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Start-upsHoch gestapelt

Die CDU verleiht einen Preis an das Start-up Movinga, das kürzlich ein Drittel seiner Belegschaft entließ. Die Auszeichnung wirft die Frage auf, wie nachhaltig der Hype um junge Firmengründer wirklich ist.Miriam Schröder 05.09.2016 - 10:59 Uhr Artikel anhören

Bastian Knutzen (l.) und Chris Maslowski.

Foto: Pressefoto

Berlin. An der geschlossenen Tür hängt ein Zettel: „Please close the door“. Auf dem Briefkasten klebt die Bitte, Päckchen für Movinga beim Nachbarn abzugeben. Das Start-up wollte den Umzugsmarkt umkrempeln, global und digital. Jetzt zieht es erst mal selbst aus.

Wenn die Mittelstandsvereinigung der CDU am Dienstag den Deutschen Mittelstandspreis verleiht, zeichnet sie laut Einladung je einen Akteur aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft aus, „der sich besonders um die Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft verdient gemacht hat“. Geehrt werden sollen Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, der nationale Normenkontrollrat – und Movinga. Die Firma aus Berlin machte erstmals im Januar von sich reden, nachdem mehrere Investoren einem 23-Jährigen und einem 24-Jährigen zusammen 35 Millionen Euro für eine Idee gegeben hatten. Im Juni gab es wieder Nachrichten. Da war das Geld fast weg. 180 Mitarbeiter mussten gehen. Die Gründer gingen auch.

Wie passt das zusammen? Der Start-up-Hype ist im Mittelstand angekommen, so viel ist sicher. Berater, Politiker und Unternehmer beschwören unaufhörlich, dass nur mehr Gründerkultur der deutschen Wirtschaft, diesem erfolgreichen, aber in die Jahre gekommenen Modell, den Weg ins digitale Zeitalter ebnen werde.

Große Fonds stiegen ein

Meist sind es junge Männer, die gründen. „Alles ist möglich“ heißt ihr Motto. Ab und an geht der Ansatz aber schief. Der Spieleentwickler Goodgame hat sich gerade von über hundert Mitarbeitern getrennt. Die Macher der Dating-Plattform Lovoo saßen im Juni ein paar Tage in Untersuchungshaft. Sie sollen Kunden mit gefälschten Profilen angelockt haben. Unister-Chef Thomas Wagner verunglückte tödlich bei dem verzweifelten Versuch, sich Geld zu beschaffen, um die Insolvenz seines Unternehmens abzuwenden.

Empire-Entwickler

Schwierigkeiten bei Goodgame

Alles Einzelfälle? Oder ein Teil ebenjener Kultur, die gerade so gehyped wird? Eine Kultur, in der man Chance sagt, nicht Scheitern. In der Pragmatismus über Perfektion geht und Schnelligkeit über alles. Alles ist möglich – was soll da noch falsch sein?

Bei Movinga stellte sich diese Frage lange Zeit niemand. Im März, als die Jury des Deutschen Mittelstandspreises sich entschied, das Start-up auszuzeichnen, hatten seine Gründer, Bastian Knutzen und Chris Maslowski, scheinbar alles richtig gemacht. Sie hatten Topinvestoren von ihrer Geschäftsidee überzeugt. Große Fonds wie Rocket Internet, Earlybird und Index Ventures beteiligten sich an Movinga, und viele kleinere. Über den Europäischen Investmentfonds EIF floss auch Steuergeld in die Firma.

Sogar Google soll über einen Einstieg nachgedacht haben. Da war die Firma noch kein Jahr am Markt. Mit dem Geld kam das Medieninteresse. Und irgendwann auch die Mittelstandsvereinigung der CDU.

Das Handelsblatt saß auch in der Jury für den Mittelstandspreis. Wir trafen die Gründer von Movinga erstmals im Februar. Sie boten Chips und Cola an. Die meiste Zeit sprach Knutzen. Über das Unternehmertum und den Segen, den die Digitalisierung der mittelständisch geprägten Umzugsbranche bringen würde. Über die Verantwortung für seine Mitarbeiter. Knutzens Rede hätte einem CDU-Publikum gefallen.

