1. Startseite
  2. Politik
  3. Deutschland
  4. Interview mit Lobby Control: „Parteitage erinnern an Industriemessen“

Interview mit Lobby Control„Parteitage erinnern an Industriemessen“

Politiker, die ihre Karriere versilbern, indem sie ihr Knowhow der Wirtschaft verkaufen, sind keine Seltenheit, sagt Lobby-Control-Aktivist Timo Lange. Im Interview erklärt er, warum dadurch die Demokratie bedroht ist.Dietmar Neuerer 20.09.2012 - 07:35 Uhr Artikel anhören

Timo Lange, Politikwissenschaftler beim Berliner Büro des Verbands "Lobby Control"

Foto: PR

Handelsblatt Online: Ohne Sachverstand von Unternehmen und Verbänden würde die Politik wohl bei vielen Themen nicht mehr weiter wissen. Sind Lobbyisten also unverzichtbar?

Timo Lange: Es ist richtig, dass die Politik im Dialog stehen muss mit allen gesellschaftlichen Interessengruppen. Dazu gehören auch Unternehmen und Wirtschaftsvertreter. Die Frage ist nur, wie das geschieht. In Deutschland ist das weitgehend unreguliert, intransparent und oft einseitig.

Wie viele Lobbyisten sind in Berlin aktiv?

Weil der ganze Lobby-Bereich sehr intransparent ist, gibt es nur Schätzungen. Um die 5.000 Lobbyisten dürften in Berlin aktiv sein. Die Zahl kann aber auch weit höher liegen. Die Lobby-Industrie ist eine Wachstumsbranche.

Inwiefern?

Es gibt immer mehr Akteure, die auf dem Markt ihre Lobby-Dienstleistungen anbieten. Das sind Lobby-Agenturen, Beratungsunternehmen, Anwaltskanzleien. Da jede Interessengruppe eine adäquate Vertretung sucht, ist die Nachfrage nach Lobbydienstleistungen sehr hoch. Außerdem lohnt es sich für viele Unternehmen, ein eigenes Lobbybüro in Berlin zu unterhalten.

Bild als alten Zeiten – von 2006: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU, l) und ihre damalige Staatsministerin Hildegard Müller. Die 48-Jährige wechselt zu RWE. Sie wird „im Rahmen der Umstrukturierungen bei RWE zum 1. Mai in eine Vorstandsfunktion einer Konzerngesellschaft wechseln“, ließ Müller selbst am Montag wissen. Seit 2008 war sie Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) – nach ihrer Zeit als Staatsministerin im Bundeskanzleramt (seit 2005) und von 1998 bis 2002 die erste weibliche Bundesvorsitzende der Jungen Union. In Ihrer Zeit im Kanzleramt arbeitete sie eng mit Bundeskanzlerin Angela Merkel zusammen. Der Wechsel zum BDEW hatte damals für Diskussionen gesorgt. Müller wurde vorgeworfen, ihre Verbindungen in die Regierungszentrale eins zu eins für den neuen Job zu nutzen.

Foto: dpa

Der CDU-Politiker und Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, Steffen Kampeter, soll neuer Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) werden. Wie die BDA am Dienstag mitteilte, soll Kampeter am 24. Juni zum Nachfolger von Reinhard Göhner gewählt werden, der nach fast 20 Jahren aufhört. Kampeter kündigte an, unmittelbar nach seiner Kür durch den BDA-Vorstand – also noch im Juni – den parlamentarischen Staatssekretärsposten bei Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) aufzugeben. Damit würde er eine Wartezeit von zwölf Monaten einhalten. Seine neue BDA-Stelle tritt er zum 1. Juli 2016 an.

Im Bundestag will der CDU-Finanzexperte aus dem nordrhein-westfälischen Minden noch ein Jahr bleiben – und das Mandat dann erst zum Juli 2016 aufgeben. Kampeter suchte schon länger nach einem Absprung aus der Bundespolitik und bemühte sich unter anderem vergeblich, Sparkassenpräsident zu werden.

Foto: dpa

Der ehemalige FDP-Staatssekretär Jan Mücke und Gelegenheitsraucher ist neuer oberster Tabak-Lobbyist. Der sächsische Liberale übernimmt den Job als Geschäftsführer des Deutschen Zigarettenverbandes (DZV). Wie der Verband erst im September 2014 nach der sächsischen Landtagswahl in Sachsen mitteilte, trat der ehemalige Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium (2009 bis 2013) seinen neuen Job bereits am 1. Juli an. Mücke war nach der Bundestagswahl 2013 aus dem Bundestag ausgeschieden.

