Geldpolitik: Fed verzichtet auf Zinserhöhungen – doch Investoren sind weiter verunsichert
New York. Die gute Nachricht verkündete Jerome Powell gleich zu Beginn: „Ich denke, es ist unwahrscheinlich, dass der nächste Schritt eine Zinserhöhung sein wird“, sagte der Chef der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) auf einer Pressekonferenz am Mittwoch. Nach zuletzt gestiegenen Inflationsdaten waren einige Ökonomen und Anleger besorgt, dass die Fed den Leitzins noch einmal anheben könnte. Doch davon will Powell derzeit nichts wissen.
Seine Aussagen lösten eine Rally an den Aktien- und Anleihemärkten aus. Doch die Euphorie hielt nicht lange an. Denn schon während der Pressekonferenz setzte sich eine andere Interpretation von Powells Worten durch: Die Leitzinsen könnten noch für eine ganze Weile auf dem hohen Niveau bleiben, auf dem sie sich aktuell befinden. Zum sechsten Mal in Folge ließ die wichtigste Notenbank der Welt den Leitzins auf der Spanne von 5,25 bis 5,5 Prozent. Dies ist der höchste Stand seit 2001. Und Powell ließ offen, wann die Notenbanker mit den lange ersehnten Zinssenkungen beginnen könnten.
„Die Inflation ist immer noch zu hoch“, betonte Powell. Im März stieg die Teuerung auf 3,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Dennoch erwarte er, dass die Rate in diesem Jahr noch zurückgehe, wenngleich er sich dessen unsicherer sei als früher.
„Es kann wahrscheinlich länger dauern als erwartet, bis wir genug Zuversicht haben, um die Zinsen wieder zu senken“, sagte der Fed-Chef.
Die Sorge, dass die USA in eine Stagflation fallen könnte, wies er indes zurück. Dabei würden deutlich steigende Preise mit einer stagnierenden Wirtschaft zusammentreffen. Diese Lage gilt für die Notenbanken als besonders schwierig, da sinkende Zinsen zwar die Wirtschaft ankurbeln, aber gleichzeitig die Inflation weiter anfachen könnten. Powell sehe weder, dass die US-Wirtschaft stagniere, noch dass die Inflation drastisch ansteige. Die größte Volkswirtschaft der Welt legte zuletzt weniger stark zu als erwartet.
Powell geht davon aus, dass sich die Teuerungsrate in den kommenden Monaten wieder in Richtung der Zwei-Prozent-Marke bewegt, die die Notenbanker als Richtwert anvisieren. Es brauche gerade auf dem Markt für Mietwohnungen noch Zeit, bis sich die fallenden Mieten im großen Stil bemerkbar machen würden.
Entspannung könnte es in den kommenden Monaten auf dem für die Finanzwelt wichtigen Markt für US-Staatsanleihen geben. So kündigte die Fed an, den Bestand ihrer US-Staatsanleihen ab Juni deutlich langsamer abzubauen. Das hatte sie bereits im Vorfeld signalisiert, Details waren jedoch noch offen. Künftig wird die Fed nur noch Staatspapiere im Wert von 25 Milliarden Dollar auslaufen lassen, zuvor lag Grenze bei 60 Milliarden Dollar.
Da die US-Regierung derzeit im großen Stil neue Anleihen ausgibt, um die hohen Ausgaben zu finanzieren, könnte das langsamere Tempo beim Abbau der Fed-Bilanz die Preise stützen. Im Gegenzug könnten die Renditen sinken. Das würde „die Wogen an den Märkten insgesamt etwas glätten“, so Jack McIntyre, Portfolio-Manager bei Brandywine Global. Der US-Dollar gab gegenüber dem Euro ebenfalls nach.
Weniger Zinsschritte als erwartet
Im März hatten die Geldpolitiker noch signalisiert, dass sie die Zinsen drei Mal in diesem Jahr senken könnten. „Nun ist klar, dass das zu aggressiv war“, sagt John Llyod, Portfolio-Manager bei Janus Henderson. Das wahrscheinlichste Szenario sei nun eher bei „einer oder keiner Zinssenkung in diesem Jahr“. Die Fed wird bei ihrer kommenden Sitzung im Juni erneut ihre wirtschaftlichen Prognosen veröffentlichen und dann ihre Erwartungen für die Zinssenkungen anpassen.
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Unterdessen wird weiter darüber debattiert, wann die Fed mit den Zinssenkungen beginnen könnte. Der Chefökonom der Liechtensteiner VP Bank Thomas Gitzel sagte der Nachrichtenagentur Reuters: „Eine Zinssenkung im Juni ist nach der heutigen Notenbanksitzung vom Tisch.“ Auch KfW-Chefvolkswirtin Fritzi Köhler-Geib glaubt, dass der starke Arbeitsmarkt sowie die konjunkturelle Lage der USA der Notenbank noch erlauben, mit Zinssenkungen zu warten.
Am Freitag werden neue Daten vom Arbeitsmarkt für den Monat April veröffentlicht. Sie werden den Notenbankern ebenfalls dabei helfen, ihre Zinspolitik weiter anzupassen.
Fed zielt „Soft Landing“ an
Die Wirtschaft hat die hohen Zinsen bislang deutlich besser weggesteckt, als viele Ökonomen erwartet hatten. Fast alle Experten hatten im vergangenen Jahr mit einer Rezession gerechnet. Die ist jedoch bislang ausgeblieben, auch weil der Arbeitsmarkt überraschend robust ist. Eine starke Konjunktur lässt die Fed zusätzlich zögern, da eine Senkung des Zinsniveaus die Wirtschaft weiter antreibt. Doch es zeigen sich erste Schwächesignale. So steigen etwa die Ausfallraten bei Krediten und die Zahl der Unternehmenspleiten.