Teldafax – Wie alles begann: „Erhebliche kriminelle Energie“
Dubioses Geschäftsmodell des Billigstromanbieters.
Foto: dapdDüsseldorf. „Wechseln is'n Klax. Mit Teldafax.“ So wirbt Rudi Völler, Sportdirektor des Bundesligisten Bayer Leverkusen, im Fernsehen für den neuen Stromanbieter. Und eine Frau am Spielfeld sagt: „Die von Teldafax erledigen alles für dich.“
Die Wahrheit sieht anders aus: Der größte konzernunabhängige Stromanbieter Deutschlands steckt in einer finanziellen Schieflage. Vorstände der Firma räumten gegenüber dem Handelsblatt unumwunden ein, dass Teldafax seit nunmehr eineinhalb Jahren überschuldet ist. Seit dieser Zeit spreche das Management mit Wirtschaftsprüfern über den Fortbestand des Unternehmens. Inzwischen sei jedoch eine Lösung in Sicht.
Grund für die schwere Schieflage ist offenbar das Geschäftsmodell der Firma: Teldafax kauft Strom zu den üblichen Preisen ein und verkauft ihn zum Teil deutlich billiger weiter an seine Kunden. Auf diese Art wuchs der Kundenstamm wie gewünscht steil an - das Unternehmen verwaltete nach eigenen Angaben im 1. Quartal 2008 bereits 400.000 Aufträge. Ende 2009 sollen es bereits knapp 500.000 Kunden gewesen sein.
Doch die Verluste wuchsen ebenfalls. Nur dank immer neuer Kunden, denen eine Vorauszahlung von bis zu 1000 Euro abverlangt wird, konnte Teldafax einen halbwegs geordneten Geschäftsbetrieb aufrechterhalten.
Der langjährige Lenker bei Teldafax heißt Michael Josten. Er weiß, wie man dubiose Geschäftsmodelle installiert.
Der ehemalige Vorstandschef und spätere Aufsichtsrat von Teldafax war 2007 wegen Untreue in 176 Fällen und Gläubigerbegünstigung zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt worden, ohne dass dies der Öffentlichkeit bisher bekannt war. Laut dem Urteil des Landgerichts Mannheim brachte Josten Tausende von Immobilienanlegern mit einem Schneeballsystem um ihr Geld. Die Richter bescheinigten dem Angeklagten „eine erhebliche kriminelle Energie“.
Die Haftstrafe trat er erst im Juni 2010 an. Seine Kollegen in der Führung der Firma sagen, sie seien darüber von ihm nicht unterrichtet worden. Zudem habe keine „Veröffentlichungspflicht der Inhaftierung“ bestanden.
Die Finanzsituation verschlechterte sich. Für 2008 blieb Teldafax Stromsteuern in Höhe von 18,8 Mio. Euro schuldig. Die Zahlung wurde gestundet und ist mittlerweile bezahlt. Andere Rechnungen sind allerdings noch offen.
2009 konnte Teldafax die Raten aus dem sechs Millionen Euro schweren Sponsoring-Vertrag mit Bayer Leverkusen nicht rechtzeitig zahlen. Bis heute liegen für die Geschäftsjahre 2008 und 2009 keine testierten Bilanzen vor. Die angespannte Finanzsituation sorgte für heftige interne Auseinandersetzungen. Im Herbst 2009 forderte der damalige Teldafax-Finanzvorstand Alireza Assadi laut Unterlagen, die dem Handelsblatt vorliegen, das Unternehmen müsse spätestens Ende Oktober 2009 Insolvenz anmelden. Teldafax-Chef Klaus Bath bestreitet das.
Unstrittig ist jedoch: Wenige Tage vor dem fraglichen Termin wurde Assadi vom Aufsichtsrat abberufen.
