Fahrradindustrie: Canyon macht Gründer wieder zum operativen Chef
München. Mitten in der Branchenkrise tauscht der deutsche Fahrradproduzent Canyon den Chef aus. Nach dreieinhalb Jahren an der Spitze trete Nicolas de Ros als Chef zurück, teilte das Unternehmen am Donnerstag überraschend mit. Gründer Roman Arnold soll als Executive Chairman wieder mehr operative Verantwortung übernehmen.
Die erfolgsverwöhnte Fahrradindustrie leidet seit einiger Zeit unter hohen Lagerbeständen, Rabattschlachten und geringerer Nachfrage. Dem Negativtrend konnte sich auch der ambitionierte deutsche Hersteller Canyon nicht entziehen, der sich als weltgrößter Direktversender im gehobeneren Segment versteht.
Allerdings schlug sich das Koblenzer Unternehmen besser als viele Konkurrenten, die teilweise Insolvenz anmelden mussten, wie zum Beispiel der österreichische Fahrradproduzent Simplon.
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Im ersten Halbjahr sanken die Umsätze von Canyon nach Aussage des Mehrheitseigners und Finanzinvestors Groupe Bruxelles Lambert (GBL) um fünf Prozent auf knapp 400 Millionen Euro. Der operative Gewinn brach demnach um 30 Prozent ein.
„Wir alle müssen uns noch mehr anstrengen“, sagte Chef de Ros dem Handelsblatt mit Blick auf die schwierige Branchenlage im März. Mit der Eröffnung weiterer Geschäfte und mit mehr Servicepartnern wollte er vor allem den direkten Kundenkontakt verbessern.
Doch nun übernimmt wieder Firmengründer Arnold die operative Führung. Zuletzt war er als Chairman stärker in einer kontrollierenden und beratenden Rolle tätig. Nun soll sich Arnold in neuer Funktion auf „die langfristige Vision und die künftige Strategie des Unternehmens“ konzentrieren.
Arnold kehre zurück, um „unsere Wurzeln zu stärken und unsere Zukunft zu gestalten“, sagte er. De Ros habe in den vergangenen Jahren eine starke Grundlage geschaffen.
Unter seiner Führung hatte sich der Umsatz auf etwa 800 Millionen Euro verdoppelt. Die ursprünglich für 2025 geplante Umsatzmilliarde hatte er aber in dem schwachen Umfeld nicht erreicht.
Der Anspruch Canyons sei, „die besten Fahrräder der Welt zu bauen“, sagte Arnold. Der Hersteller ist auch im Radsport stark als Ausrüster aktiv und konnte dort in den vergangenen Jahren einige Erfolge erringen.
Die Fahrradindustrie war über Jahre solide gewachsen. Zu Beginn der Coronapandemie erlebte sie dann einen kaum beherrschbaren Boom: Die Nachfrage stieg enorm, doch fehlten wegen der unterbrochenen Lieferketten Teile und Räder.
Als dann die alten Bestellungen und die neuen Modelle endlich in großem Schub eintrafen, war die Nachfrage abgeebbt. Die Branche hat sich davon bis heute nicht richtig erholt, auch wenn sie mit dem Abbau der Lagerbestände vorankommt.
Im vergangenen Jahr sanken die Umsätze der Branche mit Fahrrädern und E-Bikes in Deutschland um zehn Prozent auf 6,3 Milliarden Euro.
Die Zahl der verkauften Fahrräder ging zum vierten Mal in Folge zurück, und zwar um 2,5 Prozent auf 3,85 Millionen Stück. Eine Erholung erwartet die Industrie erst 2026.
Erstpublikation: 28.08.2025, 18:11 Uhr.