Anschlag von Magdeburg: „Nicht daran gewöhnen, dass Menschen Leid verursachen“
Herr Erzbischof, wie wollen Sie nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Magdeburg noch Weihnachten feiern?
Das fällt mir sehr schwer, insbesondere bei den Gedanken an die Opfer der Tat. Zwei Tage nach dem Gedenken an die Opfer des Anschlags auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz hätte ich mir niemals vorstellen können, dass so etwas Schreckliches sich erneut ereignet.
Und trotzdem?
Müssen wir als Christen Weihnachten feiern. Wir dürfen uns nicht daran gewöhnen, dass Menschen Unfrieden säen, unsägliches Leid verursachen und unsere Gesellschaft spalten wollen. Wir dürfen uns nicht daran gewöhnen, weil an Weihnachten Gott Mensch geworden ist, einer von uns, ein verletzlicher Mensch. Weihnachten ist gleichzeitig das Fest der Ohnmacht und der Hoffnung! Und in diesem Jahr besonders das Fest der Trauer und des Mit-Leidens mit den Opfern von Magdeburg.
2025 wird auch wirtschaftlich schwierig. Viele Menschen sorgen sich um ihren Arbeitsplatz. Was sagen Sie denen ?
Ich nehme die Sorgen erst mal sehr ernst. Ich versuche, mit den Menschen aber auch konkret ins Gespräch darüber zu kommen.
Was sagen die Menschen in diesen Gesprächen?
Mir sagen viele Menschen, die Wirtschaftslage sei schlecht, ihnen persönlich gehe es aber gut. Da müssen wir also schon genau hinsehen, wer hart von der aktuellen wirtschaftlichen Lage betroffen ist und wer nicht. Ich denke an kinderreiche Familien oder alleinerziehende Mütter und Väter. Die müssen bei jedem Einkauf jeden Euro zweimal umdrehen. Um die müssen wir uns besonders kümmern. Ich bin deshalb auch zurückhaltend, wenn es Steuererleichterungen oder sonstige Hilfen für alle gibt. Konzentrieren wir uns lieber auf die, die es nötig haben.
Was passiert denn, wenn die nächste Bundesregierung den wirtschaftlichen Turnaround nicht schafft?
Zunächst müssen wir aufpassen, dass wir uns nicht in der Haltung „Es wird alles immer schlechter“ einrichten.
Aber?
Wir müssen differenziert und ehrlich auf die Lage blicken. Wer glaubt, die nächste Regierung würde die Wende schaffen, ohne dass sich bei den einzelnen Bürgern etwas ändert, wird enttäuscht werden. Es ist kein Naturgesetz, dass ein wachsender Wohlstand mit einem immer leichteren Arbeitsleben einhergeht. An diesen Gedanken müssen wir uns wieder gewöhnen. Es kann nicht sein, dass wir bei vollem Lohnausgleich immer weniger arbeiten. Schon allein wegen des demografischen Wandels funktioniert das nicht.
Gibt es diese Ehrlichkeit in der Politik nicht?
In Zeiten des Wahlkampfs ist Ehrlichkeit nicht einfach. Wir sind ein reiches Land, aber wer den Menschen etwas zumutet, hat meist schlechte Karten. Mir geht es aber vor allem um etwas anderes.
Um was?
Erst mal muss sich bei den Führungskräften in Wirtschaft, Politik, Kultur und Gesellschaft die Stimmung ändern. Ich erwarte Führung, die die ganze Energie und Kreativität in Bereiche steckt, die uns vorwärtsbringen. Deutschland kann doch nur mit Innovationen etwa bei der Künstlichen Intelligenz oder Klimatechnologie wirtschaftlich in Konkurrenz zu den USA und China bestehen. Wir haben nichts anderes als unsere klugen Köpfe. Wenn die Führungsmannschaft in dieser Situation nur vom Spielfeldrand aus die Lage kommentiert und nicht selbst stürmt und kämpft, wird das nichts.
Was erwarten Sie sich denn von Führungskräften im Erzbistum?
Das Erzbistum Berlin ist mit 2500 Beschäftigten in Schule, Verwaltung und Pastoral sowie 6000 Beschäftigten in unserem Caritasverband ein mittelständisches Unternehmen. Wir haben gerade einen gewaltigen Transformationsprozess im Bereich der Kirchenimmobilien angestoßen. Da können Sie sich vorstellen, welche Diskussionen geführt werden, wenn es um den Verkauf oder die anderweitige Nutzung eines Objekts geht. Die Führungskräfte müssen die finanzielle Lage des Bistums kennen und dann mit den Leuten vor Ort ins Gespräch kommen. Das ist nicht einfach, aber ohne die richtige Einstellung geht das nicht. Wir müssen alle an einem Strang ziehen. Das gilt in jedem Unternehmen und auch in der Politik.
Der US-Milliardär Elon Musk mischt sich massiv in den deutschen Wahlkampf ein. Was halten Sie denn von der Forderung der FDP, Deutschland müsse ein bisschen mehr Milei und Musk wagen?
Ich bin sehr skeptisch gegenüber radikalen Lösungsvorschlägen, ob es um die Sanierung der Staatsfinanzen oder den Bürokratieabbau geht. Beide Themen sind wichtig, aber Deutschland braucht Milei und Musk nicht als Vorbild. Und aus radikalem Abbau allein entsteht noch keine Zukunftsperspektive.