Es war noch dunkel, als sich am vergangenen Donnerstag um 6.20 Uhr eine grüne Tür der Justizvollzugsanstalt Bruchsal öffnete und ein elegant gekleideter Mann heraustrat. Der Häftling, 57 Jahre alt und 1,75 Meter groß, verlor keine Zeit. Er ging die Schönbornstraße herunter, bog links ab. In wenigen Minuten erreichte er das Viersternehotel Scheffelhöhe. Der Name des Freigängers: Michael Josten.
Seine Frau Heidi, 51 Jahre, wartete auf ihn, wie fast jeden Werktag. Nach einem Frühstück in der Scheffelhöhe stiegen die beiden in einen schwarzen Mercedes und fuhren los. Josten hatte nun 14 Stunden Zeit, bevor er in seine Zelle zurück musste.
Josten ist nicht irgendwer - er vertritt 40 bis 45 Prozent der Eigner des größten unabhängigen Stromanbieters Deutschlands: Teldafax.
Einst war er der Vorstandschef und später Aufsichtsrat des Unternehmens. Sein Werdegang ist eine der skurrilsten Geschichten, die die deutsche Wirtschaft zu bieten hat.
Völlig unbemerkt von der Öffentlichkeit wurde Josten 2007 zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Es ging um Kapitalanlagebetrug in Millionenhöhe. Doch während seine Mittäter schon bei der Tat Nervenzusammenbrüche erlitten haben sollen, ließ sich Josten noch nicht einmal von dem Urteil beeindrucken. Längst hatte er ein neues, ein größeres Projekt am Laufen: Teldafax.
Das Unternehmen, 2004 aus den Ruinen des Neuen Marktes hervorgegangen, war der Hoffnungsträger aller, die einen offenen Strommarkt mit billigeren Preisen wollen. Teldafax - einst spezialisiert auf günstige Telefontarife - hatte umgesattelt. Die Firma köderte mit extrem niedrigen Preisen ständig neue Kunden, und machte so den großen vier - RWE, Eon, Vattenfall und EnBW - heftige Konkurrenz.
Tatsächlich aber lebt die Firma auf Pump. Bisher hat sie nur Verluste geschrieben. Nicht nur das: Seit 2008 waren die Bilanzen der maßgeblichen Energietochter, die laut Teldafax einen Anteil „von über 95 Prozent“ am Umsatz erwirtschaftete, nicht mehr testiert worden.
Teldafax räumt ein, dass „negative Ergebnisse bei hohen Umsätzen eingefahren“ wurden, „welche die Bilanzen der Jahre 2008 bis 2009 nachhaltig belasteten“. Laut den Prüfern, so das Unternehmen, bestehe die Notwendigkeit eines Sanierungskonzepts, das allerdings noch nicht ganz fertiggestellt sei.
Teldafax braucht dringend neues Geld. Einzige Lösung ist ein Verkauf des Unternehmens - um den sich das Management seit 2009 bemüht. Josten zieht dabei die Fäden.
Der Stromanbieter soll an einen Schweizer Investor verkauft werden - für 70 Mio. Euro; ein entsprechender Vertragsentwurf liegt dem Handelsblatt vor. Anschließend, so der Plan, soll das Unternehmen an einen russischen Investor weitergereicht werden.
Die Planungen sind kühn: Teldafax verspricht in einer Investorenpräsentation eine Vervierfachung der Kundenzahlen auf über zwei Millionen. Bis 2015 soll der Umsatz auf 1,6 Mrd. Euro steigen.
Tatsächlich aber stockt das Wachstum. Bislang hat sich Teldafax offenbar nur auf ein komplexes, finanzielles Konstrukt verlassen. Jetzt droht das zu kollabieren. Denn nur mit einer steigenden Zahl von Kunden, die ihre Rechnung jeweils ein Jahr im Voraus zahlen, lassen sich die Finanzlöcher noch stopfen. Teldafax dagegen betont, das Geschäftsmodell des Unternehmens sei „solide, tragfähig und seriös“. Wie bei einer Start-up-Firma sei zwar die Ertragssituation in der Vergangenheit durch die Aufbauinvestitionen belastet gewesen, doch ab 2011 sollen Gewinne erwirtschaftet werden.
