Flugzeugbau: Boeing schließt wieder zu Airbus auf
Frankfurt. Es war denkbar knapp, aber am Ende hat es doch noch geklappt. Der europäische Luftfahrtkonzern Airbus hat sein vor mehreren Wochen leicht reduziertes Lieferziel bei kommerziellen Flugzeugen 2025 erreicht. 793 Verkehrsflugzeuge übergab Airbus im vergangenen Jahr an die Fluggesellschaften. Das teilte das Unternehmen am Montagabend mit.
Ursprünglich wollte das Unternehmen 820 Jets liefern. Wegen der anhaltenden Probleme bei vielen Zulieferern hatte das Management die eigene Vorgabe Anfang Dezember aber auf 790 Flugzeuge revidiert. Selbst das schien zu dem Zeitpunkt äußerst ehrgeizig zu sein. Das Unternehmen musste dafür im letzten Monat des Jahres 2025 mehr als 130 Flugzeuge liefern – so viele wie noch nie in einem Monat. Doch es gelang.
Die fast zeitgleich publizierten Zahlen von Boeing zeigen: Erneut hat Airbus seinen US-Rivalen bei den Auslieferungen übertroffen. Der US-Konzern, der auch 2025 unter der jahrelangen Krise und strengen Auflagen der US-Aufsicht litt, konnte im vergangenen Jahr genau 600 Flugzeuge an seine Kunden übergeben. Doch ganz allmählich arbeitet sich das Unternehmen aus dem tiefen Tal.
Der detaillierte Blick auf die Kennzahlen belegt: Der Wettbewerb im Duopol ist zurückgekehrt.
Airbus hatte es im Dauerwettstreit mit Boeing in den zurückliegenden Jahren relativ einfach. Nachdem 2018 und 2019 zwei fast fabrikneue Flugzeuge des beliebten Kurz- und Mittelstreckenjets Boeing 737 Max abgestürzt waren und 346 Menschen zu Tode kamen, musste die 737 über Monate am Boden bleiben.
Danach setzten immer neue Qualitäts- und Produktionsmängel dem Unternehmen zu – auch bei Langstreckenflugzeugen. Davon profitierte Airbus, wenn auch deutlich geringer, als Analysten und Investoren erwartet hatten.
Langsam dreht sich dieses Bild. Das zeigt sich zum Beispiel bei den Bestellungen. Erstmals seit Beginn der Boeing-Krise hat der US-Konzern mehr Aufträge von den Fluggesellschaften erhalten als Airbus. Die Daten von Boeing weisen für 2025 konkret 1075 neu bestellte Flugzeuge aus – bereinigt um die im gleichen Zeitraum stornierten Aufträge. Airbus kommt 2025 auf netto 889 bestellte Flugzeuge.
Das hat zwei Gründe. Zum einen hat der Airbus-Rivale einen prominenten und machtvollen Verkaufshelfer: US-Präsident Donald Trump. Einigt er sich in seiner aggressiven Zollpolitik mit anderen Regierungen, spielen in vielen Fällen Aufträge oder zumindest Absichtserklärungen für die Bestellung neuer Flugzeuge eine wichtige Rolle. Er habe wohl 1000 Boeing-Flugzeuge verkauft, sagte Trump vor einiger Zeit.
US-Präsident als Verkaufshelfer für Boeing
Bei Airbus beobachtet man diese Entwicklung mit Sorge. „Es ist richtig, dass der US-Präsident ihnen geholfen hat, indem Flugzeugaufträge Teil der Verhandlungen mit mehreren Ländern zur Lösung eines Zollstreits waren“, sagte Airbus-Chef Chef Guillaume Faury Mitte Dezember mit Blick auf die Entwicklung bei Boeing.
Ein paar Beispiele: Qatar Airways sicherte nach einem Besuch von Trump im Nahen Osten zu, bis zu 210 Boeing-Jets abzunehmen – Gesamtwert bis zu 96 Milliarden Dollar. Um höhere Zölle zu verhindern, versprach Großbritannien, Boeing-Flugzeuge in einem Volumen von zehn Milliarden Dollar zu bestellen. Turkish Airlines will nach einem Treffen zwischen Trump und dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan bis zu 225 Flugzeuge bei Boeing bestellen.
Zum anderen fällt es Boeing auch ohne die Unterstützung des US-Präsidenten wieder leichter, Aufträge zu ergattern. Für die 737 Max gibt es keinen Lieferstopp mehr, die US-Luftfahrtaufsicht FAA erlaubt, die Fertigung des Kurz- und Mittelstreckenflugzeugs nach und nach hochzufahren. Auch die Qualitätsprobleme bekommt der Airbus-Rivale unter Führung des Boeing-Chefs Kelly Ortberg langsam in den Griff.
Das Vertrauen in die Lieferfähigkeit von Boeing wächst – damit auch die Bereitschaft, dort zu bestellen. Die Einkaufschefs der Fluggesellschaften mögen es gar nicht, bei nur einem Lieferanten zu ordern. Das macht es schwerer, satte Rabatte auszuhandeln. Dass sich die längst überfällige Zulassung des von Fluggesellschaften wie Lufthansa sehnlichst erwarteten Langstrecken-Flugzeugs 777-9 weiter verzögert, bremst die zurückgewonnene Zuversicht nicht.
So soll der neue Langstreckenjet bei Emirates sukzessive den Airbus A380 ersetzen. Die Fluggesellschaft aus Dubai ist mit 270 Flugzeugen der größte Kunde für die 777-9. Erst Mitte November bestellte die Airline weitere 65 Stück. Der schon erwähnte Großauftrag von Turkish Airlines umfasst wiederum 50 Boeing 787 (Dreamliner), für weitere 25 Dreamliner wurde eine Kaufoption unterzeichnet.
Bei Langstreckenflugzeugen konnte Boeing seine jahrelange Führung sogar ausbauen. Im vergangenen Jahr bestellten die Fluggesellschaften beim US-Konzern 543 Langstreckenflugzeuge. Alleine für den Dreamliner gab es 368 Aufträge, der zweithöchste Jahreswert seit 2007 (369 Aufträge). Airbus kam auf 285 bestellte Jets der Typ-Familien A350 und A330. „Boeing bleibt der Champion bei Großraumflugzeugen“, schrieb Scott Hamilton vom Fachportal Leeham News vor einigen Wochen in seinem Blog.
Dagegen hat Airbus die Führung bei Kurz- und Mittelstreckenjets gefestigt. Derzeit spricht vieles dafür, dass der Konzern diesen Spitzenplatz nicht so schnell verlieren wird. Das Unternehmen will die monatliche Fertigungsrate der Flugzeug-Familie A320 bis 2027 von im Schnitt 50 im vergangenen Jahr auf 75 deutlich steigern. Das ist eine der wichtigsten Aufgaben von Lars Wagner. Der frühere Chef des deutschen Triebwerkherstellers MTU Aero Engines führt seit Jahresbeginn das Geschäft mit kommerziellen Flugzeugen.
Auf ihn wartet kein einfacher Job, denn immer noch kämpft Airbus wie alle Flugzeughersteller mit Engpässen bei den eigenen Lieferanten.