Sozialer Wohnungsbau: Bis 2030 müssen pro Jahr 210.000 Sozialwohnungen gebaut werden
Berlin. Es ist eine provokante These angesichts der seit Jahren sinkenden Zahl von Sozialwohnungen. „Deutschland baut Luxus-Sozialwohnungen, und die sind schlichtweg zu teuer“, sagt Dietmar Walberg. Der Chef des Bauforschungsinstituts ARGE stellte am Mittwoch mit dem Pestel-Institut eine Studie im Auftrag des Bündnisses Soziales Wohnen vor, wie der seit Jahren stockende soziale Wohnungsbau wieder in Schwung kommen soll. Wichtiger Punkt: teure Bauvorschriften lockern.
Seit Jahren schrumpft die Zahl der Sozialwohnungen in Deutschland. Bei nur noch 1,072 Millionen lag die Zahl im Jahr 2023 – noch Anfang der 1990er-Jahre waren es 2,9 Millionen. Schon seit Jahren fallen mehr Objekte aus der Mietpreisbindung, als neue Sozialwohnungen hinzukommen.
Hauptgrund dafür ist, dass der Status als Sozialwohnung mit günstigen Mieten nur für eine begrenzte Zeit gilt. Anschließend können die Wohnungen am freien Markt angeboten werden.
Rund 5,6 Millionen Sozialwohnungen wären nötig
Die bisherige Bundesregierung ist mit ihren Plänen, jedes Jahr 100.000 neue Sozialwohnungen zu bauen, gescheitert. Zuletzt waren es rund 23.000.
Nach Berechnungen der Studienautoren müssen bis zum Jahr 2030 mindestens 210.000 Wohnungen pro Jahr geschaffen werden, die meisten davon durch Neubau. Dazu müssten auch die Belegungsrechte von bestehenden Sozialwohnungen verlängert werden. Nur so könne zu Beginn des nächsten Jahrzehnts die Zahl von zwei Millionen Sozialwohnungen im Land erreicht werden.
„Doch selbst dann wäre nur die größte Not gelindert“, sagt Matthias Günther, Leiter des Pestel-Instituts. Schon jetzt wären 5,6 Millionen Sozialwohnungen nötig, um alle Anspruchsberechtigten zu versorgen.
Die Modellrechnung der Studienautoren lautet: Für 100.000 neu gebaute Sozialwohnungen pro Jahr ist eine Förderung von elf Milliarden Euro durch Bund und Länder nötig.
Baukosten sollen um ein Drittel sinken
Damit das gelingt, sollten die Baukosten um rund ein Drittel sinken. Ansätze sehen die Forscher in der Lockerung bestehender Vorschriften zu Wand- und Deckenstärken, dreifach verglasten Fenstern, Klima- und Lärmschutz sowie Kellerräumen und Tiefgaragenplätzen.
So ließe sich nach Berechnungen des Bauforschungsinstituts ARGE eine Sozialwohnung für 2920 Euro für den Quadratmeter Wohnfläche bauen, bisher sind es rund 4500 Euro. Dafür wären dann nur noch 1840 Euro je Quadratmeter an staatlicher Förderung nötig. Zum Vergleich: Derzeit fördert der Staat den Bau von Sozialwohnungen mit 3200 Euro pro Quadratmeter.
Zu den reinen Baukosten kommt noch der Erwerb eines Baugrundstücks, womit die Gesamtkosten nach oben getrieben werden. Gerade in den Großstädten sind die Grundstückspreise in den vergangenen Jahren massiv gestiegen und liegen teilweise bei mehr als 1000 Euro für den Quadratmeter. „Hier ist es entscheidend, dass die Kommunen deutlich mehr günstiges Bauland für den sozialen Wohnungsbau bereitstellen als bisher“, fordert Professor Walberg.
An die künftige Bundesregierung richtet Pestel-Chef Günther deshalb den Appell, den Mehrwertsteuersatz für den Bau von 19 auf sieben Prozent abzusenken, wenn in Gebäuden zwei Drittel Sozialwohnungen sind. Zudem sollten die Standards bundesweit vereinheitlicht werden.