Für ihr Geschäft erwartet sie, dass die Bestellungen wieder anziehen werden, da jetzt „Klarheit herrscht“ für die kommenden vier Jahre.

Trumpf-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller: Geopolitik wiegt schwerer als das geschäftliche Interesse. Foto: Trumpf

Dennoch wiege für sie die Geopolitik schwerer als das geschäftliche Interesse. Sollte Trump den Ausstieg der USA aus internationalen Abkommen durchsetzen und die Ukraine militärisch fallen lassen, hätte dies gravierende Konsequenzen auch für Deutschland. „Das ist am heutigen Tag meine größte Sorge.“

Amerika-Kennerin Menne: „Bitte keinen Wettlauf“

Simone Menne, Präsidentin der AmCham Deutschland und Multi-Aufsichtsrätin, sagte dem Handelsblatt, höhere Zölle würden auch den USA schaden. Es könne sein, dass die handelspolitischen Ankündigungen des Dealmakers Trump auch in „Tauschgeschäfte“ einfließen könnten und nicht genau so kämen wie angekündigt.

Protektionistische Maßnahmen Europas als mögliche Antwort auf zusätzliche US-Einfuhrzölle lehnt Menne ab: „Es wäre wirklich schädlich, wenn wir jetzt auch noch dazu beitragen, dass die Welt sich aufspaltet.“ Europa dürfe nicht wie zur Zeit der ersten Trump-Regierung auf den Protektionismus mit eigenen protektionistischen Maßnahmen reagieren.

Unternehmerinnen: „Dringend einen neuen Plan“

Alicia Lindner, Co-Chefin des Naturkosmetik-Unternehmens Annemarie Börlind, war Anfang 2024 für fünf Monate selbst in den USA, ihrem zweitgrößten Markt, unterwegs. Sie sagt: Die amerikanische Bevölkerung habe einen Präsidenten gewählt, der verspricht, ihre dringendsten Probleme zu lösen. „Innenpolitik überwiegt nun mal die Außenpolitik, wenn die Preise für Toilettenpapier, Mieten und Eier rasant steigen.“

Unternehmerin Alicia Lindner: „Europa handlungsfähig und stabil machen.“ Foto: BÖRLIND GMBH

Deutschlands Regierung müsse sich jetzt „zusammenraufen, statt zu streiten“, und brauche einen schnellen und sehr guten Plan, der das Land und Europa sicher, handlungsfähig und wirtschaftlich stabil mache.

Für die Welt heiße Trumps Motto „America first“ im Umkehrschluss: „The rest last.“ Und sie schrieb auf dem Karrierenetzwerk LinkedIn: „Deutschland explizit ist das Feindbild von Trump.“

Christina Diem-Puello, Chefin des Rad-Leasingunternehmens Deutsche Dienstrad und des Verbands der Unternehmerinnen, befürchtet, dass Europa wohl einer der größten Verlierer ist, wenn der Freihandel in Gefahr gerät. „Wir müssen uns wieder auf unseren Binnenhandel und eigene Sicherheit fokussieren.“

Maschinenbau: „Handel wird belastet“

Für den deutschen Maschinen- und Anlagenbau sind die USA der wichtigste Exportmarkt außerhalb der EU. Die Unternehmen blicken grundsätzlich positiv auf die weitere Entwicklung dort. „Unsere Unternehmen bieten die erforderlichen Produkte an, um die von Donald Trump angestrebte Reindustrialisierung der USA umzusetzen“, sagte Thilo Brodtmann, Hauptgeschäftsführer des Maschinenbauverbands VDMA.

Der in den USA stark aufgestellte Stahlhändler Klöckner rechnet durch Trumps Wahlsieg mit positiven Effekten für seine Geschäfte. Es werde unter anderem erwartet, dass das verfügbare Haushaltseinkommen und damit der Konsum wachsen, sagte Vorstandschef Guido Kerkhoff.

Verbandschef Brodtmann warnt aber: Die zweite Amtszeit von Donald Trump werde für die deutsche und europäische Industrie eine größere Herausforderung sein als seine erste Präsidentschaft. Seine Zollankündigungen würden die transatlantischen Handels- und Investitionsbeziehungen nochmals spürbar belasten.

Die USA würden ihre Handelspolitik weiterhin mit Fokus auf nationale Sicherheit und Schutz der eigenen Industriearbeitsplätze betreiben. Der strategische Wettbewerb zwischen den USA und China werde sich weiter verschärfen. „Europa und Deutschland sind umso mehr gefordert, eigene wirtschaftliche Stärke zu entwickeln“, betonte der VDMA-Chef.

Ölspeicher in Houston/Texas: In der Region produzieren zahlreiche deutsche Chemiefirmen für den amerikanischen Markt. Foto: Getty Images

Chemie: „Neue Freihandelsabkommen nötig“

Das fordert auch die deutsche Chemieindustrie. „Die US-Wahl ist wichtig. Noch wichtiger ist, dass Deutschland und Europa die eigenen industriepolitischen Hausaufgaben erledigen und den eigenen Standort auf Vordermann bringen“, sagte Markus Steilemann, Präsident des Branchenverbandes VCI.

Die großen Chemiekonzerne produzieren überwiegend in den USA für den US-Markt und wären von neuen Handelsbeschränkungen direkt kaum betroffen. Aber: Ein Abflauen des Freihandels würde die Firmen indirekt stark treffen, wenn das Geschäft ihrer Kunden insgesamt darunter leidet.

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„Die transatlantische Achse zwischen Europa und den USA ist für uns von existenzieller Bedeutung. Gerade jetzt wird es darauf ankommen, die Geschlossenheit des Westens zu sichern“, sagte Evonik-Chef Christian Kullmann.

Der VCI erwartet, dass die Handelspolitik der USA stark von der Systemrivalität mit China bestimmt wird. Die Handelsbeziehungen der EU und Deutschlands müssten weiter diversifiziert werden, etwa durch neue Freihandelsabkommen und Partnerschaften in anderen Weltregionen.

Für die Pharmabranche ändert der Wahlausgang wenig. Schon Joe Biden hat in seiner Präsidentschaft die Arzneipreise als zu hoch bezeichnet und direkte Preisverhandlungen mit den Herstellern der teuersten in den USA verschriebenen Medikamente vereinbart. Davon wird auch der deutsche Hersteller Boehringer Ingelheim betroffen sein. Ob Trump dies wieder ändert, ist nicht absehbar. Auch er will die Preise von Arzneien senken.

Autoindustrie: „Nicht nervös machen lassen“

BMW-Chef Oliver Zipse sagte, man habe mit jeder US-Regierung vertrauensvoll zusammengearbeitet. „Gerade, wenn es zu einer Veränderung kommt, ist es gut, wenn man im Land ist“, unterstrich er mit Blick auf die eigenen Produktionsstätten des Konzerns in den USA.  Mögliche erneute Zolldiskussionen sollten „uns nicht nervös machen“, sagte der BMW-Chef.

BMW-Werk in den USA: Eigene große Fabriken für den US-Markt. Foto: Reuters

Für die deutschen Autobauer ist die Abhängigkeit von Amerika in den vergangenen Jahren eher gewachsen als geschrumpft – was auch mit dem Absatzkollaps der Branche in China zu tun hat. Entsprechend vorsichtig äußert sich auch ein anderer Industrievertreter. „Man muss abwarten, wie sich eine neue Präsidentschaft Trump wirklich ausgestalten wird, auch hinsichtlich möglicher neuer Schutzzölle.“

Trump sei pragmatisch, das müsse für die Industrie nicht nur Schlechtes bedeuten. Außerdem sei mit Tesla-Chef Elon Musk an seiner Seite nicht zu befürchten, dass ein Präsident Trump die Elektromobilität in den USA stark zurückdrehen werde.

Das sehen die Märkte offenbar anders. Am frühen Mittwoch gaben die Autopapiere im Dax spürbar nach. Für BMW, wo es am Tag nach der US-Wahlnacht enttäuschende Quartalszahlen gab, ging es zeitweise  mehr als sieben Prozent nach unten. Auch die Aktien von VW und Mercedes notierten zum Mittag deutlich im Minus.

Alle großen deutschen Autobauer haben große Werke in den USA, viele planen den Ausbau etwa in der Batteriezellfertigung in Nordamerika. Allerdings hängen viele dieser Projekte an der Förderung durch den „Inflation Reduction Act“ (IRA), den Biden eingeführt hatte. Was aus dieser Subvention wird, ist offen.

„Ich persönlich erwarte, dass IRA eingestampft wird“, sagt ein Automanager. Das würde aber nicht das Ende der Projekte bedeuten. Die deutschen Autohersteller hätten durchaus Einfluss auf die republikanischen Gouverneure und Senatoren in South Carolina, Tennessee und Alabama, wo BMW, Volkswagen und Mercedes ihre Werke betreiben. Denn ihre Standorte in den strukturschwachen Regionen sichern den traditionell armen Südstaaten Beschäftigung und Steuereinnahmen.

Ein weiterer Industrievertreter bekennt: So schlimm sei die erste Amtszeit trotz aller verbalen Ausfälle gar nicht gewesen. BMW und Mercedes hätten von milliardenschweren Steuererleichterungen profitiert.

