Energie: Batteriespeicherunternehmen Terralayr erhält 192 Millionen Euro
Düsseldorf. Das Unternehmen Terralayr erhält frisches Eigenkapital: Bestandsgesellschafter und ein Neuinvestor haben zugesagt, insgesamt 192 Millionen Euro in das Unternehmen einzubringen, das Standorte in Berlin, in London und in der Schweizer Stadt Zug hat. Zunächst werden 112 Millionen Euro investiert. Wenn die Projekte die geplanten Fortschritte erzielen, können später noch einmal 80 Millionen Euro folgen.
Damit fließt eine substanzielle Summe in ein Geschäft, das in Deutschland derzeit für Goldgräberstimmung sorgt – für das es in der Realität aber noch einige Hürden gibt.
Batteriespeicher profitieren davon, dass die Strompreise in Deutschland schwanken. In besonders sonnigen oder windigen Stunden produzieren erneuerbare Energien mehr Strom als benötigt, und Speicher können überschüssigen Strom günstig aufnehmen. Zu anderen Zeiten ist Elektrizität knapp und teuer – und Speicherbetreiber können mit dem Strom aus ihren Batterien viel Geld verdienen.
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Der Unternehmensberater Jan Zenneck, Partner bei der Boston Consulting Group (BCG), sagt: „Wenn ein Batteriespeicher mit preiswertem Material gebaut und gut vermarktet wird, kann er aktuell nach drei bis fünf Jahren sein eingesetztes Kapital zurückverdienen. Ich kenne sogar Projekte, bei denen es nur zwei Jahre gedauert hat.“
Der Weg zu einem funktionierenden Batteriespeicher ist jedoch kompliziert. Die Speicher müssen ans Stromnetz angeschlossen werden. Die Stromnetzbetreiber benötigen angesichts des aktuellen Speicherbooms allerdings sehr lang, um die Anschlussanfragen zu bearbeiten. Hinzu kommt: Wer für sein Speicherprojekt einen Kredit aufnehmen will, muss dem Kreditgeber zunächst erklären, wie er mit einer Technologie, die vom Wetter abhängt, sicher das geliehene Geld zurückverdienen kann.
Terralayr und der neue Investor des Unternehmens sind davon überzeugt, beide Hürden überwinden zu können. Damit hat die Finanzierungsrunde das Potenzial, nicht nur das Start-up, sondern auch den Batteriespeichermarkt in Deutschland entscheidend voranzubringen.
Terralayr plant den Bau von einem Gigawatt Batterieleistung binnen 36 Monaten
Der neue Investor ist der französische Vermögensverwalter Eurazeo, der unter anderem auch in das französische KI-Start-up Mistral investiert hat. Melissa Cohen, Partnerin und Co-Chefin für Infrastruktur bei Eurazeo, sagte dem Handelsblatt: „Deutschland ist für uns der attraktivste Markt für Batteriespeicher, und das Terralayr-Team hat sehr wertvolle und sich ergänzende Fähigkeiten.“
Was Terralayr für Investoren attraktiv macht, ist dessen Kombination aus zwei Geschäftsmodellen.
Erstens entwickelt Terralayr selbst Batteriespeicherprojekte. Der größte Teil des frischen Kapitals aus der Finanzierungsrunde soll in die neuen Batteriespeicher von Terralayr fließen.
Lange Wartezeiten auf Stromnetzanschlüsse, die viele andere Speicherprojekte aufhalten, sieht Unternehmenschef Philipp Man nicht als Hürde. Der Gründer sagt: „Wir haben mit unseren Batteriespeicherprojekten schon sehr früh angefangen. Wir haben schon 2022 Netzanschlussanträge gestellt – zu einer Zeit, zu der andere noch gefragt haben, ob Deutschland überhaupt Batteriespeicher braucht.“
Deshalb seien viele Batteriespeicherprojekte von Terralayr bereits weit vorangeschritten, sagte Man. Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben vier Batteriespeicher am Netz und zehn weitere im Bau. Insgesamt hätten diese Projekte eine Leistung von 150 Megawatt. Weitere 200 Megawatt seien bereits baureif.