Foto: obs

Unter Sabine Leutheusser-Schnarrenberger war sie FDP-Staatssekretärin im Bundesjustizministerium, seit dem 1. September ist Birgit Grundmann Cheflobbyistin beim Versicherungskonzern Allianz. Offiziell heißt der neu geschaffene Posten „Vorstands-Bevollmächtigte Politik und Verbände”. Grundmann, 1969 in Wuppertal geboren, ist Juristin und Politikwissenschaftlerin. Ab 1993 arbeitete die Mutter zweier Kinder im Bundesjustizministerium, dort war sie unter anderem als Referatsleiterin zuständig für Mietrechts- und Unterhaltsrechtsreform.

Foto: dpa - picture-alliance

Ebenfalls in die Versicherungsbranche wechselte Thomas Ilka. Der ehemalige Staatssekretär im FDP-Bundesgesundheitsministerium – 2011 bis 2014 – ist seit dem 12. Mai Geschäftsführer Europa/Internationale Beziehungen beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Als Mitglied der Geschäftsführung leitet der Essener das Europageschäft in Brüssel und Berlin und nimmt laut Jobprofil die internationale Interessenvertretung wahr. Neu ist das Lobbying für den Diplomvolkswirt nicht: Von 2007 bis 2011 leitete der 49 Jahre alte Vater von fünf Kindern die Brüsseler Vertretung des Deutschen Industrie- und Handelskammertages und war zuvor seit 1999 in Berlin für den DIHK tätig.

Foto: dpa - picture-alliance

„Politik ist nicht mein Leben“: Selbstbewusst begründete Roland Koch am 25. Mai 2010 auf einer Pressekonferenz seinen Rücktritt als Hessens Ministerpräsident. Er wolle sich künftig wieder in der Privatwirtschaft betätigen. Ein Jahr später war es so weit: Koch übernahm am 1. Juli 2011 den Chefposten des Mannheimer Dienstleistungs- und Baukonzerns Bilfinger. Doch auch die Wirtschaft ist offenbar nicht Kochs Leben. Im August 2014 musste er den Vorstandssessel nach der zweiten Gewinnwarnung in Folge überraschend räumen.

Foto: Reuters

Der ehemalige Entwicklungsminister Dirk Niebel wird ab 2015 beim Rüstungskonzern und Automobilzulieferer Rheinmetall anheuern. Der FDP-Politiker werde den Konzernvorstand „in allen Fragen und Aufgaben der internationalen Strategieentwicklung und beim Ausbau der globalen Regierungsbeziehungen unterstützen“, teilte das Düsseldorfer Unternehmen mit. Der ehemalige Zeitsoldat und Fallschirmjäger war von 2009 bis 2013 Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Der 51-jährige gelernte Diplomverwaltungswirt saß von 1998 bis 2013 für die Liberalen im Bundestag, ist aber nach dem Scheitern der FDP an der Fünf-Prozent-Hürde nicht mehr vertreten.

Foto: dpa

Der ehemalige Kanzleramtsminister Ronald Pofalla (CDU) wollte sich eigentlich zurückziehen und mehr Zeit für die Familie haben. Doch nun wird daraus wohl nichts. Er soll 2015 in den Vorstand der Deutschen Bahn wechseln. Der 54-Jährige soll ein eigens für ihn geschaffenes Ressort übernehmen, das die langfristige Unternehmensstrategie und Kontakte zur Politik umfasst. Die Entscheidung rief aber auch Widerstand hervor.

Foto: dpa

Der Staatsminister im Bundeskanzleramt, Eckart von Klaeden (CDU), wechselt als Leiter Politik und Außenbeziehungen zu Daimler nach Stuttgart. Von Klaeden, der als enger Vertrauter von Bundeskanzlerin Angela Merkel gilt, war bis 2013 Bundestagsabgeordneter. Danach schied er zum Ende der Legislaturperiode aus und kandidierte nicht erneut für den Bundestag. Er gehörte dem Bundestag seit 19 Jahren an. Er ist seit Ende 2013 von Stuttgart aus für die weltweiten Beziehungen des Daimler-Konzerns zuständig und pflegt dort vor allem Kontakte in den Vereinigten Staaten, China und auch Brasilien. Auch die Berliner Repräsentanz von Daimler ist ihm unterstellt.

