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IntegrationMenschen müssen sich selbst integrieren wollen

Damit Deutschland die besten Köpfe aus dem Ausland anzieht, braucht das Land ein anderes Mindset, meint Sucheta Govil. Und Führungskräfte müssen Stellung beziehen. 10.10.2024 - 17:00 Uhr Artikel anhören
Sucheta Govil ist Vorständin für Vertrieb und Marketing beim Dax-Konzern Covestro. Foto: Skizzomat, Covestro

Düsseldorf. Jahr für Jahr müssten 400.000 Menschen aus dem Ausland nach Deutschland kommen, um den Renteneintritt der Babyboomer und die geringe Geburtenrate hierzulande auszugleichen. Nur so könnte der Bedarf an Arbeitskräften gedeckt werden. Und diese Menschen müssen nicht nur nach Deutschland kommen, sie müssen auch bleiben wollen.

Das Gesetz zur Fachkräfteeinwanderung ist ein großer Schritt in die richtige Richtung. Es soll dafür sorgen, dass Fachkräfte schneller und unbürokratischer in Deutschland arbeiten können. Arbeit bedeutet Integration. Aber genauso wichtig ist der Faktor Mensch.

>> Dieser Gastkommentar ist ein Beitrag zur großen Handelsblatt-Aktion „Zukunftsplan Deutschland“. Alle Texte finden Sie hier.

Was möchten Menschen, die in ein fremdes Land kommen? Sie möchten „dazugehören“ – und das beginnt mit dem Gefühl, willkommen zu sein. Es hängt davon ab, wie schnell sie in den Arbeitsmarkt integriert werden, eine Wohnung finden, Betreuungsmöglichkeiten für ihre Kinder, einen Platz in der Schule, einen Arzt – und davon, wie schnell sie die Sprache lernen und die Kultur verstehen.

Es macht keinen Unterschied, ob IT-Fachkräfte aus China und Indien oder aus den USA nach Deutschland kommen. Diskriminierung, ob tatsächlich erlebt oder subjektiv wahrgenommen, ist Gift für dieses Gefühl. Das gilt für alle Menschen, unabhängig von ihrer Qualifikation.

Menschen müssen sich aber auch selbst integrieren wollen, und dazu gehört Demut. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Ich wurde 1963 in Indien geboren und komme aus durchschnittlichen Verhältnissen. Ich habe in Delhi und Kalkutta studiert und war in Unternehmen in den USA, in Großbritannien und den Niederlanden tätig. Seit ein paar Jahren arbeite ich in Deutschland und lebe mit meiner Familie sowohl hier als auch in England.

Beide Seiten müssen ihren Beitrag leisten

Wenn ich zum Arbeiten ins Ausland gehe und möchte, dass die Menschen meinen Wertbeitrag für ihr Land erkennen und ihn belohnen (und damit meine ich nicht nur Geld, sondern auch Verantwortung), dann muss ich selbst den Wunsch haben, Wert für dieses Land zu schaffen. Ich sage gerne: Es braucht immer zwei Hände zum Klatschen.

Ich habe mich immer und überall willkommen gefühlt. Aber ich weiß, dass es vielen Fachkräften aus dem Ausland schwerfällt, in Deutschland Fuß zu fassen. Dabei gibt es hier so viele Möglichkeiten für sie, die sie nur erkennen müssen.

Erforderlich ist dafür, so trivial es klingen mag, Hoffnung. Die Aussicht auf Wohlstand ist ein Antrieb für Menschen – ob jung oder alt, ob in Deutschland geboren oder nicht –, ihren Beitrag zum Wachstum der Wirtschaft in diesem Land zu leisten. Gleichzeitig schürt die Angst vor Wohlstandsverlust Skepsis gegenüber Zuwanderung, gerade bei Menschen, die schon lange hier leben und glauben, ihre Fähigkeiten würden nicht mehr gebraucht.

Hoffnung verbreiten, statt Angst schüren

Deswegen müssen wir an der Spitze von Politik und Wirtschaft viel stärker anfangen, Hoffnung zu verbreiten. Die Hoffnung, dass Deutschland wieder wachsen wird – aber nur, wenn sich Fachkräfte aus dem Ausland bei uns willkommen und wohlfühlen. Auch wenn mir der eine oder andere widersprechen mag: Deutschland ist nach wie vor eine industrielle Supermacht, in Europa und der Welt.

Dazu gehört auch, dass wir unser Mindset verändern. Wenn ich mit Managerinnen und Managern in amerikanischen Unternehmen spreche, die wie ich Migrationshintergrund haben, dann hatten sie nie den geringsten Zweifel, dass sie es in den USA schaffen würden. Trotz aller Widrigkeiten. Auch wenn das Land gespaltener ist denn je, gibt es dort noch immer den festen Glauben, alles erreichen zu können, wenn man kann und will.

Diejenigen, die Hoffnung verbreiten, müssen aber ebenso überzeugend gegen all das vorgehen, was die Hoffnung schwächt. Dazu gehören jegliche Tendenzen, sich zu isolieren und der Welt den Rücken zuzukehren.

Wir sehen überall, nicht nur in Deutschland, den Aufstieg extremistischer Parteien, die die Ängste der Menschen nutzen. Deutschland darf seine Zukunft nicht gefährden, indem es Extremismus gedeihen lässt. Das bedroht den Fortschritt und damit die berechtigte Hoffnung auf eine Rückkehr auf den Wachstumspfad.

Ich bin überzeugt: Wenn wir diese Voraussetzungen erfüllen, können wir es schaffen, dass jedes Jahr 400.000 Menschen – und mehr – nach Deutschland kommen und auch bleiben wollen.

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Die konkreten Handlungsempfehlungen:

  1. Deutschland braucht ein optimistisches Wachstumsnarrativ analog zu dem der USA, das qualifizierten Zuwanderern wie Einheimischen die Gewissheit gibt, es hier aus eigener Kraft schaffen zu können.
  2. Jede Diskriminierungserfahrung, egal ob real oder nur gefühlt, ist Gift für das Gefühl der Zugehörigkeit, das dringend benötigte Migrantinnen und Migranten in unserem Land hält.
  3. Deshalb ist jede Führungskraft und jedes Unternehmen gefordert, im Alltag Stellung zu beziehen und kontinuierlich und konsequent gegen Extremismus vorzugehen. Von Migrantinnen und Migranten darf im Gegenzug erwartet werden, dass sie in und für Deutschland etwas leisten wollen.
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