Tourismus: Wie die Reisebüros mit der FTI-Insolvenz zu kämpfen haben
Berlin, Frankfurt. Die Insolvenz des Reiseveranstalters FTI bringt viele Reisebüros an ihre Grenzen. Zwar sorgt der nach der Pleite von Thomas Cook vor fast fünf Jahren geschaffene Deutsche Reisesicherungsfonds (DRSF) dafür, dass es nicht ganz so chaotisch abläuft wie 2019. Dennoch kommt es zu teils erschütternden Situationen.
„Ich kenne einen Fall, bei dem ein Ehepaar und die Mutter plötzlich auf Fuerteventura im Hotel vor verschlossenen Zimmertüren standen“, erzählt Heidi Kosow vom Reisebüro Calypso in Berlin: „Im Beisein der Polizei wurde ihnen gesagt, dass sie nur wieder in ihre Zimmer kommen, wenn sie 4500 Euro bezahlen. Da nutzt ein Zettel des Reisesicherungsfonds gar nichts.“
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Kein Einzelfall, wie Berichte in den sozialen Medien zeigen. Es sei eine andere Regelung nötig, sagt Kosow: „Es kann nicht sein, dass die Hotels ihr Geld vom Veranstalter erst zwei oder drei Monate später bekommen.“
65.000 Urlauber sind derzeit mit FTI unterwegs und bangen um ihren Aufenthalt und die Rückreise. Zwar gibt es Stück für Stück mehr Klarheit, wie es nun weitergeht. So hat der DRSF zum Beispiel Tui damit beauftragt, FTI-Kunden auf den Balearen, in Griechenland, auf den Malediven, in Mexiko, auf Kuba und in der Dominikanischen Republik zu betreuen. Die Dertour Group übernimmt im Auftrag des DRSF die Betreuung in sieben Regionen, darunter in der Türkei und auf den Kanaren.
Doch nach wie vor werden viele der überwiegend kleinen Reisebüros mit wenigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bestürmt. „Die Reisebüros sind immer die ersten Ansprechpartner für die Kundinnen und Kunden, wenn was passiert“, sagt Kosow: „Gerade in den ersten Tagen einer Insolvenz ist aber vieles noch unklar. Das ist eine echte Herausforderung.“
Abwarten oder neuen Urlaub buchen?
Ein Dilemma: Die Reiseberater wissen nicht, was sie ihren Kundinnen und Kunden, die ihren Urlaub noch nicht angetreten haben, raten sollen. Natürlich können sie einen neuen Urlaub buchen. Doch was ist, wenn der Insolvenzverwalter von FTI entscheidet, dass die ursprüngliche Reise doch stattfindet? Dann gibt es plötzlich zwei Reisen.
„Es muss eine schnelle Handlungsempfehlung des Insolvenzverwalters her“, sagt Sascha Nitsche vom Touristikunternehmen Solamento. Nur damit könnten Planungssicherheit und Entscheidungen im Sinne der betroffenen Kunden erfolgen. „Die Sommerferien stehen kurz bevor. Wenn hier Salamitaktik angewandt wird, kann man seine Kunden nicht einfach risikolos neu buchen, finde ich.“
Immerhin: Viele Wettbewerber von FTI reagieren auf diese extreme Situation. „Gott sei Dank sind Anbieter wie Tui, Dertour und andere aktuell sehr kulant, wenn Kunden Ersatzreisen buchen. Man kann dort gegen ein kleines Geld wieder stornieren, sollte die ursprüngliche FTI-Reise doch noch stattfinden“, sagt Reiseexpertin Kosow. Alltours bietet seit Mittwoch zum Beispiel an, dass Reisen, die bis zum 15. Juli angetreten werden, ohne Anzahlung und Stornierungsgebühren erworben werden können.
FTI-Urlaube mit Abreise bis 10. Juni storniert
Ob und welche FTI-Urlaube doch noch stattfinden können, bleibt ungewiss. Der Insolvenzverwalter gab am Mittwoch bekannt, dass erst einmal alle Urlaube, die bis einschließlich 10. Juni starten, storniert sind. „Für Reisen nach diesem Zeitpunkt wird derzeit nach Lösungen gesucht, um die Reisen geordnet durchführen zu können“, heißt es in einer Mitteilung des Verwalters.
Zwar hat Kosow ein gewisses Verständnis für die temporäre Unsicherheit. Keiner könne erwarten, dass der Insolvenzverwalter schon am Tag nach seiner Berufung den Reisebüros sagen könne, wie es weitergeht. Dennoch fühlen sich viele Reisebüros mit der Situation alleingelassen.
Zumal es sein kann, dass sie für die viele Arbeit kein Geld sehen werden. Reisebüros arbeiten auf Provisionsbasis. Zwar konnten sie bei FTI wählen, ob sie dieses Geld schon bei der Buchung bekommen oder erst nach der Reise. Wer sich allerdings für die zweite Variante entschieden hat, dürfte leer ausgehen. Reisebüros zählen zu den nachrangigen Gläubigern bei einer Insolvenz. „Wer seine Provision erst nach der Reise bekommt, hat die ganze Arbeit, bekommt aber wahrscheinlich kein Geld“, so Kosow.
Selbst diejenigen, die ihre Provision schon bei der Buchung erhielten, können sich nicht ganz sicher fühlen. Grundsätzlich kann der Verwalter entscheiden, dieses Geld zurückzufordern. Ob es dazu kommen wird, ist offen. Bei der Pleite von Thomas Cook musste kein Reisebüro Provisionen zurückgeben.
Reisefachfrau Kosow hat dazu eine klare Meinung. Sollte der Insolvenzverwalter schon gezahlte Provisionen zurückfordern, werde es spannend. „Es ist gesetzlich klar geregelt, dass das nur möglich ist, wenn die Gründe dafür nicht in der Verantwortung dessen liegen, der die Provision gezahlt hat“, sagt die Unternehmerin: „Die Krise bei FTI ist aber eindeutiges Managementversagen.“