Pendlerfrust: „Bis an mein Lebensende halte ich das nicht aus“
Düsseldorf. Wenn Wolfgang Dauth von einem „guten Match“ spricht, referenziert er keine Dating-Apps. Der Arbeitsmarktökonom meint stattdessen die volkswirtschaftlichen Vorteile des Pendelns. „Pendeln ermöglicht es mir, dass ich von meinem Wohnort den Job erreichen kann, der besonders gut zu mir passt“, sagt der Forscher vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Wenn Job und Person gut zusammenpassen, sei das ein gutes Match. Viele gute Matches erhöhen die gesamtwirtschaftliche Produktivität.
Dauth kann der ganzen „Pendelei“ daher viel abgewinnen.
Für die Volkswirtschaft ist das Pendeln, vereinfacht gesagt, gut. Und immer mehr Menschen in Deutschland tun dies auch. Vergangenes Jahr fuhren 20,5 Millionen sozialversicherungspflichtige Beschäftigte in Deutschland für ihre Arbeit von einer Gemeinde zur anderen, das sind knapp 60 Prozent. In den letzten zehn Jahren stieg deren Zahl um fast 20 Prozent.
Dazu beigetragen hat auch der Boom des Homeoffice: Wer nicht mehr jeden Tag ins Büro muss, nimmt längere Pendelwege eher in Kauf. Das zeigen die Ergebnisse einer Studie von Dauth und seinen Kollegen und Kolleginnen vom IAB.
Doch Pendeln kostet sie auch Zeit, Geld und Energie. Vor allem in einem Land, in dem die Infrastruktur latent kurz vor dem Kollaps steht: Staus, gesperrte Bahnstrecken – wie seit dieser Woche zwischen Mannheim, Frankfurt und Köln –, chaotische Flughäfen belasten die Nerven von Pendlern und ihren Familien.
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Wie umgehen Pendler die größten Probleme? Welche Alternativen gibt es? Und wie lässt sich pendeln, ohne dabei dauerhaft krank oder gestresst zu sein?
Pendeln in die Metropole: Das deutsche Standardmodell
Florian Teege arbeitet zu Hause, als sein Handy klingelt. Er sei sehr zufrieden mit seinem Job und seinem Arbeitgeber, betont der Arbeitnehmer am Telefon. „Ich kann mich über nichts beschweren. Außer über diese Stunde Fahrzeit.“
Teege wohnt in Kiel, arbeitet aber in Hamburg bei einem großen Konsumgüterhersteller. Er steht morgens früh auf, oft schon um 5.15 Uhr. Dann macht er fünfzehn Minuten Fitnessübungen, trinkt einen Kaffee und frühstückt. Anschließend setzt er sich ins Auto und fährt eine gute Stunde nach Hamburg.
Auf dem Heimweg ist er meist müde vom Tag. Die Fahrtzeit nutzt er, um innerlich abzuschalten und seine Gedanken schweifen zu lassen. Wenn er zwischen fünf und sechs Uhr abends nach Hause kommt, geht er einkaufen, kocht mit seiner Freundin – dann ist auch bald wieder Schlafenszeit. Ein bis zwei Tage die Woche arbeitet er von zu Hause aus, am liebsten würde er es öfter tun. Doch Teege, der sich selbst noch am Anfang seiner Karriere sieht, möchte eben auch vor Ort sein, um Kontakte zu knüpfen.
Die Fahrten zehren an ihm, auch finanziell. Er rechnet vor: „Ich fahre ein 24 Jahre altes Auto, einen BMW320 Coupé, der schluckt 8,3 Liter auf 100 Kilometer. Wenn ich damit dreimal die Woche ins Büro fahre, sind das bei den aktuellen Spritpreisen 110 Euro.“ Die Bahn sei jedoch keine Option. Zweieinhalb Stunden bräuchte er da pro Strecke, müsste zweimal umsteigen. Das Schlimmste sei aber die Unzuverlässigkeit.
