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Fahrradhändler unter Druck„Die richtige Krise kommt erst noch“

Übervolle Lager haben zu Rabattschlachten und Insolvenzen geführt. Das Modelljahr 2024 fällt weitgehend aus. Welche Lehren die Fahrradbranche nun daraus zieht.Axel Höpner 09.01.2024 - 12:06 Uhr

München. Übervolle Lager, Preisdruck, Insolvenzen: Die lange erfolgsverwöhnte Fahrradbranche hat ein schwieriges Jahr hinter sich. Doch der Tiefpunkt ist offenbar noch nicht erreicht. „Ich fürchte, die richtige Krise kommt erst 2024“, sagte Burkhard Stork, Geschäftsführer des Zweirad-Industrie-Verbands (ZIV), dem Handelsblatt.  

Die Kunden halten sich mit Käufen weiter stärker zurück als von der Branche erwartet. „Auch größere Hersteller haben noch immer volle Lager“, sagte Stork. Inzwischen habe die Flaute auch das bislang besser laufende Segment der teureren Fahrräder erreicht. Die Folge der Überbestände: „Es wird praktisch kein Modelljahr 2024 geben.“

Die Marken werden also erst wieder neue Modelle auf den Markt bringen, wenn die Altbestände weitgehend abverkauft sind. Dabei gibt es derzeit zwar oft Rabatte im Bereich von zehn bis 30 Prozent. „Doch zumindest können wir noch ein gewisses Preisniveau halten“, so Stork. „Es hat noch keiner begonnen, die Waren zu verramschen.“

Fahrradhändler stockten in der Pandemie Bestellungen für Fahrräder und E-Bikes auf

In der Pandemie hatten viele das Radfahren wieder für sich entdeckt. Vor allem E-Bikes verkauften sich fast von selbst. Die Preise stiegen deutlich, vor allem aufgrund höherer Rohstoff- und Frachtpreise. Doch nutzte mancher Hersteller auch die Gelegenheit, die Margen zu verbessern.

Eine Zeit lang ging das gut: Wegen der rasant gestiegenen Nachfrage und des Teilemangels aufgrund der unterbrochenen Lieferketten mussten die Kunden oft lange auf ihr neues Fahrrad warten. Als Konsequenz stockten die Händler ihre Bestellungen auf.

Als dann die Lager mit alter und neuer Ware voll waren, ließ die Nachfrage nach. „Mit Beginn des Ukrainekriegs ging die Stimmung schlagartig in den Keller“, sagt Andrés Martin-Birner, Gründer und Chef des Onlinehändlers Bike24. Die Kombination von gedämpfter Konsumstimmung und Überkapazitäten sei fatal gewesen. „Mit einem von beidem hätte die Branche noch leben können.“

Mit ersten Rabattaktionen versuchten Hersteller und Händler, die Lager zu räumen. Seither sind die Preise weiter eingebrochen. Hersteller wie der E-Bike-Spezialist Van Moof und Prophete mussten Insolvenzantrag stellen, auch einzelne Händler gingen pleite. Der Bike24-Konkurrent Fahrrad.de wurde vom Zusammenbruch des Firmen-Imperiums von René Benko mitgerissen. „Es ist noch nicht vorbei“, sagt ZIV-Geschäftsführer Stork. „Wir werden im Frühjahr eine weitere Marktbereinigung sehen.“

Bedroht seien zum einen Komponentenhersteller, denn die Lager der Kunden sind noch gut gefüllt. Zudem seien Unternehmen in Gefahr, die in Zeiten des Booms ihre Gewinne zu stark an Investoren ausgeschüttet hätten, statt für schwierigere Zeiten vorzusorgen. 

Dabei profitierte das Unternehmen, das seine Räder nur im Direktvertrieb verkauft, insbesondere von der Expansion in den USA. Doch bescherte Canyon seinem Eigentümer GBL erstmals einen kleinen Verlust. Bei Konkurrenten wie Giant gingen Umsätze und Gewinne deutlich zurück. 

„Ein Teil der Probleme ist hausgemacht“

Auch der börsennotierte Onlinehändler Bike24 ist im abgelaufenen Jahr unter Druck geraten. In den ersten neun Monaten gingen die Umsätze um elf Prozent auf 179 Millionen Euro zurück. Unter dem Strich stand ein Verlust von 15 Millionen Euro. 

Doch habe sich das Geschäftsmodell als vergleichsweise resilient erwiesen, sagt Martin-Birner. Bike24 habe von seiner breiten Präsenz in Europa profitiert. Beim Abbau der eigenen Lager komme man voran. „Ich denke, wir haben drei Viertel des schwierigen Wegs hinter uns.“

Der Fahrradabsatz in Deutschland ist seit 2020 von 5,0 auf 4,6 Millionen Exemplare gesunken. Doch lag er damit immer noch über dem Wert von 4,3 Millionen 2019, im letzten Jahr vor der Pandemie. Im abgelaufenen Jahr dürften die Verkaufszahlen stagniert haben. 

Ein Teil der Probleme ist nach Einschätzung Storks hausgemacht. So hätten die Hersteller jedes Jahr neue Modelle auf den Markt geworfen – die dann im Herbst mit der Vorstellung der Nachfolger schon wieder überholt waren. „Ich fände es gut, wenn wir in längere Modellzyklen kommen“, sagt er. Zudem habe die Branche unterschätzt, wie abhängig sie von externen Faktoren ist. Schlechtes Wetter im Frühjahr spiele da ebenso eine Rolle wie Unterbrechungen in den Lieferketten. 

Diese Lehren ziehen Fahrradhändler aus der Krise

Manche Anbieter hätten sich zudem zu sehr auf ihren Erfolgen ausgeruht. So hätten einige Händler gut am Verkauf neuer E-Bikes verdient, aber den Service vernachlässigt. „Den Händlern, die gelernt haben, mit der Werkstatt Geld zu verdienen, wird es jetzt besser gehen“, erklärt Stork. 

Auch Bike24-Chef Martin-Birner glaubt, dass die Krise die Professionalisierung der Branche vorantreiben kann. Die Unternehmen würden sich wieder stärker auf ein „nachhaltiges, gesundes Wachstum“ besinnen.

Manch einer werde einen Gang zurückschalten und die Modellpalette vorsichtiger erweitern. „Die Branche wird lernen, flexibler zu handeln.“ Auch die Rückverlagerung von Produktion nach Europa werde wieder stärker Thema werden. 

Doch zunächst einmal muss die aktuelle Krise durchstanden werden. In Herstellerkreisen ist zu hören, dass man ab Mitte 2024 die Produktion neuer Fahrräder wieder hochfahren will.

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Der langfristige Trend, davon sind alle in der Branche ohnehin überzeugt, ist intakt. Das Fahrradfahren sei viel stärker in der Bevölkerung verankert, als es manchmal den Anschein habe, sagt Stork. Und wer einmal im Urlaub E-Bike gefahren sei, mache das künftig auch im Alltag öfter. „Das Fahrrad ist nicht aufzuhalten.“

Erstpublikation: 02.01.2024, 11:47 Uhr.

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