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Ökonomische Bildung in Spanien„Wie viel verdienen Sie?“

In Spanien werben Börsenaufsicht und Zentralbank für Finanzunterricht in den Lehrplänen. Mittlerweile machen 500 Schulen freiwillig mit. Ein Besuch bei einer Privatschule in Madrid, die zu den Vorreitern zählt.Sandra Louven 18.03.2017 - 12:15 Uhr Artikel anhören

Hier ist der Finanzunterricht Pflicht.

Foto: Colegio Ramón y Cajal

Madrid. Welche Nachrichten ein Land bewegen, zeigt sich oft an den Fragen der Kinder. Susana Lozano, Lehrerin an der Madrider Privatschule Ramón y Cajal, erklärt ihrer Klasse, dass ein Personalausweis nötig ist, um ein Bankkonto zu eröffnen. „Denn“, sagt Lonzano, „die Bank leitet alle Kontoinformationen automatisch an das Finanzamt weiter.“ Da schnellt eine Hand in die Höhe: „Heißt das dann, dass diejenigen, die keine Steuern zahlen, ihren Personalausweis nicht gezeigt haben?“, fragt ein 13-Jähriger. Von den Korruptionsskandalen und Steuertricks spanischer Politiker und Unternehmer hat dieser Junge offenbar schon gehört.

Er kann sich glücklich schätzen, dass er mit Lonzano eine Lehrerin hat, die er so etwas fragen kann. Eine Stunde pro Woche vermittelt die 44-Jährige in der neunten und zehnten Klasse das Wichtigste rund ums Geld. Diese Stunden sind Teil einer Initiative der spanischen Börsenaufsicht CNMV und der spanischen Zentralbank. „Unser Ziel ist, das Finanzwissen aller Spanier zu verbessern“, sagt Gloria Caballero von CNMV. Um möglichst viele Menschen zu erreichen, arbeitet sie mit Banken und Versicherern zusammen – und mit dem spanischen Bildungsministerium.

Das hat dazu geführt, dass es seit 2011 Finanzunterricht an einigen spanischen Schulen gibt. Die Initiative bietet kostenloses Unterrichtsmaterial sowie Vorschläge für einen Stundenplan mit Finanzthemen. Für die Schulen ist die Teilnahme freiwillig, 500 von ihnen haben das Thema bislang in den Stundenplan aufgenommen. Das sind allerdings nur fünf Prozent aller spanischen Schulen.

Seit der Bildungsreform 2014 müssen aber alle Grundschulen einige Stunden Basiswissen über den Umgang mit Geld und Sparen in den sozialwissenschaftlichen Unterricht einbauen. Vorangegangen waren die Ergebnisse des internationalen Schülertests Pisa: Laut dem lagen die spanischen Schüler mit ihrem Finanzwissen unter dem Durchschnitt der in der OECD vertretenen Industriestaaten. Ein paar Jahre zuvor hatten sich zudem zahlreiche Spanier mit billigen Hypothekenkrediten und teuren Eigenheimen überschuldet. Als die Immobilienblase platzte, verloren ihre Wohnungen drastisch an Wert, und in der folgenden Rezession konnten viele ihre Kredite nicht mehr bezahlen. 

In den weiterführenden Klassen ist Finanzunterricht hingegen auch heute nur für diejenigen Pflicht, die sich auf ein Abitur im Bereich Sozialwissenschaften vorbereiten. In Spanien wählen Schüler in der Oberstufe eine Spezialisierung. Sozialwissenschaftler haben dann sechs Stunden Wirtschaftsunterricht je Woche, in den auch Finanzthemen integriert werden. Im ersten Jahr wird Mikro- und im zweiten Jahr Makroökonomie unterrichtet.

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Für Esther Jiménez, Dekanin an der Fakultät für Erziehungswissenschaften der Internationalen Universität Katalonien, ist das zu wenig. „Wir brauchen ein eigenes Fach Finanzwissen für alle Schüler und eine entsprechende Ausbildung der Lehrer“, sagt sie. Auch katalanische Unternehmer forderten das ein. „Sie sind besorgt, weil Unternehmen und Banken nach der Krise und den Skandalen einen schlechten Ruf haben“, sagt Jiménez. „Die Schüler sollten deshalb schon früh an die Themen herangeführt werden und auch Geschäftsethik lernen“, fordert sie.