Der Name Josten aber weckt Erinnerungen, wie auch die heutigen Vorstände einräumen müssen.
Freitag, der 16. März 2007. Als vor der 24. Großen Strafkammer des Landgerichts Mannheim das Urteil gegen den Manager verlesen wurde - acht Jahre nach dem Zusammenbruch der Secur-Finanz-Gruppe. Die Richter bezeichneten ihn als „Spiritus Rector“ eines Millionenbetrugs mit geschlossenen Immobilienfonds. Josten trieb die Anleger auch dann noch in neue Fonds, als bei seinen alten Immobilienprojekten wegen Liquiditätsschwierigkeiten längst die Bagger stillstanden. Bedenken seiner Geschäftspartner wischte Josten weg. Der gelernte Wirtschaftsprüfer und Steuerberater entwickelte Zahlungsströme, die niemand außer ihm verstand. Und er sorgte dafür, dass von diesen Strömen immer auch etwas an ihn ging. Die Strafkammer vermerkte in ihrem Urteil eine „besonders habgierige Gesinnung des Angeklagten Josten“.
Und die Richter misstrauten dem gelernten Wirtschaftsprüfer. „Das Gericht ist davon überzeugt, dass der Angeklagte Josten sich planvoll und bewusst aus der formellen Verantwortung gestohlen hat“, heißt es in dem Urteil. Während die anderen beiden Angeklagten, darunter der Geschäftsführer der Secur-Finanz, auf Bewährung davonkamen, legten die Richter für Josten eine Haftstrafe fest.
Zwei Vorstände von Teldafax beteuerten im Gespräch mit dem Handelsblatt, von all dem nichts gewusst zu haben. Erst im Frühsommer 2010 hätten sie, aufgrund von Ungereimtheiten, letztendlich von der Haftstrafe erfahren. Daraufhin hätten sie bei anderen Aufsichtsräten und Investoren darauf gedrängt, dass Josten, der damals noch Aufsichtsrat war, seinen Sitz in dem Kontrollgremium aufgibt. „Seine Person musste leider neu bewertet werden“, heißt es heute.
Die Geschichte könnte stimmen. Denn Josten dachte zunächst nicht daran, ins Gefängnis zu gehen. Schließlich hatte Teldafax erst sechs Wochen vor seiner Verurteilung mit der Akquise von Stromkunden begonnen. Ein Riesengeschäft, glaubte Josten. Als Geschäftsführer der Teldafax Energy GmbH hatte er Klaus Bath installiert, einen Ex-Feuerwehrmann, der bisher als Vertriebschef fungiert hatte. Schon hier zeichneten sich Parallelen zur Secur-Finanz-Gruppe ab. Josten suchte Personal, das ihm fachlich unterlegen war. Er ist der klassische Strippenzieher. Für alles, was in der Folge bei Teldafax geschah, wird womöglich formell nicht Josten, sondern Bath geradestehen.
Josten arbeitete zügig. Zwar brüstete er sich noch Ende Juli 2007 - viereinhalb Monate nach seiner Verurteilung - als Vorstandschef der Teldafax Holding mit einem Sponsoringvertrag für den mehrfachen Biathlon-Weltmeister Ole Einar Bjørndalen aus Norwegen. Doch dann gab Josten auch diesen Posten an Bath ab und wechselte in den Aufsichtsrat.
Gleichzeitig dehnte das Unternehmen seine Tätigkeit auf erneuerbare Energien aus - es entstand die TDF Technology Holding AG. „Michael Josten übernimmt die Geschäftsleitung in der Schweiz und den Aufbau der Schweizer Unternehmensgruppe“, teilte das Unternehmen mit. Was es verheimlichte: Josten konnte gar nicht in Deutschland bleiben. Die Staatsanwaltschaft Mannheim hatte seine Gnadengesuche abgelehnt. Josten ging nicht einfach in die Schweiz. Er setzte sich ab. Das Unternehmen wusste nach eigenen Angaben davon nichts.
