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Viehof-Sammlung in HamburgRoter Teppich für die deutschen Kunststars

Beuys, Immendorff, Polke: Mit ihrer Erbschaft haben die Viehof-Brüder aus Mönchengladbach Hunderte Kunstwerke gekauft. Hamburg zeigt den Kernbestand in zwei Museen – trotz der wiederholten Schlagzeilen um die Sammlung.Johannes Wendland 06.11.2016 - 19:03 Uhr Artikel anhören

Georg Baselitz bezieht sich in den Großformaten auf sein Frühwerk – mit den noch nicht auf den Kopf gestellten „Helden“.

Foto: dpa

Am Ende haben die Wände nicht ausgereicht. Ursprünglich wollten die Hamburger Deichtorhallen für ihre Sonderausstellung 850 aus der rund 1.000 Werke umfassenden Sammlung Viehof zeigen (bis 22.1.2017). Die beiden Standorte der Ausstellung – die eine Deichtorhalle und die vom Kunstsammler Harald Falckenberg umgebauten Phoenix-Werke in Harburg – reichten schließlich für etwa 550 Arbeiten. Großzügig ist die Präsentation in der Nordhalle, kleinteiliger, konzentrierter in Harburg.

Keine Frage, Hamburg hat der Sammlung der vier Viehof-Brüder aus Mönchengladbach den roten Teppich ausgerollt. Und das für eine Sammlung, die nicht unbekannt ist und wiederholt Schlagzeilen gemacht hat.

Im Mittelpunkt dieser Schlagzeilen: Helge Achenbach, der Düsseldorfer Kunstberater, der mehr als zwei Jahre wegen Abrechnungsbetrügerei im Gefängnis saß und seit Anfang September Freigänger ist. Achenbach hatte den Brüdern Eugen, Klaus, Michael und Bernd Viehof etwa um die Jahrtausendwende geraten, eine Sammlung deutscher und vor allem rheinländischer Kunst der Nachkriegszeit aufzubauen. Die Viehofs hatten damals eine satte Erbschaft angetreten. Ihr Vater, Eugen Viehof sen., konnte 1998 seinen Einzelhandelskonzern Allkauf für geschätzte 2,4 Milliarden D-Mark an die Metro-Gruppe verkaufen. Die vier Brüder hatten das Geld in die gemeinsam gegründete Vibro-Beteiligungsgesellschaft gesteckt, die beispielsweise die Fahrrad- und Outdoorhandelskette BOC sowie zahlreiche Immobilienanlagen finanziert.

Achenbachs Idee zündete. Seit 2002 trug er im Auftrag der bis dahin nicht kunstaffinen Brüder alles zusammen, was in der deutschen Kunst der Nachkriegszeit Rang und Namen hatte – Werke von Joseph Beuys, den älteren Malerstars Baselitz, Immendorff und Polke, der etwas jüngeren Generation wie Kippenberger, Oehlen und Dahn bis zu den (auch nicht mehr ganz) jungen Stars Daniel Richter, Neo Rauch und Corinne Wasmuht. Besonders stark vertreten in der Sammlung sind Künstler aus Köln und Düsseldorf, den wichtigsten Kunstmetropolen der alten Bundesrepublik.

Experimentelle, junge Positionen oder Video- und Installationskunst fehlen dagegen völlig. Die rasch wachsende Sammlung erhielt den passenden Namen „Sammlung Rheingold“. Neben den Viehofs und Achenbach selbst firmierte noch die Düsseldorfer Unternehmerin Hedda im Brahm-Droege als sechste gleichberechtigte Gesellschafterin der Sammlung Rheingold. 2008 wurde sie durch den Zukauf großer Teile der Sammlung des Kölner Arztes Reiner Speck kräftig erweitert. Unter anderem ist die Düsseldorfer Becher-Schule reich vertreten, etwa durch Werke von Candida Höfer, Jörg Sasse und Thomas Ruff.

Vor zwei Jahren geschah dann das, was Eugen Viehof wahlweise als „großen Kladderadatsch“ oder als „Vorfall“ bezeichnet. Achenbachs ganz spezielle Geschäftsführung flog auf, der Kunstberater landete im Knast, und die Sammlung Rheingold wurde in sechs gleiche Teile zerlegt. Auch die Viehofs gelten als Geschädigte – beim Ankauf des umfangreichen „Remix“-Zyklus von Georg Baselitz für die Sammlung Rheingold soll Achenbach seine Mitgesellschafter übervorteilt haben.

„Unsere Sammlung ist auf Langfristigkeit hin angelegt.“

Foto: dpa

„Für uns Brüder waren diese Ereignisse der Anlass, unsere Sammlung neu auszurichten“, sagt Eugen Viehof. Man werde künftig versuchen, Lücken zu schließen und neue Werkgruppen der bereits in der Sammlung vertretenen Künstler zu erwerben, um den Anschluss an die Gegenwart zu halten. Beraten werden die vier Sammler dabei von ihrer Kuratorin Annika Forjahn, die bereits den Aufbau der Sammlung Rheingold begleitete. Gegenüber dem Handelsblatt nennt er ein Beispiel: „Daniel Richter hatte eine kreative Pause eingelegt, aber jetzt wieder angefangen zu malen. Und da überlegen wir gerade, neue Arbeiten von ihm zu kaufen.“ In der Tat zählen die Daniel-Richter-Bilder zu den Höhepunkten der Ausstellung. Vor allem die kleinen Bilder zeigen eine Intimität und Konzentration, die sich stark von Richters großen, mitunter überladenen Kompositionen unterscheidet.

Inkunabel von Beuys

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Eine solche durchgängige Qualität bei den angekauften Arbeiten ist bei anderen Konvoluten der Sammlung nicht immer zu finden. Besonders die 19 Werke von Sigmar Polke in der Sammlung sind nicht durchgängig erstrangig, auch die in einem kleinen Kabinett präsentierten Arbeiten von Joseph Beuys wirken ein wenig zusammengesucht – wobei hier allerdings eine der Inkunabeln der bundesrepublikanischen Kunst zu finden ist: die beiden gelben Tafeln mit der berühmten Aufschrift „Dürer, ich führe persönlich Baader + Meinhof durch die Documenta V“ von 1972.

Die zwei verschiedenen Stränge der Sammlung werden durch Kontraste sichtbar: So prallen in den Deichtorhallen Übermalungen von Arnulf Rainer mit dem opulenten, knallbunten Zyklus „Firenze“ von Gerhard Richter aufeinander. Gleich im nächsten Kabinett breitet sich eine spröde Bodenarbeit mit Kupferplatten von Carl Andre vor großformatigen Bildern von Sigmar Polke und Jörg Immendorff aus. Das Konzept geht auf – oftmals beleuchten sich die ausgestellten Werke gegenseitig in ihrer Gleich- und Ungleichzeitigkeit. Man merkt, dass der Kurator, Intendant Dirk Luckow, in die Vollen gehen konnte. Diese reichhaltige Sammlung in den beiden schönen Ausstellungsorten zu sehen ist ein Genuss.

Ist die Sammlung Leidenschaft oder Investment? Viehof beteuert, sie sei auf Langfristigkeit hin angelegt. Gefragt, ob die Brüder dereinst dem Trend zum Sammlermuseum folgen wollten, schüttelt Eugen Viehof zunächst den Kopf. Die Mittel, die der Betrieb eines festen Hauses beanspruchen würde, wolle man lieber in neue Kunst stecken. Doch dann rutscht ihm noch ein „Vielleicht in Zukunft“ heraus.

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