Die Nichtregierungsorganisation Transparency International fordert ebenfalls, dass der Kampf gegen Korruption bereits in den Schulen beginnt. Wenn dort etwa klargemacht werde, welche Leistungen man annehmen darf und welche nicht, könne sich später niemand mehr damit herausreden, dass er es nicht besser gewusst habe.

Doch noch ist Spanien nicht so weit. Selbst in den Schulen, die freiwillig den Zwölf- bis 15-Jährigen Finanzthemen vermitteln, ist der Inhalt sehr unterschiedlich. Manche Schulen integrieren die Themen in den Mathe-, andere in den Sozialunterricht, wieder andere etablieren eigene Finanzstunden.

Zu Letzteren gehört die Schule von Susana Lozano. Sie war früher Steuerberaterin und hat sich dann zur Lehrerin weitergebildet. An ihrer Privatschule ist der Finanzunterricht Pflicht, es gibt dafür auch Noten, allerdings zählen sie nicht für eine Versetzung. „Ich finde es wichtig, dass auch die Kleinen schon ein Grundwissen rund um Finanzen haben“, sagt Lozano. „Kinder werden heute viel früher selbstständig, deshalb müssen sie auch schon früh den Umgang mit Geld lernen.“

In der neunten Klasse fängt sie mit einfachen Erklärungen an: Was ist und was kann eine Kreditkarte? Warum soll man nie etwas unterschreiben, das man nicht versteht? Und wozu braucht man einen Haushaltsplan? Im zweiten Jahr üben die Schüler in Gruppen das Unternehmertum. Einige müssen sich um die Finanzierung kümmern, andere um die richtige Positionierung im Markt oder um möglichst niedrige Produktionskosten. Grund für diese frühen Rollenspiele ist der hohe Anteil der Unternehmer an der spanischen Bevölkerung: Rund 17 Prozent aller Spanier sind selbstständig.

In Lozanos Schule kommen zudem regelmäßig Unternehmer, um von ihrer Arbeit zu berichten. Der Chef des Getränkeherstellers Coca-Cola Spanien war schon da und ein Manager des Internetriesen Google. „Dabei wird immer die gleiche Frage gestellt: ‚Wie viel verdienen sie?‘“, sagt Lozano und schmunzelt. Den Wert des Geldes haben ihre Schüler offenbar verstanden.

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Die Besuche organisiert Lozano mit Hilfe von Stiftungen und Wirtschaftshochschulen, die Experten anbieten. Aber auch Banker und Versicherungsexperten von den Instituten, die sich der Initiative von Börsenaufsicht und Zentralbank angeschlossen haben, gehen in die Schulen. Ein Verhaltenskodex soll sicherstellen, dass bei solchen Vorträgen keine versteckte Werbung gemacht wird. „Das Informationsmaterial der Redner darf kein Firmenlogo enthalten“, erklärt Caballero von der Börsenaufsicht. „Sie sollen noch nicht einmal sagen, für welches Unternehmen sie arbeiten.“

Lozanos Schule liegt in einem der schickeren Viertel von Madrid und ist in jeder Hinsicht ein Vorreiter. Im vergangenen Jahr hat ein Schüler-Video über die Bedeutung von Geld den Preis von Börsenaufsicht und Zentralbank für das beste Finanzprojekt gewonnen. Die erste verpflichtende Fremdsprache ist Englisch, die zweite Chinesisch.

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Tafeln gibt es hier nicht mehr, auch keine Schulhefte oder Bücher. Stattdessen spielt Lozano ihre Power-Point-Präsentation auf die großen Flachbildschirme im Klassenzimmer, die Schüler laden sie sich zeitgleich auf ihre iPads.

„Wie hoch sind die Guthabenzinsen derzeit in Spanien?“, fragt Lehrerin Lozano. „Ihr habt alle Zugang zum Internet – guckt das nach!“ Knapp 30 Fingerpaare wischen über die iPads. So digital lernt die nächste Generation – zumindest die Wohlhabenden unter ihnen. Denn die Regel ist solch eine technische Ausstattung auch an den spanischen Schulen nicht.

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