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Ukraine-Präsident PoroschenkoDer Schokounternehmer, der keiner sein will

Vor fast einem Jahr versprach der ukrainische Präsident Petro Poroschenko, dass er seinen Roshen-Konzern verkaufen wird, wenn er zum Staatschef gewählt wird. Warum er sein Wort noch nicht gehalten hat.Maximilian Nowroth 27.02.2015 - 17:02 Uhr Artikel anhören

Staatschef und Unternehmer: Petro Poroschenko.

Foto: Reuters

Moskau. Petro Poroschenkos Versprechen ist jetzt schon 331 Tage alt: Am 2. April 2014 sagte der 49-Jährige in einem Interview mit der „Bild“-Zeitung: „Wenn ich ukrainischer Präsident werde, mache ich klaren Tisch und werde den Roshen-Konzern verkaufen.“ Ende Mai wählten die Ukrainer Poroschenko zu ihrem Präsidenten. Allein das Gelöbnis, sich „nur noch um das Wohl des Landes“ zu kümmern, hat er bis heute nicht eingelöst. Der ukrainische Staatschef ist immer noch Chef von Roshen, einem der größten Schokoladenproduzenten der Welt. Geschätzter Marktwert: 1,5 Milliarden Dollar.

Das Unternehmen mit Hauptsitz in Kiew hat vor einigen Tagen seine Geschäftszahlen für das vergangene Jahr bekanntgegeben. Trotz des Kriegs zwischen der Ukraine und Russland – den beiden wichtigsten Märkten für Roshen – hat der 1996 gegründete Konzern einen Reingewinn von rund 1,4 Millionen Dollar eingefahren. Roshen produziert in seinen sieben Fabriken mehr als 450.000 Tonnen Schokolade pro Jahr und beliefert Osteuropa – ein Konsumentenmarkt, der bekannt ist für seine vielen Naschkatzen. Warum will niemand dieses lukrative Unternehmen übernehmen?

Der Flughafen von Donezk im Osten der Ukraine zu Zeiten der Fußball-Europameisterschaft 2012: Der Airport war der modernste seiner Art in der Ukraine. Ein Prunkstück aus Glas und Beton, bezahlt vom Geld der Oligarchen. Doch selbst die konnten das schmucke Flughafengebäude nicht schützen...

Foto: ap

Davon ist nichts übriggeblieben: Offene Leitungen und Rohre liegen zwischen Schutt und Asche im zerstörten Terminalgebäude des Donezker Airports. Die Szenerie zeugt von schwerem Beschuss und Luftangriffen. Im und um den Flughafen starben besonders viele Menschen. Als strategisches Ziel wurden die Kämpfe zwischen ukrainischem Militär und prorussischen Separatisten hier besonders erbittert geführt.

Foto: ap

Das Innere des Flughafens: Im Airport selbst kam es zum Häuserkampf zwischen den Separatisten und von Kiew entsandten Soldaten. Das Bild beweist: Die Kämpfer machten vor nichts halt. Die Zerstörung ist absolut. Auch die Touristeninformation im Terminal liegt in Trümmern.

Foto: dpa

Der Kontrollturm des Flughafens war ebenfalls der modernste seiner Art im Land. Der Flughafen war für internationale Flüge ausgelegt und beförderte zu Zeiten der EM 2012 regelmäßig Fußballfans aus ganz Europa und die einheimischen Fans stets zu den Auswärtsspielen ihrer Mannschaft, dem Donezker Klub Schachtjor.

Foto: ap

Vom Tower ist heute kaum etwas übrig: Ein Satellitenbild des ukrainischen Militärs offenbart die massive Zerstörung des Kontrollturms vor den Toren der Industriestadt.

Foto: Reuters

Englische Verkehrsschilder erinnern an die Zeit, als der Flughafen nicht immer Kriegsgebiet war: Der Flughafen wurde nach dem Komponisten Sergei Prokofjew benannt und beförderte pro Stunde 700 Passagiere. Das Liniennetz umfasste Destinationen hauptsächlich in den Staaten der GUS, in Mitteleuropa, in Ferienregionen in Übersee und im Nahen Osten...

Foto: AFP

Bild aus besseren Zeiten: Der Flughafen spielte bis zu Beginn des Krieges eine wichtige Rolle im zivilen Luftverkehr des Landes. Fluglinien wie Aerosvit, Armavia, Austrian Airlines, Donbassaero, Lufthansa, Pegasus Airlines, Transaero, Turkish Airlines, Ukraine International Airlines, Wizzair (unter anderem nach Dortmund) sowie UTAir flogen den Flughafen an.