Nach außen hin gab Teldafax das Bild überwältigenden Erfolgs ab. 2007 wollte das Unternehmen ursprünglich 70.000 Kunden gewinnen. Ende Oktober waren es bereits 150.000; Teldafax erhöhte seine Jahresprognose auf 200 000 Kunden. Als in Troisdorf die Silvesterkorken knallten, zählte Teldafax 400.000 Stromverträge.
Der Billiganbieter wurde von Kunden geradezu überrannt. Kein Wunder: Teldafax liegt mit seinen Angeboten teils 40 Prozent unter den Preisen des örtlichen Platzhirschs - einem der Großkonzerne oder einem Stadtwerk. Teldafax gibt sich als Fackelträger der Liberalisierung des Strommarktes. Die Firma gewann fast alle Preisvergleiche, der Auftritt als Hauptsponsor von Bayer 04 Leverkusen ist einfach, aber wirksam.
Doch schon ein Jahr nach dem Markteintritt zeigten sich bedrohliche Risse in der Fassade von Teldafax. Bei den Verbraucherschutzzentralen häuften sich die Beschwerden über fehlerhafte Abrechnungen, wahllose Abbuchungen und stures Abblocken von Reklamationen. Teldafax verleitet seine Kunden durch Lockangebote zu Vorabzahlungen, oft sind auch noch Kautionen hinterlegt. Bis zu 1000 Euro kommen so als Vorkasse zustande. Kunden, die kündigten und ihr Geld zurückverlangten, stießen häufig auf eine Mauer des Schweigens. In einem Internetforum warnte ein Teldafax-Kunde aus Bochum: „Hände weg von dieser Firma!„
Das Unternehmen reagierte gelassen. Die Probleme seien Einzelfälle, die allermeisten Kunden von Teldafax seien hochzufrieden. Doch die Beschwerden rissen nicht ab, immer wieder gab es Berichte über geprellte Teldafax-Kunden. Das Wachstum brach um 75 Prozent ein. Ende 2008 hatte Teldafax nur 100.000 Neuverträge in den Büchern. Im Februar 2009 sah sich Vorstandschef Bath zu einer öffentlichen Erklärung genötigt. „Wir haben inzwischen 500.000 zufriedene Kunden in Deutschland und das nach nur zwei Jahren. Natürlich freuen wir uns sehr über einen derart enormen Vertrauensvorschuss für Teldafax„, sagte Bath damals der Öffentlichkeit. „Allerdings mussten wir jetzt lernen, dass wir bei dem hohen Wachstumstempo eben auch an manche Bande geschrammt sind.“
Unklar ist, ob Bath an jenem Tag wusste, wie übel die Lage bei Teldafax wirklich war. Es ist gut möglich, dass er als Nachfolger von Josten 2009 in derselben Lage war, in der sich zehn Jahre zuvor der Geschäftsführer der Secur-Finanz befand. Wie ein Schuljunge saß der Manager am Tisch, wenn Josten mit Banken über den nächsten Immobilienfonds verhandelte, Bilanzen erstellte oder Verträge aufsetzte. Der Geschäftsführer konnte die Schriftsätze nicht verstehen, aber er unterschrieb sie. Josten, der Strippenzieher, hielt sich formell im Hintergrund, so das Urteil der Richter.
