Aktien: Herrscht an den Börsen nur die Ruhe vor dem nächsten Sturm?
Die nächste Frist im US-Zollstreit rückt näher, und eigentlich müsste die Unsicherheit auch an den Märkten zu spüren sein. Wenn es keine Einigung gibt, drohen der Europäischen Union ab 1. August US-Importzölle von 30 Prozent. Auch in vielen anderen Ländern werden die Einfuhrabgaben deutlich über die jetzt schon erhöhten Basiszölle von zehn Prozent steigen.
Höhere Sektorzölle zum Beispiel auf Kupfer, Autos und Stahl gibt es schon jetzt. Und ständig kommen neue Drohungen von US-Präsident Donald Trump hinzu. Die Pharmabranche muss sich etwa laut Trump auf sukzessive Zölle von bis zu 200 Prozent einstellen, außerdem könnten Abgaben auf Halbleiter eingeführt werden.
Darüber hinaus setzt Trump Zölle als politisches Druckmittel ein. Brasilien soll Zölle von 50 Prozent zahlen, wenn das Strafverfahren gegen Ex-Präsident Jair Bolsonaro nicht eingestellt wird. Das alles müsste eigentlich ein guter Grund für maximale Verunsicherung an den Börsen sein. Doch davon ist nichts zu spüren – weder in Europa noch anderswo.
Der breite europäische Börsenindex Stoxx Europe 600 liegt nur knapp unter seinem im März aufgestellten Allzeithoch. Der US-Leitindex S&P 500 hat Dienstag eine neue Bestmarke aufgestellt, und auch viele Schwellenländer-Börsen stehen gut da. Herrscht damit die Ruhe vor dem nächsten Sturm?
Henry Allen, Makrostratege bei der Deutschen Bank, hält das zumindest für möglich. Ende des Monats könnte es an den Märkten noch einmal richtig ungemütlich werden, meint Allen. Eben weil sich die Investoren keine Sorgen machen, könnten die Reaktionen umso heftiger sein, wenn die Zölle höher als erwartet ausfallen.
Dass Investorinnen und Investoren offensichtlich darauf setzen, dass alles nicht so schlimm kommen wird, zeigt sich auch in der jüngsten Umfrage der Bank of America unter internationalen Portfoliomanagerinnen und Portfoliomanagern. Ihre Risikofreude ist in den vergangenen drei Monaten so deutlich gestiegen wie noch nie.
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Dass die Investoren so gelassen sind, liegt an ihrer bisherigen Erfahrung. Trump hatte schließlich Anfang April seine ersten massiven Zolldrohungen zurückgenommen, nachdem die Märkte eingebrochen waren. Einen zweiten Rückzieher machte er kurze Zeit später, als er seine Entlassungsdrohungen gegen US-Notenbankchef Jerome Powell zurücknahm.
Aus „Taco“ wird „Tago“
Seither macht an den Märkten das von „Financial Times“-Kolumnist Rob Armstrong erfundene Akronym „Taco“ die Runde. Das steht für „Trump always chickens out“ – was so viel heißt wie: Am Ende kneift Trump doch immer.
Darauf setzen Investoren auch jetzt noch. Gordon Shannon, Portfoliomanager bei Twenty Four Asset Management, sagt mit Blick auf den Handelskonflikt: „Trump rechnet eindeutig mit Verhandlungen, und es hat sich gezeigt, dass seine Toleranz gegenüber Marktschwankungen begrenzt ist.“
Zu einem Rückzieher geben die ausgelassenen Märkte Trump aber noch keinen Anlass. Die Folge fasst Frank Klumpp, Aktienstratege bei der LBBW mit „Tago“ – „Trump always gets overconfident“ – zusammen. Wenn die Märkte Trump nicht bremsen, wird er übermütig.
Von daher hätten deutlich fallende Aktienkurse sogar etwas Gutes, wenn sie Trump tatsächlich zum Einlenken bewegen. Denn wenn das nicht passiert, dürften die schon längst wieder abgeflauten Ängste vor einer weltweiten Rezession wieder aufkommen. In diesem Fall würden den Aktienmärkten richtig heftige Einbrüche drohen.