Foto: dpa

Auch der CDU-Politiker Friedbert Pflüger kehrte der Politik den Rücken und wechselte in die Wissenschaft. Der Politikwissenschaftler und frühere Mitarbeiter Richard von Weizsäckers leitet am King's College in London ein neues Institut, das sich mit Energie- und Ressourcensicherheit beschäftigt. Mit Pflüger wollte die Berliner CDU 2006 den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) ablösen. Er fuhr jedoch nur 21,3 Prozent Stimmen ein und verlor. Zuletzt spielte in der Berliner Landespolitik keine entscheidende Rolle mehr.

Foto: AP

Der einstige Landeschef und Bundesvize der FDP wurde zum 1. April 2011 Rektor der Handelshochschule in Leipzig. Die Perspektive, Verantwortung zu übernehmen, war für ihn ohnehin nicht mehr gegeben. In NRW hatte Pinkwart nach der Wahlschlappe vergeblich versucht, die Regierungsbeteiligung der Liberalen durch ein Bündnis mit SPD und Grünen zu retten. Doch der Plan ging nicht auf. Auch in Berlin gab es für ihn keine Zukunft mehr, nach der Kontroverse über die Hotelsteuer galt das Verhältnis zu Guido Westerwelle als zerrüttet.

Foto: dpa

Die frühere hessische Sozialministerin Silke Lautenschläger (CDU) wechselte in den Vorstand der privaten Krankenversicherung DKV. Dort übernahm sie am 1. Januar 2011 das Ressort Leistung und Versorgung. Lautenschläger war von 2001 bis 2009 hessische Sozialministerin, danach ging sie ins Umweltressort. Mit dem Rücktritt von Ministerpräsident Roland Koch (CDU) war sie aus der Regierung ausgeschieden.

Foto: Reuters

Bremens Wirtschaftssenator Ralf Nagel erklärte am 11. Februar 2010 seinen Rücktritt und teilte mit, er werde künftig als Vorsitzender des Verbands deutscher Reeder arbeiten. Nagel war in der Hansestadt seit 2007 Senator für Wirtschaft und Häfen sowie Senator für Justiz und Verfassung.

Foto: dpa

Nachdem die CDU bei der Landtagswahl in Thüringen die absolute Mehrheit verloren hatte, zog Ministerpräsident Dieter Althaus die Konsequenzen und trat am 3. September 2009 als Ministerpräsident und CDU-Landesvorsitzender zurück. Althaus übernahm kurze Zeit später einen Managerjob beim kanadisch-österreichischen Automobilzulieferer Magna. Seit dem 1. Februar 2010 ist der Ex-Ministerpräsident als Vizepräsident für den Kunden Volkswagen und Kontakte zu öffentlichen Stellen in Deutschland zuständig.

Foto: dpa

Der ehemalige Grünen-Vordenker und Außenminister Joschka Fischer ist ein gefragter Experte: Seit dem Ende seiner politischen Karriere berät der Alt-68er Konzerne wie Siemens, BMW sowie RWE beim Bau der Nabucco-Pipeline.

Foto: dpa

Matthias Berninger (3.v.l) war unter Rot-Grün Staatssekretär im Berliner Verbraucherschutzministerium. Seit Februar 2007 arbeitet Berninger als „Director Corporate Health and Nutrition“ für den Süßwarenhersteller Mars in Brüssel.

Foto: Handelsblatt

Volker Hoff (CDU) gehörte lange dem hessischen Landtag an. Von 2006 bis 2009 war er Europaminister. Dann wechselte er in den Opel-Vorstand und war Cheflobbyist. 2012 verließ er das Unternehmen wieder.

Foto: dpa

Nachdem sich der einstige CDU-Hoffnungsträger Friedrich Merz mit Angela Merkel überworfen hatte, erklärte er im Februar 2007, dass er aufgrund politischer Differenzen bei der nächsten Bundestagswahl nicht mehr antreten werde. Langeweile kommt bei Merz nach dem Ende seiner politischen Karriere allerdings nicht auf: Er ist Mitglied in mehreren Aufsichtsräten, seit mehreren Jahren Partner einer großen Wirtschaftskanzlei und sitzt unter anderem im Verwaltungsrat der Bank HSBC Trinkaus.

