Kaschmir-Konflikt: Indien und Pakistan einigen sich auf Waffenruhe – Trump als Verhandler
Jammu/Srinagar. Indien und Pakistan haben sich nach tagelangen wechselseitigen Angriffen auf eine sofortige Feuerpause geeinigt. Das teilten der pakistanische Außenminister Ishaq Dar und US-Präsident Donald Trump am Samstag übereinstimmend mit.
„Nach einer langen Nacht von Gesprächen unter Vermittlung der USA freue ich mich bekanntzugeben, dass Indien und Pakistan einer vollständigen und sofortigen Waffenruhe zugestimmt haben“, schrieb Trump auf seinem Kurznachrichtendienst Truth Social. Er gratulierte beiden Ländern dazu, „gesunden Menschenverstand und große Intelligenz“ gezeigt zu haben. Indien bestätigte die Waffenruhe ebenfalls.
Der pakistanische Ministerpräsident Shehbaz Sharif dankte US-Präsident Donald Trump für seine proaktive Rolle bei der Sicherung des Friedens in der Region. Dies sei ein Neuanfang bei der Lösung der Probleme in der Region, die Frieden, Wohlstand und Stabilität behinderten.
US-Außenminister Marco Rubio erklärte, die indische und die pakistanische Regierung würden auf neutralem Boden Verhandlungen beginnen. Auf der Agenda stehe ein umfangreicher Katalog offener Fragen.
Am Samstag hatten Vertreter Indiens und Pakistans mehreren Medienberichten zufolge bereits miteinander gesprochen. Indische Medien berichteten, dass ein Gespräch stattgefunden habe. Der US-Sender CNN berichtet von einem ersten Telefonat zwischen Vertretern der beiden Konfliktparteien.
Nach der Einigung haben die pakistanischen Behörden den Luftraum des Landes wieder geöffnet. „Der pakistanische Luftraum wurde für alle Arten von Flügen wieder vollständig freigegeben“, sagte ein Sprecher der pakistanischen Flughafenbehörde. Alle Flughäfen im Land seien damit wieder für den normalen Flugbetrieb verfügbar. Den Passagieren werde empfohlen, sich bei ihren jeweiligen Fluggesellschaften nach den aktuellen Flugplänen zu erkundigen.
Angriffe auf Luftwaffenstützpunkte
Nach pakistanischen Angaben hatte Indien am frühen Samstagmorgen drei Luftwaffenstützpunkte mit Raketen beschossen. „Indien hat mit seinen Flugzeugen Luft-Boden-Raketen abgefeuert. Ziele waren die Stützpunkte Nur Khan, Mureed und Shorkot“, sagte der pakistanische Militärsprecher Generalleutnant Ahmed Sharif Chaudhry in einer im Fernsehen übertragenen Erklärung.
Die pakistanische Luftabwehr habe aber die meisten Raketen abgefangen. Die Raketen, die durchkamen, hätten nach ersten Schadensberichten keine Einrichtungen der Luftwaffe getroffen. Einer der Luftwaffenstützpunkte liegt in der Garnisonsstadt Rawalpindi nahe der Hauptstadt Islamabad, die beiden anderen in der östlichen Provinz Punjab, die an Indien grenzt.
Das indische Verteidigungs- und das Außenministerium reagierten zunächst nicht auf Anfragen. Nach Angaben des pakistanischen Militärs hat Pakistan am frühen Samstagmorgen einen Gegenangriff auf Indien gestartet. Wie das pakistanische Militär weiter mitteilte, wurde in Indien ein Raketenlager zerstört und ein indischer Luftwaffenstützpunkt getroffen. Zudem sei ein weiterer Flugplatz außer Betrieb gesetzt worden.
Die Länder der sieben führenden westlichen Demokratien (G7) haben Indien und Pakistan am späten Freitagabend zu größtmöglicher Zurückhaltung aufgerufen. Sie riefen beide Länder angesichts der zunehmenden Feindseligkeiten zu einem direkten Dialog und einer friedlichen Lösung auf.
Zuvor wurden erstmals Explosionen aus der den Sikhs heiligen indischen Stadt Amritsar im Bundesstaat Punjab gemeldet. In Jammu im indischen Teil Kaschmirs waren Geschosse und Lichtblitze am Nachthimmel zu sehen. Reporter der Nachrichtenagentur Reuters berichteten von Stromausfällen. Auch die Winterhauptstadt der Region wurde die zweite Nacht in Folge von Detonationen erschüttert. Die indische Armee teilte mit, an 26 Orten seien Drohnen gesichtet und abgefangen worden. Das Gebiet erstreckt sich von Kaschmir entlang der westlich an Pakistan grenzenden Bundesstaaten bis zum Arabischen Meer.
