Großbritannien: Tories wählen Kemi Badenoch zu ihrer neuen Parteichefin
London. Die Parteimitglieder der britischen Konservativen haben Kemi Badenoch zu ihrer neuen Vorsitzenden gewählt. Das teilte die Partei am Samstag in London mit. Die 44-Jährige setzte sich in einer Mitgliederbefragung mit einer Mehrheit von etwa 56 Prozent gegen ihren Rivalen Robert Jenrick durch.
Die Tochter nigerianischer Eltern ist die erste schwarze Parteivorsitzende. Abstimmen konnten insgesamt rund 131.000 Parteimitglieder. Die Wahlbeteiligung lag bei knapp 73 Prozent.
Badenoch wird Nachfolgerin von Rishi Sunak, der Anfang Juli die Tories in eine der größten Wahlniederlagen seit dem Zweiten Weltkrieg geführte hatte. Die Konservativen kamen nur noch auf einen Stimmenanteil von knapp 24 Prozent.
Badenoch gehört wie Jenrick zum rechten Flügel der Tories und hat angekündigt, ihre Partei zu den „konservativen Prinzipien“ zurückzuführen. „Wir müssen unsere Partei erneuern“, sagte sie nach ihrer Wahl.
Die Tories hätten zu lange „rechts geredet, aber links regiert“, hatte die Parteirechte bereits während ihrer Kampagne immer wieder kritisiert. Sie habe deshalb bewusst darauf verzichtet, ihre Politikvorstellungen im Detail darzulegen, weil die Partei zunächst ihren konservativen Kompass wiederfinden müsse.
Einwanderung und Wirtschaft sind Top-Themen
In dem vier Monate dauernden Ringen um die Parteispitze dominierten Forderungen nach einer härteren Einwanderungspolitik und nach einem konservativen Gegenentwurf zur wirtschaftspolitischen Agenda der neuen Labour-Regierung. Die hatte mit ihrem gerade vorgelegten Haushaltsentwurf die Steuern für Unternehmen und Top-Verdiener erhöht.
Die neue Tory-Chefin hat den wirtschaftspolitischen Kurs von Labour heftig kritisiert und wirft der Regierung von Premierminister Keir Starmer vor, Arbeitsplätze zu vernichten und die Einkommen der Briten zu mindern. Im letzten Tory-Kabinett war sie Wirtschafts- und Handelsministerin. Badenoch befürwortet einen kleineren Staat, in dem die Regierung „weniger Dinge“ tut, diese dafür aber besser macht. Ihr großes Vorbild ist die Tory-Ikone Margaret Thatcher, die Großbritannien in den 1980er Jahren auf einen marktradikalen Wirtschaftskurs gesteuert hatte.
Badenoch gilt als streitbare Politikerin, die, so sagen Vertraute, es schaffe, „allein in einem Raum einen Streit anzuzetteln“. „Ich rede nicht um den heißen Brei herum, sondern sage, wie es ist“, hat die neue Tory-Vorsitzende ihren Politikstil verteidigt, der an der Parteibasis beliebt, in der auf 121 Mitglieder zusammengeschrumpften Parlamentsfraktion aber umstritten ist. Eine Zusammenarbeit oder gar Fusion mit der rechtspopulistischen Reform UK-Partei von Nigel Farage, die bei den Parlamentswahlen auf 14 Prozent kamen, hat die neue Tory-Chefin ausgeschlossen.
Zu ihren Markenzeichen gehört ihre Kritik an ihrer Meinung nach „kontraproduktiven“ Bemühungen für mehr Vielfalt und Integration von Minderheiten. So lehnt Badenoch zum Beispiel die Teilnahme von Transfrauen an geschlechtsspezifischen Sportveranstaltungen strikt ab. „Der Schutz des Raums für Frauen und Mädchen ist zu wichtig, als dass die Verwirrung weitergehen darf“, sagt Badenoch, die sich selbst als „gender-kritische Feministin“ bezeichnet und von ihren Kritikern als „Kultur-Kriegerin“ gebrandmarkt wird.
Eine „gender-kritische Feministin“
Geboren wurde die Politikerin 1980 in Wimbledon, aufgewachsen ist sie jedoch in Nigeria, dem Heimatland ihrer Eltern, und in den USA. Ihr Vater war Arzt und hätte es am liebsten gesehen, wenn seine Tochter ihm beruflich gefolgt wäre. Badenoch studierte jedoch nach ihrer Rückkehr nach Großbritannien Informationstechnologie und Jura. Danach arbeitete sie als IT-Ingenieurin bei einer Bank und beim konservativen Monatsmagazin „The Spectator“. Ihre IT-Kenntnisse nutzte sie später, um eine Webseite einer Labour-Politikerin zu hacken.
2016 kämpfte die Mutter dreier Kinder für den Brexit und wurde kurz danach bei den Parlamentswahlen für einen konservativen Wahlkreis in Essex ins Unterhaus in Westminster gewählt. Nach dem Rücktritt von Boris Johnson als Premierminister 2022 bewarb sie sich um dessen Nachfolge, scheiterte aber in der Vorausscheidung. „Ich bin im Alter von 16 Jahren in dieses Land gekommen und jetzt kandidiere ich für das Amt des Premierministers – ist das nicht erstaunlich?“, sagte sie damals. Mit ihrer Wahl zur Oppositionsführerin ist sie ihrem Ziel ein großes Stück näher gekommen.