So ähnlich lief es womöglich auch bei Teldafax. Schon 2008 stand der Billigstromanbieter am Rande des Zusammenbruchs. Und es ist auch klar, dass nicht einmal die Führungsspitze von Teldafax das ganze Ausmaß der Katastrophe kannte. Im November 2008 kam Alireza Assadi als Finanzvorstand zu Teldafax. Zwei Monate lang durchforstete er die Bücher. Er merkte, dass etwas nicht stimmte. Wesentliche Geschäftszahlen, die bei jedem ordentlichen Unternehmen geführt werden, waren bei Teldafax einfach nicht da. Testierte Abschlüsse der Vorjahre, Controllingberichte, Liquiditätspläne, alles Fehlanzeige. Assadi wurde es mulmig. Er brauchte Unterstützung. Der Finanzvorstand holte die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO ins Haus.
„Die Prüfung der Jahresabschlüsse wurden im zweiten Quartal 2009 begonnen und seitdem mehrmals unterbrochen“, hieß es in einem Schreiben der BDO-Prüfer an Teldafax. Es datiert vom 23. September 2010. Dann beschwerten sich die Kontrolleure, dass „eine Vielzahl von bislang unklaren Sachverhalten und unbeantworteten materiellen Fragestellungen für das Geschäftsjahr 2008 bestehen“. Ohne deren Klärung sei ein Abschluss der Prüfungen nicht möglich. Für das Geschäftsjahr 2009 hätten die Prüfer noch keinerlei Unterlagen erhalten, hieß es. Nach Angaben des Unternehmens soll dies inzwischen geschehen sein.
Die Prüfer fanden dennoch heraus, was das Erfolgsgeheimnis des Billigstromanbieters Teldafax ist. Teldafax ist nicht deshalb so preiswert, weil das Unternehmen seinen Strom billiger einkauft als die Konkurrenz, weil es schlanker aufgestellt ist oder einfach besser gemanagt wird. Teldafax ist deshalb so billig, weil es seinen Strom zum Teil billiger verkauft, als es ihn einkauft. Das funktioniert nur deshalb, weil die meisten Kunden im Voraus bezahlen. Und es funktioniert nur, solange neue Kunden nachkommen.
Teldafax schreibt zu den Vorwürfen, die Ertragssituation habe sich mittlerweile „erheblich verbessert“, das Unternehmen sei „liquiditätsseitig so ausgestattet“, dass das Geschäftsmodell gegebenenfalls „mittelfristig so angepasst werden kann, dass das Vorauszahlungsmodell verzichtbar wird“.
Seit dem 3. Februar 2007 bietet das Unternehmen Strom an. Am 4. Juni 2009 erhielt Teldafax einen Bescheid vom Hauptzollamt Köln, das für die Eintreibung der Stromsteuer zuständig ist. Sein Inhalt: Der Stromanbieter schuldete fast 19 Mio. Euro Stromsteuer für 2008, fällig in drei Wochen. Außerdem stand die Stromsteuer für das erste Halbjahr 2009 aus. Gesamtschulden von Teldafax: 28,3 Mio. Euro. Die zumindest sind inzwischen bezahlt.
Was folgte, war ein wochenlanger Tanz auf der Rasierklinge. Die BDO beantragte als Wirtschaftsprüfer von Teldafax die Stundung der Stromsteuer. Begründung: Eine Einforderung der Stromsteuer hätte Teldafax gezwungen, einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens zu stellen. Die Steuerexperten sprachen von einem „erheblichen Härtefall“.
Am 1. Juli 2009 konnten Assadi und seine Mitstreiter aufatmen. Das Hauptzollamt gewährte eine Stundung. Doch damit waren die Probleme nicht gelöst. Schon Ende Dezember 2007 wies Teldafax bei einer Bilanzsumme von 142 Mio. Euro einen Fehlbetrag von 100 Mio. Euro aus. Die Überschuldung wurde nur dadurch beseitigt, dass die Teldafax Holding ihre Stromtochter Teldafax Energy mit ihrer Gastochter Teldafax Gas verschmolz. Dabei wurden die Verträge der Strom- und Gaskunden als stille Reserve in die Bilanz der neuen Gesellschaft eingebracht. Teldafax plante eine weitere Verschmelzung - diesmal mit der neu gegründeten Teldafax GmbH.