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Das Pendeln beschäftigt den 30-Jährigen sehr. „Das macht keinen Spaß, das kostet unglaublich viel Lebenszeit und auch viel Geld.“
Umziehen sei aktuell jedoch keine Option, denn seine Freundin arbeitet in Kiel. Außerdem gefalle es ihnen beiden dort besser als in Hamburg – und die Mieten seien deutlich bezahlbarer. Langfristig, so hofft Teege, könnten sie sich vielleicht in der Mitte zwischen Hamburg und Kiel „ein Häuschen oder eine Wohnung kaufen“.
Wie Teege pendeln die meisten vom Land oder aus kleineren Städten in die Metropolen. Immer weniger Menschen finden in Hamburg, Berlin, München oder Frankfurt noch bezahlbaren Wohnraum. „Seit der Finanzkrise sind die großen Städte überproportional stark gewachsen“, sagt Ökonom Dauth. Dass Arbeitnehmer immer weitere Wege in Kauf nehmen, entlaste die Wohnungsmärkte in Ballungsgebieten.
Auto statt Bahn? Wie Pendler zur Arbeit kommen
Karan Chavan arbeitet für die Deutsche Bahn in Berlin – und pendelt dennoch von München aus mit dem Auto in die Hauptstadt. „Es ist für mich aktuell einfacher und flexibler, mit dem Auto rüberzufahren“, sagt er.
Die Strecke München-Berlin sei eine „relativ gute Zugstrecke“, gibt er zu. Er wolle sie in Zukunft häufiger nutzen. Dennoch seien da die Unwetter und Streckensperrungen der letzten Zeit. Wenn alles klappt, fährt Chavan fünf Stunden Auto für eine Strecke. Die ICE-Fahrt dauert genauso lange, aber die Reise von und zum Bahnhof dauere zusätzlich.
Als Regionalbereichsleiter bei der DB Sicherheit ist Chavan Führungskraft für 1300 Mitarbeitende. „In meiner Führungsposition wird das mobile Arbeiten sehr einfach gemacht“, sagt der 37-Jährige. „Aber ich persönlich bin viel lieber vor Ort.“ Zu Hause seien Bett und Kühlschrank einfach zu nah, scherzt er. Er fährt wöchentlich einmal hin und zurück, hat dann für die Tage in Berlin eine kleine Wohnung.
Stresst ihn die Strecke? „Es gibt Wochenenden, an denen man darüber flucht“, gibt er zu. Der Sport bleibe durch das Pendeln auf der Strecke, beklagt er. „Aber alles in allem ist es für mich ein Luxus, dass ich einen Job in Berlin habe und trotzdem in München wohnen darf.“ In der bayerischen Landeshauptstadt hat seine Frau Freunde und Familie, hier fühlen sie sich beide wohl.
Chavan und Teege gehören zur motorisierten Mehrheit des Landes. 68 Prozent aller deutschen Pendler fuhren 2020 mit dem Auto zur Arbeit, verraten die Daten des Statistischen Bundesamts. Verkehrsforscher gehen davon aus, dass die Zahl der Autofahrer sich durch die Pandemie erhöhte, seitdem etwas zurückgegangen ist, aber dennoch auf hohem Niveau verharrt.
Einer, der sich diesen Anteil deutlich kleiner wünscht, ist der Mobilitätsforscher Luca Nitschke. „Pendelverkehr ist in Deutschland für ein knappes Viertel der gesamten Verkehrsemissionen verantwortlich“, sagt Nitschke. Diese wiederum machen ein Fünftel der deutschen Gesamtemissionen aus. Und während andere Bereiche klimafreundlicher werden, stagniert der CO2-Ausstoß im Verkehr. Denn auf deutschen Straßen fahren immer mehr Autos, aber nur drei Prozent davon rein elektrisch.
