Ehrbare Elite
Auf der Suche nach dem „guten Unternehmer“

Die einen verschenken ihr Vermögen, die anderen gründen gemeinnützige Stiftungen - Führung mit Fürsorge und moralischen Prinzipien ist wieder gefragt. Doch was genau machen „gute Unternehmer“ wie Robert Bosch anders?
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Der Philosoph Wolfgang Kersting schrieb schon 2008: „Immer dann, wenn die Wirklichkeit nicht mit unseren Vorstellungen eines gelingenden Lebens und einer guten Ordnung übereinstimmt, rücken wir ihr mit Ethik zu Leibe.“ Die nachfolgenden Jahre bestätigten seine These: Finanzkrise und Euro-Krise haben die Menschen verunsichert und sie daran zweifeln lassen, ob sie in einer guten Ordnung leben, in der das Leben gelingen kann. Entsprechend groß ist der Bedarf an Ethik – und an Vorbildern, an Menschen, die für das Gute stehen.

Das sind Leute wie einst die Unternehmer Carl Zeiss und Robert Bosch, deren Unternehmen als Stiftungen bis heute auch der Allgemeinheit dienen. Oder wie Alfred Herrhausen, der als Chef der Deutschen Bank den Mut hatte, einen Schuldenerlass für arme Staaten zu fordern. Oder wie Berthold Beitz, der im Krieg Juden vor den Nazis rettete und bei Krupp die Tradition des Konzerns pflegte, die Arbeiternehmer fürsorglich zu behandeln – während andere derartige Traditionen aus Kostengründen entsorgten.

Ex-Bundespräsident Horst Köhler forderte in dieser Woche beim „Wittenberger Gespräch“ eine „echte Elite, mit Leistung und mit Sinn für ihre Verantwortung auch der Allgemeinheit gegenüber“. Aber ist das neue Interesse am „Guten“ nicht nur eine Mode, die rasch verschwindet, wenn die Krisen vorbei sind? Ist Ethik vielleicht eine Frage der Konjunktur – mit verschobenen Phasen: Wenn die wirtschaftliche Konjunktur einbricht, schießt die Wertschätzung der Moral nach oben?

Diese Sicht wäre zu pessimistisch. Denn es gab schon vorher Unternehmer, die mitten im modernen Kapitalismus an die alten Vorbilder der Großzügigkeit angeknüpft haben. Man denke nur an Bill Gates, der zusammen mit seiner Frau Melinda die gewaltigste private Stiftung betreibt, die es je gegeben hat. Oder an Warren Buffett, den genialen Investor, der den Löwenanteil seines riesigen Vermögens seinem Freund Gates für dessen Stiftung vermacht hat. Seine lapidare Begründung: „Es ist schmerzlich, auf so viel Geld zu sitzen.“

Nachdem in den Jahren der großen Gewinne und der großen Gier gute Menschen als „Gutmenschen“ abqualifiziert wurden, sind sie jetzt wieder gefragt. Der Anspruch an die moralischen Qualitäten der Politiker ist deutlich gestiegen, aber auch der „gute Unternehmer“ ist wieder gefragt, die Formel vom „ehrbaren Kaufmann“, die es seit dem Mittelalter gibt, klingt ganz neu.

Nur: Was ist das, ein guter Unternehmer? Hier können nicht allein Milliardäre wie Gates und Buffett gemeint sein, die ihr Vermögen verschenken.

Kommentare zu " Ehrbare Elite: Auf der Suche nach dem „guten Unternehmer“"

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  • Welchen Sinn hätte es denn, Kapital beliebig zu akkumulieren?
    Das man sich von der "Masse" durch ein durch Ressourcen nicht limitiertes Ausleben der Belange eines Einzelindividuums und freie Wahl der Kopulationspartner abhebt? Nicht wulffen muss sondern maschmeyern kann?
    Bringt ein solches Sinnziel die Population des modernen Menschen heute noch wirklich voran oder muss nicht schon längst das Notprogramm der gemeinschaftlichen Krisenbewältigung anlaufen, bei der das hemmungslose Abgraben der Ressourcen eher als Problem als zur Verbesserung des Genpools gewertet werden muss?
    Akkumulierte Ressourcen machen nur dort Sinn, wo auch Sinn gestiftet wird, nachhaltig und human. Und auch nur angemessen und nicht auf Teufel komm raus. Denn das liesse der sich nicht zweimal sagen!

