Globale Trends: Der Braindrain ist in Europa schon seit Jahren Realität
Die Angriffe von US-Präsident Donald Trump auf die Universitäten seines Landes lassen viele Wissenschaftler an Auswanderung denken. Deutschland und andere EU-Länder werben zwar mit Programmen um sie. Was dabei aber oft übersehen wird: In Europa selbst ist der Braindrain schon seit Jahren Realität, und er verstärkt sich.
Die Zahl der Italiener mit Hochschulausbildung, die in einem anderen EU-Land oder in Island, Liechtenstein, Norwegen oder der Schweiz leben, hat nach Angaben des EU-Statistikamtes Eurostat zwischen 2020 und 2024 um 25 Prozent zugenommen. Im Falle Spaniens sind es sogar 28 Prozent. In Frankreich und Deutschland ist die Abwanderung geringer, und die Zahl der im Ausland lebenden gut ausgebildeten Polen schrumpft sogar.
Dabei sehen die ökonomischen Daten der südlichen Länder gar nicht schlecht aus. Italien schließt in diesem Jahr bei der Wirtschaftsleistung pro Kopf nach Kaufkraftparitäten zum größeren Nachbarn Frankreich auf. Vor zehn Jahren lag es noch fast zehn Prozent zurück.
Und Spanien zählt in diesem Jahr erneut zu den EU-Staaten mit dem höchsten Wirtschaftswachstum. In wenigen Jahrzehnten ist das Land zum zweitgrößten Autohersteller Europas geworden. Und die aus dem Ausland stammende Bevölkerung hat um ein Drittel zugenommen. Auch Italien zieht Menschen an, hier ist die Zahl der im Ausland geborenen Bevölkerung in einem Jahrzehnt um 13 Prozent gewachsen.
Warum aber verlassen gleichzeitig gut Gebildete in stark wachsender Zahl ihre Heimatländer?
Niedrige Löhne, prekäre Arbeitsverhältnisse
Die Pirelli-Stiftung warnte im vergangenen Jahr: Mehr als ein Drittel der jungen Italiener unter 30 Jahren sei bereit, für „höhere Löhne“ und „bessere Arbeitsmöglichkeiten“ ins Ausland zu gehen. Sie stimmten mit den Füßen „gegen die Arbeitspolitik, die Berufsaussichten und das, was der öffentliche Sektor und die Unternehmen ihnen bieten können, ab“. Und das in allen Berufen und Branchen, insbesondere in den Hightech-Bereichen.
Die spanische Nationalbank hat untersucht, wie stark das Einkommen durch eine Hochschulausbildung im Vergleich zur Berufsausbildung in Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien zunimmt. In Deutschland ist der Abstand doppelt so groß wie in Italien und Spanien. Was auch deutlich wird: Bei vergleichbarem Abschluss verdient ein 32-jähriger Deutscher 50 Prozent mehr als ein Italiener und das Doppelte von dem, was ein Spanier erhält.
Thomas Funk Kirkegaard, Ökonom bei der Brüsseler Denkfabrik Bruegel, bestätigt: „Die Einkommensunterschiede sind ein wichtiger Grund für die Abwanderung, die regionalen Disparitäten in den Ländern kommen hinzu: Wer in Süditalien oder Südspanien ein Hochschuldiplom hat, muss abwandern, wenn er nicht einen Job beim Staat ergattert.“
Ein weiteres Motiv sei der gespaltene Arbeitsmarkt in Italien und Spanien, mit gutem Schutz für ältere Beschäftigte und schlechtem für Neueinsteiger, gerade in Italien: „Der erste Job ist fast immer befristet – warum soll man das akzeptieren, wenn es in Nordeuropa unbefristete Verträge auch noch mit höherem Lohn gibt?“
Jean-Christophe Dumont, Migrationsexperte der Industriestaatenorganisation OECD, nennt noch einen Grund: „Diese Länder bieten einfach nicht genügend Jobs für Hochschulabsolventen im Privatsektor.“
Bruegel-Ökonom Kirkegaard bestätigt das: Italiens Klein- und Mittelbetriebe seien zu klein und würden durch Regulierung am Wachstum gehindert. „Europas industrielles Herzland liegt in Nordeuropa, die Arbeitsproduktivität ist in Deutschland und in den Niederlanden wesentlich höher als in den südlichen Ländern und begründet die höheren Löhne.“
Das unterstreicht auch Lorenzo Dilenna von der italienischen Fondazione Nord Est: Die Produktivität steige nicht, und italienische kleinere und mittelgroße Unternehmen (KMU) böten wenig Karrieremöglichkeiten, seien wenig innovativ und hätten kein modernes Management.
Vor allem Deutschland und die Niederlande profitierten vom Zustrom qualifizierter Italiener.
Der Westen und Norden Europas müsse nicht ewig industrielles Herzland bleiben, räumt Kirkegaard ein. Aber Spaniens Autoindustrie sei „ein vom Ausland abhänggier Solitär“, dominanter Sektor sei der Tourismus mit seinen prekären Jobs. „Es dauert sehr lange, einen industriellen Hub mit seinen Netzwerken aufzubauen. Viel einfacher ist es für die Talente abzuwandern.“
Wachstum ohne Perspektive für High Potentials – das sind schlechte Aussichten für Europas Süden.