Auktionsnachbericht: Der Geschmack hat sich gewandelt
Berlin. Es ist keine gute Zeit für Objekte der Mittelklasse. Die einst kaufkräftige Käuferschicht, die Altmeistergemälde der zweiten Kategorie, Skulpturen und Kunstgewerbe als Ausweis ihrer Bildung erwarb, fällt weitgehend aus. Die Folgen des Geschmackswandels hin zu Gegenwart zeigen sich jetzt vor allem in deutschsprachigen Auktionen.
Die letzte in dieser Reihe von Frühjahrsversteigerungen war die dreitägige Kölner Lempertz-Auktion, in der über 1100 Lose von Schmuck bis zu Gemälden des 19. Jahrhunderts unter den Hammer kamen. Mit brutto sieben Millionen Euro liegt der Gesamterlös unter dem Ergebnis des Vorjahres, weil es wie schon in den vorangegangenen Auktionen in Zürich und Wien an Spitzenstücken mangelte.
So war es in der Kunstgewerbe-Auktion das silberne Tee-Extraktkännchen von Marianne Brandt, eine Ikone des Bauhaus-Designs, von der alle bisher bekannten sieben Ausführungen in öffentlichen Sammlungen von Dessau bis New York sind.
Drei Bieter waren am Zug, als das halbkugelförmige Kännchen von 150.000 auf brutto 327.600 Euro stieg. Käufer ist das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe. Ein anderes Exemplar wurde 1996 bei Lempertz für 341.000 D-Mark zugeschlagen und 2007 bei Sotheby’s für 361.000 Dollar wieder versteigert.
Es war kein guter Tag für Meissen-Porzellan. Nicht nur die Sammler, auch der Handel hielt sich hier zurück. Bieter sind wählerisch. Immerhin gab es angemessene Preise für das wie immer breite Silberangebot bis hin zu jenen 31.500 Euro, die ein Deckelbecher des Dresdener Barock mit Totenkopf-Füßen erzielte.
Mit 42.840 Euro blieb ein Nürnberger Elfenbein-Humpen mit fein geschnitzter Kampfszene im Bereich der Schätzung. Gefragt waren klassizistische Stücke und bei dem modernen Silber Lose mit Art-déco-Touch.
Ausnahmestücke bei den Möbeln
Erfreulich ist, dass trotz der anhaltenden Flaute für Möbel des 18. Jahrhunderts zwei charakteristische Exemplare mühelos abgesetzt wurden. Ein klassischer Aufsatzsekretär aus Mainz, auf 15.000 bis 25.000 Euro maßvoll geschätzt, wurde für 81.900 Euro einem baden-württembergischen Käufer zugeschlagen. „Cantourgen“-Möbel dieses Kalibers mit den charakteristischen Seitenschwüngen haben vor 20 Jahren noch mehr als das Doppelte gekostet. Eine Kommode mit dem Schlagstempel des Pariser Ebenisten Nicolas Petit stieg von 8000 auf 68.000 Euro.
Deutsche Käufer halten sich bei Altmeistergemälden zurück. Firmenchef Henrik Hanstein sagt: „Es gibt nur alte und ganz junge Käufer, denen die zeitgenössische Kunst zu teuer ist.“ Sie tasten sich langsam in den Altmeistermarkt vor.
Das teuerste Los der Versteigerung waren zwei lupenreine Stillleben mit Blumen und Früchten des seltenen Den Haager Meisters Johannes Roedig (1750–1802). Das Paar wurde für netto 750.000 Euro unter Vorbehalt zugeschlagen. Die Pendants hatten 2009, als der Stilllebenmarkt noch nicht so prekär war, bei Bonhams 1,2 Millionen Pfund erlöst. Im Nachgeschäft wurde es jetzt nach Aussage Hansteins abgesetzt.
Ein norwegischer Sammler ersteigerte den als Lucas Cranach und Werkstatt katalogisierten „Christus als Schmerzensmann“, eine Reprise aus der letzten Lempertz-Auktion, für taxgerechte 189.000 Euro. Derselbe ließ sich wenig später das düstere „Selbstbildnis im Spiegel“ des Leidener Rembrandt-Freundes Jan Lievens für wohlfeile 126.000 Euro zuschlagen.
Gesucht: Üppige Stillleben
Stillleben hatten einen guten Tag, vor allem an Blumen und Früchten überquellende Exemplare. Ein solches von dem Haager Jan van Os erwarb ein deutscher Sammler für 151.200 Euro deutlich über dem Schätzpreis. Eine spanische Stiftung begeisterte sich mit 201.600 Euro für Cornelis de Heems signiertes Früchtestillleben mit Sonnenblumen und ersteigerte noch zwei weitere Bilder dieser Gattung: eine reich gedeckte Frühstückstafel des Kölners Gottfried von Wedig für 58.000 Euro und ein Arrangement mit Trauben, Weingläsern und Pokal des Haagers Abraham van Beijeren für 63.000 Euro.
Aus der Werkstatt des Antwerpeners Frans Snyders stammt ein über zwei Meter breites Fischmarkt-Sujet, dessen Hauptversion in der Eremitage hängt, für das sich ein belgischer Sammler mit 270.900 Euro engagierte. Die Taxe hatte bei nur 30.000 Euro gelegen. Bei den Skulpturen liegt mit angemessenen 70.560 Euro ein norddeutsches Bronze-Aquamanile der Zeit um 1200 ganz oben.
Bei der Kunst des 19. Jahrhunderts liefen die vier Hackert-Lose mit Preisen bis 110.800 Euro für eine Tiber-Ansicht problemlos. Am Ende der Auktion gab es dank des Einsatzes von zehn Telefonen sechsstellige Überraschungspreise für vorsichtig geschätzte russische Malerei.
Allen voran die 226.800 Euro, die ein in Spanien lebender Russe für eine Kaukasus-Landschaft des in St. Petersburg tätigen Malers Arkhip Ivanovich Kuindszhi einsetzte. Die minimalistisch gehaltene Landschaftsstudie war auf 5000 bis 6000 Euro geschätzt worden. Hartnäckige Nachfrage trieb sie auf den Hammerpreis von 180.000 Euro, das 36-Fache der Taxe.