Doch Knutzen wird den Preis nicht entgegennehmen. Er ist ja nicht mehr da. Knutzen und Maslowski sollen das Geld, das ihnen die Investoren anvertrauten, nicht nur schnell ausgegeben haben. Wäre im Juni kein neues gekommen, hätte die Firma vor dem Aus gestanden. Inzwischen steht der Verdacht im Raum, den Investoren seien manipulierte Zahlen vorgelegt worden. Die Gründer weisen die Vorwürfe zurück. Ihre Geschäftszahlen seien den Gesellschaftern „zu jedem Zeitpunkt korrekt und maximal transparent dargestellt worden“, sagt Bastian Knutzen.

Das sehen viele anders. Mit ihren Namen nennen lassen möchten sie sich nicht. Aber ihre Aussagen sprechen Bände. Hinter Movinga steht ein einflussreiches Netzwerk prominenter Investoren in Berlin, allen voran Oliver Samwer, der Chef von Rocket Internet. Viele Investoren kennen sich von der Elite-Uni WHU in Vallendar oder von ihrer gemeinsamen Zeit bei Rocket Internet. Sie haben ihre eigenen Firmen mit Gewinn verkauft und fungieren jetzt als Geldgeber, Mentoren und Türöffner für die nächste Generation.

Movinga galt in diesen Kreisen lange als das nächste große Ding. „Alle haben da mitgemacht. Man hatte Angst, etwas zu verpassen“, sagt einer von denen, die investiert haben. „Herdentrieb“, nennt es ein anderer. Als das Geld kam, feierte die ganze Firma im Weekend-Club, 15 Stockwerke über dem Alexanderplatz. Man kann sich sehr leicht sehr groß fühlen in Berlin.

Ein Drittel der Belegschaft musste gehen

Knutzen und Maslowski haben beide an der WHU studiert, Movinga war das Ergebnis einer Seminararbeit. Erst ließen die beiden online Studenten für Umzüge buchen. Dann dachten sie größer. Sie wollten einen Algorithmus programmieren lassen, der die Anfragen von Kunden automatisch an Subunternehmer mit freien Kapazitäten weiterleitet. Die Möbelspediteure sollten ihre Lkws besser auslasten und Movinga dafür eine Provision kassieren. Knutzen und Maslowski wollten eine globale Umzugsmarke schaffen. In der Busbranche hatte das Prinzip mit Flixbus schon funktioniert. Was sollte da schiefgehen?

Eine ganze Menge. Als im Juni fast ein Drittel der Belegschaft gehen musste, rankten sich Vorwürfe um die Gründer. Als sie publik wurden, hätte die CDU den Preis zurückziehen können. Sie tat es nicht. Man habe intern intensiv diskutiert, sagt Gitta Connemann, die Vorsitzende der Jury und stellvertretende Fraktionschefin der CDU/CSU im Deutschen Bundestag. Die Idee von Movinga sei gut, sie eröffne den mittelständischen Umzugsunternehmern die Möglichkeit, an den Chancen der Digitalisierung teilzuhaben. Die Firma habe eine neue Führung, die Anfangsschwierigkeiten seien überwunden. Dass Mitarbeiter gehen mussten, sei zwar bitter: „Aber wenn wir Menschen in Deutschland ermutigen wollen, das Risiko einer Gründung einzugehen, müssen wir uns auch die Frage stellen: Gestatten wir Fehler?“

Die Frage ist berechtigt. Nur: Wo hören Anfängerfehler auf, und wo beginnt der Systemfehler? Aufstieg und Fall der Firma Movinga erinnern an die Zeit um die Jahrtausendwende. Auch damals war der Hype um die Start-ups sehr groß. Aus Angst, die ganz große Chance zu verpassen, schauten viele nicht mehr genau hin, wem sie ihr Geld gaben. Und wofür.

Dossier „Deutschland, Deine Start-ups“

33 Wetten auf die Zukunft

Im Mai 2015 zogen Knutzen und Maslowski von Vallendar nach Berlin, richteten die ersten Firmenräume ein. Sie heuerten ein paar Leute an, die meisten frisch von der Uni, viele aus dem Ausland. Junge, begeisterungsfähige Menschen, die außer ihren Kollegen oft keine Freunde in der Stadt hatten. Oft arbeiteten sie Nächte durch, manchmal gingen sie zusammen feiern. Die Nachmieter fanden Matratzen im Serverraum.