Die seit drei Tagen andauernden Kämpfe sind die schwersten zwischen den Erzfeinden seit fast drei Jahrzehnten. Nach unbestätigten Angaben beider Seiten sollen insgesamt rund 50 Menschen getötet worden sein. Auslöser war ein Angriff radikaler Islamisten auf hinduistische Touristen im indischen Kaschmir am 22. April, bei dem 26 Menschen getötet wurden. Indien erklärte, zwei der drei Verdächtigen seien pakistanische Staatsbürger, legte aber keine detaillierten Beweise vor. Pakistan bestreitet jede Beteiligung.
Indien und Pakistan haben seit ihrer Unabhängigkeit von Großbritannien 1947 zwei ihrer drei Kriege um Kaschmir geführt. Nach Angaben des International Institute for Strategic Studies verfügen beide Länder derzeit über jeweils rund 170 nukleare Sprengköpfe.
Als Auslöser der jüngsten Eskalation zwischen den beiden Atommächten gilt ein Terroranschlag vom 22. April im indischen Unionsterritorium Jammu und Kaschmir, bei dem 26 Menschen – überwiegend indische Touristen – getötet wurden. Neu-Delhi wirft Pakistan eine Beteiligung vor. Islamabad weist das zurück und forderte eine unabhängige Untersuchung. Seither haben Gefechte und Spannungen wieder zugenommen. In der Nacht auf Mittwoch flog Indien Angriffe auf mehrere pakistanische Ziele.
International wächst die Sorge
Indische Medien berichteten, in Jammu und Kaschmir hätten laute Explosionen am Donnerstagabend Panik in der Bevölkerung ausgelöst. Es habe Luftschutzalarm gegeben. Die Zeitung „India Today“ meldete, eine Drohne habe den Flughafen der Stadt Jammu getroffen, wo sich eine Einrichtung der Luftstreitkräfte befinde. Indien habe seine Flugabwehr aktiviert.
„Verdacht auf Bombardierung, Granatenbeschuss oder Raketenschläge“, schrieb der frühere Polizeichef des Unionsterritoriums, Shesh Paul Vaid, auf der Plattform X. Im Grenzgebiet des Territoriums gab es laut dem Sender NDTV einen vollständigen Stromausfall. Die indische Flugabwehr habe mindestens acht feindliche Raketen abgefangen.
In der Nacht zuvor hatte Indien eigenen Angaben nach Flugabwehrsysteme an mehreren Orten in Pakistan angegriffen. Eines der Systeme in der Millionenstadt Lahore sei zerstört worden. Mit dem Beschuss habe das Militär auf den Versuch Pakistans reagiert, militärische Ziele im Norden und Westen Indiens, darunter in 15 Städten, mit Drohnen und Raketen zu treffen. Dies habe aber vereitelt werden können. Pakistan erklärte seinerseits, es habe seit der vergangenen Nacht 25 indische Drohnen abgeschossen.
International wächst die Sorge vor einer weiteren Verschärfung der Krise auf dem indischen Subkontinent. Deutschland und die anderen 26 EU-Staaten riefen die rivalisierenden Atommächte Pakistan und Indien zu einer sofortigen Deeskalation auf.
Auf pakistanischer Seite mehrere Tote
Durch indische Angriffe kamen auf pakistanischer Seite nach Angaben des Militärs mehr als 30 Menschen ums Leben, 57 wurden demnach verletzt. Zudem seien durch den Abschuss der indischen Drohnen in der vergangenen Nacht durch die herabstürzenden Trümmerteile eine Person getötet und fünf verletzt worden, darunter vier Soldaten.
Die indische Regierung erklärte, dass 16 Zivilisten durch pakistanischen Artilleriebeschuss an der Grenze ums Leben gekommen seien, darunter fünf Kinder. Nach Angaben der Armee wurde zudem ein Soldat getötet.
Indien und Pakistan haben auf der Ebene ihrer jeweiligen Nationalen Sicherheitsräte Kontakt und führen Gespräche, teilte der pakistanische Botschafter in den USA am Donnerstagnachmittag (Ortszeit USA) mit. „Jetzt liegt die Verantwortung für die Deeskalation bei Indien, aber es gibt Einschränkungen bei der Zurückhaltung. Pakistan behält sich das Recht vor, zurückzuschlagen. Unsere öffentliche Meinung übt genug Druck auf die Regierung aus, um zu reagieren“, sagte Botschafter Rizwan Saeed Sheikh in einem Interview mit CNN. Die derzeitige Eskalation und auch die Rhetorik müssten aufhören, fügte er hinzu.
Die Ursprünge des nun wieder aufflammenden Konflikts reichen bis in die Kolonialzeit zurück. 1947 entließen die Briten den indischen Subkontinent in die Unabhängigkeit und teilten diesen auf. Aus der Teilung entstand neben dem überwiegend hinduistischen Indien der neue Staat Pakistan für Muslime. Die gewaltvoll verlaufene Teilung nährt bis heute eine erbitterte Rivalität. Seit ihrer Unabhängigkeit führten beide Länder drei Kriege gegeneinander, zwei davon um Kaschmir.