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Morning BriefingDie Mär von Deutschland als Investitionsparadies

Teresa Stiens 04.06.2025 - 06:12 Uhr
Handelsblatt Morning Briefing

Investitionen: Deutschland wird unattraktiver

04.06.2025
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Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser!

Die USA werden für Investoren unattraktiv, Europa entwickelt sich zum sicheren Hafen für verunsicherte Anleger. So lautet derzeit eine beliebte Geschichte, die man sich vor allem hierzulande gerne erzählt. Wie viel davon wirklich wahr ist, wird sich erst noch zeigen müssen. Jon Gray, operativer Vorstand des Private-Equity-Unternehmens Blackstone, wehrt sich gegen dieses Narrativ. Im Handelsblatt-Interview betont er:

Wir glauben weiter an Amerikas Stärke.

Er ist sich sicher, dass die Liquidität des US-Marktes und die Innovationskraft der Technologieunternehmen weiterhin Kapital anziehen werden: „Damit werden die USA weiterhin stärker wachsen als alle anderen großen Industrienationen.“ Sorgen bereiten ihm allerdings die hohe Staatsverschuldung der USA und die langfristige Finanzierbarkeit der US-Wirtschaft. Defizite von fünf bis sieben Prozent über längere Zeit seien nicht nachhaltig.

Gegen die Mär von Deutschland als Investitionsparadies spricht auch das Ergebnis einer neuen Studie der Berliner Ökonomen Claus Michelsen und Simon Junker, die mein Kollege Julian Olk einsehen konnte. Demnach nimmt die Attraktivität des Wirtschaftsstandorts Deutschland ab – gemessen am Kapital, das ausländische Investoren hierzulande anlegen. 2021 investierten sie noch 150 Milliarden Euro, 2024 nur noch 43 Milliarden Euro.

Mein Kollege analysiert: Anfangs habe das mit der Coronapandemie und der Energiekrise infolge des russischen Angriffskriegs zu tun gehabt. Inzwischen lege der Kapitalmangel aber die strukturellen Probleme des Standorts Deutschland offen. Doch einen Lichtblick gibt es in der ansonsten recht tristen Erkenntnis: Ausländische Investoren zeigen weiterhin großes Interesse an deutschen Industriebetrieben. Zwischen 2015 und 2023 ist der Gesamtwert ausländischer Direktbeteiligungen in der Industrie um mehr als 40 Prozent gestiegen.

Den Unternehmen fehlen ihre Zutaten

Immer mehr deutschen Unternehmen fehlt nicht nur ausländisches Geld, sondern auch die wichtigsten Zutaten für ihre Produkte. Kritische Rohstoffe sind essenziell, damit die Rüstungs-, Medizintechnik-, Haushaltsgeräte- oder die Automobilindustrie überhaupt arbeiten können. Doch die Lieferungen aus dem wichtigsten Herkunftsland China werden immer knapper, weil die Volksrepublik den Export drosselt. Erste deutsche Unternehmen mussten ihre Produktion deshalb bereits stoppen.

Produktion von Waschmaschinen: Alle Produkte mit Elektromotor können von den Rohstoffproblemen betroffen sein. Foto: picture alliance / Ralf Hirschberger/dpa-Zentralbild/ZB

Als Reaktion auf die US-Zölle hatte Peking Anfang April Exportkontrollen für sieben wichtige Industriemetalle, sogenannte seltene Erden, eingeführt. Bei vielen dieser Rohstoffe hat China ein Quasi-Monopol. Mittlerweile sind die Vorräte der meisten deutschen Unternehmen aufgebraucht. Jens Eskelund, Präsident der europäischen Handelskammer in Peking, bezeichnet die Lage als „sehr angespannt“. Der Bundesregierung gelingt es bisher nicht, China von seiner Exportverknappung abzubringen.

Auf den ersten Blick scheint es, als seien die Engpässe ein Begleitschaden des amerikanisch-chinesischen Handelskriegs. Doch Experten gehen davon aus, dass Peking seine Rohstoffe als Druckmittel für Verhandlungen mit der EU einsetzt. Heute trifft sich EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič mit dem chinesischen Handelsminister Wang Wentao in Paris – auch um über die Exportbeschränkungen zu sprechen.