Knutzen und Maslowski zeichneten sich nicht nur durch harte Arbeit aus. So soll es vorgekommen sein, dass Praktikanten in Internet-Cafés unter falschen Namen positive Bewertungen schrieben. Die Gründer verbreiteten derweil unentwegt ihre Geschichte: Sie hätten einmal zehn Umzugsunternehmer in eine angemietete Wohnung eingeladen. Jeder sollte ausrechnen, wie viel Kartons er für die Einrichtung bräuchte, welchen Laster und wie viele Leute. All diese Experten seien zu unterschiedlichen Ergebnissen gekommen. Der Movinga-Algorithmus könne das schneller, besser und billiger.

Die Geschichte überzeugte. Bloß: Sie war erfunden. Es gab keinen ausgefeilten Algorithmus. Am Anfang war Movinga streng genommen nicht einmal digital. Die Firma musste jeden potenziellen Kunden anrufen, und überreden, einen Auftrag zu tätigen.

Umzugsverband warnte vor Knebelverträgen

Das Handelsblatt hat mit mehreren Mitarbeitern von Movinga über die Zeit im Sommer 2015 gesprochen. Keiner erinnert sich, damals irgendetwas falsch gefunden zu haben. Der Satz, der in den Gesprächen am häufigsten fiel, lautet: „Das machen alle so.“ Auch die Geldgeber gaben sich gelassen. „Am Anfang muss man ausprobieren, ob etwas funktioniert, und wenn es scheitert, schnell umschwenken“, sagt einer der Movinga-Investoren. „Wenn man sich da an jede Regel halten würde, käme man nie voran.“

Arbeitsstättenverordnungen, Arbeitszeitgesetze, Datenschutz – es gibt viele Regeln, die Start-ups nerven. Die CDU-Mittelstandsvereinigung will sich dafür einsetzen, dass der Staat eine Art Schutzzone um die jungen Firmen baut. Start-ups sollten von bestimmten bürokratischen Auflagen befreit werden.

Das Problem von Movinga aber war nicht die Bürokratie. Die Umzugsbranche selbst wollte sich gar nicht digitalisieren lassen. Der Verband warnte seine Mitglieder vor Dumping-Preisen und Knebelverträgen. Hatte Movinga seine Kunden zusammentelefoniert, musste jemand die Möbel schleppen. Dafür arbeitete das Start-up teils mit Kleinstunternehmen zusammen, die günstig waren, aber nicht gut. Immer wieder beschwerten sich Kunden, stellten Wartezeiten oder zerbrochenes Geschirr in Rechnung.

Jochen Cassel, Finn Hänsel und Christoph Müller-Guntrum (v.li.).

Foto: Pressefoto

Das Unternehmen bezahlte die Mitarbeiter, die Kunden akquirierten, zum Teil auf Provisionsbasis. Einige kamen dabei auf einen Trick. Sie buchten Aufträge, die es nicht gab und stornierten sie wieder, sobald sie ihre Provision eingestrichen hatten. Manchmal vergaßen sie die Stornierung. Dann standen am Tag des Umzugs zwei Wagen vor der Tür des Kunden, einer von der Firma, die er tatsächlich beauftragt hatte, und einer von Movinga. Das Unternehmen zahlte oft drauf. Doch anstatt ihren Laden in den Griff zu bekommen, expandierten die Gründer. Anfang 2016 waren sie bereits in sieben Ländern unterwegs. Sie wollten wachsen, bevor ihnen einer zuvorkam.

Im August hatte Movinga Konkurrenz von Movago bekommen, das sich nach einem Rechtsstreit in Move24 umbenannte. Es galt, den eigenen Namen möglichst schnell bekanntzumachen. Große Investmentfonds befeuerten diesen Wettbewerb mit Geld. Der Druck, dass wenigstens eines von zehn Investments binnen acht bis zehn Jahren mehr einbringt, als sie mit den anderen verloren haben, ist hoch.

Investoren waren alarmiert

Um ihre Nerven zu beruhigen, füllen Investoren alles, was man zählen kann, in Excel-Tabellen. Die Zahlen lassen sie sich regelmäßig schicken. Das Umsatzwachstum ist eine sehr wichtige Zahl. Wenn sie stimme, würden nicht mehr viele Fragen gestellt, berichten Insider. Zum Beispiel, ob die gebuchten Umsätze wirklich eingelöst werden können, und wie hoch die Stornierungskosten sind, die man davon noch abziehen müsste.

