Energie: Griechenland gewinnt bei US-Gaskonzernen an Bedeutung
Athen. Nach Jahrzehnten ohne nennenswerte Fortschritte kommt Bewegung in die Erdgassuche vor den griechischen Küsten – und die beiden größten US-Energiekonzerne sind daran beteiligt: Exxon und Chevron. Der griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis spricht bereits von einer „historischen Entscheidung“ und dem Beginn eines „neuen Kapitels in der Energiegeschichte“ seines Landes.
Exxon Mobil hat sich Anfang November eine 60-prozentige Beteiligung an einer Konzession zur Offshore-Gasförderung westlich der Insel Korfu gesichert. US-Botschafterin Kimberly Guilfoyle sagte dazu: „Amerika ist zurück und bohrt im Ionischen Meer.“ Kurz zuvor hatte die Regierung in Athen bereits ein Konsortium unter Führung von Chevron als bevorzugten Bieter für vier weitere Seegebiete vor der Halbinsel Peloponnes und südlich von Kreta ausgewählt.
Damit vertiefen die USA und Griechenland ihre energiepolitische Zusammenarbeit. Griechenland spielt inzwischen eine wichtige Rolle in den Bemühungen der USA, russische Gaslieferungen nach Europa zu ersetzen. Seit Anfang November liefert das Land amerikanisches Gas über Pipelines in die Ukraine.
Das LNG kommt per Tanker zu den Terminals bei Athen und Alexandroupolis, wird dort regasifiziert und über den „vertikalen Korridor“ durch Bulgarien, Rumänien und Moldau bis nach Odessa transportiert. Anfang dieser Woche unterzeichneten die griechische Gasgesellschaft Depa Commercial und der ukrainische Energiekonzern Naftogaz einen Vertrag über weitere Lieferungen für die Monate Dezember bis März.
Insgesamt könnte Griechenland so seine Rolle als Gas-Hub für Ost- und Südosteuropa durch eigene Förderungen im kommenden Jahrzehnt deutlich ausbauen. Die staatliche Gesellschaft für Kohlenwasserstoffe und Energiemanagement (Herema) schätzt die potenziellen Reserven des Landes auf rund 680 Milliarden Kubikmeter Erdgas. Das wäre das Hundertfache des aktuellen Jahresverbrauchs. Etwa ein Drittel davon, rund 200 Milliarden Kubikmeter, soll im Ionischen Meer und vor Kreta liegen. Zu heutigen Preisen entspräche dies einem potenziellen Bruttoerlös von rund 65 Milliarden Euro.
Politische Spannungen mit Libyen und der Türkei
Bestätigen sich die bisherigen Schätzungen, könnte Griechenland nicht nur seinen eigenen Gasbedarf weitgehend decken, sondern sich zu einem bedeutenden Energielieferanten für Südosteuropa entwickeln. Fachleute beziffern den Netto-Wirtschaftswert – unter Einberechnung konservativer Förderquoten sowie Erschließungs- und Transportkosten – auf 30 bis 35 Milliarden Euro. Hinzu käme die Wertschöpfung durch Investitionen in Infrastruktur, Häfen und spezialisierte Dienstleistungen.
Vor allem Exxon will dafür sorgen, dass es schnell geht. Nach Abschluss der technischen Planung und der Genehmigungsverfahren könnten 2027 die ersten Bohrungen beginnen, sagte John Ardill, Vizepräsident für globale Exploration beim Unternehmen, vor wenigen Tagen: „Wenn alles nach Plan läuft, starten wir Anfang der 2030er-Jahre mit der Förderung.“
Allerdings besteht im Seegebiet zwischen den griechischen Inseln, Libyen und der Türkei durchaus die Gefahr, dass nicht alles nach Plan läuft. Besonders die Explorationen vor Kreta sind politisch brisant.
Libyen protestierte bereits im Juni per Verbalnote bei der Uno gegen die griechische Ausschreibung. Die Regierung in Tripolis beansprucht Teile des Seegebiets südlich von Kreta als eigene Wirtschaftszone – gestützt auf ein umstrittenes Abkommen mit der Türkei von 2019.
Darin definieren Ankara und Tripolis einen rund 200 Kilometer breiten Korridor im östlichen Mittelmeer als gemeinsame Wirtschaftszonen, ohne die dort liegenden griechischen Inseln Kreta, Kassos, Karpathos und Rhodos zu berücksichtigen. Athen stuft das Abkommen als „null und nichtig“ ein; auch die EU erkennt es nicht an, da es griechische Souveränitätsrechte verletze.
Energie: Beteiligung der USA ändert womöglich die Lage
In der Vergangenheit hatte die Türkei bereits mehrfach auf Grundlage dieses Abkommens Arbeiten behindert. Als das Forschungsschiff „Ievoli Relume“ im Juli 2024 südlich von Kassos Vermessungen für ein geplantes Stromkabel zwischen Griechenland und Zypern durchführen wollte, tauchten zwei türkische Fregatten, eine Korvette und zwei Raketenschnellboote auf – das Forschungsschiff musste abdrehen. Ein ähnlicher Zwischenfall ereignete sich Anfang Februar 2025 vor Kreta.
Dort will Chevron aktiv werden. Partner ist Helleniq Energy, der größte Raffineriebetreiber Griechenlands. Die Konzessionsverträge sollen in den kommenden Wochen unterzeichnet und vom Parlament ratifiziert werden. Danach folgen seismische Untersuchungen und Probebohrungen. Und genau diese Beteiligung der USA könnte verhindern, dass auch Libyen versucht, Bohrungen im Mittelmeer militärisch zu verhindern.
Die Beteiligung großer Konzerne wie Exxon Mobil und Chevron stärke die strategische Position Griechenlands, sagte Energie- und Umweltminister Stavros Papastavrou. Dies sei „eine Entwicklung, die Hoffnung und Perspektiven für unser Land eröffnet“. Einen Widerspruch zu dem Ziel der EU, bis 2050 klimaneutral zu werden, sieht Papastavrou darin nicht: „Wir geben den grünen Übergang nicht auf, aber wir können eine potenzielle heimische Energiequelle nicht ungenutzt lassen.“
Erstpublikation: 24.11.2025, 11:56 Uhr.