Foto: AP

Der Grüne Rezzo Schlauch war von 1998 bis 2002 gemeinsam mit Kerstin Müller Vorsitzender der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, anschließend parlamentarischer Staatssekretär im Wirtschaftsministerium. 2005 nahm Schlauch nach dem Ende von Rot-Grün seine Tätigkeit als Anwalt wieder auf. Wegen eines Sitzes im Beirat des Energieunternehmens EnBW, das mehrere Atomkraftwerke betreibt, geriet er in die Kritik.

Foto: AP

Sie saß von 2002 bis 2005 für Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag. 2008 wechselte Marianne Tritz als Geschäftsführerin zum neu gegründeten Deutschen Zigarettenverband – was bei den Grünen, die für einen strengen Nichtraucherschutz eintreten, für reichlich Unmut sorgte. Inzwischen führt sie den Gesamtverband für Dämmstoffindustrie. Das dürfte den Grünen durchaus besser gefallen.

Foto: PR

Sie war sogar Chefin der Grünen – von 1996 bis 2000: Gunda Röstel war von 1996 bis 2000 Chefin der Grünen. Anschließend wechselte sie von der Politik in die Wirtschaft und bekleidet seit 2000 bei dem Wasseranbieter Gelsenwasser die Position einer Projektmanagerin. Seit 2004 ist sie zudem kaufmännische Geschäftsführerin der Stadtentwässerung Dresden.

Foto: AP

Unter Helmut Kohl war Matthias Wissmann von 1993 bis 1998 Verkehrsminister. Bis 2007 saß er für die CDU im Bundestag, bevor er als Präsident an die Spitze des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) wechselte.

Foto: dpa

Der frühere Arbeits- und Wirtschaftsminister Wolfgang Clement ist unter anderem Aufsichtsrat des Kraftwerksbetreibers RWE Power. Clement ist allerdings nicht nur für RWE tätig, er beriet nach seiner Politikerlaufbahn unter anderem auch den Personaldienstleister Adecco und das Medienhaus DuMont Schauberg.

Foto: AP

Er saß zum einen für die CDU im Deutschen Bundestag, zum anderen war Reinhard Göhner Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Arbeitgeberverbände (BDA). Im Juli 2007 legte der CDU-Politiker sein Bundestagsmandat nieder, BDA-Geschäftsführer ist er nach wie vor. Dass es zwischen seiner Lobbyarbeit und dem Abgeordnetenmandat Überschneidungen gab, hat er stets bestritten.

Foto: dpa

Der parteilose Werner Müller war von 1998 bis 2002 in der rot-grünen Koalition Bundesminister für Wirtschaft und Technologie. 2003 wechselte er als Vorstandschef zu Evonik, damals noch RAG. Pikant: Als Minister hatte Müller sich dafür stark gemacht, dass die Übernahme von Ruhrgas durch Eon genehmigt wird. Das Kartellamt hatte das Geschäft untersagt. Eon wiederum ist an der RAG beteiligt.

Foto: AP

Unter Minister Werner Müller war Alfred Tacke Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, wechselte ebenfalls in die Energiebranche: 2004 übernahm er den Vorstandsvorsitz des Energieversorgers Steag, einer RAG-Tochter.

Foto: Reuters

Altkanzler Gerhard Schröder ist seit Frühjahr 2006 Aufsichtsratschef des Pipeline-Konsortiums NGEP, das die Ostseepipeline betreiben soll. An dem Konsortium sind der russische Energieriese Gazprom sowie die deutschen Konzerne BASF und Eon beteiligt. Schröder selbst hatte das Geschäft kurz vor der Bundestagswahl 2005 eingefädelt. Die Regierung Schröder hatte nach der Wahlniederlage, aber noch vor dem Ende Schröders Amtszeit, eine staatliche Bürgschaft für einen Kredit der deutschen Banken KfW und der Deutsche Bank AG in Höhe von einer Milliarden Euro für Gazprom übernommen.

