Ukraine: Mordanschlag auf Geheimdienstoffizier wirft komplexe Fragen auf
Zürich. Als der ukrainische Geheimdienstoberst Iwan Woronitsch am Morgen des 10. Juli aus seinem Wohnhaus in Kiew trat, wartete sein Mörder bereits auf ihn. Der maskierte Mann tauchte hinter den parkenden Autos im Hof auf, rannte auf sein Opfer zu und gab aus nächster Nähe mehrere Schüsse ab. Woronitsch erlag noch an dem Ort seinen Verletzungen.
Am Tathergang bestehen keine Zweifel. Eine Überwachungskamera hat alles festgehalten. Ebenso unbestritten ist, dass mit Woronitsch ein Offizier getötet wurde, der für prominente Operationen gegen Russland verantwortlich war.
Woronitsch leitete für einige Zeit die sogenannte fünfte Direktion. Die Spezialeinheit des ukrainischen Geheimdiensts SBU war für Sabotageaktionen in den seit 2014 durch Russland besetzten Gebieten gegründet worden und führte dort zahlreiche Anschläge durch. Später war Woronitsch wesentlich an der Vorbereitung des ukrainischen Überraschungsangriffs auf die russische Region Kursk beteiligt. Der Ukraine gelingt es immer wieder, spektakuläre Aktionen tief im russischen Hinterland durchzuführen.
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Anschläge auf ukrainischem Boden jedoch weiß die Spionageabwehr meist zu verhindern. Allein gegen Präsident Wolodymyr Selenskyj soll eine ganze Reihe von Anschlägen vereitelt worden sein. Dass die Tötung Woronitschs nicht verhindert werden konnte, zeigt deren Bedeutung für die Personen im Hintergrund.
So machte der britische „Guardian“ auf die mögliche Verwicklung des ukrainischen Ablegers eines internationalen Neonazi-Netzwerks in den Fall aufmerksam. Wohl auch deshalb gibt die Aktion weiter zu denken.
Ankündigung weiterer Anschläge
Noch am Tag des Anschlags erschienen in dem Kanal „Weißer Phönix“ auf dem Messaging-Dienst Telegram Beiträge, in denen Korruptionsvorwürfe gegen Woronitsch erhoben wurden: Dieser habe den eigenen Vorteil über die Verteidigung seiner Heimat gestellt.
Der Anschlag wird als „Warnung an das Regime“ in Kiew bezeichnet. Dieses sei in „Korruption, Willkür und zynischer Ausnutzung der patriotischen Gefühle der weißen Rasse“ versunken. „Die Erschießung des SBU-Obersts ist nicht das Ende, sondern erst der Anfang“, hieß es weiter.
„Weißer Phönix“ gilt als ukrainischer Ableger der Gruppierung „The Base“ des Neonazis Rinaldo Nazzaro, eines früheren Mitarbeiters amerikanischer Sicherheitsdienste. Mehrere westliche Staaten haben „The Base“ als Terrororganisation klassifiziert.
Der Kanal existiert erst seit einigen Wochen. Die meisten Beiträge sind voller rassistischer und antisemitischer Auslassungen. Manchmal fallen auch abschätzige Bemerkungen über Russland und seine Soldaten.
Verbindungen nach Russland
Ende März tauchten laut dem Counter Extremism Project, einer Nichtregierungsorganisation, die sich gegen Extremismus einsetzt, auf Telegram Angebote von „The Base“ über Geldzahlungen für Sabotageaktionen in der Ukraine auf. Als Ziel wurde die Errichtung eines „ethnischen Staats“ in der westukrainischen Region Transkarpatien genannt.
Solche Beiträge sind im Interesse Moskaus. Der Kreml ist seit Jahren bemüht, den ukrainischen Nationalstaat als neonazistisches Projekt zu diskreditieren. Auch die Vorwürfe angeblicher Korruption, die den Mord an Woronitsch rechtfertigen sollen, fügen sich in das russische Propagandabild von einer ukrainischen Führung, die das einfache Volk opfere, um eigene Interessen zu verfolgen.
Einen starken Hinweis auf eine Verbindung zwischen „The Base“ und Russland gibt auch die Tatsache, dass Nazzaro seit einiger Zeit in St. Petersburg lebt. Ob die Organisation tatsächlich in den Anschlag auf Woronitsch involviert ist, bleibt aber Spekulation. Außer dem Bekennerschreiben gibt es dazu keine Informationen.
Kritik an Sicherheitsvorkehrungen
Die ukrainischen Behörden haben ihrerseits bereits am Sonntag gemeldet, dass die Attentäter ausfindig gemacht und getötet worden seien. Es handle sich um ein Paar mit aserbaidschanischer Staatsbürgerschaft und Verbindungen zur organisierten Kriminalität in ihrem Heimatland und in Russland. Die beiden seien vom russischen Geheimdienst FSB für den Anschlag angeworben worden und hätten gegen Bezahlung gehandelt.
Der ukrainische Geheimdienstchef Wasil Maliuk leitete die Operation gegen die beiden Attentäter persönlich. In einer Videobotschaft erklärte er, dass die Täter beim Zugriff Widerstand geleistet hätten und im folgenden Schusswechsel getötet worden seien. Maliuk betonte, dass seine Behörde 85 Prozent aller Verbrechen verhindere, die der Feind zu verüben versuche.
Eine andere Kritik anlässlich des Anschlags auf Oberst Woronitsch äußert Juri Butusow. Der Chefredakteur des Online-Magazins „Censor.net“ ist einer der renommiertesten ukrainischen Beobachter des Kriegsgeschehens. Woronitsch habe an seiner offiziellen Meldeadresse gelebt, die sich ohne großen Aufwand habe herausfinden lassen, so Butusow.
Für alle Personen in der Ukraine, die sich wegen ihrer prominenten Rolle im Abwehrkampf gegen Russland im Visier des Kremls befänden, seien die Sicherheitsvorkehrungen dringend zu erhöhen, warnt er. Dies werde nicht der letzte Mordanschlag gewesen sein.