  • - für Unternehmen: der Einsatz der Stiftung als Marketinginstrument. Der Marketingeffekt beginnt damit, dass der Name des Unternehmens auf die gemeinnützige Stiftung übertragen wird. So binden insbesondere die Globalplayer und ihre Stiftungen das Medieninteresse an sich. Ob nun die Bertelsmann Stiftung, die Allianz Kulturstiftung, die IKEA-Stiftung oder die Boehringer Ingelheim-Stiftung für medizinische Grundlagenforschung ­- immer geben diese Namen das gemeinnützige Engagement eines Unternehmens bekannt. Der damit erzielt Imagetransfer ist kaum zu überschätzen, genießt das Instrument der Stiftung doch die höchste Anerkennung unter allen gemeinnützigen Organisationsformen. Ob als gemeinsame Gesprächsbasis mit Kunden zur Kundenbindung, als Instrument für die Personalentwicklung oder für die Erschließung von Ressourcen ­- Stiftungen können für die Unternehmen ein nützliches, strategisches Kommunikationsinstrument sein.

    ...

    Familienangehörige des Stifters können von der Gründung einer Stiftung profitieren, auch wenn keine Familienstiftung errichtet wird.
    Soll eine direkte Förderung erreicht werden, können Familienmitglieder als Destinäre der Stiftung eingesetzt werden. Auch bei gemeinnützigen Stiftungen ist dies möglich, sofern die Zuwendungen ein Drittel des Einkommens der Stiftung nicht überschreiten. Mittelbar ist eine finanzielle Förderung von Familienmitgliedern oft auch möglich, indem diese als Organe der Stiftung eingesetzt werden.
    Häufig wird die Begünstigung aber auch nur indirekt herbeigeführt. Der Stifter kann auch bei gemeinnützigen Stiftungen den Zweck so wählen, dass Interessen der Familie damit mittelbar gefördert werden. Ein Beispiel hierfür ist die Förderung der Erforschung einer Krankheit, an der ein Kind des Stifters leidet.
    Daneben kann die Familie des Stifters natürlich auch durch eine erhöhte Reputation von der Gründung einer Stiftung profitieren.
    "
    Quelle: Internet

  • - die Sicherung des über Jahrzehnte aufgebauten Vermögens. Ihrem Wesen nach sind Stiftungen äußerst konservativ, sie erhalten und bewahren, nicht nur den eigenen Namen, sondern auch das eingebrachte Vermögen, was für bestimmte Personen das ausschlaggebende Argument darstellt. Sie sehen in ihrem Vermögen ein über Jahrzehnte geschaffenes Lebenswerk, das sie gern über den Tod hinaus erhalten möchten. Auch hier ist das Instrument der Stiftung ohne Konkurrenz. Die Spende muss zeitnah ausgegeben, das in eine Stiftung eingebrachte Vermögen laut Gesetz erhalten werden.

    - die aktive Gestaltung des Lebensabends. Das schlechte Gewissen eines Gründers kann hier eventuell einige ernsthaft gemeinte Projekte hervorrufen oder ist doch nur der Erhalt der erarbeitete Macht beabsichtigt?

    - die Kontrolle über den Einsatz der Stiftungsmittel. Was mit "seinen" Geldern geschieht, ist für den Stifter kein Geheimnis. Er selbst kann immer wieder bestimmen, wen und was er begünstigen bzw. fördern will. Er ist also mit seiner eigenen Stiftung näher an der Zweckerfüllung: Er bestimmt, was mit den Zinserträgen geschieht, er bestimmt den Kreis der Begünstigten, der zu fördernden oder der auszuzeichnenden Personen. Er hat somit einen unmittelbaren, z. T. auch persönlichen Bezug zu seinem gemeinnützigen Engagement.

    - die Drittellösung. Sie erlaubt es dem Stifter, ein Drittel der Erträge für den eigenen Lebensunterhalt und den der Angehörigen (Großeltern, Eltern, Pflegeeltern, Kinder, Pflegekinder, Enkel, Ehegatten und Geschwister) zu verwenden, ihre Gräber zu pflegen und ihr Andenken zu ehren.

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