Foto: Reuters

Der CDU-Politiker Friedrich Bohl (r.) war von 1991 bis 1998 Kanzleramtsminister und wechselte nach der verlorenen Bundestagswahl als Vorstandsmitglied zur Deutschen Vermögensberatung. Dort war er zuständig für die Bereiche Konzernsekretariat, Recht, Öffentlichkeitsarbeit und Verbände. Seit 2009 ist er dort Aufsichtsratschef.

Foto: AP

Von 1993 bis 2005 war Otto Wiesheu bayerischer Wirtschaftsminister, bevor zur Deutschen Bahn wechselte. Zuständig war er dort bis Mai 2009 für Marketing und politische Beziehungen. Unmittelbar vor seinem Wechsel hatte Wiesheu mit der Arbeitsgruppe Verkehr den schwarz-roten Koalitionsvertrag mit ausgehandelt.

Foto: dpa

Von 2000 bis 2002 war Kurt Bodewig Verkehrsminister. In seine Amtszeit als Bundesminister fiel auch die Einführung der LKW-Maut in Deutschland und der Vertrag mit Toll Collect, der 2002 unterzeichnet wurde. Inzwischen arbeitet er nebenbei für die Unternehmensberatung KPMG. 2007 wurde er zum Präsidenten des Verbands Deutsche Verkehrswacht gewählt.

Foto: Reuters

Grünen-Mitbegründer Otto Schily (SPD) war von 1998 bis 2005 Bundesinnenminister. Nach seinem Ausscheiden aus dem Amt arbeitet er heute wieder als Rechtsanwalt und sitzt zudem in den Aufsichtsräten einiger Sicherheitsfirmen, darunter Unternehmen, die biometrische Lösungen anbieten. Dafür wurde er bisweilen hart kritisiert: Als Minister hatte sich Schily unter anderem für die Einführung biometrischer Sicherheitsmerkmale im Reisepass eingesetzt.

Foto: dpa

Anwaltskanzleien sind in der Vergangenheit ja auch schon als Verfasser von Gesetzestexten aufgefallen.

Das ist das sogenannte Gesetzgebungsoutsourcing. Ministerien beauftragen Kanzleien damit, ganze Gesetzentwürfe oder nur Teile davon zu entwerfen. Das ist problematisch. Denn diese Großkanzleien haben zugleich wichtige Kunden, die an diesen Gesetzen unter Umständen ein ganz spezifisches Interesse haben. Es gibt aber auch Kanzleien, die im Auftrag von Unternehmen oder Verbänden Lobbyarbeit betreiben.

Gefahr für die Demokratie

Die unheimliche Macht der Lobbyisten

Wie wird der Kontakt zur Politik hergestellt?

Auch Lobbyisten vereinbaren ganz profan Termine mit Politikern. Das alleine wird natürlich nie ausreichen, um die eigenen Interessen wirkungsvoll durchzusetzen. Deshalb gibt es darüber hinaus ein ganzes Bündel von Strategien und Maßnahmen. Das fängt an mit Einladungen zu Veranstaltungen, Diskussionsabenden inklusive kostenloser Verköstigung bis hin zu speziellen Briefings für Parlamentarier, die zugleich auch ein Interesse haben Sachverstand abzuschöpfen und an den für ihr Feld relevanten Diskussionen beteiligt zu sein. Was auch zum Einsatz kommt, ist das Publizieren von Studien, begleitet von aufwendigen PR-Kampagnen, die helfen sollen, ein positives öffentliches Klima für die eigene Interessenlage zu erzeugen.

Sind nicht auch Meinungsforscher wie Forsa oder Allensbach als Lobbyisten zu sehen?

Diese Institute liefern zum Teil bestellte Wahrheiten. Forsa beispielsweise hat mal eine Umfrage für die Deutsche Bahn zur Bahnprivatisierung gemacht, vermittelt über eine Agentur. Gefragt wurde nach den Vorteilen einer Privatisierung, die Nachteile wurden erst gar nicht thematisiert. Platziert wurden die Ergebnisse dann sehr geschickt am Tag der Expertenanhörung zur Bahnprivatisierung im Bundestag. Das floss dann natürlich in die mediale Berichterstattung mit ein, mit dem Tenor: Experten sehen Privatisierung kritisch, die Bürger versprechen sich aber davon einen besseren Service.

In den Medien kursiert im Zusammenhang mit Lobbyismus die Formulierung "Die gekaufte Republik". Ist da was dran?