Foto: ap

Auch Flugzeuge waren vor den Kämpfen nicht sicher, wie das Satellitenbild der ukrainischen Regierung zeigt. Am 25. Mai 2014, einen Tag nach der Präsidentschaftswahl in der Ukraine, wurde der Flughafen von Separatisten eingenommen. Dann eroberten ihn ukrainische Truppen zurück. Der Flughafen wurde zum Mittelpunkt der Kämpfe zwischen den Russland zugeneigten Separatisten und ukrainischen Regierungstruppen...

Foto: Reuters

Ausgebranntes Flughafengebäude: Trotz mehrerer Waffenstillstände versuchten die Separatisten immer wieder das Gelände zu erobern: Die Soldaten der Ukraine verteidigten das Areal erbittert. Nachdem internationale Beobachter der OSZE am 14. Januar 2015 daran gehindert worden waren, die Lage vor Ort zu untersuchen, verkündeten die prorussischen Separatisten am 15. Januar 2015 die vollständige Besetzung des Geländes.

Foto: ap

Separatisten feuern mit schwerer Artillerie vom Gelände des Donezker Flughafens auf ukrainische Regierungstruppen: Mittlerweile ist nur noch schwer vorstellbar, dass vor nicht einmal zweieinhalb Jahren dort englische, französische und portugiesische Fans zu den Spielen ihrer Mannschaften bei der Europameisterschaft gelandet waren.

Foto: ap

Kämpfer der selbsternannten Volksrepublik Donezk vor dem, was einmal der Flughafen Donezk war: Noch immer sind am Airport bewaffnete Kämpfer stationiert. Der Kampf geht noch immer weiter. Dabei gibt es kaum noch etwas, das bislang nicht zerstört ist.

Foto: ap

Poroschenko dürfte der schleppende Verkauf persönlich am meisten stören. Nicht aus finanziellen Gründen, sondern der Reputation wegen. An dem Abend seiner siegreichen Wahl zum ukrainischen Präsidenten Ende Mai sagte der Mann, der aus der Nähe von Odessa stammt: „Wir sollten eine neue Tradition einführen: Wenn jemand auf den höchsten Posten gewählt wird, sollte er einen großen Schritt machen und sein Geschäft verkaufen, um sich ganz auf die Arbeit zu konzentrieren.“ Dieser Jemand namens Poroschenko ist jedoch bis heute Geschäftsmann und Milliardär.

Den Grundstock für sein Vermögen legte er in den Neunziger Jahren, als die Sowjetunion zerfiel. Poroschenko verdiente sein Geld mit dem Import von Kakaobohnen und gründete einige Jahre später das Unternehmen Roshen, bestehend aus den beiden mittleren Silben seines Nachnamens. Heute ist der „Schokoladenkönig“ nach Angaben von „Forbes“ der siebtreichste Mann in der Ukraine. Im Juni 2014 schätzte das amerikanische Wirtschaftsmagazin sein Vermögen auf 1,3 Milliarden Dollar. Das ukrainische Magazin „Nowoje Wremja“ gab im November vergangenen Jahres den Wert mit lediglich 520 Millionen Dollar an. Fakt ist: Poroschenko ist schwerreich.

Neben Roshen besitzt der Ukrainer Anteile an Banken und Versicherungen, hat 100.000 Hektar Land in der Ukraine und hält Aktien an einer Sirupfabrik, einem Schiffsbauer, einem Fitnessclub und dem Fernsehsender „Kanal 5“.
Letzteren will Poroschenko nicht verkaufen, weil es „ein unabhängiger Kanal ist, der eine entscheidende Rolle bei der Revolution am Maiden gespielt hat.“ Das sagte er in einem Interview im Mai. Ein Verkauf sei gefährlich für das ganze Land. In Russland dagegen gilt „Kanal 5“ bei vielen Menschen als „Propagandakanal“, der pro-westliche und anti-russische Stimmung verbreitet.

