HRI-Konjunkturprognose: Ein verlorenes Jahrzehnt für die deutsche Volkswirtschaft
Düsseldorf. Die deutsche Wirtschaft erlebt derzeit die schwierigste Phase der Nachkriegsgeschichte. Die Globalisierung, die viele Jahre für wachsenden Wohlstand sorgte, stockt. China ist von der Werkbank zum Rivalen aufgestiegen, und in Deutschland steigen die Produktionskosten unaufhaltsam.
Im zurückliegenden Sommer war die reale Wirtschaftsleistung nicht höher als 2019, und laut Prognose des Handelsblatt Research Institute (HRI) wird das Bruttoinlandsprodukt 2025 das dritte Jahr in Folge schrumpfen, um 0,1 Prozent. So etwas gab es noch nie in der bundesdeutschen Wirtschaftsgeschichte. Erst 2026 wird die Wirtschaft demnach wieder wachsen, vor allem wegen der hohen zusätzlichen, kreditfinanzierten Staatsausgaben – und zwar um 0,7 Prozent.
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Allerdings wird es der Regierung auch mit ihrem Konjunkturprogramm nicht gelingen, die Volkswirtschaft zurück auf einen nachhaltigen Wachstumspfad zu bringen. Weder die geplanten Verteidigungsausgaben noch die Instandsetzung maroder Infrastruktur erweitern die Produktionskapazitäten. Das Trendwachstum dürfte bis mindestens Ende dieses Jahrzehnts nur knapp über der Nulllinie verharren.
„Die exportorientierte deutsche Volkswirtschaft war der große Gewinner der Globalisierung“, analysiert Handelsblatt-Chefökonom Bert Rürup. „Nicht zuletzt dank der Agenda 2010 wurde Deutschland vom kranken Mann Europas zum Exportweltmeister und Wachstumsmotor des alten Kontinents.“
Der lange und beschäftigungsintensive Aufschwung habe die Staatskassen gefüllt, sodass der Staat in den Jahren 2013 bis 2019 durchweg Überschüsse erzielte, die sich 2018 in der Spitze auf fast zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts beliefen. „Die heute offenkundigen Mängel bei Landesverteidigung und Infrastruktur sind also keineswegs auf die Schuldenbremse oder fehlende Haushaltsmittel zurückzuführen. Sie sind vielmehr das Resultat bewusster Politikentscheidungen vergangener Regierungen“, betont Rürup.
Außenhandel mit Negativrekord
Anders als in früheren Schwächephasen scheidet dieses Mal ein Anziehen des Außenhandels für die Einleitung eines Aufschwungs aus. Im Gegenteil: Laut HRI-Prognose wird der Außenhandel in diesem Jahr das Wachstum um 1,4 Prozentpunkte dämpfen. Dies wäre der schlechteste gesamtwirtschaftliche Außenbeitrag seit Beginn der gesamtdeutschen Statistiken.
Preisbereinigt werden die deutschen Exporte dieses Jahr in etwa auf dem Niveau von vor der Coronakrise liegen. Hingegen dürften die realen Importe seit 2019 um fast zehn Prozent gewachsen sein, was hauptsächlich auf den starken Anstieg importierter Dienstleistungen zurückzuführen ist.
Auch bei der Bedeutung der Handelspartner gibt es Verschiebungen. Im Jahr 2024 waren die USA noch der größte Abnehmer von Waren „made in Germany“. Angesichts ihrer aggressiven Zollpolitik sind sie jedoch vom Partner zum Rivalen geworden. Nach jüngsten Daten für Juli gingen die Exporte in die USA den vierten Monat in Folge zurück.
Deutsche Unternehmen lieferten Waren im Wert von gut elf Milliarden Euro über den Atlantik, so wenig wie zuletzt im Dezember 2021. Im Vergleich zum Vorjahresmonat sank die Ausfuhr in die USA im Juli um 14 Prozent.
Der zweitwichtigste Kunde des Vorjahres, Frankreich, steckt in einer schweren Staatskrise. Die Staatsverschuldung steigt immer weiter, das Land scheint unregierbar, und die Wirtschaft wächst kaum. Gesamtwirtschaftliche Impulse, von denen indirekt auch Deutschland profitieren würde, sind aus Frankreich nicht zu erwarten. Kaum besser ist die politische und gesamtwirtschaftliche Lage in den Niederlanden, dem bislang drittwichtigsten Kunden Deutschlands.
Exporteure verlieren Wettbewerbsfähigkeit
Die ausgeprägte Schwäche im Außenhandel vorrangig den wichtigsten Handelspartnern zuzuschreiben, greift allerdings zu kurz. Eine wenig beachtete Studie der Deutschen Bundesbank zeigt: Die Krise begann viel früher.