Das ist sehr zugespitzt. Die Politik ist nicht gekauft. Wir haben aber sehr starke Kräfte, die unkontrolliert auf Politik einwirken, mitunter auch Druck ausüben. Das Problem ist, dass man von außen nicht einsehen kann, wer mit welchen Mitteln in wessen Auftrag die Politikakteure berät bzw. beeinflusst. Schwächere Interessen können dabei unter die Räder geraten. Es ist schädlich für die Demokratie, wenn sich diejenigen mit dem größten Lobby- und PR-Budget durchsetzen.

Was kann man tun - es gab ja mal die Forderung nach einem Lobbyisten-Register.

Daraus ist bisher nichts geworden. Die schwarz-gelbe Koalition verhindert das aktuell. Das Lobby-Register wäre aber ein wichtiger Schritt hin zu einem demokratischeren, transparenteren System der politischen Interessenvertretung. Es würde uns ermöglichen zu wissen, wer in Berlin als Lobbyist arbeitet und welche Interessen hier vertreten werden. Die Bürger würden mehr darüber erfahren, unter welchen Umständen politische Entscheidungen zustande kommen.

Geldmaschine Gesundheitswesen

So werden die Patienten ausgenommen

Macht es überhaupt Sinn, auf nationaler Ebene Lobbyismus stärker zu regulieren, müsste man das Thema nicht EU-weit angehen?

Deutschland nimmt als größte Volkswirtschaft in der EU eine besondere Rolle ein. Insofern ist die Position der Bundesrepublik in der Lobby-Frage von besonderer Bedeutung, ebenso das Gewicht Deutschlands im Ministerrat bei inhaltlichen Fragen. Auf der anderen Seite ist es wichtig, dass auch Brüssel selbst aktiv wird. Allerdings ist man dort schon wesentlich weiter als bei uns. In Brüssel gibt es ein Lobby-Register. Das ist zwar nicht verpflichtend. Aber sobald ein Lobbyist einen Hausausweis für das EU-Parlament möchte, muss er sich mitsamt der ihn beauftragenden Organisation eintragen.

Welche Politikfelder sind besonders begehrt bei Lobbyisten?

Die meisten Lobbyisten tummeln sich auf den Feldern, wo es um sehr viel Geld geht. Das ist insbesondere die Finanzdienstleistungsindustrie, wie Banken und Versicherungen, aber auch der Pharmasektor, die Automobilbranche sowie die Energiewirtschaft.

Die neue Berliner Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer war 15 Jahre lang Deutschlands mächtigste Pharmalobbyistin. Wie sehen sie diesen Fall?

Der Fall ist ein gutes Beispiel für den so genannten Drehtür-Effekt, also den schnellen Wechsel von Politik in die Wirtschaft und wieder zurück. Die Berufung von Frau Yzer als Senatorin sehe ich durchaus kritisch. Es besteht die Gefahr von Interessenkonflikten. Als Wirtschaftssenatorin wird sie einen Verantwortungsbereich haben, der ihren ehemaligen Arbeitgeber stark betrifft. Wahrscheinlich wird sie auch mit vielen ehemaligen Kollegen am Verhandlungstisch sitzen. Da würde ich mir eine unabhängigere und trotzdem genauso kompetente Senatorin wünschen.

Was fordern Sie?

Wir fordern bei einem Wechsel aus einem politischen Amt heraus eine Abkühlphase von drei Jahren. In dieser Karenzzeit sollen Politiker keine Lobbytätigkeiten ausüben dürfen. Denn es ist nicht auszuschließen, dass bereits im politischen Amt Entscheidungen an den Interessen potentieller Arbeitgeber ausgerichtet werden. Es verstärkt außerdem das Machtungleichgewicht zwischen verschiedenen Interessengruppen, wenn ein ehemaliger Politiker in seinem neuen Job auf das im öffentlichen Auftrag erworbene Knowhow bzw. Insiderkenntnisse zurückgreifen kann. Deshalb sind Ex-Politiker begehrte Lobbyisten. Einen ehemaligen Spitzenpolitiker anzuwerben und für die eigenen Interessen einzuspannen gelingt jedoch vor allem finanzstarken Akteuren.

Wie wirkt sich das auf den Ruf der Politik aus?