Deutschlands Handel mit Russland
...sind wirtschaftlich eng verwoben. Daimler ist am russischen Lkw-Hersteller Kamaz beteiligt, die BASF-Tochter Wintershall arbeitet eng mit Gazprom zusammen, Siemens unterhält eine Partnerschaft mit der Russischen Staatsbahn RZD.
2013 tauschten beide Länder Güter im Wert von rund 76,5 Milliarden Euro aus. Dabei überstiegen die Importe aus Russland die Exporte.
...machten drei Viertel der Importe aus Russland aus, die sich insgesamt auf 40,4 Milliarden Euro beliefen.
...lieferte Deutschland dem Statistischen Bundesamt zufolge Waren im Wert von 36,1 Milliarden Euro nach Russland.
An der Spitze standen die Maschinenbauer (8,1 Milliarden Euro), die Autoindustrie (7,6 Milliarden Euro) und die Chemiebranche (3,2 Milliarden Euro).
...liegt hinter China auf Rang zwei der Lieferländer Russlands.
...ist der elftwichtigste Absatzmarkt für die deutsche Exportwirtschaft.

Um sich von all seinen Geschäftstätigkeiten außer dem Fernsehkanal zu trennen, beauftragte Poroschenko Ende August die Schweizer Privatbank Rothschild mit dem Verkauf seiner Anlagen, allen voran die Schokoladenfirma Roshen. „Das sind für uns gute Nachrichten und wir sind froh, dass wir für diesen wichtigen Verkauf ausgewählt wurden“, sagte Giovanni Salvetti damals, Chef von Rothschild in der Region der ehemaligen Sowjetunion. Gemeinsam mit der Investment Capital Ukraine werde man schnellstmöglich mit dem Verkauf beginnen.

Doch dann spitzte sich die Krise in dem Heimatland des Schokoladenimperiums immer mehr zu, die Ostukraine wurde zum Kriegsgebiet. Im September hieß es, die Firma sei für einen lokalen Rivalen mit einem Wert von 1,5 Milliarden Dollar wohl zu groß. Außerdem zeigten sich die Investoren besorgt, mit dem Präsidenten eines Landes in Kriegszustand Geschäfte zu machen. Unbeachtet dessen bekräftigte Poroschenko sein Versprechen Mitte November erneut, wieder im Interview mit der „Bild-Zeitung“: „Ich bin zuversichtlich, dass die Verkaufsverträge schon bald unterschrieben werden können“, ließ sich der Präsident zitieren.

Die ukrainischen Parteien und ihre Köpfe
Die Parlamentswahl soll der krisengeschüttelten Ukraine an diesem Sonntag eine stabile Regierung bringen. Wegen der Gefechte im Osten werden aber vorerst nur 424 der 450 Sitze in der Obersten Rada in Kiew vergeben, es gilt die Fünfprozenthürde. Um 225 Sitze bewerben sich 29 Parteien mit mehr als 3000 Kandidaten, die restlichen 199 Mandate werden per Direktwahl bestimmt. Stimmberechtigt sind gut 36 Millionen Bürger. Die aussichtsreichsten Parteien im Überblick.PETRO-POROSCHENKO-BLOCK: „Zeit für Einigkeit“ ist der Slogan der neu gebildeten Partei von Präsident und Namensgeber Petro Poroschenko. Sie liegt in Umfragen weit vorne. Spitzenkandidat ist der Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko, der einen Wechsel vom Rathaus ins Parlament bisher kategorisch ausschließt. Vizeregierungschef Wladimir Groisman auf Listenplatz Vier gilt als Vertrauter von Poroschenko und wird als dessen Favorit für das Ministerpräsidentenamt gehandelt.
Vertreter der bis zum Machtwechsel im Februar regierenden Partei der Regionen treten getrennt an. Ex-Vizeministerpräsident Juri Boiko muss mit dem Oppositionsblock um den Einzug bangen. Sicher im Parlament dürfte dagegen der ehemalige Sozialminister und Vizeregierungschef Sergej Tigipko mit seiner wiederbelebten Kraft Silnaja Ukraine (Starke Ukraine) sein.
Den Rechtsradikalen um Parteiführer Oleg Tjagnibok werden in Umfragen nur geringe Chancen für einen Wiedereinzug gegeben.
Die Partei von Ex-Ministerpräsidentin Julia Timoschenko hat sich nach dem Weggang „altgedienter Kader“ verjüngt. Listenplatz Eins trat Timoschenko demonstrativ an die Militärpilotin Nadeschda Sawtschenko ab, die in Russland wegen Mordverdachts im Gefängnis sitzt. Kiew wirft Moskau politische Motive in dem Fall vor.
Frontmann ist der Abgeordnete Oleg Ljaschko. Sein Markenzeichen ist eine Heugabel, mit der er Kiew „ausmisten“ will.
Ganz auf Regierungschef Arseni Jazenjuk zugeschnitten ist der Wahlkampf der neugegründeten Volksfront. Auf ihrer Liste stehen viele Kabinettsmitglieder, etwa Innenminister Arsen Awakow. Auch Parlamentspräsident Alexander Turtschinow und der frühere Sicherheitsratschef Andrej Parubij sowie Journalisten und Frontkämpfer stehen Jazenjuk zur Seite. Viele Spitzenkandidaten arbeiteten früher in der Vaterlandspartei von Julia Timoschenko.