So sollten vermeintliche Werte gehoben werden. Die Bilanzkunststücke, die Insider stark an das Josten-Handwerk bei der untergegangenen Secur-Finanz erinnern, waren nicht das Einzige, was die Zollbeamten zutage förderten. „Viele Kundenverträge führten 2008 zu negativen Deckungsbeiträgen“, schrieben sie. So seien 73 Mio. Euro Drohverluste gebucht worden. Weiterhin habe Teldafax beim Stromeinkauf keine Preisabsicherung betrieben. Das Unternehmen sei laut eigener Aussage dazu finanziell nicht in der Lage gewesen.
Teldafax-Aufsichtsrat Josten verfolgte die bangen Tage von Teldafax aus der Ferne in der Schweiz. Im Vorstand herrschte Alarmstimmung.
Dienstag, 22. September 2009: Im Konferenzraum im vierten Stock der Teldafax-Zentrale in Troisdorf trafen sich um 15 Uhr rund ein Dutzend Männer und Frauen zur außerordentlichen Führungskreissitzung. Teldafax-Chef Bath war dabei, Finanzvorstand Assadi auch. Wirtschaftsprüfer von BDO waren gekommen und zwei Sondergäste: Werner Leipnitz und Christian Wolf von der Kanzlei Görg. Sie sind auf Insolvenzfragen spezialisiert.
Die nächsten zwei Stunden waren hart für alle Beteiligten. Die Teldafax-Führung referierte die kritischen Punkte. „20 Mio. Euro sind Stand heute fällig, während weniger als zehn Prozent auf dem Konto zur Verfügung stehen. Am 1. Oktober werden 33 Mio. Euro Einzüge fällig“, heißt es im Konferenzprotokoll. Die Gläubiger würden allmählich unruhig. Stromlieferant Vattenfall wäre bereits an die Bundesnetzagentur herangetreten. Zum Sponsoringvertrag mit Bayer 04 Leverkusen ist im Protokoll festgehalten: „3,7 Mio. Euro fällig, Forderung wird bis zum 1.12.2009 ausgesetzt.“
Die Rechtsanwälte der Kanzlei Görg hielten zwar nicht die Luft an - sie sind sogenannte „Sondersituationen von Unternehmen“ gewohnt. Aber die Insolvenzspezialisten äußerten sich an diesem Tag vorsichtig. Derzeit habe noch keine Insolvenzverschleppung stattgefunden, sagte Rechtsanwalt Wolf. Sollte dies aber der Fall werden, müsse die Kanzlei Görg die Beratung einstellen, da sie sich andernfalls der Beihilfe zur Insolvenzverschleppung schuldig mache.
Zwei Wochen später legte die Kanzlei Görg das Mandat nieder. Es folgte ein Brief, in dem sich Görg-Anwalt Leipnitz bei Teldafax-Finanzvorstand Assadi für das entgegengebrachte Vertrauen bedankte. Und schrieb: „Sofern Sie noch bei einer eventuellen Antragsstellung gegenüber dem Insolvenzgericht Hilfestellung benötigen, stehen wir hierfür gern zur Verfügung.“
Doch Assadi konnte keine Hilfe mehr annehmen. Als er sich ein Bild von der Unternehmenslage gemacht hatte, sah er seine Handlungsmöglichkeiten nüchtern: Als Finanzvorstand war er verantwortlich für die Zahlen. Entweder er hätte Insolvenz angemeldet oder sich strafbar gemacht. Assadi teilte seine Entscheidung dem Vorstandschef Bath mit: Er sei der Überzeugung, dass Teldafax bis Monatsende einen Insolvenzantrag stellen müsse. Doch bevor er die nötigen Schritte einleiten konnte, passierte etwas anderes. Am 26. Oktober 2009 berief der Teldafax-Aufsichtsrat Assadi als Vorstand ab. Bath sagt heute dazu, Assadi habe niemals auf eine Insolvenz gedrängt.