Wenn Strom nichts kostet

Stellen Sie sich vor, Sie kaufen etwas und bekommen dafür noch Geld. Das geschieht auf den meisten Märkten selten bis nie, auf dem Strommarkt allerdings kommt es immer häufiger vor. Negative Strompreise treten in Deutschland so regelmäßig auf wie nie zuvor. Seit Beginn dieses Jahres ist der Strompreis in insgesamt 248 Stunden unter null Euro pro Megawattstunde gesunken. Das ist ein Rekord. Der Strom wird dadurch im Schnitt günstiger und hat mittlerweile das Niveau von vor der Energiekrise erreicht.

Negative Strompreise treten in Deutschland so regelmäßig auf wie nie zuvor. Foto: picture alliance / pressefoto_korb

Negative Strompreise entstehen, wenn die Produktion größer ist als die Nachfrage. Das passiert vor allem in Zeiten, in denen der Wind viel weht und die Sonne viel scheint. Eigentlich sollten in solchen Fällen Kohlekraftwerke ihre Produktion drosseln, doch die können kurzfristig nicht flexibel hoch- und herunterfahren. Der negative Strompreis ist teuer – für den Staat. Denn Betreiber von Erneuerbaren-Energie-Kraftwerken werden subventioniert. Wenn sie dafür bezahlen müssen, dass ihr Strom verkauft wird, trägt die Kosten der Bundeshaushalt.

Kriminalität ohne Konsequenzen

400 Millionen Euro Schaden und trotzdem keine Gefängnisstrafe. Das Urteil gegen den Cum-Ex-Anwalt Kai-Uwe Steck überrascht, um es milde auszudrücken. Mein Kollege Volker Votsmeier aus dem Handelsblatt-Investigativteam nennt es eine Farce. Denn Steck war im Cum-Ex-Komplott kein Mitläufer. Als Wirtschaftsanwalt war er Teil eines Systems, das mit hochkomplexen Konstruktionen Milliarden aus der Staatskasse schleuste.

Mein Kollege hält das Urteil daher für juristisch fragwürdig und politisch verheerend. Für die Bürgerinnen und Bürger, die Monat für Monat ihre Lohnsteuer zahlen, für kleine Unternehmen, die jede Steuervorauszahlung fristgerecht leisten, wirke es wie Hohn. Steck wird wohl noch nicht einmal die 50 Millionen Euro, die er persönlich an den Geschäften verdiente, komplett zurückzahlen. Mein Kollege stellt sich deshalb die berechtigte Frage:

Was muss eigentlich passieren, damit Wirtschaftskriminelle wirklich zur Rechenschaft gezogen werden?

Trendstrategie: Obstruktion statt Kooperation

Zum Abschluss werfen wir noch einen Blick auf eine Verhandlungstaktik, die gerade schwer in Mode ist. Wer kein Interesse an einer konstruktiven Lösung hat, die Sache aber gesichtswahrend beenden will, stellt solch unrealistische Maximalforderungen, dass die Gegenseite gar nicht darauf eingehen kann.

In Deutschland ist diese Taktik vielleicht dem ein oder anderen unter dem Ausdruck „lindnern“ geläufig. Auf internationaler Bühne praktiziert sie gerade die russische Delegation gegenüber der Ukraine und in den Niederlanden hat gestern der Rechtsnationale Geert Wilders mit eben jener Strategie seine Regierungskoalition platzen lassen.

Das Beispiel der Niederlande zeigt: Meistens funktioniert nur der Teil des Plans, die Verhandlungen zum Scheitern zu bringen. Trotz aller Beteuerungen des guten Willens ist die Taktik relativ durchschaubar und deshalb im Alltag wenig empfehlenswert. Wenn Sie sich zuhause um die Haushaltspflichten streiten, wäre es fatal, ihren Partner dazu aufzufordern, den gesamten Abwasch zu machen, während Sie die Füße hochlegen. Das könnte nicht nur zum Abbruch der Verhandlungen führen, sondern auch zum Abbruch der Ehe.

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Ich wünsche Ihnen einen guten Tag in einer komfortablen Verhandlungsposition.

Es grüßt Sie herzlich
Ihre
Teresa Stiens

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