So ging die schwache Entwicklung der Exporte in den vergangenen Jahren „mit deutlichen Marktanteilsverlusten der deutschen Exportwirtschaft einher“. Die Exportmarktanteile seien seit 2017 rückläufig und „gerieten im Vergleich zu anderen fortgeschrittenen Volkswirtschaften seit 2021 zunehmend ins Hintertreffen“, heißt es in der Analyse.
Hätten sich die deutschen Exporte im Einklang mit den Absatzmärkten entwickelt – also ohne dort Marktanteile zu verlieren –, wäre das deutsche BIP zwischen 2021 und 2024 um insgesamt 2,4 Prozentpunkte stärker gewachsen.
Andere Studien bestätigen diesen Trend. Nach einer Commerzbank-Analyse ist der Verlust von Marktanteilen in Asien besonders eklatant. Deutschlands Ausfuhr nach China sank in den vergangenen fünf Jahren preisbereinigt um mehr als ein Viertel. Die Importe aus China stiegen hingegen.
Auch die asiatischen Schwellenländer steigerten ihre weltweiten Importe um mehr als 20 Prozent, während die deutsche Ausfuhr dorthin um rund acht Prozent sank. Offensichtlich sind immer mehr Produkte aus Deutschland nicht mehr konkurrenzfähig.
Nach einer Ifo-Umfrage berichtet jedes vierte deutsche Industrieunternehmen derzeit von einem Rückgang seiner Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Unternehmen in Ländern außerhalb der EU. Ein Grund dafür könnte die Stärke des Euros sein, der gegenüber dem US-Dollar seit Jahresbeginn um rund 13 Prozent zugelegt hat.
Laut der Bundesbank-Studie, in der die jüngsten Entwicklungen noch gar nicht berücksichtigt sind, gehen aber mehr als drei Viertel der Marktanteilsverluste darauf zurück, dass sich die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Exporteure deutlich verschlechtert habe. „Dies legt nahe, dass grundlegende, angebotsseitige Probleme der deutschen Volkswirtschaft eine Rolle spielten.“
Regierung hat Erwartungen enttäuscht
Nun sind die strukturellen Probleme der deutschen Volkswirtschaft hinreichend bekannt: Die Alterung der Gesellschaft führt zu einem abnehmenden Arbeitsangebot bei steigenden Lohn- und Lohnzusatzkosten. Eine stark alternde Gesellschaft gilt zudem als wenig dynamisch und neigt zur Konservierung bestehender Strukturen. Arbeitsplätze in tradierten Industrien werden zu hohen Kosten erhalten, während hohe Unternehmensteuern sowie eine ausufernde Bürokratie Risikobereitschaft und damit Innovationen und Investitionen lähmen.
Unmittelbar nach der Bundestagswahl weckten die Koalitionspartner in spe die Hoffnung, diese strukturellen Probleme nicht nur erkannt zu haben, sondern sie auch beseitigen zu wollen. Von dieser Hoffnung ist mittlerweile wenig geblieben.
Zwar wurden degressive Abschreibungen für Investitionen eingeführt. Doch resultierende höhere Unternehmensgewinne werden durch die absehbar steigenden Lohnnebenkosten mehr als aufgezehrt. Das geplante Rentenpaket wird den Beitragssatz rascher und stärker steigen lassen, als dies demografiebedingt ohnehin der Fall gewesen wäre.
Darüber hinaus brach die Regierung ihr Versprechen, die Stromsteuer für alle gewerblichen und privaten Verbraucher merklich zu senken. Stattdessen wurden selektive Vergünstigungen für die Gastronomie, die Landwirtschaft und für Pendler beschlossen.
Konkrete Maßnahmen zum Bürokratieabbau gibt es bislang nicht. Im Gegenteil: Anstatt wie im Koalitionsvertrag beschlossen „den Personalbestand in der Ministerial- und Bundestagsverwaltung sowie in bestimmten nachgeordneten Behörden bis zum Jahr 2029 um mindestens acht Prozent zu reduzieren“, wurden rund 200 neue Beamtenstellen vor allem im Digitalministerium und Kanzleramt geschaffen.
Stattdessen genehmigte sich die Bundesregierung bis 2029 rund 850 Milliarden Euro neue Schulden – mehr als 10.000 Euro pro Einwohner. Die Staatsschuldenquote dürfte deswegen von gut 60 Prozent zu Beginn der Legislaturperiode auf um die 80 Prozent zum Ende des Jahrzehnts steigen.
Entgegen anderslautenden Behauptungen werden mit diesen Schulden keineswegs nur Investitionen in Rüstung und Infrastruktur finanziert, sondern durch Umschichtungen aus dem regulären Haushalt in die neuen Sondervermögen auch Löcher im Sozialbudget gestopft.
Arbeitsmarkt nachhaltig geschwächt
Zweifellos werden mit den Rekordschulden Einkommen geschaffen. Die geplanten öffentlichen Investitionen werden vorrangig in der Bauindustrie zu steigenden Gewinnen und womöglich höherer Beschäftigung führen. Das HRI geht davon aus, dass 2026 die Bauinvestitionen nach fünf Minusjahren erstmals wieder steigen werden, wenn auch nur um 0,7 Prozent.
