Venezuela: Wie Venezuela militärische Stärke demonstriert
Salvador. Es sollte wohl an den Kampf Davids gegen Goliath erinnern. Mitten in der Karibik hielten die venezolanischen Streitkräfte diese Woche ein dreitägiges Manöver ab. Die venezolanische Karibikinsel La Orchila, 160 Kilometer von der Festlandküste entfernt, war der Ort der militärischen Übung. Die Insel diente bereits als Gefängnisinsel der Militärs – und als Ferienresidenz der Präsidenten Venezuelas.
Nun übten dort 2500 Soldaten der „Bolivarianischen Streitkräfte“ für den Ernstfall und um Stärke zu demonstrieren. Der venezolanische Verteidigungsminister Vladimir Padrino López taufte das Manöver „Souveräne Karibik“.
Seit einem Monat bauen die USA in der Karibik eine militärische Präsenz auf: Derzeit umfasst die Flotte acht Kriegsschiffe, darunter zwei Zerstörer und ein Atom-U-Boot. Auf Puerto Rico wurden zehn F-35-Kampfjets stationiert. Anfang dieser Woche kamen fünf weitere Kampfflugzeuge und ein C-5-Militärtransportflugzeug hinzu, das sowohl Truppen als auch schweres Gerät transportieren kann. Zur Flotte gehören auch drei Schiffe speziell für Landangriffe. Auf See sollen sich 2.200 Marineinfanteristen und 4.000 weitere Soldaten befinden.
Die USA rüsten in der Karibik massiv auf
In den vergangenen Wochen hat die US-Flotte drei mutmaßliche Drogenboote aus Venezuela versenkt und deren Besatzungen getötet. Nun fühlt sich Präsident Maduro in seinem Amt bedroht. Er warnt davor, dass die USA einen „Regimewechsel durch militärische Drohungen“ erreichen wollen. Venezuela sei in „maximaler Bereitschaft“, falls US-Kräfte das Land angreifen wollten. Angeblich wurden vier Millionen Milizangehörige aktiviert, sprich zivile Kräfte demonstrativ in Bereitschaft versetzt.
Doch das venezolanische Militär ist vermutlich nur bedingt einsatzfähig. Laut „Power Index“ des privaten Verteidigungsthinktanks Global Firepower (GFP) steht Venezuelas Armee weltweit auf Platz 50 von 145 Staaten, wobei die Personalstärke, Ausrüstung, Logistik, Luft- und See-Kapazitäten berücksichtigt werden. In Lateinamerika selbst nimmt es nur einen abgeschlagenen siebten Platz ein.
Das Land verfügt über 23 russische Suchoi-Su-30-Kampfflugzeuge, iranische Drohnen und über 40 Jahre alte F-16-Jets aus den USA. In den Zeiten des Ölbooms ab der Jahrtausendwende hatte Venezuela Rüstungsgüter in Russland eingekauft.
Nach Angaben von Evan Ellis vom Strategic Studies Institute des Army War College der USA erwarb das Land neben den Kampfflugzeugen acht Hubschrauber und 44 Boden-Luft-Raketensysteme. Im Jahr 2006 hatte sich Maduros Vorgänger Hugo Chávez damit gebrüstet, dass Venezuela eine Million Kalaschnikow-Gewehre bestellt habe. Davon sollen jedoch maximal 100.000 ins Land gekommen sein.
Das britische International Institute for Strategic Studies (IISS) schätzt, dass dieses Arsenal nur begrenzt einsatzbereit ist. So seien etwa maximal die Hälfte der Suchoi-Flugzeuge und wohl kaum noch ein Exemplar der amerikanischen F-16-Jets funktionstüchtig.
Das meiste Geld für Rüstung ist verschwunden
Bei den Plänen und Ankündigungen Venezuelas muss zudem bedacht werden, dass ein großer Teil der Rüstungsgelder in Korruptionskanälen versickert sein dürfte. Das Land ist nicht mehr in der Lage, seine Ölindustrie am Laufen zu halten, da die Förderanlagen nicht modernisiert wurden. Beim Militär dürfte es nicht anders sein.
Maduro erklärte, dass er acht Millionen Venezolaner zu den Waffen rufen könnte – bei knapp 28 Millionen Einwohnern. Das IISS schätzt die Zahlen jedoch deutlich niedriger ein: 123.000 Soldaten, 8.000 Reservisten und 220.000 zivile Milizionäre.
Die Militärangehörigen gelten als demotiviert. Während sich die hohen Ränge Beobachtern zufolge an den Korruptionsgeschäften des Regimes beteiligen, können die unteren Ränge nur mit brutaler Repression bei der Stange gehalten werden.
Dabei liefert der kubanische Geheimdienst das Know-how, um die Reihen der Militärs geschlossen zu halten und Revolten zu verhindern. Unter den politischen Gefangenen des Regimes stammt der Menschenrechtsorganisation Foro Penal zufolge etwa ein Fünftel aus den Reihen des Militärs.
Der Lateinamerika-Experte Andrés Oppenheimer hält es für möglich, dass Trump die militärische Präsenz in der Karibik ausweitet, um venezolanische Militärs zu einer Revolte anzustacheln. Die US-Luftwaffe und -Marine könnten einen Aufstand in den Reihen der venezolanischen Militärs unterstützen. Bisher sind jedoch alle Versuche gescheitert, Maduro die Unterstützung der Militärs zu entziehen.
„Maduro fühlt sich in seinem Bunker nicht mehr sicher“
In oppositionellen venezolanischen Medien wie „El Nacional“ heißt es, dass sich Maduro in seinem Bunker nicht mehr sicher fühle. Im Süden der Hauptstadt Caracas unterhält das Regime eine Festungsanlage („Fuerte Tiuna“), die wie eine geschlossene Siedlung aussieht: Hochhäuser, in denen Militärs mit ihren Familien wohnen, schirmen die dahinterliegenden Villen der Generäle und den Bunker Maduros ab. Doch die Festung ist gegen interne Revolten konzipiert worden – und dürfte kaum einem gezielten militärischen Schlag standhalten.
Experte Oppenheimer prognostiziert auf Grundlage seiner Quellen in der US-Regierung, dass es sehr wahrscheinlich zu einem Luftangriff auf ein venezolanisches Ziel kommen wird, ähnlich wie beim jüngsten US-Angriff auf Atomanlagen im Iran.
Eine militärische Invasion Venezuelas durch US-Militärs gilt jedoch weiterhin als unwahrscheinlich. Trump will die USA in keinen neuen Krieg verwickeln. Mehrere US-Experten verweisen darauf, dass für einen Angriff auf das Land, das doppelt so groß wie Frankreich ist, eine weitaus größere Armee als eine mittelgroße Flotte, ein Dutzend Kampfflugzeuge und ein paar Tausend Marines notwendig wären.
Der Politikwissenschaftler Wladimir Ruwinski sieht die Drohkulisse gegenüber Venezuela auch als Teil einer neuen US-Strategie in Lateinamerika, um den Einfluss Russlands und Chinas dort einzudämmen.
Beide Staaten unterstützten das Regime in Caracas seit Langem, so der Experte für die Beziehungen Russlands zu Lateinamerika: „Moskaus Unterstützung für Venezuela ist der Hauptgrund dafür, dass das Maduro-Regime noch an der Macht ist“, sagt Ruwinski von der Universität Icesi im kolumbianischen Cali. Die USA machten nun deutlich, dass sie diese Aktivitäten in „ihrer Einflusssphäre“ nicht mehr hinnähmen.