Deutschland: „In den Zukunftsbildern der Menschen dominiert das Dystopische“
Herr Grünewald, warum ist die Stimmung im Land eigentlich so gereizt?
Wir erleben eine Verdichtung von Bedrohungskulissen, die Menschen nehmen Krisen als „ewige Wiedergänger“ wahr. Früher gab es die Zuversicht, dass Probleme abgeräumt werden. Heute haben viele das Gefühl: Diese Krisen haben eine Zombie-Qualität – sie gehen nicht mehr weg. Das erzeugt ein starkes Ohnmachtsgefühl und eine Rückzugsbewegung: Man zieht sich ins private Schneckenhaus zurück und spannt vor die Außenwelt einen Verdrängungsvorhang. Kurzfristig stabilisiert das.
Dafür wirkt die Gesellschaft aber ganz schön fragil.
In unseren Studien sagen um die 87 Prozent, sie seien zuversichtlich mit Blick auf ihr privates Leben, aber nur noch rund 23 Prozent empfinden Zuversicht in Bezug auf Politik und Gesellschaft. Der Preis dieser kurzfristigen Stabilisierung ist hoch: Der Vorhang ist nie blickdicht. Was durchschimmert, wirkt diffus, gruselig – und verstärkt die Angst, weil echte Auseinandersetzung ausbleibt.
Was findet stattdessen statt?
Die sogenannte „Zeitenwende“ ist im Alltag vieler nie angekommen. Eine Zeitenwende braucht eine Vorstellung davon, was endet – und wofür wir aufbrechen. Beides fehlt.