Auch die weiter gefassten Bruttoanlageinvestitionen dürften 2026 erstmals seit 2021 wieder nach oben zeigen. Dennoch dürften die realen Investitionen 2026 nicht über dem Niveau des Jahres 2016 liegen.
Die anhaltende gesamtwirtschaftliche Schwächephase schlägt immer deutlicher auf den Arbeitsmarkt durch. Der breiten Öffentlichkeit wurde dies bewusst, als im August die Zahl der Arbeitslosen erstmals seit Februar 2015 wieder auf über drei Millionen stieg. Tatsächlich nimmt die Arbeitslosigkeit aber schon seit den Tiefständen von 2019 nahezu unaufhaltsam zu. Saisonbereinigt sind aktuell etwa 750.000 Personen mehr arbeitslos gemeldet als damals.
Der Arbeitsmarkt steht von mehreren Seiten unter Druck. Die lange Wirtschaftsschwäche hat bei vielen Unternehmen die Reserven aufgezehrt, sodass die Zahl der Insolvenzen im Mittelstand sprunghaft steigt, oft verbunden mit Entlassungen. Viele Großunternehmen setzen massive Sparprogramme um – meist ein Synonym für Stellenstreichungen. Neue Kapazitäten im verarbeitenden Gewerbe werden nur dort aufgebaut, wo Wachstum und Gewinne erwartet werden – und dies ist oft nicht in Deutschland.
Ferner klagen viele Unternehmen über fehlende Qualifikationen unter anderem von jungen Bewerbern. Gleichzeitig kann Künstliche Intelligenz (KI) immer mehr Aufgaben übernehmen, während Arbeitssuchenden die Kompetenz fehlt, KI sinnvoll einzusetzen. Die Folge: Die Einstellungsbereitschaft in der Privatwirtschaft sinkt.
Lediglich der Staat sowie die staatsnahen Bereiche wie Gesundheit und Erziehung stocken Personal auf. Im Gegensatz zu anderen Beobachtern erwartet das HRI daher, dass der Anstieg der Arbeitslosigkeit sich auch 2026 fortsetzen wird. Im Jahresmittel dürften dieses Jahr drei und im kommenden Jahr 3,1 Millionen Personen arbeitslos sein.
Angesichts der tristen Wirtschaftsaussichten gehören für viele Beschäftigte die Zeiten kräftig steigender Löhne der Vergangenheit an. Zwar waren die Reallöhne im zweiten Quartal um 1,9 Prozent höher als im Vorjahresquartal. Gleichwohl waren sie aber noch immer um fast ein Prozent niedriger als im Vor-Corona-Frühjahr 2019. Den Konsumenten fehlen also mehr als sechs Jahre reale Wohlstandszuwächse.
Hinzu kommt, dass für die meisten Beschäftigten zur Jahreswende die Sozialabgaben deutlich anstiegen. Von der Erhöhung der Bruttolöhne blieb netto also kaum etwas übrig. Überdies entfiel für Arbeitgeber die Möglichkeit, steuerfreie „Inflationsausgleichsprämien“ zu zahlen.
Konsum dient allenfalls als Stabilisator
Vor diesem Hintergrund erwartet das HRI, dass der private Konsum die Konjunktur zwar stabilisieren dürfte, mit jährlichen Wachstumsraten von rund einem Prozent als echter Treiber für einen selbsttragenden Aufschwung aber ausscheiden wird. Zum Vergleich: Im Jahr 2026 dürfte der private Konsum real rund drei Prozent über dem Vorkrisenniveau des Jahres 2019 liegen, der staatliche Konsum hingegen gut 16 Prozent.
„Die der Weltfinanzkrise 2008/2009 folgende Dekade war für Deutschland ein goldenes Jahrzehnt“, sagt Handelsblatt-Chefökonom Rürup. Die Volkswirtschaft habe von den Reformen der sogenannten Agenda 2010 und qualifizierter Zuwanderung aus den südlichen Krisenländern Europas profitiert.
Trotz sinkender Arbeitslosigkeit und hoher Steuereinnahmen hätten es die Großen Koalitionen in den 2010er-Jahren jedoch versäumt, den Standort zu pflegen und zu modernisieren, sodass die Wettbewerber aufholen konnten. „Heute ist die Volkswirtschaft leider ein Sanierungsfall: Die Bevölkerung altert rasch, die Infrastruktur verkommt, die Steuer- und Abgabenbelastungen für Unternehmen und Beschäftigte sind hoch, und Populismus ist auf dem Vormarsch“, meint Rürup.
„Die amtierende Bundesregierung sollte sich die erste GroKo aus dem Jahr 1966 zum Vorbild nehmen, die wie keine zuvor und danach das Land modernisierte“, so Rürup. Könnte sie deren Erfolge nicht wiederholen, drohe Deutschland ein verlorenes Jahrzehnt.