Taurus: Was Deutschlands Waffensystem so besonders macht
Düsseldorf. Die Spionageaffäre bei der Bundeswehr alarmierte die Bundesrepublik mitten in der Debatte über Taurus-Lieferungen an die Ukraine. Das interne Gespräch zwischen vier Bundeswehroffizieren über mögliche Einsatzszenarien des Marschflugkörpers Taurus wurde mitgeschnitten – und russische Propagandakanäle veröffentlichten die 38 Minuten lange Aufnahme.
Laut Militärexperten könnte der Lenkflugkörper die Ukraine im Kampf gegen Russland entlasten. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) will das Waffensystem nicht liefern, weil dann deutsche Soldaten an Ort und Stelle helfen müssten und Deutschland in den Krieg hineingezogen werden könnte. Das enthüllte Gespräch weckt aber Zweifel daran, dass eine Beteiligung deutscher Soldaten technisch erforderlich ist. Über diese Frage wird weiterhin gestritten.
Wie funktioniert das Waffensystem? Was macht den Marschflugkörper besonders? Und wer ist das Unternehmen, das hinter dem Taurus steckt? Ein Verteidigungsexperte ordnet die Debatte ein.
Taurus-Lieferungen an Ukraine: Welche Firma produziert den Marschflugkörper?
Der Marschflugkörper wird von dem Gemeinschaftsunternehmen Taurus Systems GmbH hergestellt. Dahinter steht der Rüstungskonzern MBDA Deutschland mit Sitz im oberbayerischen Schrobenhausen, der zu zwei Dritteln an Taurus Systems beteiligt ist. Ein Drittel hält zudem der schwedische Rüstungshersteller Saab Dynamics.
Aus technischer Sicht sieht der Taurus-Hersteller selbst keine Probleme für eine Lieferung der Marschflugkörper an die Ukraine. „Wir können Nutzernationen von Taurus, und hier auch natürlich die Ukraine, vollständig im technischen Umfang mit dem System schulen“, sagte MBDA-Deutschlandchef Thomas Gottschild am Dienstag bei einem Besuch von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU).
Auch die Ukraine sei dann alleinstehend technisch in der Lage, den Taurus zu betreiben und zu bedienen. Die „Länderabgabe“ sei letztlich eine politische Entscheidung, so Gottschild.
MBDA Deutschland beschäftigt aktuell etwa 1200 Mitarbeiter und erwirtschaftete im Jahr 2022 einen Umsatz von 338 Millionen Euro. Neben dem Taurus produziert MBDA Deutschland Luftverteidigungssysteme verschiedener Reichweiten, andere Lenkflugkörpersysteme sowie militärische Komponenten.
Anfang des Jahres kündigte das Unternehmen an, in Deutschland künftig auch Lenkflugkörper für das Flugabwehrsystem Patriot zu fertigen. Der Mutterkonzern MBDA hatte von der Nato einen Großauftrag über bis zu 1000 Flugkörper in Höhe von 5,1 Milliarden Euro erhalten. Bei der Luftverteidigung will der Konzern künftig zudem mit dem ukrainischen Unternehmen Ukroboronprom zusammenarbeiten.
Im Fokus stand zuletzt jedoch immer wieder der Taurus KEPD 350, wie der Flugkörper vollständig heißt. Die Abkürzung steht für „Target Adaptive Unitary and Dispenser Robotic Ubiquity System“. Der unbemannte militärische Lenkflugkörper ist mit einer Gefechtsladung ausgerüstet und kann sich selbst ins Ziel steuern. Laut der Bundeswehr handelt es sich um einen „der modernsten Flugkörper der Luftwaffe“.
„Der Taurus ist bewusst als Bunkerbrecher aufgebaut worden“, sagt Christian Mölling, Verteidigungsexperte bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Im Vergleich zum französischen Marschflugkörper Scalp und dem britischen Storm Shadow, die bereits an die Ukraine geliefert wurden, komme der Taurus auf eine größere Reichweite und eine höhere Sprengkraft. Laut Herstellerangaben kann die Lenkwaffe mehr als 500 Kilometer weit fliegen – und damit theoretisch Moskau von der Ukraine aus erreichen.
Taurus kann laut Experten Luftabwehrraketen besser ausweichen
Der fünf Meter lange und mehr als 1,3 Tonnen schwere Flugkörper bietet laut Mölling noch einen weiteren Vorteil. „Der Taurus ist deutlich weniger störanfällig gegenüber elektronischer Kriegsführung der Russen“, erklärt Mölling. Weil die Waffe sehr niedrig über dem Boden fliege, könne sie auch Luftabwehrraketen besser ausweichen.
Der Taurus könnte die Ukraine laut dem Verteidigungsexperten dabei unterstützen, russische Naschschubwege wie etwa Eisenbahnknotenpunkte zu zerstören. Auch die für die russische Logistik bedeutende Kertsch-Brücke sei „sicherlich ein wichtiges Ziel zum jetzigen Zeitpunkt“. Auch könnte der Taurus helfen, die Bestände an Marschflugkörpern insgesamt aufzustocken, so der Experte weiter.
Eine „Wunderwaffe“ sei das System jedoch nicht: „Es beendet den Krieg nicht“, sagt Mölling. „Aber es würde die Versorgung russischer Truppen erschweren und die Unsicherheit für russische Hochwertziele aufrechterhalten.“
Die Luftwaffe besitzt den Taurus seit 2005. Das Verteidigungsministerium bestellte damals nach Bundeswehr-Angaben 600 Flugkörper. Die Stückkosten liegen heute Schätzungen zufolge bei etwa einer Million Euro.
Erstpublikation: 06.03.2024, 16:35 Uhr.