Innerhalb der kommenden 36 Monate will Terralayr die Leistung seiner Batteriespeicher auf ein Gigawatt – also 1000 Megawatt – erhöhen. Insgesamt sind in Deutschland laut dem Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme aktuell 16,4 Gigawatt Batteriespeicherleistung installiert.
Laut BCG-Experte Zenneck kann der Batteriespeichermarkt in Deutschland noch für einige Jahre profitabel bleiben. Er sagt: „Zehn bis 20 Gigawatt an Batteriespeicherzubau bis 2030 dürfte der Markt noch verkraften.“
Wenn allerdings deutlich mehr Speicher dazukämen, könnten sich diese gegenseitig kannibalisieren: Alle Speicher profitieren von Strompreisschwankungen, gleichen diese aber auch aus. Je mehr Speicher es gibt, desto weniger schwankt der Strompreis also – und die Gewinne sinken.
Zenneck sagt: „Es kann sein, dass bei einem Batteriespeicherüberschuss in Deutschland einige Betreiber in ein paar Jahren Schwierigkeiten bekommen. Wer aber jetzt schon eine gute Projektpipeline hat, für den ist der Markt weiterhin extrem attraktiv.“
Software zur Vermarktung von Batteriespeichern macht Terralayr besonders
Terralayr setzt indes nicht nur auf die Entwicklung von Batteriespeicherprojekten. Das Unternehmen betreibt auch eine Software, die anderen Unternehmen helfen soll, ihre Speicher besser zu vermarkten – die sogenannte Layr-Plattform. Damit adressiert Terralayr ein Dilemma von Speicherbesitzern.
Wer mit Batteriespeichern Geld verdienen will, hat heute im Wesentlichen zwei Möglichkeiten: Die erste Option ist, die Speicherkapazitäten an den Strommärkten anzubieten. Dort würde ein Speicher etwa die Schwankungen erneuerbarer Stromerzeugung im Tagesverlauf ausgleichen oder auch als Puffer für den Folgetag angeboten werden. In diesem Bereich gibt es großes Potenzial, Geld zu verdienen, aber wenig Planungssicherheit.
Zweitens können Eigentümer ihre Speicher an andere Unternehmen vermieten. Diese nutzen die Speicher dann beispielsweise, um ihre eigene Stromproduktion zu stabilisieren, und bezahlen über mehrere Jahre einen festen, vereinbarten Preis. Das sorgt für planbare Umsätze, aber schmälert das Gewinnpotenzial des vermietenden Unternehmens.
Die Software von Terralayr kombiniert beide Geschäftsmodelle. Firmenchef Man sagt: „Unsere Plattform ermöglicht es Speicherbesitzern, zum Beispiel die Hälfte ihres Speichers durch Händler an den Strommärkten vermarkten zu lassen und die andere Hälfte fest zu vermieten.“ Zugleich fasse die Plattform Teile von mehreren Batterien zu einer großen, virtuellen Batterie zusammen, die dann wiederum an Stromerzeuger vermietet werden könne.
Kooperationen überzeugen Investoren
Mehrere große Energieunternehmen arbeiten bereits mit Terralayr zusammen. Die Energieversorger RWE und Vattenfall haben sogenannte „Tolling-Verträge“ mit Terralayr: Sie nutzen jeweils eine virtuelle Batterie der Layr-Plattform mit Leistungen um die 50 Megawatt für ihren Energiehandel und zahlen Terralayr dafür eine feste jährliche Vergütung.
Die Stadtwerke Duisburg wiederum bieten gemeinsam mit Terrlayr weiteren Stadtwerken an, ihre Batteriespeicher zu optimieren. Außerdem nutzen die Stadtwerke Duisburg die Layr-Plattform, um ihre eigenen Batteriespeicher zu vermarkten.
Zudem startet Terralayr nach eigenen Angaben bald auch eine Kooperation mit dem Energieversorger Steag Iqony.
Es waren auch diese Verträge, die den neuen Investor Eurazeo überzeugten. Partnerin Cohen sagt: „Terralayr ist eines der wenigen Unternehmen, denen es gelingt, nennenswerte Tolling-Verträge mit renommierten und kapitalstarken Unternehmen abzuschließen. Das gibt uns als Investor Sicherheit.“