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USADiese Eigenschaft sollten die Deutschen sich auch aneignen

Unser Kolumnist hadert in letzter Zeit oft mit den Vereinigten Staaten. Doch diese Woche erklärt er, was wir in Deutschland von amerikanischem Zusammenhalt lernen können.Philipp Depiereux 23.07.2025 - 13:53 Uhr Artikel anhören
Überall in den USA sieht er, wie Menschen füreinander da sind, schreibt Kolumnist Philipp Depiereux. Foto: Getty Images, Privat

Wenn ich auf mein Leben in Deutschland zurückblicke – insbesondere auf die Schulzeit meiner vier Kinder –, dann erinnere ich mich leider nicht an ein starkes Wirgefühl unter Eltern, Lehrern und Schulleitungen. Was mir in Erinnerung bleibt, sind Grabenkämpfe. Eltern gegen Lehrer. Schulvorstand gegen Aufsichtsrat. Einzelne, die sich profilieren wollten, statt gemeinsam etwas aufzubauen. Lehrer wurden auf Elternabenden von wenigen lautstark kritisiert, der Rest schwieg betreten. Und auch wenn es um schwerwiegende Themen wie Mobbing ging, blieb es oft bei halbherzigen Reaktionen. Man wollte ja niemanden vergraulen – schließlich zahlten die Eltern ja Schulgebühren.

An Privatschulen war das Mindset oft noch fragwürdiger: Wer zahlt, erwartet Service. Probleme? Bitte nicht bei uns. Sollen die Lehrer lösen. Oder die Schulleitung. Irgendjemand halt – nur nicht man selbst.

Ganz anders erlebe ich das in Kalifornien. Vielleicht liegt es daran, dass man sich hier weniger auf den Staat verlassen kann. Vielleicht aber auch einfach an einer anderen Haltung: Gemeinschaft wird hier nicht beschworen – sie wird gelebt.

Ein schönes Beispiel: An der Schule meines jüngsten Sohnes erzählte die Lehrerin auf einem Elternabend, dass sie im Dezember ihre kranke Mutter in ein Pflegeheim begleiten werde – und dafür vier Wochen aussetzen müsse. Ich musste sofort an meine alte Schule in München denken. Die Reaktionen dort wären vermutlich gewesen: Wie bitte? Einfach so frei? Ist das überhaupt erlaubt? Und wer unterrichtet in der Zeit?

Die Reaktion hier in Orange County? Völlig anders. Empathisch. Unterstützend. Sofort wurde ein sogenannter „Meal Train“ organisiert: Eltern trugen sich in eine Liste ein und brachten der Familie regelmäßig Essen vorbei. Andere gossen ihre Blumen, brachten die Post rein, halfen beim Haushalt. Ich war gerührt – und ehrlich gesagt auch ein bisschen beschämt, wie weit weg wir in Deutschland von so einer Kultur oft sind.

Solidarität ist in den USA kein Einzelfall

Und es bleibt nicht bei solchen Einzelfällen. Überall in den USA, besonders bei uns in Kalifornien, sehe ich, wie Menschen füreinander da sind. Ob in Suppenküchen, bei Nachbarschaftshilfen, Community Clean-ups oder eben im Schulalltag: Helfen ist hier nicht die Ausnahme, sondern Selbstverständlichkeit. Vielleicht auch, weil viele wissen: Wenn es hart auf hart kommt, hilft dir nicht das Amt – sondern nur dein Nachbar.

Ich habe selbst mit einigen Gleichgesinnten eine kleine Community gegründet: Die „Balboa Dems“ – ein bunter Haufen, der gemeinsam gegen Trumps Politik demonstriert, aber auch ganz konkret hilft. Jüngstes Projekt: ein Lebensmittellieferdienst für Familien, die sich aus Angst vor Trumps Abschiebepolitik nicht mehr aus dem Haus trauen.

Es sind vor allem Latinos, die sonst täglich arbeiten würden – in Restaurants, bei Handwerkern, in Reinigungsdiensten. Aber weil sie fürchten, von ICE-Beamten willkürlich aufgegriffen und deportiert zu werden, bleiben sie in den eigenen vier Wänden – ihre Kinder gehen weiter zur Schule. Nicht aus Bequemlichkeit – sondern aus nackter Angst. Sie wollen arbeiten. Aber sie dürfen nicht mehr sichtbar sein. Also bringen wir ihnen, was sie brauchen: Lebensmittel, Hygieneartikel, Medikamente. Keine langfristige Lösung – aber ein menschliches Zeichen der Solidarität.

Ich wünsche mir, dass wir in Deutschland wieder mehr Vertrauen in unsere Mitmenschen entwickeln. Dass wir weniger urteilen, mehr unterstützen. Weniger Distanz, mehr Miteinander. Wir haben so viele Stärken in unserem Land – aber Gemeinschaftsgeist gehört nicht immer dazu.

Dabei wäre er gerade jetzt so wichtig.

Philipp Depiereux ist Unternehmer und Autor und lebt mit seiner Frau und seinen vier Kindern seit knapp drei Jahren in Newport Beach, Kalifornien. Er teilt seine Eindrücke aus den USA und Deutschland alle 14 Tage im Handelsblatt Wochenende.

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Erstpublikation: 17.07.2025, 18:26 Uhr.

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