Eisbaden: Warum sich meine Kollegin im Eiswasser wohlfühlt
Wer einem Hobby nachgeht, das vielen Menschen als arg anstrengend erscheint, gewöhnt sich an das Kopfschütteln im Umfeld. Ich kenne das, halte all mein Tun aber selbstverständlich für völlig normal. Und sehe seit einigen Wochen auf LinkedIn Videos meiner Kollegin Astrid Dörner, die im Eisbad sitzt.
Und ich denke mir: Verrückt! Warum macht man so was? Sie erklärt sich bereit, meine Fragen zu beantworten.
Astrid ist eine unserer Kolleginnen an der US-Ostküste und beschäftigt sich im Alltag mit Finanzthemen und der New Yorker Börse. Ihr Terminkalender ist voll, der erste Termin platzt.
Sie stimmt zu, ein paar meiner Fragen zu beantworten, in einer ruhigen Minute – die hat sie in der Eiswanne.
Hallo Astrid, normalerweise sehe ich dich auf LinkedIn an der Wall Street oder anderen Orten der US-Finanzwirtschaft. Neuerdings aber in einer Eiswasserwanne, und jetzt beantwortest du meine Fragen, während du im Eisbad sitzt. Muss ich mir Sorgen machen?
Hallo Thorsten, ich melde mich bei zwei Grad Wassertemperatur, hier sind noch Eisstücke im Kübel, aber los geht’s. Musst du dir Sorgen machen? Ich habe langsam angefangen, es geht mir sehr gut damit, und es macht wirklich Spaß – aber natürlich ist es auch schwer, da will ich gar nicht drum herumreden. Aber es ist das Coolste am Ende, wenn der Schmerz nachlässt und die Glückshormone zurückkommen.
Natürlich, was sonst?
Es ist eine tolle Challenge, finde ich, weil du einfach mit deinem Körper, mit deinem Kopf ausdiskutierst, dass du etwas machen willst, wo du vielleicht keine Lust drauf hast. Dabei ist es die schönste Herausforderung, dass ich den Schweinehund überwinde – also „mind over matter“. Wir machen das einfach jetzt, wir gehen hier rein, und es wird gut – und dann wird nicht mehr diskutiert und auf halbem Weg abgebrochen. Das ist gut, weil es einfach auch das Hirn schult für alles andere im Leben.
Wie freiwillig mit dem Hammer auf den Zeh schlagen zum Beispiel, weil es geht?
Ich finde, das geht zu weit! Aber das Prinzip hilft in ganz vielen Lebenslagen. Jeder kennt das: Man möchte etwas tun, hat aber Angst, dass es unbequem oder schwer ist. Es nicht zu tun, heißt auch, sich dann auch nicht gut zu fühlen und sauer auf sich zu sein. Und um das zu vermeiden, ist das Eisbaden ein total gutes Training.
Herrlich, bibbern, um mehr unangenehme Situationen im Leben zu bewältigen. Wo kommt eigentlich die Wanne her?
Die Wanne ist von Amazon. Mein Kumpel Axel, mit dem ich den Eisclub zusammen gestartet habe, hat sich schon viel länger mit dem Thema Eisbaden und Longevity beschäftigt und war eine super Quelle. Welches Buch soll ich lesen, was soll ich essen, welche Wanne soll ich kaufen? Es wurde dann eine für 100 Dollar, ich glaube, die nehmen sich alle nicht viel.
Hast du irgendeine Vorgeschichte, sorry, Erfahrung mit kalten Temperaturen?
Ich habe schon immer gerne kurz kalt geduscht. Und ich war schon früher im Schwimmbad und habe heiße und kalte Bäder gemacht, aber immer nur kurz, weil ich gar nicht wusste, dass man das länger machen soll. Als das Ganze dann aufkam, fand ich es eine starke Challenge, da mal länger dranzubleiben.
Es scheint ein Trend durch Instagram und Tiktok zu sein...
