Konzernumbau fruchtet: Werhahn zieht an Haniel vorbei
Die Solinger Werhahn-Tochter wurde 2015 durch den Kauf des italienischen Besteckherstellers Ballarini gestärkt.
Foto: picture-alliance/ dpaDüsseldorf. Sie finanzieren deutschen Tesla-Kunden die Elektroautos, beliefern Friseursalons mit der elektrisch heizbaren Spitzenschere „Carecut“, brechen Schiefer an der Mosel und produzieren Messer, die weltweit unter der Marke „Zwilling“ ihre Kundschaft finden: Die seit 175 Jahren meist im Verborgenen wirtschaftende Industriellenfamilie Werhahn, deren Stammsitz im rheinischen Neuss eher einer mittleren Sparkassenzentrale gleicht, stand lange im Schatten der benachbarten Clans wie Haniel und Henkel.
Zu unrecht, wie die soeben erstellten Geschäftszahlen zeigen. Mit ihrem Konglomerat aus oft nur kleinen Tochterfirmen feierte die bis vor kurzem noch renditeschwache Familienholding 2014 ihr Comeback, um im Jahr danach noch einmal kräftig nachzulegen. Mit 147 Millionen Euro überstieg der Konzerngewinn (vor Minderheiten) das Vorjahresergebnis um fast ein Drittel. Zum Vergleich: 2013 waren den Gesellschaftern von Werhahn unterm Strich nicht einmal elf Millionen Euro geblieben, nach 42 Millionen im Jahr zuvor.
Zu verdanken hat der Clan den Wiederaufstieg einem beherzten Konzernumbau, verordnet von Vorstandschef Anton Werhahn, Nachfahre von Unternehmensgründer Wilhelm Werhahn in fünfter Generation. Mit den Geschäftsbanken Abcfinance und Bank11 wuchs Werhahn stetig, das unrentable Mühlengeschäft („Diamant-Mehl“) gaben die Neusser für 80 Millionen Euro ab. Den Verkaufserlös steckten sie 2015 in den Kauf des italienischen Besteckherstellers Ballarini, den sie ihrer Solinger Tochter Zwilling zuschlugen.
Der Umbau zahlt sich aus. Als Rendite aufs Eigenkapital blieben den Neussern stattliche 6,5 Prozent – nach 4,8 Prozent im Vorjahr.
Mit dem Erfolg lassen die rund 420 Werhahn-Nachfahren den Haniel-Clan in Duisburg weit hinter sich. Hatte Haniel im Jahr zuvor noch durch außerordentliche Erlöse mithilfe von Unternehmensverkäufen geglänzt, mussten sich deren 680 Familiengesellschafter, geführt von Franz-Markus Haniel, 2015 mit einer Eigenkapitalrendite von zwei Prozent begnügen. Beim Umbau kommen die Duisburger nur zögerlich voran. Von den Milliardeneinnahmen aus dem Verkauf des Pharmagroßhändlers Celesio und Aktienpaketen von Metro hat Haniel bislang nur in den belgischen Matratzenbezugsspezialisten Bekeart investiert. Ein Unternehmen, das gerade einmal rund 200 Millionen Euro umsetzt.
Werhahn hat investiert in Risikokapitalfonds für Start-ups, schaut sich in der Fintechszene um und entwickelt eigene Ideen. So erfuhr das Handelsblatt, dass die Konzerntochter Abcfinance es Mittelständlern künftig ermöglichen will, unter eigenem Logo mit ihren Produkten auch gleich die Finanzierung anbieten zu können. Was bislang nur die Autohersteller mit eigenen Banken praktizieren, will Werhahn nun vielen Mittelständlern ermöglichen. Wie es geht, macht bereits der Laserspezialist Trumpf vor, der vor zwei Jahren eine eigenen Bank zur Absatzfinanzierung gründete.
Uneinholbar, was die Rendite betrifft, erscheint aus Sicht der Neusser allerdings die Nachbarschaft auf der gegenüberliegenden Rheinseite. Die von Simone Bagel-Trah geleiteten Nachkommen Fritz Henkels schafften 2015 eine Rendite von 14,1 Prozent aufs Eigenkapital. Die heute rund 100 Familiengesellschafter hatten sich schon 1985 für einen anderen Weg entschieden als die beiden übrigen rheinischen Clans. Als Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA) gingen die Henkels mit ihren damals 70 Tochtergesellschaften an die Börse. Die Kontrolle über den Düsseldorfer Dax-Konzern behielten sie dennoch – über eine per Gesellschaftervertrag vereinbarte Mehrheit bei den Stammaktien. Erst vor zwei Jahren wurde die Vereinbarung bis 2033 verlängert.
Eines ist den Familienkonzernen gemein. Sie wollen zukaufen, drängen auf Beteiligungsmöglichkeiten und versuchen, den Trend zur Digitalisierung für sich zu nutzen. So hält Haniel-Chef Stephan Gemkow Ausschau nach neuen Investments, ohne dass diese zu kapitalintensiv sind. Seine Vorgaben: „Kein Anlagenbau, aber Dienstleistung und leichte Produktion.“ Doch das ist nicht leicht, seufzt Gemkow: „Der Markt ist nicht besser geworden.“
Zwischen Sparsamkeit und Großzügigkeit
Welche Clans ihre Mitglieder kurzhalten – und welche kräftig ausschütten.
Dreh das Teil doch einfach um!“, soll der damalige Firmenpatriarch Wilhelm Werhahn seinem Handwerker geraten haben, als dieser ihn auf eine ausgetretene Stufe vorm Geschäft ansprach. Nach kurzer Prüfung erhielt der Chef jedoch die Auskunft: „Das geht leider nicht, auf diese Idee war Ihr Vater auch schon gekommen.“
Eine gewisse Sparsamkeit des Neusser Clans, die manche schon als Geiz bezeichneten, kann der soeben vorgelegte Geschäftsbericht des 175 Jahre alten Mischkonzerns nicht verbergen. Eine Dividende von gerade einmal 21 Millionen Euro mussten sich die 420 Nachfahren des Firmengründers 2015 teilen, was einer mickrigen Ausschüttungsquote von 1,2 Prozent auf das eingesetzte Kapital entsprach.
Die 50.000 Euro Dividende, die jeder Werhahn-Nachfahre 2015 im Durchschnitt erhielt, ermöglichen kaum ein arbeitsfreies Leben. Gleiches gilt zwar auch beim Nachbarn Haniel, wo jeder im Schnitt 58.800 Euro kassierte. Der Duisburger Konzern aber bezahlte das aus einem 30 Prozent geringeren Gewinn – für den Haniel zudem das Doppelte an Eigenkapital benötigte.