Kommentar: Nehmt Donald Trump endlich ernst

Für viele Amerikaner wirkt das, was Donald Trump tut, immer noch wie eine große Politshow. Am Wochenende drohte der US-Präsident erneut damit, die Nationalgarde auch nach Chicago zu entsenden – und inszenierte dies nicht etwa in einer Pressemitteilung, sondern mit einem KI-generierten Bild in den sozialen Netzwerken.
Zu sehen ist Trump, stilisiert als amerikanischer Colonel, vor der Skyline Chicagos, dahinter Militärhubschrauber und Explosionen. Sein Werk nannte er „Chipocalypse Now“, in Anlehnung an den Filmklassiker „Apocalypse Now“, einen Kriegsstreifen. Was sollen Showmaster großer Samstagabendsendungen da noch persiflieren, wenn der US-Präsident schon die Parodie seiner selbst ist?
Genau darin liegt die große Gefahr. Der komödiantische Anstrich lässt vergessen, in welchem Tempo der Präsident seine Machtausweitung vorantreibt: das Militär in immer mehr Städten, die zunehmend härtere Migrationspolitik, die Versuche der Einflussnahme auf unabhängige Institutionen wie die Notenbank, um nur wenige Beispiele zu nennen. Durch die ständige Selbstinszenierung und Überhöhung droht der Ernst dieser Eingriffe in den USA völlig zu verschwimmen.
Demokraten setzen auf ironische Provokationen statt Widerstand
Auch die Gegenseite trägt dazu bei. Die Demokratische Partei hat bislang kaum eine klare Strategie gefunden, Trumps Inszenierungen etwas entgegenzusetzen. Einzelne Figuren wie Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom, der Langzeit-Hoffnungsträger vieler Demokraten, setzen ebenfalls auf ironische Provokationen in den sozialen Medien. Doch wer den US-Präsidenten mit seinen eigenen Methoden karikiert, läuft Gefahr, das Problem der Verharmlosung nur zu verstärken.
Viele Amerikaner übernehmen diese Lesart. Als die Nationalgarde durch die Straßen von Washington D.C. marschierte, spielten Anwohner aus Lautsprechern die Titelmusik der Filmreihe „Star Wars“. Und als Trump das Verteidigungsministerium in „Kriegsministerium“ umbenannte, überwog in den anschließenden Diskussionen der Spott über die Kosten für den Schildertausch, statt die beispiellose Symbolik zu verurteilen. Allzu oft herrscht noch die Hoffnung vor, dass die Ankündigungen des Präsidenten am Ende nicht so ernst gemeint seien – dass sie eben ein Scherz seien.
Doch Trump meint es ernst. Und solange er sich auf die Wirkung der eigenen Inszenierung verlassen kann, verharmlost die Öffentlichkeit seine Politik. Es wird Zeit, den ehemaligen TV-Star und heutigen Präsidenten nicht mehr als Spektakel zu begreifen. Denn wer noch lacht, übersieht, wie ernst es längst geworden ist.