Sie haben in unserem letzten Interview ausführlich erzählt, was die Kirche in Berlin und Sie persönlich alles gegen Antisemitismus unternehmen. Doch die antisemitischen Vorfälle steigen weiter an. Was läuft da schief?
Manchmal habe ich die leise Hoffnung, es würde genauer hingeschaut und Antisemitismus mutiger benannt werden, aber es stimmt: Es läuft schief in einer Offenheit, die mich erschreckt. Das ändert nichts an unserer Grundeinstellung.
Die Mahnwachen, die an den barbarischen Überfall der Hamas auf die Israelis erinnern, nehmen auch ab.
Leider nicht nur hierzulande, sondern auch in Israel selbst, wenn ich das richtig sehe. Persönlich kann ich sagen, dass für mich kein Tag vergeht, an dem ich nicht für die verschleppten Geiseln bete.
Haben Sie nicht wegen der Zerstörungen in Gaza auch Verständnis für die propalästinensischen Demonstrationen in Berlin?
Demonstrationen sind ein demokratisches Grundrecht, Hassparolen und Antisemitismus sind davon allerdings nicht gedeckt.
Wir gehen in eine Bundestagswahl, die mit harten Bandagen geführt werden dürfte. Der soziale Herr Scholz gegen den kalten Herrn Merz, lautet ein Wahlkampfszenario. Ist die Politik ein schmutziges Geschäft?
Im Wahlkampf müssen die Parteien ihre Positionen pointiert darstellen. Dabei kommt es manchmal auch zu Überspitzungen. „Schmutzig“ wird dies aus meiner Sicht erst, wenn Hass geschürt, Fakten wider besseres Wissen geleugnet werden oder die übersteigerte Selbstdarstellung von Personen politische Botschaften völlig überlagert.
So wie bei Donald Trump?
So wie bei Donald Trump.
Vizekanzler Robert Habeck geht zu den Leuten nach Hause und führt Gespräche am Küchentisch. Wie finden Sie die Idee?
Bei uns gibt es ja dieses Zitat „Wo zwei oder drei … versammelt sind“, da fängt Gemeinschaft, da fängt Glaube und Kirche an. Wenn Habeck damit sagen will, dass es nicht auf große Zahlen in überfüllten Bierzelten, sondern auf authentische Begegnungen ankommt, stimme ich ihm zu. Es ist ein Hauptproblem in unserer Gesellschaft, dass viele Menschen denken, sie seien nicht wichtig, sie seien nicht bedeutend. Die fühlen sich dann abgehängt. Wenn Habeck mit seinen Besuchen ausdrücken will: Du bist bedeutend, dann finde ich das als Geste gut.
Ist das aber nicht ein reiner PR-Gag?
Das entscheidet sich, wenn die Kameras in der Küche aus sind und das Gespräch tatsächlich geführt wird. Das werden wir also nie so ganz genau wissen. Die Haltung nehme ich Habeck erst mal ab. Solche Gespräche ersetzen aber natürlich nicht Politik.
Das Christliche spielt im Wahlkampf überhaupt keine Rolle. Sind Sie von dieser Entwicklung enttäuscht?
Demokratische Wahlen sind kein Glaubensbekenntnis. Ich bin aber davon überzeugt, dass weiterhin viele Themen auch aus einer christlichen Haltung heraus entwickelt wurden. Ob das die Soziale Marktwirtschaft ist, die freie Wohlfahrtspflege, die Umweltpolitik oder aber auch eine starke Stimme zu Fragen der Migration.
Die CDU-Altkanzlerin Angela Merkel hat in ihren Memoiren keinen einzigen deutschen Kirchenvertreter erwähnt, ob evangelisch oder katholisch. Der „deutsche Papst“ Benedikt taucht überhaupt nicht auf. Wie steht es um das Verhältnis von Kirche und Politik?
Es gibt offenbar viele Enttäuschte, die Angela Merkel in ihrem Buch nicht erwähnt. Das spielt aber keine Rolle. Wir haben es als Kirche selbst in der Hand, auf „die Politik“ zuzugehen, auf allen Ebenen, anstatt nachzusehen, ob wir im Register vorkommen.
Einmal erwähnt sie Papst Franziskus, den sie fünfmal traf. Merkel hatte 2017 Angst, dass die USA aus dem Pariser Klimaschutzabkommen aussteigen würden, und berichtete das dem Papst, ohne Trump namentlich zu erwähnen. Und dann sagte der Papst: „Biegen, biegen, biegen, aber achten, dass es nicht bricht.“ Das gefiel der Kanzlerin. Bleibt also nur die Anekdotenrolle?
Wenn ich das Zitat richtig verstehe, heißt das doch: Spielräume ausloten, Kompromisse suchen, sich nicht mit einem „Nein“ zufriedengeben, nicht den Verhandlungstisch verlassen. Das ist deutlich mehr als eine Anekdote, das ist eine Ermutigung, auch in vermeintlich hoffnungslosen Situationen weiter an einer Lösung zu arbeiten, ohne genau zu wissen, wie diese aussehen kann.
Herr Erzbischof, danke für das Gespräch.