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GastkommentarWarum Europa im Weltraum jetzt mehr wagen muss

Satelliten und Weltraum-Missionen sind wichtig für zivile und militärische Sicherheit. Europa muss dort agiler werden, fordert Hélène Huby, CEO des Raumfahrt-Start-ups The Exploration Company. 25.05.2025 - 09:54 Uhr Artikel anhören
Helene Huby: „Europas Raumfahrtwirtschaft droht zurückzufallen.“ Foto: Bloomberg/Getty Images [M]

Europa muss seine Rolle im Weltraum überdenken. Die Geopolitik ändert sich, der Weltraum ist nicht mehr neutral, und Europa läuft Gefahr, nicht nur Marktanteile, sondern auch Autonomie zu verlieren.

Was also ist zu tun? Nötig sind zum einen europäische Lösungen. Die Einheit Europas war immer am stärksten, wenn die Mitgliedsländer grenzüberschreitend zusammengearbeitet haben. Das muss auch für die Raumfahrtpolitik gelten. Groß angelegte Raumfahrtprojekte sind von Natur aus kooperativ. Kein einzelnes Land kann sie allein bewältigen.

Eine bemannte Raumkapsel, die Astronautinnen und Astronauten aus ganz Europa ins All bringt, wäre ein Vorzeigeprojekt. Sie würde zu Zusammenhalt inspirieren, unsere Werte verdeutlichen und der Welt unsere industrielle Führungsrolle zeigen.

Zum Zweiten ist aber auch ein offenerer Wettbewerb nötig. Europas Raumfahrtwirtschaft droht zurückzufallen, große Projekte schneiden global unterdurchschnittlich ab. Um das zu ändern, ist ein Wettbewerb aller Anbieter nötig.

Noch gehen in Europa 95 Prozent der öffentlichen Raumfahrtbudgets an etablierte Unternehmen. Doch der globale Markt entwickelt sich schnell, getrieben von agilen Modellen, die öffentliche Unterstützung mit privatem Kapital verbinden. Das hilft auch, die nötigen öffentlichen Investitionen zu senken – ein entscheidender Faktor, da Regierungen bestrebt sind, zu sparen und effizienter zu wirtschaften.

Weltraum-Programme sollten offen für alle Anbieter sein

Das Programm des Europäischen Frachtrückführsystems der Europäischen Weltraumorganisation (Esa) zeigt, was möglich ist. Airbus Ariane Group, Thales und The Exploration Company wurden im Rahmen eines offenen, von der Esa initiierten Wettbewerbs zu gleichen Bedingungen bewertet, um eine europäische Lösung für den unbemannten Frachttransport und die Rückkehr aus dem niedrigen Erdorbit zu entwickeln.

Die Esa wählte ein Start-up und einen etablierten Akteur aus. Fairer Wettbewerb trieb Innovationen voran. Dies muss zum Standard werden.

Europa sollte jedes Programm für alle Akteure öffnen. Wenn das entwickelte Produkt dem globalen Wettbewerb ausgesetzt ist, sollten öffentliche Mittel in die Projekte fließen, die sich auch für private Investoren rechnen. Regierungen sollten als Ankerkunden agieren, nicht als alleinige Anbieter.

In schnelllebigen Märkten gedeiht Innovation, wenn etablierte Akteure sich für neue Marktteilnehmer öffnen. Beispiele dafür gibt es bereits in anderen Branchen: Pfizer kooperierte mit Biontech. Microsoft expandierte durch Übernahmen wie die von Skype und Investitionen in OpenAI.

Europas Schutz hängt von drei Fähigkeiten ab

Europas unabhängiger Schutz – sowohl für die zivile Resilienz als auch für die militärische Bereitschaft – hängt von drei Kernfähigkeiten ab: Aufklärung, den notwendigen Infrastrukturen und der Handlungsfähigkeit.

Aufklärung: Daten von der Erde (terrestrisch) und aus dem Weltraum (orbital) müssen durch die Kombination öffentlicher und privater Ressourcen integriert werden. Die Europäische Kommission und die Europäische Verteidigungsagentur können die operativen und strategischen Bedürfnisse der Mitgliedstaaten – wie Erdbeobachtung, sichere Kommunikation und Situationsbewusstsein – konsolidieren und nutzen, um eine koordinierte Nachfrage zu schaffen.

Infrastrukturen: Kommunikations- und Navigationssysteme müssen diversifiziert werden. Das Raumfahrtprogramm Galileo ist betriebsbereit. Das EU-Satellitensystem Iris2 benötigt Beschleunigung und Wettbewerb. Das Satellitensystem Oneweb, mit Partnern in Indien und möglicherweise der arabischen Welt, bietet einen ergänzenden Weg, den Europa nutzen sollte.

Handlungsfähigkeit: Europa muss das nicht kooperative Andocken beherrschen. Gemeint ist damit die Fähigkeit, sich mit Objekten im Orbit zu verbinden, die nicht dafür ausgelegt sind – wie inaktive Satelliten oder potenzielle Bedrohungen. Dies ist entscheidend für Inspektion, Wartung, Trümmerbeseitigung und den Schutz kritischer Infrastrukturen.

Europa sollte keine kompletten Systeme finanzieren

Europa benötigt auch die Fähigkeit zur schnellen Einsatzbereitschaft, also die Möglichkeit, Satelliten oder Nutzlasten schnell zu starten, um auf Kommunikationsausfälle, Naturkatastrophen oder Sicherheitsvorfälle zu reagieren. Programme wie ISOS (In-Orbit Servicing and Operations) und Inspoc (Integrated Space Operations Centre) sind erste Schritte in diese Richtung.

Um weiter voranzukommen, sollte Europa in Weltraumdepots investieren, um Satelliten und Treibstoff zu lagern, sowie in Raumfahrzeugträger, die Systeme im Orbit transportieren und einsetzen können. Das wird die Widerstandsfähigkeit gegen Ausfälle, Kollisionen oder Angriffe verbessern und die Reaktionsfähigkeit auf zivile und militärische Bedürfnisse steigern.

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Europa sollte nicht komplette Systeme finanzieren, sondern die Nachfrage ankurbeln. Wettbewerbsorientierte Dienstleistungsverträge, wie sie die US-Weltraumorganisation Nasa und das US-Verteidigungsministerium nutzen, finanzieren Unternehmen, um spezifische Dienstleistungen bereitzustellen. Dazu gehören etwa der Transport in den Orbit oder Satellitendaten, statt für das gesamte System zu zahlen und es zu besitzen.

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Dieses Modell reduziert das öffentliche Risiko, senkt die Kosten, fördert den Wettbewerb und ermutigt private Investitionen in Infrastruktur und Innovation.

Die Autorin: Hélène Huby ist Gründerin und Chefin des Start-ups The Exploration Company. Die Firma entwickelt autonome, wiederverwendbare und nachhaltige Raumfahrttransportlösungen.

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