Arbeit, Kita, Supermarkt: Eltern pendeln vernetzter
Luca Nitschke forscht am Frankfurter Institut für sozial-ökologische Forschung und koordiniert das Projekt „Pendellabor“ in der Region Frankfurt Rhein-Main. Er und seine Kollegen haben das Pendelverhalten von 40 Arbeitnehmern analysiert, um ihnen dann eine nachhaltigere Alternative anzubieten, die sie kostenlos testen können. Statt Verbrenner nutzten die Pendler dann ein E-Bike, ein E-Auto oder den ÖPNV.
Laut seinen Umfragedaten ist das Pendeln für die meisten ein Stressfaktor. „40 Prozent der Befragten haben allerdings eine positive Verbindung mit dem Pendeln, weil es Zeit für sie allein ist oder weil sie sogar Sport treiben können“, betont er. Pendeln, sagt Nitschke, das ist auch viel Gewöhnung. Wer aufs E-Bike umsteigt, müsse erst mal neue „Kompetenzen“ lernen. „Das fängt schon bei der Wahl der richtigen Kleidung an, Stichwort Fahrradhelm, Regenjacke und Regenhose.“
Nitschke weiß das aus eigener Erfahrung. Er fährt nur innerhalb Frankfurts zur Arbeit, gilt also in vielen Statistiken gar nicht offiziell als Pendler. Die fünf Kilometer radelt er meist, manchmal nimmt er die S-Bahn. „Die Kinder habe ich jeden Tag mit dabei“, fügt er hinzu. Ein bis zwei Tage die Woche bleibe er im Homeoffice.
Es sind traditionell die Männer, die weiter pendeln und besser verdienen, sagt der Mobilitätsforscher. Im Durchschnitt pendeln Frauen circa 30 Prozent kürzere Strecken als Männer. „Pendeln ist für Frauen schmerzhafter“, bestätigt auch Arbeitsmarktökonom Dauth. Auch in Beziehungen, in denen beide Partner erwerbstätig sind, erledigen Frauen weiterhin den Großteil der Haus- und Sorgearbeit allein. Wer das alles unter einen Hut bringen muss, darf sich keine langen Pendelwege erlauben.
Pendeln zwischen zwei Wohnorten: Das Beste aus beiden Welten?
Es gibt vermutlich wenige Menschen, die das Pendeln so sehr genießen wie Anatol Obolensky. Der 36-jährige Projektentwickler düst gerade über die A96, „am Ammersee vorbei, Ausfahrt Greifenberg“, als der Anruf ihn erreicht.
Er pendelt zwischen seinem Wohnort am Bodensee und seinem Arbeitsort München. Montag oder Dienstag begibt er sich meist auf den Weg in die Großstadt, Freitag fährt er zurück. Für ihn ist das Pendeln längst Teil seiner Identität geworden, sagt er. Es sei das Beste aus beiden Welten. Der „City Buzz“ in München und die Ruhe auf dem Land am Bodensee.
Obolensky spricht von einer guten „Balance“ und einer „Reise zwischen zwei Welten“. Mit seinem E-Auto fährt er die Strecke innerhalb von zwei bis zweieinhalb Stunden. In den Zeitraum legt er sich berufliche Telefonate. Manchmal ruft er auch Freunde an. Würde er auch Bahn fahren? Nicht bei den aktuellen Verspätungen. Seit zehn Jahren pendelt er so wöchentlich.
Als Vorstandsmitglied eines Münchener Bauprojektentwicklers dürfe er „den Puls der Stadt“ nicht verlieren, sagt er. Seine Wohnung in München, von der aus er zur Arbeit laufen kann, ist für ihn sein zweites Zuhause. „Das Leben an zwei Orten erweitert den Horizont. Davon profitiere ich auch in meiner Arbeit als Developer“, sagt der Projektentwickler.
Vor der Pandemie erntete Obolensky oft Unverständnis für sein Pendelverhalten, dann begannen plötzlich einige, sein Lebensmodell zu übernehmen. „Ich habe mich wie ein First Mover gefühlt“, sagt er. Für ihn ist es ein Modell mit Zukunft.