Ist es Kampfesmut oder Kaltschnäuzigkeit, was bei Teldafax in den nächsten Monaten passierte? Der geschasste Finanzvorstand wollte zum Insolvenzgericht gehen, Teldafax ging stattdessen in Deutschlands bekannteste Fernsehshow. Im Dezember 2009 verkündete das Unternehmen eine Werbepartnerschaft mit „Wetten, dass??“ Bath sagte damals: „Wir freuen uns über die Zusammenarbeit sehr, denn wir haben ein gemeinsames Ziel: Auch wir wollen unsere Quoten steigern, indem wir auf Teldafax aufmerksam machen.“
Doch nicht alle Funktionsträger des Billigstromanbieters freuten sich über Aufmerksamkeit. Michael Josten, der flüchtige Teldafax-Aufsichtsrat etwa, hatte sich seit seiner Verurteilung im März 2007 sehr bemüht, so wenig Beachtung wie möglich zu erregen. Während sein Unternehmen mit Thomas Gottschalk kokettierte, lief für Josten die Zeit in Freiheit aus. Schweizer Beamte nahmen ihn im April 2010 in Zug fest, Josten wurde nach Deutschland ausgeliefert.
Am 7. Juni trat Josten seine Haftstrafe in der Justizvollzugsanstalt Bruchsal an, wie aus den Unterlagen der Staatsanwaltschaft hervorgeht. Sein Aufsichtsratsmandat gab er ab. Doch er blieb auch hinter Gittern aktiv. Teldafax-Vorstand Bath informierte ihn weiterhin detailliert und freundlich. Eine Mail Baths vom 24. September 2010, in der dieser eine aktuelle Liquiditätslücke von 20 Mio. Euro berichtete, begann mit den Worten: „Lieber Michael“. Bath rechnete in der Mail auch für das kommende Jahr mit einer Liquiditätslücke von fünf Mio. Euro.
Seither aber, so betonen die Manager gegenüber dem Handelsblatt, habe sich die Situation geändert. Teldafax werde, in Übereinstimmung mit inzwischen drei Wirtschaftsprüfern, seine Überschuldung beseitigen, indem der Geschäftsbetrieb der Gas-Tochter in die Strom-Tochter eingebracht werde. Dadurch würden stille Reserven aus dem Wert des Kundenstammes gehoben - ähnlich wie bereits ein Jahr zuvor. Anders als bei einer Verschmelzung würden durch dieses Modell keine Steuern fällig - das Unternehmen spare 15 Mio. Euro.
All das aber ist noch nicht geschehen. Doch selbst mit diesem Polster, auch das räumen die Vorstände ein, müsse die Firma künftig profitabler werden. Sie versichern, dass sie dabei auf gutem Wege seien. Schon in diesem Jahr erreiche Teldafax bei den Stromkunden eine Marge von im Schnitt 4,5 Prozent - nächstes Jahr sollen es sechs bis sieben Prozent werden.
Im Prinzip, sagten die Manager im Gespräch mit dem Handelsblatt, gehe es darum, die hohen Rabatte, die Neukunden gewährt würden, in den Folgejahren durch Preiserhöhungen wieder hereinzuholen. Ob diese Marge bei der finanziellen Gesamtsituation ausreicht, ist fraglich. Denn auf dem Unternehmen lasten hohe Schulden mit entsprechend hohen Kreditzahlungen.
Das Management betont heute, sich von Josten emanzipiert zu haben - allerdings vertrete er nach wie vor einige Aktionäre, insgesamt knapp die Hälfte des Kapitals. Daher sei der Umgang mit ihm „freundlich distanziert“. Man kämpfe um die Zukunft der Firma, sagt Vorstandsmitglied Gernot Koch: „Es geht um die Arbeitsplätze von über 500 Mitarbeitern.“