Fahrradindustrie: Made in Germany: „Alles, was geht, machen wir selbst“
Heilsbronn. Die Deindustrialisierung in Deutschland lässt sich aufhalten – davon sind jedenfalls Benedikt Böhm und Martin Esslinger fest überzeugt. Die beiden Unternehmer wollen das ausgerechnet in einer Branche beweisen, die sich größtenteils aus Mitteleuropa verabschiedet hat: der Sportartikelbranche.
Und die beiden Firmenlenker wollen nicht nur entgegen dem Trend weiter hier produzieren. Sie schicken sich auch an zu expandieren.
„Wir werden unsere Wertschöpfungskette hier vor Ort noch einmal verlängern“, sagte Ortlieb-Chef Esslinger dem Handelsblatt. Ortlieb ist ein Spezialist für wasserdichte Fahrradtaschen und Rucksäcke. Esslingers Maxime: „Alles, was geht, machen wir selbst.“
Böhm ist Chef und Gesellschafter von Lupine, einem mittelständischen Hersteller von Rad- und Stirnlampen. Der 47-Jährige beschäftigt 45 Männer und Frauen in Neumarkt in der Oberpfalz. Böhm sagte: „Unser Anspruch ist es, die besten Lampen der Welt zu bauen“ – und zwar komplett und ausschließlich in Bayern.
Sich zum Standort Deutschland zu bekennen, ist inzwischen eher ungewöhnlich, der Trend geht in die entgegengesetzte Richtung. Allein in der Metall- und Elektro-Industrie gingen jeden Monat 10.000 bis 15.000 Industriearbeitsplätze verloren, sagte der Präsident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, Stefan Wolf, Mitte des Monats dem Handelsblatt. Seit 2018 seien in der Branche eine Viertelmillion Jobs abgebaut worden.
Was unterscheidet Ortlieb und Lupine von anderen Firmen? Wie gelingt es, die Fertigung hierzulande zu halten? Das sind ihre Erfolgsfaktoren:
- Hohe Wertschöpfung vor Ort
Die oberste Maxime von Ortlieb-Chef Esslinger ist: „Wir machen alles anders als die anderen. Das hebt uns ab von der Konkurrenz.“ Das heißt konkret: Statt die Ware aus Fernost zu beziehen, fertigt Ortlieb mit 290 Beschäftigten im fränkischen Heilsbronn. Und nicht nur das: Der wichtigste Zulieferer, von ihm stammen die Spritzgussteile, sitzt in derselben Straße. Die Reißverschlüsse produziert ein Unternehmen, das Firmengründer Hartmut Ortlieb auf dem Nachbargrundstück angesiedelt hat. Einen bedeutenden Teil der Maschinen konstruieren die eigenen Ingenieure. - Schlank aufgestellt und sparsam wirtschaften
„Es geht darum, maximal effizient und damit kostengünstig zu wirtschaften. Sonst können wir hier nicht wettbewerbsfähig produzieren“, sagte Esslinger. - Flexibel und schnell.