Ab dem Frühjahr schlief Movinga-Gründer Knutzen immer öfter in der Firma. Sie beschäftigten jetzt fast 500 Leute und hatten mittlerweile zwei große Büros angemietet. Wenn die Zahlen nicht stimmten, konnte Knutzen schnell ungehalten werden, berichten ehemalige Mitarbeiter. Ende April tauchte ein anonymer Brief auf, der über Twitter verbreitet wurde. Darin war auch die Rede von einem enormen Verkaufsdruck. Das sei „Quatsch“, sagte Knutzen damals gegenüber dem Handelsblatt. Von den Betroffenen sprach keiner öffentlich.

Doch jetzt waren die Investoren alarmiert. Sie verschafften sich Zugang zu internen Daten. Mehrere von ihnen wollen herausgefunden haben, dass die Gründer nicht nur mit ihren Geschichten übertrieben, sondern auch mit ihren Zahlen. Der sogenannte „Net Promoter Score“ zum Beispiel, der den Anteil der zufriedenen Kunden misst, soll viel höher angegeben worden sein, als er tatsächlich war. Ein paar Wochen hielten die Investoren noch an Knutzen und Maslowski fest. Niemand gibt gerne zu, dass er sich geirrt hat, dafür war auch zu viel Geld im Spiel.

Im Juni, als das Geld fast alle war, reichte es ihnen. Eine Finanzierungsrunde, bei der noch einmal eine zweistellige Millionensumme hätte fließen sollen, platzte in letzter Minute. Offiziell haben sich die Gesellschafter mit den Gründern darauf geeinigt, dass Movinga für die nächsten Schritte erfahrenere Manager gebrauchen könnte. Es sei „die schwerste Entscheidung ihres Lebens“ gewesen, schrieben Knutzen und Maslowski am 17. Juni an ihre Mitarbeiter. Hinter den Kulissen aber wurde Druck auf die Gründer gemacht. Das belegen E-Mails der Investoren, die dem Handelsblatt vorliegen.

Eine Überweisung der Investoren in Höhe von fünf Millionen Euro rettete das Start-up. Doch statt 70 Millionen soll Movinga jetzt nur noch um die 20 Millionen Euro wert sein. Wenn man Praktikanten und freie Mitarbeiter mitzählt, mussten 180 Leute gehen, das Geschäft in Italien, Großbritannien und Irland wurde geschlossen.

Fokus liegt wieder auf den Kernmärkten

An die Stelle der Gründer setzten die Investoren drei ehemalige Unternehmensberater, Jochen Cassel, Finn Hänsel, und Christoph Müller-Guntrum. Sie sollen „die Prozesse glatt ziehen“, wie man in so einem Fall gerne sagt. Sie haben alle jahrelange Erfahrung in der Start-up-Szene und einen Ruf zu verlieren. Sie sagen, dass sie an die Idee und an die Firma glauben.

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Erst kürzlich haben sie die Wände frisch gestrichen. Sie sitzen jetzt wieder alle in einem Büro. Der Mietvertrag für das zweite läuft im Herbst aus. Der Fokus liege jetzt wieder auf den Kernmärkten, investiert werde in die Technik und die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit Kollegen, Kunden und Spediteuren, sagt Finn Hänsel. Der „Net Promoter Score“ habe sich „signifikant“ erhöht. Wenn ein Kunde jetzt einen Umzug bucht, schickt Movinga ihm Blumen zum Einzug. Kundenbindung nannte man das früher, und vielleicht war es gar kein schlechtes Wort.

Auch die Investoren hoffen, dass aus Movinga, dem preisgekrönten Start-up, langfristig eine Erfolgsgeschichte wird. Einige haben sich vorgenommen, in Zukunft genauer hinzuschauen, wem sie ihr Geld geben.

Ob Bastian Knutzen und Chris Maslowski davon noch einmal etwas bekommen? Die beiden arbeiten an einem neuen Projekt, verriet Knutzen dem Handelsblatt. Natürlich „mit Vollgas“.

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