Bilder aus Wolfsburg und Silistra: So sieht ein Europa der zwei Geschwindigkeiten wirklich aus
Autostadt in Wolfsburg: hier liefert der Volkswagen-Konzern seine glitzernden Neuwagen aus. Wohngebiet in Silistra: dort blicken die Bewohner auf rostigen Schrott.
Geschwindigkeit ist ein grundlegender Begriff der klassischen Mechanik. Er beschreibt, wie schnell ein Körper oder ein Phänomen, also eine wahrnehmbare Einheit des Erlebens, im Laufe der Zeit seinen Ort verändert. Geschwindigkeit kann rauschhaft sein, weil ungeheuer schnell, oder kaum wahrnehmbar, wenn sie so langsam ist, dass das bloße Auge sie als Bewegung gar nicht mehr erkennt. Nur: Statisch ist Geschwindigkeit nie. Denn dann wäre es Stillstand.
Geschwindigkeit und Stillstand – diesen vermeintlichen Widerspruch will ein Projekt des italienischen Fotografen Alessandro Gandolfi auflösen.
In seinem Bildepos „What really separates the richest and the poorest towns in the EU?“ geht es ihm darum, das vielzitierte Europa der zwei Geschwindigkeiten zu zeigen.
Dafür hat er einerseits Wolfsburg besucht, die Stadt mit dem durchschnittlich höchsten Pro-Kopf-Einkommen (4. 600 Euro pro Monat) innerhalb der EU. Andererseits war er in Silistra, einer Stadt im Norden Bulgariens, wo die Einwohner im Schnitt nur etwa ein Zehntel dessen verdienen und die deshalb als eine der ärmsten Städte der EU gilt. Anders oder in Gandolfis Bildern ausgedrückt: In Wolfsburg lässt sich das Entwicklungstempo allerorten in einem fast schon glamourösen Stadtbild besichtigen. Die Motive aus Silistra wirken hingegen melancholisch, depressiv, statisch, eben wie Stillstand.
Dabei hat auch Bulgarien eine rasante Transformationsphase hinter sich. Es ist kaum 27 Jahre her, dass das kommunistische System von einer parlamentarischen Demokratie abgelöst wurde. Nach dem Wegfall des gewaltigen Marktes der Sowjetunion geriet die Wirtschaft in eine schwere Krise. 2007 wurde das Land in die Europäische Union aufgenommen, und das gegen lautstarke kritische Stimmen in vielen etablierten EU-Nationen, die riefen: Bulgarien ist dafür noch nicht reif! Tatsächlich kämpft das Land bis heute mit den Auswüchsen einer weitverbreiteten Korruption, die Prosperität und Wachstum hemmt, weil sich mögliche internationale Investoren verschreckt zeigen. Immerhin hat sich der Tourismus schwungvoll entwickelt. Fast sieben Millionen Gäste aus dem Ausland, vorwiegend Griechen, Rumänen und Deutsche, kommen jedes Jahr ins Land, meistens ans Schwarze Meer.
Von der Küste liegt Silistra 150 Kilometer entfernt. Bis zur Hauptstadt Sofia sind es mehr als 400 Kilometer. Es gibt keinen Flughafen in Silistra, nicht einmal eine Autobahn. Die Stadt markiert den letzten bulgarischen Ort an der Donau, die dann weiterfließt Richtung Rumänien.
Silistra also, 40.000 Einwohner, ist stolz auf sein archäologisches Museum und den Donaugarten, in dem Reste einer antiken Festungsmauer zu sehen sind. Abseits dieser herausgeputzten Sehenswürdigkeiten hat Alessandro Gandolfi das ungeschminkte Silistra entdeckt und in seinen Bildern festgehalten. Da ist das verrostete Flugzeugwrack inmitten einer Wohnsiedlung, eine Schafherde auf einer der Hauptstraßen und der Blick auf die kargen Auslagen in einem Supermarkt.
1.500 Kilometer entfernt, in Wolfsburg, dem Konzernsitz des weltgrößten Autobauers Volkswagen, hat der italienische Künstler die entsprechenden Kontraste fotografiert: die glitzernde Autostadt, moderne Busse und opulent gefüllte Gemüsetheken.
Europa ganz oben und ganz unten. Die Bilder künden von den verschiedenen (Entwicklungs-)Geschwindigkeiten, die womöglich dazu führen, dass sich ein Teil der EU-Bürger mittlerweile abgehängt fühlt – und in der Folge empfänglich sein könnte für einen Rechtspopulismus, der Protektionismus und Nationalismus schürt. In diesem Sinne zeigen Gandolfis Bilder: Die für Europas Mechanik bedeutsamen Kräfte wirken in vielen Regionen noch längst nicht synchron.