Bluthochdruck und Fast Food: Wann macht Pendeln krank?
Während Obolensky aus dem Pendeln neue Kraft und Energie schöpft, empfindet die Mehrheit der Pendler und Pendlerinnen die Fahrten als belastend.
Es sei schwierig, verlässliche Aussagen darüber zu treffen, ob Pendeln der physischen Gesundheit schadet, sagt Anna Oksuzyan, Professorin für Demografie und Gesundheit an der Universität Bielefeld. Dafür fehlt es an Studien, die die gleichen Pendler über einen langen Zeitraum beobachten.
„Pendeln kann sich allerdings langfristig negativ auf die eigene mentale Gesundheit auswirken“, sagt die Medizinerin. Es kann Stress erzeugen und die Psyche belasten. Außerdem zeigen erste Ergebnisse, dass Pendler öfter unterwegs essen und sich daher ungesünder ernähren. Sie haben einen erhöhten Blutdruck und einen höheren BMI, da sie weniger Zeit für Bewegung haben.
Dennoch kann das im Einzelfall ganz anders sein. Oksuzyan unterscheidet zwischen aktivem und passivem Pendeln. „Wer aktiv pendelt, also mit dem Fahrrad oder zu Fuß, pendelt kürzere Strecken und ist im Schnitt gesünder“, sagt sie. Das passive Pendeln im Auto oder mit dem ÖPNV werde dagegen als stressiger empfunden.
1000 Euro Reisekosten: Wie eine Pendlerin an „New Work“ scheiterte
Als Nadine Ehlert die Stellenausschreibung für ihren aktuellen Job las, stand da nichts von Anwesenheitspflichten. Die Stelle im Projektmanagement eines Dax-Konzerns im Ruhrgebiet war als „remote“ ausgeschrieben. „Das war eine super Karrierechance, in München gab es nichts Vergleichbares“, sagt Ehlert, die ihren echten Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will. Sie bekam die Stelle. Als sie anfing, hieß es, sie solle einmal im Monat in der Konzernzentrale vorbeikommen. Die Kosten musste Ehlert selbst tragen.
Dann wechselten ihre Vorgesetzten, und plötzlich sollte sie mindestens zweimal im Monat für drei bis vier Tage vor Ort sein. Für Ehlert wurde es teuer. 400 bis 600 Euro kostet sie eine Reise ins Büro, monatlich circa 1000 Euro.
Das Bahnfahren sei ein „Wahnsinnsstress“ gewesen, ständig hatten Züge Verspätung, „zig Fahrten endeten vorzeitig“. Einmal strandete sie nachts in Stuttgart.
Das WLAN funktionierte nur selten, Ehlert konnte in der Zeit nicht an Meetings teilnehmen. „Das hat so viel Stress verursacht, dass ich nach viermal gesagt habe, okay, ich steige um aufs Flugzeug.“ So spart sie sich zwei bis drei Stunden Reisezeit.
Vor wenigen Wochen hatte sie dann in einem Personalgespräch darum gebeten, dass die Kosten vom Konzern übernommen werden. Doch das sei nicht möglich, hieß es. Mehr Gehalt aber auch nicht. Für Ehlert ist der Fall klar: Da wollte ein Konzern modern sein à la „New Work“ – und hat die Sache dann aber nicht zu Ende gedacht.
Ehlert will wegen der Pendelstrecke kündigen. Bekäme sie die Kosten erstattet, bliebe sie. Dann trüge sie auch weniger Verantwortung und hätte weniger Stress, rechtzeitig zu buchen oder den besten Preis zu finden – und sie bräuchte sich keinen neuen Job in München zu suchen. Zwar hatte sie Freude an ihrer Arbeit, aber: „Das Pendeln über diese Distanz macht auf Dauer eher kaputt, als dass es hilft.“
Erstpublikation: 19.07.2024, 04:00 Uhr.