Solche Fälle zerstören das Vertrauen der Bürger in die Repräsentanten, die sie gewählt haben. Es entsteht der Eindruck, dass versucht wird, die politische Karriere nach dem Ausscheiden noch zu versilbern. Allein deshalb ist eine Regulierung notwendig.

Gibt es einen besonders krassen Fall?

Ein Fall ist durch den Gorleben-Untersuchungsausschuss wieder aktuell geworden. Es geht um Gerald Hennenhöfer. Bis 1998 war er, damals noch unter Umweltministerin Merkel, Leiter der Abteilung Reaktorsicherheit. Dann kam der Regierungswechsel und er ging in die Wirtschaft und wurde Cheflobbyist für Eon. Und für Eon saß er dann den Kollegen aus seinem Ministerium bei den Verhandlungen zum Atomausstieg gegenüber.

2009, als Schwarz-Gelb wieder an die Regierung kam, kehrte er zurück auf seinen alten Ministeriumsposten. Und es gab durchaus einige Entscheidungen, wo sich die Frage nach seiner Unabhängigkeit stellt. Die enge Verbandelung mit denjenigen, die er eigentlich beaufsichtigen und kontrollieren soll, ist ja unbestritten.

Ein anderes Phänomen ist das sogenannte Parteiensponsoring, wo Konzerne oder Verbände sich auf Parteitagen präsentieren und dafür Geld bezahlen.

Ja. Manche Parteitage erinnern stark an Industriemessen. Da fließen nicht unerhebliche Summen an Geld von Unternehmen und Verbänden an Parteien, ohne das die Öffentlichkeit einen Überblick darüber hat, wie viel das im Einzelnen ist. Viele werden sich noch an den Fall des früheren NRW-Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers erinnern.

Besser bekannt als Rent-a-Rüttgers-Affäre, wo die NRW-CDU Gespräche mit Rüttgers gegen Bezahlung anbot. Wir fordern eine Offenlegung von Sponsoring-Aktivitäten. Die Offenlegungspflichten für Sponsoring müssten den Regeln für Parteispenden angepasst werden. Die wiederum sollten ebenfalls überarbeitet werden.

Inwiefern?

Es gibt derzeit zwei Veröffentlichungsschwellen für Parteispenden: ab 50.000 Euro müssen die Spenden sofort offengelegt werden, alle anderen Spenden ab 10.000 Euro werden in den Rechenschaftsberichten der Parteien aufgeführt - allerdings erst mit rund anderthalbjähriger Verspätung. Wir wollen eine Absenkung dieser Grenzen auf 10.000 Euro für die sofortige Veröffentlichung und auf 2.000 Euro für die Veröffentlichung in den Rechenschaftsberichten. Gleiches müsste für das Parteiensponsoring gelten.

Was halten Sie von einem generellen Verbot der Parteienfinanzierung durch Unternehmen?

Wir teilen diese Forderung nicht. Denn sonst würde sich das Geld seinen Weg auf andere Art und Weise suchen und wir hätten gar keinen Einblick mehr in die Geldströme zwischen Unternehmen und Parteien.

Verwandte Themen
Deutschland

Aktuell ist in diesem Zusammenhang der Fall eines engen Beraters des Glücksspiel-Automatenherstellers Gauselmann, der insgesamt 2,5 Millionen Euro in FDP-Tochterunternehmen investiert haben soll, wobei zumindest ein Teil des Geldes letztlich an die Partei geflossen sein soll. Der Vorgang wird derzeit vom Bundestagspräsidenten geprüft. Was erwarten Sie sich davon?

Wichtig wäre, dass die Bundestagsverwaltung das Ergebnis der Untersuchung nicht stillschweigend zu den Akten legt, sondern transparent gemacht wird, wie es sich mit den Geldströmen verhält und welche Beziehung es zu Herrn Gauselmann genau gab. Auch die FDP ist aufgefordert, zur Aufklärung beizutragen und alle Dokumente offenzulegen.

Welche Konsequenzen sind denkbar?

Wenn sich die Hinweise verdichten sollten, dass hier gegen geltendes Recht verstoßen wurde, kann die Bundestagsverwaltung im Rahmen des Parteiengesetzes Sanktionen verhängen. Insgesamt ist eine Diskussion über die Transparenz des Beteiligungsvermögens der Parteien notwendig.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt