Green Innovation Week: Wie Maersk bis 2040 CO2-frei werden soll
Düsseldorf. Vor fünf Jahren noch zählte der dänische Mischkonzern A.P. Moller-Maersk zu den besonders bedeutsamen Klimasündern. Seine 23 Bohrinseln, betrieben von knapp 3000 Mitarbeitern, belieferten nahezu alle weltweit führenden Öl- und Gasunternehmen. In der Spitze kamen dabei Jahresumsätze von über 2,5 Milliarden Dollar zusammen, von denen vor Abschreibungen mitunter die Hälfte als Betriebsgewinn übrig blieb.
Für die Klimasünden der Vergangenheit, so scheint es, leistet Dänemarks größter Konzern seither eine radikale Abbitte. Vom letzten Rest seines Öl- und Gasfördergeschäfts trennte sich das börsennotierte Unternehmen, indem der Familienkonzern das fossile Geschäft als „The Drilling Company of 1972 A/S“ abspaltete und in Kopenhagen an die Börse brachte. Zuvor hatte man bereits Unternehmensteile an den französischen Konzern Total verkauft.
Der Firmenwandel hin zum Klimaschutz erreicht nun mit Macht auch den erhaltenen Rest des Unternehmens. Den im Konzernverbund verbliebenen Schiffsbetreiber Maersk, in Deutschland spätestens seit der Übernahme des Wettbewerbers Hamburg Süd bestens bekannt, baut die Führung wie keinen anderen um in Richtung Klimaneutralität.
Der nach MSC weltweit zweitgrößte Containertransporteur, so hat der seit Anfang 2023 amtierende Maersk-CEO Vincent Clerc entschieden, soll spätestens 2040 CO2-frei über die Weltmeere fahren.
Seine Reederei hält Clerc seither auf strammem Ökokurs. Am 28. März lief in Hamburg mit der „Ane Maersk“ der weltweit erste große Containerfrachter ein, den grünes Methanol antreibt. Dem bei Hyundai Heavy Industries in Südkorea gebauten Methanol-Schiff, das stattliche 16.000 Standardcontainer (TEU) fasst, sollen bis 2025 weitere 17 folgen.
Maersk prescht beim Klimaschutz vor
Der Start der „Ane Maersk“ ist nicht weniger als ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu emissionsarmen Schiffslösungen, die den Reedereien vor allem wegen meist fehlender Alternativtreibstoffe immer noch große Schwierigkeiten bereiten. Wettbewerber wie Hapag-Lloyd und viele andere sind deshalb über die Konzeptphase bislang kaum hinausgekommen.
So kündigte die Hamburger Reederei vor wenigen Wochen an, demnächst den Einsatz von Hilfssegeln testen zu wollen. Zudem will man fünf gecharterte Schiffe für den Methanol-Antrieb umrüsten lassen, allerdings erst ab 2026.
Der französische Wettbewerber CMA CGM setzt beim Antrieb verstärkt auf Biodiesel aus Essens- und Getreideresten. Klimaneutralität, so hat die Reederei aus Marseille als Ziel vorgegeben, werde man aber wohl erst 2050 erreichen.
Wie herausfordernd die Umrüstung ist, zeigt allein schon das geänderte Schiffsdesign der „Ane Maersk“. Brücke samt Crew-Unterkunft mussten die Konstrukteure von hinten nach vorn an den Bug verlagern, weil ansonsten zu wenig Platz an Bord gewesen wäre für die vergleichsweise voluminösen Tanks.
Doch der enorme Aufwand zahlt sich offenbar aus, wie die überraschend hohe Nachfrage nach klimaneutralen Transporten zeigt. 212 Kunden zahlten 2023 bei Maersk Aufschläge für den klimaneutralen Transport, die von der Reederei anschließend weiter in den Einkauf CO2-freier Treibstoffe flossen. „Vorreiter sind Einzelhandels-, Lifestyle-, Automobil- und Konsumgüterunternehmen“, berichtet ein Sprecher.
Nestlé, Zara und Volvo als Klimakunden
Auf eine komplett Klimagas-freie Logistik setzten vergangenes Jahr, wie Maersk jetzt veröffentlichte, etwa der Schweizer Nahrungsmittelkonzern Nestlé, der spanische Modehersteller Inditex (Zara, Bershka, Massimo Dutti) und der dänische Konzern Novo Nordisk (Ozempic, Wegovy), der seine Auslieferungen über Maersk steuern lässt.
Auch Volvo Cars zählt zu den Unternehmen, die bei Maersk Öko-Aufschläge für klimaneutralen Sprit in Kauf nehmen. Der schwedische Autohersteller hält darüber seine Einfuhrlogistik klimaneutral. Dies gilt auch für die dänischen und norwegischen Einzelhandelsunternehmen Flying Tiger Copenhagen und Europris.
Neu hinzu kamen im vergangenen Jahr der schwedische Einzelhandelsriese ICA und die Handelskette Action aus den Niederlanden – was selbst Experten erstaunt. Die Billigkette Action, die auch in Deutschland aktuell rasant wächst, profiliert sich üblicherweise über ihre günstigen Preise. Der klimaneutrale Seetransport aber dürfte für sie zum Nulltarif kaum zu haben sein. „Grüne Kraftstoffe sind deutlich teurer als fossile“, bestätigt Maersk-Expertin Maja Nyvold.
Seinen Kunden bietet Maersk keineswegs nur den Transport mit klimaneutralen Treibstoffen. Unter Leitung der dänischen Konzernmanagerin Nyvold hat die Reederei das vor fünf Jahren eingeführte Produkt „Maersk Eco Delivery Ocean“ 2023 deutlich ausgebaut. An ausgewählten Standorten in den USA bietet die Reederei seither beispielsweise den Weitertransport mit eigenen und geleasten Elektro-Lkw an. Über Partner ermöglicht dies Maersk auch in Deutschland, Norwegen, Schweden, Großbritannien und China. In Brasilien startet man dazu erste Pilotversuche.
Auch den Transport über elektrifizierte Zugverbindungen will Maersk seinen Kunden im Hinterlandverkehr verstärkt zugänglich machen. Ein Pilotprojekt in Spanien laufe bereits an, heißt es im Konzern. Hinzu kommen emissionsarme Trockenlager, die von den Dänen in mehreren Ländern der Welt vorgehalten werden. Sogar ein „Eco Delivery Air“-Produkt für die Luftfracht testen die Dänen derzeit nach eigenen Aussagen mit ersten Kunden aus der Automobil- und Lifestyle-/Modebranche.
Versorgung wird ausgebaut
Kernprodukt bleiben dennoch die klimaneutralen Treibstoffe in der Containerseefahrt. Bislang war es vor allem Biodiesel, den die Reederei ihrem Treibstoff beimischte. „Der Biodiesel stammt ausschließlich aus Abfallströmen“, bekundet Emma Mazhari, Leiterin der Energiewende-Abteilung bei Maersk. Im gesamten Kreislauf von der Herstellung bis zum Verbrauch führe der alternative Treibstoff zu einer Reduzierung der Treibhausgasemissionen um über 80 Prozent.
Im vergangenen Jahr habe man die globale Biodiesel-Versorgungsinfrastruktur zu wichtigen Hafentankstellen in Europa und Asien weiter ausgebaut, berichtet Mazhari. „Wir werden weiterhin auf Biodiesel als Basis in unserem Portfolio an grünen Kraftstoffen setzen“, sagt sie, „aber gleichzeitig die Versorgung mit anderen grünen Kraftstoffen wie grünem Methanol ausbauen.“
Um bei diesem Kraftstoff Engpässe zu beseitigen, schließt Maersk aktuell mehrere Kooperations- und Lieferverträge. Denn nach Berechnungen des Methanol Institute im US-Staat Virginia werden von den benötigten fünf Millionen Tonnen an grünem Methanol 2024 wohl erst 0,8 Millionen Tonnen produziert.
So gab es im Januar einen Vertrag mit dem chinesischen Methanol-Produzenten Goldwind, der künftig zwölf Schiffe beliefern soll. Ab 2026, so sieht es die Vereinbarung vor, wollen die Chinesen jährlich 0,5 Millionen Tonnen an grünem Methanol liefern. Hergestellt werden soll es per Windkraft in Hinggan League, rund 1000 Kilometer nordwestlich von Peking.
Zudem will die Maersk-Beteiligung C2X, mehrheitlich im Besitz der Familienstiftung A.P. Moller, künftig drei Millionen Tonnen an grünem Methanol produzieren. Rahmenverträge mit dem spanischen Hafen Huelva und der ägyptischen Suez Canal Authority seien bereits geschlossen, heißt es im Konzern.
Verlader sorgen sich um eigene Klimabilanz
Bisher liegt die Treibhausgas-Reduktion von grünem Methanol allerdings noch unter den Werten von Biokraftstoffen. Mit Beginn der skalierbaren Produktion von E-Methanol, hofft man bei Maersk, dürften die Emissionsreduktionen aber auf über 90 Prozent steigen.
„Verlader ergreifen zunehmend Maßnahmen, um den Ausstoß von Treibhausgasen aus ihrer Logistik zu vermeiden“, beobachtet Maersk-Expertin Nyvold. Man lasse deshalb die verwendeten grünen Kraftstoffe für emissionsarme Seetransporte komplett zertifizieren, um eine vollständig rückverfolgbare Rohstoffbeschaffung zu gewährleisten.
„Um Netto-Null zu erreichen, müssen viele Aspekte der Art und Weise geändert werden, wie wir unsere Produkte beschaffen, herstellen und vertreiben“, erklärt dazu Stephanie Hart, Global Head of Operations bei Nestlé. „Die Vereinbarungen, die wir mit Maersk unterzeichnet haben, werden dazu beitragen, Emissionen zu reduzieren.“ Damit hätten sie unmittelbar positive Auswirkungen auf den CO2-Fußabdruck von Nestlé.
Auch Action-Logistikchef Jens Burgers sieht durch den grünen Schiffstreibstoff erhebliche Vorteile für die eigene Lieferkette. „Dadurch sind wir in der Lage, unsere Treibhausgasemissionen von verschiedenen Ursprungsfabriken bis zu unseren Vertriebszentren in ganz Europa um mindestens 60 Prozent zu reduzieren“, rechnet er vor. Dank der Innovationen im Bereich grüner Kraftstoffe seien sogar noch größere Emissionsreduzierungen in greifbare Nähe gerückt.
Befreiung vom Emissionshandel lockt
Doch es gibt womöglich noch einen anderen Grund, weshalb sich die Nachfrage stürmischer entwickelt als gedacht. „Die Kunden profitieren davon, dass ihre Transporte mit Eco Delivery Ocean von den Kosten des EU-Emissionshandelssystems (ETS) befreit sind“, sagt Nyvold.
2023 sparten ihre Kunden zumindest mehr als 683.000 Tonnen Treibhausgasemissionen ein – 37 Prozent mehr als im Vorjahr. Nach 480.000 Standardcontainern (TEU) im Jahr 2022 transportierte Maersk im vergangenen Jahr nach eigener Aussage über 660.000 TEU mit grünen Kraftstoffen.
Bis zur Klimaneutralität in der Seefahrt aber ist der Weg noch lang. 660.000 CO2-frei transportierte Container sind zwar eine hohe Zahl. Gemessen vom Transportvolumen von Maersk entsprachen sie 2023 jedoch gerade einmal drei Prozent.