„Unser großer Vorteil ist die Geschwindigkeit. Wir können Kunden und Händler sofort beliefern. Es gibt keinen einzigen Wettbewerber, der hier produziert“, sagte Lupine-Chef Böhm. Einige Kaufleute ordern seiner Aussage nach fast jeden Tag. Würde die Ware aus Fernost kommen wie bei den Konkurrenten, müssten die Geschäfte monatelang im Voraus bestellen. Bei Preisen von mehreren Hundert Euro pro Lampe wäre das ein erhebliches Risiko für die Ladenbesitzerinnen und -besitzer. - Service für Händler und Konsumentinnen
Böhm verspricht einen zügigen Service, falls eine Lampe einmal nicht mehr strahlt: „Alles wird innerhalb von 24 Stunden repariert – und auch nach 30 Jahren gibt’s noch ein Update für unsere Produkte.“
Bei Ortlieb gehen jedes Jahr eigenen Angaben zufolge 18.000 Pakete ein, mit denen die Nutzerinnen und Nutzer ihre reparaturbedürftigen Taschen und Rucksäcke einsenden. Ein eigenes Team kümmert sich um die Reparaturen. Zudem hat Geschäftsführer Esslinger ein Netz an Händlern aufgebaut, bei denen das Rad-Equipment direkt vor Ort wieder instand gesetzt wird. - Nah bei den Kunden
Angesichts des manufakturartigen Charakters der Fertigung sei es möglich, viele Kundenwünsche zu erfüllen, sagte Böhm. „Die Individualisierung ist eine enorme Chance für uns.“
Die Konsumentinnen und Konsumenten schätzten ‚made in Germany‘, sagte Johannes Ahrens, Geschäftsführer des Outdoorhändlers Camp4 in Berlin. Je hochwertiger die Ware sei, desto wichtiger sei die Herkunft. „Ich würde das allerdings ausweiten auf ‚made in Europe‘“, sagte Ahrens. „Ob der Outdoorschuh aus Bayern oder aus Kopenhagen kommt, spielt eher eine untergeordnete Rolle.“
Wenn es eine Auswahl gäbe zwischen zwei gleichwertigen Produkten, könne ‚made in Europe‘ den Ausschlag geben. „Wenn nicht, werden eben gern Schlafsäcke aus Kalifornien und Kocher aus Japan gekauft.“
Kunden schauen auf das Herstellungsland
Stefan Bode, Geschäftsführer des Sporthändlers SFU Sachen Für Unterwegs, stellt schon seit Jahren fest, dass die Kunden kritisch zu Herstellungsländern und -bedingungen nachfragen. Bode sagte: „Wir versuchen, dem in der Zusammenstellung unseres Warenangebotes Rechnung zu tragen.“ Daher sei Ortlieb auch einer der ältesten und wichtigsten Handelspartner von SFU.
Bei der Bekleidung sei ‚made in Germany‘ allerdings nur ein „frommer Wunsch“. Immerhin gebe es inzwischen wieder einige Marken, die in Europa fertigten. Bode: „Das wird auch von der Kundschaft honoriert, unsere Zahlen spiegeln das eindeutig wider.“
Die führenden Sportartikelmarken Nike, Adidas und Puma beziehen ihre Shirts, Shorts und Schuhe zum weitaus überwiegenden Teil aus Fernost. Anbieter aus der Outdoorbranche lassen teilweise in Rumänien oder Portugal produzieren. Das hat seinen Grund: „Das größte Problem sind die Kosten in Deutschland“, sagt Lupine-Gesellschafter Böhm.
Ortlieb-Chef Esslinger ärgert noch etwas anderes. So würde er gern die Solaranlage seines Unternehmens ausbauen, um auch beim Strom unabhängiger zu werden. Allerdings sei der nächste Netzanschluss vier Kilometer entfernt, der Stromanbieter weigere sich, eine Leitung zu verlegen. Ohne Netzanschluss lohne sich das Investment aber nicht, sagte er.
Lupine bietet Fahrradlampen für mehr als 1000 Euro an
Trotzdem will Ortlieb in den nächsten Jahren investieren, um mehr Fertigung ins eigene Haus zu holen. Details dazu ließ Esslinger allerdings offen.
Klar ist aber jetzt schon: Es reicht nicht, in Deutschland zu fertigen, um in den Sportläden zu punkten. Daher wollen die beiden Mittelständler ihr Profil schärfen. Esslinger: „Es wird immer wichtiger, den Konsumenten unsere Geschichte zu erzählen.“
Das steht auch bei Lupine ganz oben auf der Agenda. Böhm: „Wir wollen künftig Licht zelebrieren, das Thema emotional aufladen.“ Potenziellen Käufern Ungewöhnliches zu bieten, ist vermutlich eine gute Idee bei den Preisen, die Böhm aufruft: Die leistungsstärksten Fahrradlampen bietet Lupine im Webshop für mehr als 1000 Euro an.
Erstpublikation: 23.10.2025, 04:33 Uhr.