Ja, ich weiß, jetzt ist es ein Instagram-Hype, und da bin ich eigentlich nicht so für. Aber ich fand es dann trotzdem total schön, dass es nun auch Studien gibt, wie gut das eigentlich für den Körper ist. Also ja, mir tut es gerade total gut.
Ich bin Warmduscher, immer. Schattenparker eh. Wenn ich, was nicht passieren wird, doch mal ins Eiswasser wollte, was sollte ich auf keinen Fall tun?
Wenn du ins Eiswasser gehst, dann musst du lang ausatmen. Versuche, nicht zu hyperventilieren! Falls du es doch mal in der kalten Dusche versuchen willst: Da ist es das A und O, mit Armen und Beinen zu beginnen. Ich meine, als informierter Hobby- und Extremsportler weißt du ja, wie gut kaltes Wasser und Eis für die Muskeln sind. Probiere es aus!
Ich kann auch überzeugende Argumente ignorieren. Was machst du im Sommer?
Ich mache das so lange, wie es kalt ist, also bis April oder so. Es gibt auch Kühlaggregate für das Eisbad, das mache ich aber alles nicht, ist mir zu teuer. Im Sommer bin ich in meiner Freizeit gerne auf dem See oder auch auf dem Main, zum Beispiel mit dem Stand-up-Paddle-Board, und da gehe ich auch mal ins Wasser. Deine weiteren Fragen beantworte ich gleich, nach der heißen Dusche, ich muss raus, es ist kalt.
Kalt? Na so was! Gutes Aufwärmen und bis gleich!
Nach einer Pause geht das Gespräch weiter:
Hast du schon irgendwelche positiven gesundheitlichen Effekte erlebt?
Ganz viele. Es ist gut für Muskeln aller Art, hilft bei allem, was man so hat, wenn man nicht mehr 20 ist. Ich bilde mir ein, dass ich besser schlafe, und es macht wach und lebendig auf eine Art, wie ich es noch nie erlebt habe. Ich bin kein Experte, aber da werden Endorphine ausgeschüttet, und ich glaube, das macht einfach noch mal auf eine ganz andere Art happy.
Hand aufs Herz: Macht das wirklich Spaß?
Ja, sonst würde ich es nicht machen. Man muss sich auch ein bisschen überwinden, aber unterm Strich macht es auf jeden Fall Spaß. Und wenn mein Körper sich nicht danach fühlt, dann lasse ich es auch. Ich muss keinem was beweisen. Und zum Thema Spaß würde ich gerne noch eine Sache sagen: Ich finde, es macht halt am meisten Spaß, wenn man es mit jemandem teilen kann – „Workout Buddies“ oder „Accountability Buddies“ sagt man hier in den USA gerne dazu. Ich würde es jedem raten. Einfach, dass man jemanden hat, mit dem man das entweder zusammen macht oder einfach sagt: Hey, ich war heute drin. Oder: Ich war heute nicht drin, aber morgen wieder. Das hilft total, und du kennst es wahrscheinlich auch vom Training: wenn man Kollegen hat, also Trainingspartner, mit denen man das zusammen teilen kann, die Höhen und die Tiefen, und mit denen man sich gegenseitig anfeuert.
Eine letzte Frage zu einem Detail, das mich irritiert: Du hast immer eine Mütze auf, obwohl der Kopf gar nicht im Wasser ist. Sag nicht, dir ist kalt?
Ja, es ist vielleicht ein bisschen kontraintuitiv, aber eine Mütze sollte man tatsächlich aufhaben. Ein Großteil der Körperwärme entweicht über den Kopf. Und daher ist es wirklich gut, wenn man eine Mütze trägt, denn es geht ja nicht darum, den ganzen Körper maximaler Kälte auszusetzen. Das Ziel ist, dass die Muskeln im Wasser sind. Und wir wollen uns auch nicht unterkühlen oder erkälten. Deshalb: Mütze auf! Und ich habe auch meine Hände nicht im Wasser, die beim anschließenden heißen Duschen besonders schmerzen würden. Außerdem kann ich so mit dir dieses Interview aus dem Eisbad machen.
Erstpublikation: 16.01.2025, 09:29 Uhr.