Einen Monat später gab es immer noch keine ernsthaften Kaufoptionen, stattdessen meldete sich der Rothschild-Manager Salvetti zu Wort: „Es ist sicherlich kein guter Zeitpunkt, zu verkaufen. Ich hoffe, die Situation wird sich in den ersten beiden Quartalen 2015 verbessern.“ Als Banker weiß Salvetti, dass Investoren nichts mehr fürchten als Unsicherheit. Mit jeder Kugel, die in der Ostukraine flog, sanken die Chancen auf einen baldigen Verkauf von Roshen.

Dafür gab es nun auch finanzielle Gründe: Wegen des Kriegs in der Ukraine verlor Roshen pro Monat vier Millionen Dollar, gab deren Präsident im Herbst bekannt. Das Unternehmen hat eine Fabrik in der Hafenstadt Mariupol, die in den vergangenen Wochen als ein Kriegsschauplatz ins Visier geriet. Die Kosten für importierte Rohstoffe des Unternehmens stiegen im vergangenen Jahr stark an, weil die ukrainische Währung Griwna mehr als die Hälfte ihres Wertes zum Dollar verlor. Im Dezember sagten Investmentbanker der Nachrichtenagentur Reuters, dass sie an eine Investition in der Ukraine zum derzeitigen Zeitpunkt stark zweifeln würden. Salvetti meinte nur: „Ich würde Poroschenko nicht raten, zu einem niedrigen Preis zu verkaufen.“ Logisch, denn der würde auch dem Banker schaden, der für den Deal eine Provision kassiert.

Internationale Konzerne wie Nestlé aus der Schweiz oder Mondelez aus den USA hielten sich mit Kommentaren zu einem möglichen Kauf auffällig zurück, obwohl sie beide in den vergangenen Jahren in der Ukraine und Russland investiert hatten.

Ein Grund für das Desinteresse der potenziellen Investoren ist auch, dass Roshens Umsätze in Russland eingebrochen sind.

Bis zum Jahr 2013 war Russland mit rund einem Drittel Umsatzbeteiligung der wichtigste Auslandsmarkt. 2001 hatte Poroschenko eine Fabrik in Lipezk gekauft, einer Großstadt 400 Kilometer südlich von Moskau. Dort produzierte Roshen früher mal rund ein Viertel seiner Schokolade weltweit.

Doch im März vergangenen Jahres, nachdem die Krim von Russland annektiert wurde, bekam die Fabrikchefin Besuch von schwer bewaffneten Polizisten, die stapelweise Dokumente konfiszierten. Russische Politiker beschuldigten die Fabrik, „Extremismus zu finanzieren“. Petro Poroschenko wird von einigen Russen als Marionette des Westens angesehen, der von den USA gekauft ist und nach dem „fingierten Putsch“ auf dem Maidan als Präsident eingesetzt wurde.

40 Millionen Euro des Firmenkapitals wurden eingefroren und die Fabrik musste ihre Produktion im Sommer für einige Woche stoppen. Russische Supermärkte strichen Roshen von ihrer Kaufliste, weil sie die Unzuverlässigkeit leid waren. Der jährliche Umsatz der russischen Fabrik halbierte sich und so schrumpfte auch der Wert von Poroschenkos Firmenanteilen.

Bis heute sind alle Importe von Süßigkeiten aus der Ukraine nach Russland verboten, das trifft auch die Produktion von Roshen in Ungarn und Litauen, die auf den größten Konsumentenmarkt verzichten müssen. Der Kreml dementiert, dass seine Entscheidungen politischer Natur seien und verweist auf Hygienemängel in den ukrainischen Süßigkeiten.

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Poroschenko selbst kann nur hoffen, das die vor einigen Wochen vereinbarte Waffenruhe von Minsk hält und sich die politische Lage in der Ukraine entspannt. Daran hängt sein Schicksal als Präsident: Die Leute erwarten von ihm, dass er Frieden bringt – und sein Wort hält.

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