Solaranlagen in den USA: Trump ist gegenüber erneuerbaren Energien skeptisch. Foto: AP

Energie und Greentech: „Für Klimaziele negativ“

Die Energiebranche hätte lieber Kamala Harris als Donald Trump im Weißen Haus gesehen. Zwar glaube man nicht, dass unter einem Präsidenten Trump die Maßnahmen des Inflation Reduction Act zurückgedreht werden, auch, weil vor allem republikanische Staaten davon profitieren.

„Aber Trump ist unberechenbar“, heißt es von einem großen deutschen Energiekonzern mit Geschäft in den USA. Das Wichtigste für Unternehmen sei Planungssicherheit, und die habe man unter Trump einfach nicht. Viele deutsche Energiegrößen wie RWE, Siemens Energy, SMA Solar und andere haben durch das Steuerpaket und die Fördermaßnahmen über den IRA erheblich profitiert und ihr Geschäft in den USA in den vergangenen Jahren ausgebaut.

An den Plänen ändere der Regierungswechsel erst mal nichts: „Die Tech-Industrie treibt die Stromnachfrage extrem nach oben, deswegen bleiben die USA auf jeden Fall ein attraktiver Markt“, die Nachfrage nach Grünstromverträgen in der Wirtschaft sei ungebrochen, heißt es.

Präsidenten kommen und gehen, die Bedeutung der Solarenergie bleibt.
Joachim Goldbeck
Präsident des Bundesverbandes der deutschen Solarwirtschaft

Es gibt allerdings auch Unternehmen, die mit großer Sorge nach Washington schauen. „Trump zeigte sich immer wieder skeptisch, wenn es um erneuerbare Energien geht“, sagt Unternehmer Joachim Goldbeck, Präsident des Bundesverbandes der deutschen Solarwirtschaft (BSW).

Das gilt vor allem für die Windkraft auf See. Bereits im Wahlkampf hatte Trump gedroht: Als eine seiner ersten Amtshandlungen werde er den Offshore-Ausbau stoppen. Entsprechend reagierten die Aktien von Branchengrößen wie Orsted und Vestas. Beide fielen nach der Wahlnacht um die zehn Prozent.

Darüber hinaus befürchtet Goldbeck negative Folgen für die globalen Klimaziele, wenn die US-Klimaschutzpolitik zurückgefahren werde. Der Solarunternehmer betonte aber: „Präsidenten kommen und gehen, die Bedeutung der Solarenergie bleibt.“ Photovoltaik sei die günstigste Form, Strom zu erzeugen. Goldbeck fordert, dass Europa nun geschlossen zusammenarbeiten müsse, um die Chancen zu nutzen.

Roland Berger-Chef Stephan Schaible sagte, „das Nachhaltigkeitsthema muss jetzt wesentlich von Europa getrieben werden.“ Nur ein starkes Europa mit einer gemeinsamen Strategie werde in der Lage sein, seine Wettbewerbsfähigkeit in einer multipolaren Welt zu behaupten.

Der Industriekonzern Thyssen-Krupp erwartet durch eine Präsidentschaft Trumps nur geringe Auswirkungen auf sein Geschäft. Doch: „Implikationen könnten sich aus der Kürzung von Subventionen und finanziellen Anreizen für grüne Technologien in den USA ergeben,“ sagte ein Konzernsprecher. Hiervon sei insbesondere das Segment Decarbon Technologies betroffen, in dem das Unternehmen seine Anlagenbauer und grünen Technologien bündelt.

Laborantinnen bei Henkel am Standort Bridgewater im US-Bundesstaat New Jersey: Weniger Risiken dank lokaler Standorte. Foto: Henkel

Konsum: Kleinere Firmen fürchten um ihr Geschäft

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Für viele große Hersteller von Gütern des täglichen Bedarfs ist Amerika der wichtigste Einzelmarkt der Welt. Auch der Persil- und Pril-Hersteller Henkel erzielt dort 27 Prozent seines Umsatzes.

Henkel-Chef Carsten Knobel sagte am Mittwoch nach der Vorlage der Quartalszahlen: „Wir sind seit Jahrzehnten unter demokratischen und republikanischen Präsidenten in den USA aktiv.“ Unter Trump erwarte er keine signifikanten Veränderungen.

Henkel produziert wie die meisten anderen großen Konsumgüterhersteller in Amerika für den dortigen Markt. Mittelständische Konsumfirmen, die nach Amerika exportieren, geraten allerdings stärker unter Druck, weil sich ihre Lieferungen durch mögliche Strafzölle deutlich verteuern könnten.

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